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Dem Wandersmann gehört die Welt
Beitrag, unsigniert, in „Das Farnkraut“ Nr. 1/1966

Zum 100. Todestag des Coburger Dichters und Orientalisten Friedrich Rückert

Coburg steht augenblicklich im Zeichen der Erinnerung an Friedrich Rückert. An jenen in seinem Vermächtnis unsterblichen Dichter und wohl besten poetischen Orientalisten Deutschlands, der unter Preisgabe seines Lehramtes an der Berliner Universität, bei Verzicht also auf seine akademische Tätigkeit als Philologe, seit 1848 seine beiden letzten Lebens Jahrzehnte bis zum stillen Heimgang am 31. Januar 1866 auf seinem Gut im Coburger Vorort Neuses verbrachte. Zu vollendender wissenschaftlicher Betätigung und zur Krönung seines Dichterschaffens zog sich der 60jährige in seine Studierstube inmitten des ihm vertrauten dörflichen Lebens und in seine Poeten-Klause am Goldberg zurück, um in der friedlichen Stille der ländlichen Natur sein Lebenswerk abzuschließen. „Hier auch konnte er sich" — um mit dem Coburg eng verbundenen Rückert-Forscher Dr. Julius Kühn zu sprechen — „zu jenem bedürfnislosen Weisen entwickeln, der ihm schon frühe als Ziel vorschwebte:
 


Vor jedem steht ein Bild des, was er werden
soll. Solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll."

 


Das Gedenken an den Dichter, den sein schwedischer Freund und Wandergenosse auf der Heimkehr aus Italien, Peter Atterborn, als einen „Mann von Herz und Ehre" pries, weckt in uns zunächst die Erinnerung etwa an sein von der Schulzeit her uns unvergessenes Schwalbenlied „Aus der Jugendzeit", an sein Liebeslied „Du bist die Ruh", an die Geschichten vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt, oder vom Büblein, das überall hat mitgenommen sein wollen (aus den „Fünf Märlein zum Einschläfern für mein Schwesterlein"), an die Dichtung vom „Alten Barbarossa, dem Kaiser Friedrich" und an vieles mehr. Wer tiefer in Rückerts zunächst von Klopstock vor allem beeinflusste, später der Romantik huldigende Lyrik oder auch in seine wissenschaftlichen Erkenntnisse geblickt, der weiß um seine aus der vaterländischen Begeisterung der Befreiungskriege geborenen „Deutschen Gedichte", deren Hauptinhalt die 45 „Geharnischten Sonette" bilden, um seine sonstigen „Zeitgedichte", um seine Liebesfrühlings-Lyrik, seine Kindertotenlieder, sein poetisches Tagebuch und gewiss auch um seine in der „Weisheit des Brahmanen" gipfelnde philosophische Gedankenarbeit. Den heimatbewussten Coburger spricht der „Wandersmann, dem die Welt gehört", ganz besonders an in seiner Liebe zu Deutschlands „Grünem Herzen“, die er nicht erst während seiner Jenaer Studentenzeit entdeckte. War er doch Thüringen von Hause aus zutiefst verbunden als Sohn des aus Hildburghausen stammenden Justizamtmannes Adam Rückert. Die herkunftsbedingte Heimatliebe, der Rückert während seiner frühen Coburger Jahre (1820 bis 1826) so recht erst bewusst geworden sein mag, ist wohl bestimmend gewesen für seinen Entschluss, sich das ihm bisher nur sommerlang vertraute Gutshaus seines Schwiegervaters Archivrat Joh. Albrecht Fischer im fränkisch-thüringischen Coburger Raum zur Heimstatt seines Alterslebens zu erwählen. Wir finden diese Überlegung bekräftigt in der unvergessenen, tiefschöpfenden Gedenkansprache des Coburger Rückertexperten Dr. Friedrich Schilling zum 175. Geburtstag des Dichters am 26. Mai 1963. In ihr wird Rückert als „stiller Schirmherr des Coburg-Eisfelder Heimatwerkes" angesprochen, „des unser Franken mit Thüringen und Sachsen verbindenden heimatlichen Nachbarschaftswerkes". Als dessen berufener Sprecher stellt Dr. Schilling in diesem Zusammenhang fest: „Wie unmittelbar der Dichter im geheimsten Bereich unserer Gegenwart angehört, das hat unser Frankenfahrer und Wanderfreund Emil Neidiger durch Verse Rückerts bewusst gemacht, die er... in feinsinniger Wahl zu einem herrlichen Lichtbild des Coburger Landes als der Brücke zwischen Thüringen und Franken gestellt hat. Diese Verse — zu dem Blick auf das nahe Thüringen gestellt — lauten:

Ihr meine Nachbarn einst, nicht meine
Nachbarn mehr,
Aus eurer Nachbarschaft weht noch ein Duft
mir her.
Ein Duft der Herzlichkeit, ein Duft der
Lebenstreue,
Das Alte wird nie alt, es wird nur alt das Neue.
Wie sollt' ich Bündnisse im Alter neue
schließen,
Da ich die Jugend sah in eurem Bund
verfließen.
Zerflossen ist der Tau in scharfer Morgenluft,
Und nur aus euerm Gau weht der Erinn'rung Duft.

 

Ein weiteres Mal lässt Dr. Schilling die Gegenwartsnähe des Dichters anklingen mit den Worten: „Wie ahnungsschwer und ernst spricht er uns als Dreißigjähriger in seinen „Deutschen Gedichten“ an, als sähe er die Geschicke des vor ihm dröhnend heraufziehenden 19. Jahrhunderts voraus" — und des gegenwärtigen, sei hier zu ergänzen, gestattet.

Es sind der Gründe also gewichtige genug, sich Friedrich Rückerts zu erinnern. Umso mehr, wenn wir uns von ihm als dem heimischen — weil fränkischen — Dichter ansprechen lassen, „damit er uns" — um noch einmal Dr. Julius Kühn zu zitieren — „in seinem schlichten, deutschen Wesen als Mensch, als Persönlichkeit wieder lieb und vertraut wird; damit wir erkennen: er war unser — damit wir fühlen: er ist es noch. Im Heimischen wurzelte sein Wesen, aus der Heimaterde strebte der Wipfel in die wiegenden Winde der Welt".

Leider muß uns auch das ein gewichtiger Grund zur Besinnung auf den „Mystiker des Lichts", auf den vorbildlich genügsamen Menschen „von pflanzenhafter Lebensweise" sein: Dass Schweinfurt, wo Rückert am 26. Mai 1788 das Licht der Welt erblickte, als „Rückert-Stadt" Coburg den Rang abgelaufen hat, weil es den Nachlass des Dichters und Orientalisten aus der Hand seines Urenkels Dr. Rüdiger Rückert erwarb, nachdem an dessen Forderungen entsprechende Verhandlungen mit Coburg gescheitert waren. In Schweinfurt also werden nunmehr die Arbeiten zu einem Gesamtkatalog des Rückert-Nachlasses und damit zur Verlebendigung seines Vermächtnisses vorangetrieben, die Coburg als die eigentliche Heimstatt seines schöpferischen Wirkens zu seinem Anliegen hätte machen sollen.
Erst recht fühlt sich der heimatbewusste Coburger dem Unsterblichen im Lebenswerk des „ins Grenzenlose strebenden Geistes" verbunden und verpflichtet, der sich hierzulande zwar „in die ihm und seiner Wirksamkeit gesetzten Schranken" zurückzog, dem aber doch die Welt und der ihr gehörte, nachdem er sich von allem Irdischen und Zufälligen freigemacht hatte und alle „Natur zum Sinnbild, zum Gleichnis des Unvergänglichen" erhoben. Als solchem verdanken wir ihm die Lebensweisheit:
 


Die Freiheit macht dich frei, o Mensch,
von der Natur, doch von der ewigen nicht —
von deiner eigenen nur.

 

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