alexandrinenturmk

Bild oben: Die Aufnahme entstammt dem Archiv Thüringerwald-Verein

(nach Org.-Negativ) und zeigt den Zustand vermutlich kurz vor der Sprengung am 22. März 1936.

Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1996

neu bearbeitet

105 Jahre Alexandrinenturm

75 Jahre Alexandrinenhütte

Der Alexandrinenturm -„Bubenhände" oder Baumängel?

Ohne den Bau und vorzeitigen Verfall des “Alexandrinenturms” hätte es wohl nie die Alexandrinenhütte gegeben. Zur Geschichte unserer Alexandrinenhütte gehört daher untrennbar die des Alexandrinenturms.

Wie allgemein bekannt, war dem 1906 errichteten Alexandrinenturm, gleichsam dem Vorläufer unserer Hütte, kein langes Leben beschieden. Nur 30 Jahre, von 1906 - 1936, krönte er die Sennigshöhe, den höchsten Punkt im Coburger Land. In diesem Zusammenhang führte der unvergessene Carl Escher gelegentlich des 30jährigen Jubiläums folgendes aus: „Leider konnte dieser herrliche Turm den auf dieser Höhe so stark ausgesetzten Witterungsverhältnissen nicht lange standhalten, zumal der unglückselige Ausgang des ersten Weltkrieges die nötig gewesene Pflege des Turmes überhaupt nicht mehr zuließ."

Bei allem Respekt vor dem großen Carl Escher, so ganz überzeugend ist diese Erklärung nicht.

Nun war der Bau des Alexandrinenturms ein Auslöser für die Gründung des Thüringerwald-Vereins Coburg. Der Hauptverein in Eisenach hatte seinen Zuschuss von 500 Mark an die Erwartung geknüpft, dass auch in Coburg ein Zweig des Thüringerwald-Vereins wachsen würde. Über den Alexandrinenturm bestehen am Staatsarchiv relativ umfangreiche Akten. Sie stammen vom einstigen herzoglichen Landratsamt und späteren Bayer. Bezirksamt Coburg. Schon damals war ein ordentliches Baugenehmigungsverfahren erforderlich; daher wurden beim Bauamt Akten über den Alexandrinenturm angelegt. Aber auch der Verfall des Turms ist aktenkundig geworden, denn offenbar wurde dies seitens der Baubehörden als Angelegenheit von öffentlichem Interesse betrachtet. Schließlich diente das Bauwerk als Aussichtsturm dem Gemeingebrauch, der Verfall war somit auch eine Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung. Amtliche Schreiben und Aktenvermerke sind größtenteils handschriftlich gefertigt, sodass ich insoweit den Vorbehalt anbringen muss, dass ich die Vorgänge so gelesen und ausgewertet habe. Die Vorgänge beginnen am 20. 4.1905 mit dem Antrag auf Baugenehmigung, ergänzt um einen Bauplan und die statische Berechnung. Eingereicht wurden diese Unterlagen durch M. Appel, Vorsitzender des   „Commitees   zur   Errichtung   des Alexandrinenturms". Den Bauplan hatte der amtierende Stadtbaumeister gefertigt.

Bereits am 31. 5. 1905 erfolgte die Genehmigung durch das Herzogliche Staatsministerium, vorbehaltlich durch die baupolizeiliche Genehmigung. Diese verlief anscheinend nicht mehr ganz so glatt. Schon die erste Durchsicht scheint Ungereimtheiten zutage gebracht haben, denn es findet sich folgender Vermerk. „Die Bauzeichnungen sind vorderhand p. Appel noch   einmal   zurückzugeben,   da die Trägerprofile und Anzahl der Träger nicht in beiden Exemplaren miteinander übereinstimmen aber auch in der schwarz-weißen Lichtpause einige Maße gar nicht erkenntlich sind." (6. 6. 1905). Die Unterlagen wurden daher ergänzt und neu eingereicht. Die    Bautechnische   Prüfung schließt mit einem umfangreichen Katalog von Auf lagen. So wurde dem Bauherrn eingeschärft,

1. die Tiefe des Fundaments nach der Beschaffenheit des Baugrunds zu richten..." und „... in dieser Hinsicht mit der größten Gewissenhaftigkeit vorzugehen",

2. Für das Material nur tadelloses Material (wetterbeständige, lagerhafte (?) Steine) zu verwenden.

Es folgt eine ganze Reihe weiterer Vorschriften und Auflagen, unter anderem sollten in das Mauerwerk horizontale und vertikale Anker eingelegt werden und Träger in den vorgeschriebenen Profilen, für „tüchtige Verankerung" und Auflager ist Sorge zu tragen. Das Dokument schließt mit der Ermahnung:

10. Die allgemeinen Bedingungen sindstrikte einzuhalten."

Dies wirft doch einige Fragen auf. Hatte der Bausachverständige in der Behörde etwa Grund, dem Bauherrn zu misstrauen? Es standen doch honorige Leute hinter dem Vorhaben, das sich zudem offensichtlich, wie man damals wohl zu sagen pflegte, der Gunst höchster Kreise erfreute. Auch herrschte damals keineswegs etwa Materialknappheit. Für den Bauplan zeichnete, wie bereits erwähnt, niemand anderes als der Stadtbaumeister verantwortlich, ein Fachkollege also. Ohne Zweifel kannten sich Planfertiger und Prüfer gut. Wir sollten meinen, unter Fachkollegen gäbe es andere Möglichkeiten, Anregungen und Bedenken mitzuteilen. Möglicherweise wollte sich der verantwortliche Amtsträger durch die schriftlich fixierten Auflagen im Baubescheid für künftiges Ungemach absichern.

Wie dem auch sei, schon am 10. 6., also trotz allem noch sehr zügig, wurde die baupolizeiliche Genehmigung durch das Landratsamt schließlich doch noch erteilt. Der Bau konnte beginnen, auch bei der Schlussabnahme am 2. 5.1906 scheint es keine Probleme gegeben zu haben; der Alexandrinenturm wurde zu seiner bestimmungsgemäßen Nutzung freigegeben.

Am 27. 5. 1906 - vor 90 Jahren also fand die Einweihungsfeier für den Alexandrinenturm statt.

Das nächste Dokument handelt bereits von dem beginnenden Verfall. Die Behörden beginnen sich mit den Folgen „mutwilliger Zerstörung" zu befassen. Am 26. 1920 beauftragt das Bezirksamt Coburg den Gemeindevorstand Mirsdorf sowie Landjägerstelle Meeder, sofort die gebotenen Absperrmaßnahmen zu veranlassen, zumindest aber eine Verbots- und Warntafel anzubringen. Vollzugsmeldung wurde erteilt. So stellen wir uns das Walten der Ämter immer vor.

Schon zu einem frühen Zeitpunkt machen sich die Behörden aber auch Gedanken über eine Sanierung des Bauwerks. Am 17. 9. 1920 empfiehlt Baurat Reichenbach; nach einer Ortsbesichtigung folgende Maßnahmen: 

Zunächst den Eingangstürbogen (Sandsteingewölbe) wieder zu ersetzen. Außerdem sollte das westliche Fenster am Treppenaufgang im (?)Geschoss vermauert werden. Schließlich „den 4 starken Eisenträgern, die auf den Fensterbogen ruhen und das ganze aufgehende Mauerwerk des Turmes zu tragen haben, ein besseres Auflager zu schaffen. Hierbei sind Eisenanker, welche das Außenmauerwerk (Bruchstein) mit dem Innenmauerwerk (Backstein...?) zusammenhält, anzuordnen, zumal das Bruchsteinmauerwerk bereits schon nach außen ausgebauscht (?) ist und Risse zeigt." Wir erinnern uns, dass auf Anker im Mauerwerk und die „tüchtige Verankerung" und Auflager der Träger bereits in der Baugenehmigung hingewiesen worden ist. Offenbar wurde aber aus der mit 6.000 Mark veranschlagten Sanierung bzw. Nachbesserung nichts, denn der Verfall ging weiter.

Am 28. 7. 1921 berichtet die Gendarmeriestation Meeder: „Der Alexandrinenturm auf der Sennigshöhe wurde von ruchlosen Händen stark beschädigt..." und am 17. 8. 1922 nennt das Bezirksamt „Bubenhände" als Urheber für schwere Beschädigungen. Niemand anderes als Emil Rädlein, Gründer des Zweigvereins Coburg des Thüringerwald-Vereins, spricht in einem Wanderbericht, veröffentlicht am 8. 9.1921 im „Coburger Tageblatt" von „Vandalismus und Zerstörung".

Für schuldhaftes Handeln gibt es tatsächlich Belege. Nach einem Aktenvermerk v. 26. 3. 1921 gab es Hinweise, dass die Gebrüder E. vom Amtsgericht Rodach wegen der Sachbeschädigung verurteilt worden seien. Möglicherweise können dieselben zur Instandsetzung herangezogen werden. Die Strafakten wurden eingesehen. Tatsächlich war ein E. vom Schöffengericht am Amtsgericht Rodach zu einer Woche Gefängnis wegen Sachbeschädigung, begangen am Alexandrinenturm, verurteilt worden. Strafrechtlich nachgewiesen war aber nur das

 „Ausbrechen von 3 Balustraden...(...Stangen?....steinen?) und eines Pfeilers (?)".

Ob eine Schadensersatzklage Erfolg hat, sei mehr als fraglich, zumal der Verurteile selbst kein Vermögen hat (18. 4. 1921). Möglicherweise wurden die Beschädigungen an der Balkonbrüstung im 1. Obergeschoss begangen. Es kam übrigens auch zu Ermittlungen gegen einen anderen Verdächtigen wegen des Diebstahls der Eingangstüre. Es folgen nun zahlreiche weitere Vermerke und Schreiben über den Zustand des Turms und mögliche Maßnahmen zur Verbesserung, offenbar ohne greifbares Ergebnis. Denkschriften wurden verfasst, Zuschüsse   und   Spenden   in Aussicht gestellt. Nach wie vor war Eigentümer des Bauwerks der Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs.

Am 23. 10. 1925 erklärt der Verein die Aufgabe des Eigentums nach § 928 BGB. Dieser Schritt entspricht bei Grundeigentum dem „Wegwerfen" beweglicher Sachen und kommt wohl nicht allzu häufig vor. Das Eigentum am Bauwerk ist mit dem Eigentum am Grund und Boden verbunden und geht mit diesem verloren.

27.1.1928

Instandsetzungsarbeiten M 4.000 (?) Es befinden sich bei den Akten mehrere Nachweise über Sachspenden, u.a. Gustav Eichhorn, Unterlauter, Baugeschäft Brockardt. Es ist nicht ganz klar, ob die Arbeiten tatsächlich ausgeführt wurden oder ob es sich lediglich um Planungen bzw. Erklärungen der Absicht bzw. Bereitschafthandelt.

30.4.1929

Bezirksamt Coburg: Erstmals ist von einer Anordnung des Abbruchs die Rede, aber auch: ein Teil des Bauwerks soll erhalten bleiben als Wetterschutzhütte für den Wandersport; es findet sich der Hinweis, dass der Thüringerwaldverein durch eine Sammlung M 1200 aufgebracht habe, wasindes als unzureichend angesehen wurde. Es finden sich unterschiedliche Entwürfe über möglicherweise zu errichtende Schutz- und Unterstandshäuser, teils auch mit einem kleineren und vereinfachten Turm, bei den Akten.

Am 11. 5. 1931

Erstellt der Hochbaureferent der Regierung von Oberfranken aufgrund einer Ortsbesichtigung ein Gutachten, ebenfalls handschriftlich mit maschinenschriftlichem Resümee. Von Versuchen einer Instandsetzung wird abgeraten. Ursächlich für den Zustand seien Mängel beim verwendetem Material (kein einwandfreier Mörtel), der Bauausführung (mangelhafter Verband zwischen Außenmauerwerk und Hintermauerung, möglicherweise ungenügende Fundierung) und der Konstruktion (Risse im Mauerwerk und Abscheren der Vorbauten infolge fehlerhafter Druckübertragung beim Abfangen der südl. Turmumfassung).

Aufgrund nochmaliger Einsicht in die Akten beim Staatsarchiv Coburg (LRA 10793) im Februar 2011 wird noch ergänzt:

Kritsch äußert sich das Gutachten auch zu der Architektur. Diese wird als “wenig glücklich” bezeichnet, weil sie “Wind und Wetter zahlreiche Angriffspunkte” biete. (Anm,: in der Tat hätte sicher dieses Bauwerk meines Erachtens besser im städtischen Bereich eingefügt, etwa am Ernstplatz oder Albertsplatz oder sonst im ehemaligen Befestigungsgürtel).

Der Aufbau sei ungünstig, weil “unterschiedlichste Materialien” eingesetzt worden sind.

Abgelehnt wird ferner ein Wiederaufbau in der gleichen Form, aber ausdrücklich wird die Möglichkeit offen gelassen, einen neuen Turm mit anderer Form zu errichten und das Abbruchmaterial hierbei zu verwenden. Auf die Option einer Schutzhütte wird nicht eingegangen.

Die o.a. Archivmaterialien betreffen den Alexandrinenturm und erst in zweiter Linie die Hütte, dennoch sind hier schon Überlegungen und auch Entwürfe vorhanden. Die Ablichtungen stehen mir in Kürze zur Verfügung.

 

Kopie eines Protokolls  über die Bezirkstagssitzung am 4.2.1936:

Aus dem Abbuchmaterial des Alexandrinenturms soll eine dem Gedenken der Herzogin Alexandrine geweihte Schutzhütte errichtet werden. Der Bezirkstag beschließt hierzu einen Bauzuschuß von RM 1000 zu geben, der unter “0335” im Haushaltsplan 1936 vorgesehen ist.

gez. Dehler gez. Oursin.

Anmerkung: In Süddeutschland waren die Bezeichnungen für die kommunalen Gliederungen anders als heute: “Bezirk” entspricht dem heutigen “Kreis” und umgekehrt. In Coburg war allerdings schon vor 1918 die Bezeichnung “Landratsamt” üblich gewesen - im Gegensatz zum Königreich Bayern, wo die entsprechende Institution “Bezirksamt” hieß. Wie wir auch von Ludwig Thoma wissen, hiess der Amtsvorstand dort auch nicht Landrat  ,sondern Bezirksamtmann. Kurioserweise wurde in Coburg nach dem anschluss an Bayern die Bezeichnung “Bezirksamt” mit dem Landrat an der Spitze eingeführt - bis es 1939 wieder “Landratsamt” hiess, was bei der allgemeinen Gleichschaltung nicht mehr viel zu sagen hatte. Nach 1945 blieb es unter demokratischen Regeln beim “Landratsamt”. .

Am 23. 3. 1936

berichteten die beiden Coburger Tageszeitungen in großer Aufmachung über die Sprengung des durch die Technische Nothilfe Coburg. Sie meldeten aber auch das Vorhaben des Bezirksamts, anstelle des niedergelegten Turms eine Schutzhütte zu errichten. Ein Vorhaben, bekanntlich noch im gleichen Jahr verwirklicht wurde. Mit eingemauert in die Hütte und auf diese Weise erhalten wurden ein rundes Porträtrelief sowie Teile eine Inschrift, die an die Herzogin erinnert hatte.

Der Text lautete ursprünglich: „Die Liebe höret nimmer auf" (1. Kor. 13,8)  - „Unserer unvergesslichen Herzogin Alexandrine 1905"

Zusammenfassende Wertung

Es spricht wohl einiges dafür, dass tatsächlich bauliche Mängel die Hauptursache für den frühzeitigen Verfall waren. Eine fachgerechte und ordentlich ausgeführte Kalksteinmauer ist ein ganz außerordentlich widerstandsfähiges Bauwerk. Gerade  Schutzhäuser- auch in den Hochalpen - sind in dieser Bauweise ausgeführt worden, die sich Jahrzehnte lang bewährt hat. Wer ein solches Mauerwerk ernsthaft beschädigen will, muss wohl schweres Gerät einsetzen. Es fällt weiter auf, dass ein klaffender Riss entlang einer Kante auf der ganzen Höhe durchreicht. Mutwillige Zerstörungen werden aber meist spontan ausgeführt, oft unter Alkoholeinfluss auf der Rückkehr von alkoholischen Exzessen. Dies ist hier weniger wahrscheinlich. Anders ist es, wenn im Mauerwerk bereits Risse klaffen, dies stellt für manche Leute schon eine Herausforderung dar, diese Schäden zu erweitern.

Nun gibt es auch andere, etwa politisch motivierte Zerstörungen, wie sie beispielsweise an Wachtürmen u.dgl. nach der „Wende" in der DDR vorgekommen sind. Gewiss, auch die Epoche nach 1918 war eine unruhige Zeit; die „alte Ordnung" war zunächst zusammengebrochen. Je wird das Wort Revolution im Zusammenhang mit Ereignissen des Jahres Coburg bei Walter Schneier (Coburg Spiegel der Geschichte) wohl nicht ohne Grund in Gänsefüßchen gesetzt. Barrikadenkämpfe wie etwa in München hat es im Coburg des Jahres 1919 jedenfalls nicht   gegeben. Es   ist   wohl   auszuschließen, dass sich etwa ein Anschlag ausgerechnet gegen ein Denkmal für die allgemein verehrte Herzogin Alexandrine richtete. Ausschreitungen bzw. gewaltsame Auseinandersetzungen sind in Coburg erstmals für den 3. September 1921 überliefert.

H. D. Bürger

Unten: Ebenfalls Archiv Thüringerwald-Verein. Genaue Zeit unbekannt, vermutlich kurz vor der Sprengung. Die Inschrift “Die Liebe höret nimmer auf...” ( 1.Kor. 13,8) ist noch deutlich zu erkennen.

huttenbau069

Nicht übersehen werden sollte auch, dass Planung und Bau des Alexandrinenturms in die intensivste Schaffensphase des Baumeisters Max Böhme fiel. Bekanntlich wurde das “Ernst-Alexandrinen-Volksbad” 1907 vollendet. War er etwa durch die Mehrzahl der Bauvorhaben überlastet?

Interner link: Ernst- Alexandrinen-Volkbad

WIKIPEDIA (down. 24.03.2011) führen weiterhin aus, dass im Jahre 1907 zahlreiche von ihm geplante Bauwerke vollendet worden sind:

Heizzentrale der Städt Gaswerke, Krematorium und Urnenhalle Glockenberg, Heiligkreuzschule. Etwas früher fielen die Neugestaltung des Itz-Uferbereiches an.

-hdb-24/3/11.