„Das Farnkraut“, Sonderheft Juni 1966
 

30 Jahre Alexandrinenhütte
 

Thüringerwald-Verein pflegt Erinnerung an hochherzige Landesfürstin

Einladend grüßt von der Sennigshöhe auf den Langen Bergen eine Flagge am hohen Mast weithinein ins heimische Land. Sie kündet an allen Sonn- und Feiertagen zwischen Ostern und dem Reformationsfest der naturfreudigen Stadt- und Landbevölkerung gastliche Bereitschaft der Alexandrinenhütte des Thüringerwald-Vereins und seiner uneigennützig dienstbaren Hüttengemeinde. Der am 18. Juli bevorstehende 30. Geburtstag des seit 1952 vereinseigenen Wanderheims, dessen Geschichte und Auftrag in den „FARNKRAUT“-Ausgaben 1/1963 und 1/1964 ausführlich dargelegt ist, weckt in uns viele — nicht zuletzt auch die Landesgeschichte berührende — Erinnerungen.

Die ältere Generation erinnert sich noch an den stattlichen Turmbau, der in der Zeit vom 27. Mai 1906 bis zum 22. März 1936 den schönsten und 523 Meter über Meeresniveau höchsten Aussichtspunkt unserer Coburger Heimat krönte. Er trug den Namen der „innig verehrten und geliebten" Landesfürstin Alexandrine, der Gattin des hochverdienten Herzogs Ernst II. Die einzigartigen Rundblicke zu Frankenwald und Fichtelgebirge, zu den Bergen des Main- und Haßgaues sowie hinüber zum Thüringer Wald machten den Alexandrinenturm sehr bald zum begehrtesten Wanderziel für die heimische Bevölkerung, insbesondere die Jugend. Leider war solch starker Beanspruchung bei der Wahl des Materials zum Turmbau ebensowenig Rechnung getragen worden wie den Witterungsverhältnissen auf der oft sturmumtosten Sennigshöhe. Es kam hinzu, daß die unvorhersehbaren Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse im ersten Drittel dieses Jahrhunderts die notwendige Pflege des Bauwerkes mehr und mehr beeinträchtigten. So mußte der Turm bereits 30 Jahre nach seiner Errichtung wegen zunehmender Baufälligkeit gesprengt werden.
Dankbar erinnern wir uns, daß Carl Escher, der heutige Ehrenvorsitzende des Thüringerwald-Vereins, als damaliger Regierungsinspektor bei der Bezirksbehörde und Vereinsvorsitzender die Initiative zur Verwirklichung des Planes ergriff, auf den Fundamenten und unter Verwendung der Gesteinsreste des gesprengten Alexandrinenturms eine Schutzhütte für Wanderer und Naturfreunde zu erstellen. Am 18. Juli 1936 bereits wurde die Alexandrinenhütte im Beisein des letzten Coburger Herzogspaares und unter starker Beteiligung der Stadt- und Landbevölkerung dieser Bestimmung übergeben. Carl Eschers Verdienst fand seine Anerkennung in dem Auftrag an den Thüringerwald-Verein, die Hütte als nunmehr anziehendstes Wanderziel im Coburger Land zu betreuen und für die Allgemeinheit zu einer wirklichen Oase entspannender Ruhe zu machen. Das ist sie nicht zuletzt auch dank der Bereitschaft der Mirsdorfer Gutsherren und -herrinnen geworden, ihre an den Hüttenbereich angrenzenden Waldungen als Erholungsstätten den Hüttengästen zur Verfügung zu stellen. In vorbildlicher Gemeinschaftshilfe hat der Thüringerwald-Verein das Wanderheim mit einer behaglichen Gästestube, mit einer zweckmäßig eingerichteten Küche samt Vorratskeller und Nebenraum und mit einem Schlafraum für die Hüttendienste sowie mit den erforderlichen sanitären Einrichtungen ausgestattet. Er hat es ferner um einen schattigen Vorplatz mit einem aus 32 Meter Tiefe schöpfenden Pumpbrunnen bereichert. Diese Anlage bietet ebenso wie die zwei Meter breite Hüttenveranda Hunderten von Gästen sonnengeschützte Rastgelegenheit.
Anlaß zu dankbarer Rückbesinnung ist auch der seit 30 Jahren mit beispielhaftem Idealismus geleistete ehrenamtliche Dienst der Hüttengemeinde und des ihr verantwortlich vorstehenden Hüttenwartes. Bis 1959 hat dieses Ehrenamt Carl Escher selbst wahrgenommen. Der jetzt in Offenbach am Main beheimatete Claus Diercks sowie Horst Eggert, den berufliche Verpflichtungen inzwischen nach Hersbruck abberufen haben, waren seine verdienstvollen Nachfolger. Seit 1962 erfüllt Hilmar Mandler die vielfältigen Pflichten des Hüttenwarts — ebenso wie seine Vorgänger mit tatkräftiger Unterstützung der Gattin. Ihre von gastlicher Bewirtung bis zu umsichtiger Pflege des Wanderheims, des Hüttenbereichs und der angrenzenden Walderholungsgebiete sich erstreckenden Aufgaben erfüllt die Hüttengemeinde mit einer Hingabe an Ordnung und Sauberkeit, die mitbestimmend ist für den ständig wachsenden Zulauf an Wandergästen. Sie suchen die Schutzhütte nicht nur als Zuflucht vor Sonne oder Regen auf, sondern vor allem wegen ihrer idealen Lage auf einem der schönsten und stillsten Blickpunkte unseres fränkisch-thüringischen Grenzlandes. Kein Wunder, daß sich der Thüringerwald-Verein schon zwei Jahre nach der Übereignung der Alexandrinenhütte (am 31. August 1952), mit der die Kreisverwaltung das dem Allgemeinwohl dienende Wirken der Vereinsfamilie belohnt hat, zu einer Erweiterung des Unterkunftsbereiches entschließen mußte. Seit dem Himmelfahrtstag des Jahres 1954 bietet das dem Landschaftsbild angepasste Blockhaus hinter dem Wanderheim zur Entlastung der Schutzhütte einen zweiten geräumigen und stilvollen Aufenthaltsraum. In diesem Frühjahr ist das Blockhaus noch um einen Abstell- und Geräteraum erweitert worden.
Die Erinnerungen, die dieser kurze Streifzug durch die Entwicklungsgeschichte der Alexandrinenhütte weckt, regen zugleich an zu einem Rückbesinnen auf das Lebenswerk jener Coburger Landesfürstin, deren Namen das Wanderheim auf der Sennigshöhe trägt. Die aus Karlsruhe stammende Tochter des Großherzogs Leopold I. von Baden, Enkelin des Schwedenkönigs Gustav IV. und Gattin des Schwagers der Queen Victoria, Herzog Ernst II., dem Coburg u. a. seinen Hofgarten verdankt, hat sich zeitlebens sozialen und caritativen Aufgaben verschrieben. In Coburg schuf sie durch eine Schenkung in Höhe von 120.000 Mark die Voraussetzung zum Bau des Ernst-Alexandrinen-Volksbades. 400.000 Mark stiftete sie, die „den Unglücklichen näher stand als den Glücklichen", für eine Witwenkasse und weitere wohltätige Zwecke. 100.000 Mark legte sie in jener Stiftung an, die den Bau eines ausreichenden Schulgebäudes für die damalige „Höhere Töchterschule" Caroline Stoessels und damit deren Entwicklung zum heutigen Gymnasium Alexandrinum einleitete. Die kleinen Backstein-Doppelhäuser am Hahnweg (linksseitig in Richtung Cortendorf) sind als Coburgs erste Kaufeigenheime Zeugnisse der Initiative Herzogin Alexandrines zur Gründung eines Bauvereins, dem sie ebenfalls erhebliche finanzielle Hilfe gewährte. Die ersten dieser Häuser konnten übrigens seinerzeit (einschl. Gartengrundstück) für 1900 Mark erstanden werden bei jährlichem Durchschnitts-Mietpreis von 120 Mark auf die Dauer von drei Jahrzehnten. Schließlich bestätigt die fürsorgliche Volksverbundenheit der Landesmutter noch heute der „Alexandrinen-Diakonissen-Verein für Armen- und Krankenpflege", der einer anerkennenswerten Privatinitiative zu größerer Wirkungsbasis verhalf. Unter dem Protektorat der Herzogin Viktoria Adelheid entfaltet er seine um Kindergarten, Kindertagesstätte und Säuglingsstation erweiterte segensreiche Tätigkeit seit 28 Jahren im bzw. vom ehemaligen Augustenstift (Bahnhofstraße) aus.
Es besteht fürwahr nach wie vor Veranlassung, der im 85. Lebensjahr anno 1904 auf Schloss Callenberg verstorbenen Herzogin Alexandrine, die ihren mit Weitblick um die Reichseinheit bemühten Gatten nach leider kinderloser Ehe um elf Jahre überlebt hat, Dankbarkeit zu zollen. Der Thüringerwald-Verein tut es, indem er in seiner Alexandrinenhütte die Erinnerung an die hochherzige Landesfürstin der Jahrhundertwende wachhält und nach dem Beispiel, das sie gegeben, „dem Allgemeinwohl dient von Herzen gern" — im Vertrauen allerdings auf die Einsicht der von ihm betreuten Gäste, daß ein Wanderheim keine Kneipe ist und die seit einigen Jahren, für Kraftfahrzeuge gesperrte Sennigshöhe kein Tummelplatz für waghalsige Geländefahrer!

Anmerkung:
Von der einstigen gräflich von Zedwitzschen Gutsherrschaft auf Mirsdorf ist heute so gut wie nichts mehr zu sehen. Anscheinend gab es damals erhebliche Probleme mit illegalen Geländefahrern.

Interne links zu Beiträgen anlässlich des 75jährigen Jubiläums

75 Jahre Alexandrinenhütte

insbesondere: über die Bauschäden am Alexandrinenturm

Alexandrinenturm