Aus „Das Farnkraut“ Nr. 1/1973

 Unser »Farnkraut« wurde zweimal geboren

 Jubiläums-Rückblick auf den 64. Dt. Wandertag 1963 in Coburg

 Das Erlebnis des 64. Deutschen Wandertages 1963 ist nicht nur in der Tagungsstadt Coburg unvergessen. Diesem Ereignis, mit dem sich vor nunmehr 10 Jahren zugleich der 80. Geburtstag des Verbandes Dt. Gebirgs- und Wandervereine verband, wird Franz Geßlein, seinerzeit Vorsitzender des gastgebenden Thüringerwald-Vereins, demnächst einen Rückblick in Wort und Bild widmen. Er weckt die Erinnerung auch an die Entstehung unserer Zeitschrift, die am 26. April 1963 erstmals den Schritt in die Öffentlichkeit wagte. Damit erfüllte sich ein Wunsch, für dessen Realisierung Führungskräfte des Thüringerwald-Vereins vor genau 20 Jahren schon einmal initiativ geworden waren.

 Der Anstoß: Die »Thüringer Monatsblätter«

 Tatsächlich wurde der Anstoß zu dem Versuch, an Tradition und Auftrag der ehemaligen »Thüringer Monatsblätter« des Gesamt-Thüringerwald-Vereins anzuknüpfen, bereits 1953 gegeben. Die Wanderjugend im Verein war es, die unter Jugendwart Arno Völks Betreuung ein Jahr, nachdem sie gegründet war, diese Anregung aufgriff und den

»Blick hinters Farnkraut«

wagte. Gestützt auf die Erfolgwünsche und die Zusage weitgehender Unterstützung des damaligen Vorsitzenden Carl Escher und im Vertrauen auf die Mitarbeit des Gesamtvereins gestaltete Jungredakteur Manfred Schwab das zunächst improvisierte Mitteilungs- und Berichtsblatt in Schreibmaschinen-Vervielfältigung. Jugendwart Völk sprach im Geleitwort folgende Erwartung an: »Es ist der Wunsch unserer Jugend, mit diesem Mitteilungsblatt den Anfang zu einer neuen Vereinszeitung zu machen, die bald wieder eine ständige Einrichtung in unserem Verein werden möge. Sie setzt die Mithilfe aller voraus, wenn sie zu einem echten Bindeglied nicht nur zwischen unseren Vereinsangehörigen, sondern darüber hinaus zwischen dem Thüringerwald-Verein und dessen Brudervereinen im Gesamtverband werden soll. Die Jugend hat den ersten Schritt getan. Mögen recht viele Mitglieder ihrem Beispiel folgen.«

 Diese Erwartung hat sich zwar als verfrüht erwiesen; ihre nachwirkende Bedeutung verlor sie nie; denn Arno Völk, Carl Escher und sein Nachfolger im Vorstandsamt, Franz Geßlein, haben den Gedanken an eine neue Vereinszeitschrift nicht mehr aufgegeben. Nur war er eben noch nicht realisierbar, solange der Thüringerwald-Verein mit nur halb so vielen Mitgliedern wie heute dem Nachkriegs-Wiederaufbau mit enormem Nachholbedarf Vorrang geben mußte. Das bedeutete Verzicht auf den »Blick hinters Farnkraut«, als Manfred Schwab seiner Wehrpflicht genügen und berufliche Fortbildungskonzeptionen treffen mußte, ohne dem Verein einen geeigneten Nachfolger anbieten zu können. Immerhin hat es sich als sein Verdienst erwiesen, dem Verein einen heimatpflegerisch interessierten Pressemann gewonnen und diesen mit dem Anliegen einer neuen Zeitschrift vertraut gemacht zu haben. So blieb der Gedanke im Gespräch, bis sich im Zuge der Vorbereitung des 64. Deutschen Wandertages eine Realisierungschance anbot.

 Das neue »Farnkraut«

 Anfang 1963 erklärte sich die Geschäftsleitung des »Coburger Tageblatt« bereit, eine Vereinszeitschrift des Thüringerwald-Vereins zu ihrem Verlagsobjekt und ein verfügbares Redaktionsmitglied zum verantwortlichen Herausgeber zu machen. Am 26. April 1963 erschien »Das Farnkraut« mit seiner Erstausgabe; ein Ereignis, das nach guter Coburger Tradition bei Bratwurst und Bier gefeiert wurde mit dem damaligen Gesamtvorstand des Vereins. Der Auftrag, dem sich die Redaktion verpflichtet sah, war wie folgt formuliert:

 »Unser Thüringerwald-Verein hat sich selbst die Aufgabe gestellt, die Substanz seines um Heimatpflege und Landesgeschichte anerkannt verdienten Traditionsverbandes über die Zeit willkürlicher Spaltung unserer Heimat hinweg zu erhalten. Diese Mission schließt die Verpflichtung ein, die kulturhistorische Aufgabe der »Thüringer Monatsblätter«, des einstigen Sprachrohrs unserer heimatverbundenen Gemeinschaft, nicht verkümmern zu lassen.....Das Farnkraut" wird einen Auftrag zu erfüllen haben, der weit über Coburgs Grenzen hinaus alle heimattreuen Menschen ansprechen und mit unserer dem Wandern, der Heimatpflege und dem Naturschutz gewidmeten Vereinsarbeit vertraut machen soll.« Der Bitte, »durch aktive Mitarbeit zum Gelingen eines Werkes von heimat- und kulturgeschichtlichem Wert beizutragen«, schlössen sich in Glückwunsch- und Grußworten Verbandspräsident Georg Fahrbach, Ehrenvorsitzender Carl Escher, Vorsitzender Franz Geßlein und Dr. Julius Kober als Fürsteher des befreundeten Rennsteigvereins an, dem »Das Farnkraut« seit 1970 ebenfalls als Vereinszeitschrift dient. Die Erwartungen, die sich an die neue Zeitschrift knüpften, kamen auch in Beiträgen von allerhöchster Warte zum Ausdruck. Bundespräsident Lübke und Altbundespräsident Heuss in seiner Eigenschaft als Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Heimat-, Wander- und Naturschutzbünde nahmen ausführlich Stellung zum erzieherischen Wert des Wanderns sowie zu den Aufgaben der Heimatpflege und des Naturschutzes.

 War der Thüringerwald-Verein, war seine Zeitschrift mit solchen Erwartungen überfordert? Konnte das junge Pflänzlein »Farnkraut« im Schatten des ausgereiften Schrifttums, das die große Verbandsgemeinschaft der deutschen Gebirgs- und Wandervereine anzubieten hatte, gedeihen?

Zweifellos rechtfertigt das nunmehr 10jährige Wirken unserer Zeitschrift das Wagnis des Jahres 1963. Es bestätigt weit mehr: die Bedeutung des ersten Schrittes, den die Wanderjugend vor zwei Jahrzehnten schon gewagt hat; die Bereitschaft von Funktionären und Mitgliedern, sich mit dem Auftrag einer über Vereinsgrenzen hinauswirkenden Zeitschrift zu identifizieren; den unschätzbaren Wert assistierender Hilfen, die Verband und Brudervereine beizusteuern stets bereit waren; das aktivierende Interesse aber auch, das unserem »Farnkraut« von örtlichen und überörtlichen Organen wie von Experten der lebensnotwendigen Arbeitsgebiete Heimat- und Kulturpflege, Natur- und Umweltschutz entgegengebracht wurde. Nicht zu vergessen die für unsere (wie für jede) Zeitschriftenexistenz wichtige Inserenten-Treue, die sich selbstverständlich nur an einer positiven Entwicklung der redaktionellen Arbeit orientieren konnte.

 Allein dem Gemeinschaftsbeitrag zu solcher Entwicklung ist es zuzuschreiben, wenn der Verlagswechsel, der 1971 durch weitgehende Veränderungen im Coburger Tageblatt bedingt war, nicht zu einer ernsten Sorge für Zeitschrift und Herausgeber zu werden brauchte. Sprechsaal-Verlag und Verleger Christoph Müller, zugleich neuer Chefredakteur, haben uns nicht nur vor Stillstands-Gefahren bewahrt und das »Farnkraut« lebenstüchtig erhalten. Sie haben für seine Weiterentwicklung Akzente gesetzt, die sich in nahezu verdoppelter Auflage jetzt schon rechtfertigen. Diesem Zugewinn an Stabilisierung ist vorausgegangen das nunmehr dreijährige Heimatbewußtsein Engagement Georg Gunzelmanns vom Rennsteigverein, durch das unsere Zeitschrift ebenfalls wesentliche Impulse gewonnen hat. Nur im koordinierten Zusammenklang der selbstlos beigesteuerten Mitarbeit weitester Kreise konnte das Ziel, das dem »Farnkraut« in seinem ersten Jahrzehnt gesteckt war, erreicht werden. Das festzuhalten, ist ein Gebot verpflichtender Dankbarkeit; erst recht im Ausblick auf die vor uns liegende Aufgabe, das Allgemeinverständnis für gesundes Wandern, bewusstes Heimaterleben und lebensbewahrenden Umweltschutz zu vertiefen.                                   W.U.