Der Abtenberg und seine Hochstraße - ein lohnendes Wandergebiet

aus “Das Farnkraut” Nr. 2/1970

von Georg Gunzelmann

Skizze von Edgar Walther, bearb. -hdb-

abtenberghochstrasse

Die obige  Skizze war natürlich nur schwarz auf weiß gedruckt, ich habe nachträglich den Verlauf der Hochstraße rot markiert. 

Der Abtenberg und seine Altstraße
Ein lohnendes Wandergebiet

 


Von Georg Gunzelmann

Dem Rennsteigverein, der sich dem Erwandern und Erforschen von Rennsteigen und Altstraßen verschrieben hat, bietet sich hierzu von seinem Sitz Zapfendorf aus ein ideales Gebiet; münden doch von allen Himmelsrichtungen Altstraßen, Rennsteige und Rennwege in die Main-Regnitz-Senke bei Hallstadt-Bamberg. Man spricht geradezu von einem „Altstraßenbündel", das sich bei Hallstadt kreuzt; es diente schon in vorgeschichtlicher Zeit dem Fernverkehr, war Anlaß zur Anlage des Handelsortes und Königshofes Hallstadt. - Von diesen Altstraßen und Rennsteigen soll im „Farnkraut" in zwangloser Folge und gedrängter Form berichtet werden. Diese Berichte sollen nicht nur geschichtliche Tatsachen, erläuternde Geographie sowie sonstige wissenswerte Dinge aufzählen; vielmehr sollen sie den einzelnen Wanderer anregen, selbst hinzugehen und nachzuschauen, die freie Natur wissend zu durchwandern.
Wir beginnen mit dem Abtenberg und seinem Kammweg, zwischen dem Maintal und dem Itzgrund gelegen, unseren Freunden vom Thüringerwald-Verein Coburg zum Gruße, denen Itzgrund und Banzgau seit langem bevorzugtes Wandergebiet ist.
 

Wichtige Hinweise für die Bestimmung alter Straßen geben neben der Überlieferung, neben archivalischen Aufzeichnungen und Spuren im Gelände die alten, überkommenen Flurnamen. So ist auch die alte Handelsstraße Hallstadt—Erfurt, deren Linienführung in unserem Bereich diese Untersuchung gilt, durch Flurnamen belegt. Sie führte vom Königshof Hallstadt nach dem alten Fischerdorf Kemmern, als „Bettelweg" weiter nach Breitengüßbach und im Bereich der „weiten Gasse" bei Unteroberndorf über den Main. Jenseits des Flusses finden wir sie „in der alten Straßen" wieder; zugleich auch den ersten erhaltenen Kreuzstein, den „Schaumbergstein". Im weiteren Verlauf ist die Altstraßenführung durch den Bau der Itzgrundbahn verwischt worden. Wir werden jedoch gleich wieder durch einen uralten Kreuzstein an sie erinnert, der grau, unscheinbar, aber unübersehbar westlich der Kreuzung Itzgrundbahn — Verbindsstraße Rattelsdorf/Ebing steht. Tatsächlich finden wir auch wenige Schritte nördlich dieses Steines, jenseits der Bahn, unsere Altstraße wieder. War sie im Bereich „in der alten Straßen" breit und ausgefahren, so ist sie jetzt nur noch ein schlichter Feldweg, der das hier langsam ansteigende Bergland zwischen Itz und Main erklimmt; teilweise, ein Zeugnis seines hohen Alters, die Gemarkungsgrenze zwischen Ebing und Rattelsdorf bildend. Vom Bahnkörper bis zur Kreuzung mit der Verbindungsstraße Zapfendorf/Rattelsdorf führt dieser unbedeutende Flurweg den bedeutsamen Namen „Diebsweg". Mit Dieben hat das natürlich nichts zu tun. Der Name ist die unverstandene Überlieferung von althochdeutsch ‘diot’, ‘diet’ d. i. „Volk", was wiederum das hohe Alter dieses „Volksweges", der späteren Handelsstraße Hallstadt—Erfurt, bezeugt! Dieses Teilstück der Altstraße wird in der laufenden Flurbereinigung verschwinden. Der Flurname „Diebsweg" aber sollte erhalten bleiben.
Eine Barockmarter bezeichnet den Übergang über den Verbindungsweg Zapfendorf—Rattelsdorf. Nach einigen Hohlwegen gewinnt die Altstraße langsam Hochstraßen-Charakter. Im Abtenberg-Vorland, in der leichten Einsattelung zwischen der Taßhöhe (267 m) im Westen und dem Kühnesbühl (276 m) im Osten, bietet sie herrliche Aussicht über das Maintal in den Jura: zur Giechburg, zur Hohen Metze, zur Veitskapelle und zum Staffelberg; nach Süden in das Waldgebiet Kreuzberg-Semberg und in den Bamberger Kessel mit den Konturen der alten Kaiserstadt; nach Westen in den Itzgrund und zu den Haßbergen mit dem Burgstall (355 m) bei Freudeneck im Vordergrund; nach Norden strebt sie dem großen Wald auf dem Abtenberg zu. Auch in diesem Bereich wird die Altstraße im Flurbereinigungsverfahren verschwinden, einem asphaltierten Feldweg Platz machen, der, außer der Nord-Süd-Richtung, nichts mehr mit ihr gemeinsam haben wird.
Führte bisher die Altstraße durch Feldflur, als Feldweg dienend, so erreicht sie mit dem Abtenberg (363 m), jenem weitläufigen Bergland zwischen Maintal und Itzgrund, ein Waldgebiet. Der Abtenberg - Forst war, wie der Name besagt, Klosterbesitz. In der Frühzeit stand er im Eigentum des Klosters Fulda und kam durch Kaiser Heinrich II., der ihn im Tauschweg von Fulda erwarb, zusammen mit der Ortschaft Rattelsdorf an das Kloster Michelsberg-Bamberg, wo Ort und Wald bis zur Säkularisation 1803 verblieben.
Die Altstraße geht nun als einfacher Forstweg durch herrlichen Laubmischwald den Abtenberg steil an und durchschneidet, bevor sie zum Kammweg wird, am „Rothen Knock" eine vorgeschichtliche Wehranlage. Deutlich, wenn auch verschleift, sind die Erdwälle zu erkennen. Was mag die Menschen vor 2000 bis 3000 Jahren veranlaßt haben, diesen Ringwall anzulegen? Eine Wegesicherung, eine Völkerfliehburg oder eine bergende Tagesetappe für vorgeschichtliche Wagenzüge? Wer war früher da: der Wall oder der Straßenzug? Fragen über Fragen harren einer Antwort, die sicher einmal Vorgeschichtsforscher, im wahrsten Sinne des Wortes, ausgraben werden.
Die alte Handelsstraße zieht nun als Hochstraße weiter auf dem Abtenberg durch den Hochwald; auf der ganzen Kammhöhe reich versteint, denn nun bildet sie wieder Gemarkungsgrenze: zwischen dem Staatsforst Abtenberg und Medlitz. Noch ein Beweis für das hohe Alter: Die Straße war eben schon früher da, als die Ansiedlung und wurde als allseits bekannte Linie — den gleichen Dienst taten auch Flüsse und Bäche — Grenze zwischen den ersten Ansiedlungen, die in unserer Gegend zwischen 600 und 800 gegründet wurden. Bemerkenswert auch, daß sich hier an der Altstraße die Waldabteilung „Todtenweg" entlangzieht. Diese und ähnliche Bezeichnungen werden immer wieder im Bereich der alten Straßen gefunden. Der Forschung nach soll in vielen Fällen der Name auf unbekannte Tote vom fahrenden Volk zurückgehen, die einsam und verlassen auf der Straße starben. Auf dem „Todtenweg" im Abtenberg sollen jedoch Verstorbene von Unterbrunn aus in das entfernte Pfarrdorf Mürsbach (?) überführt worden sein. (Überlieferung aus Unterbrunn). Unweit der Hochstraße findet sich, gegen Unterbrunn zu, ein alter Jagdgrenzstein, letzter Zeuge einer Zeit, da noch das ganze Land dem fränkischen Banzgau, Untergau des Grabfeldes, zugehörte: KM = Kloster Michelsberg steht auf der einen, DB = Dominium (Herrschaft) Banz auf der anderen Seite eingemeißelt. Ein Jagdhorn verdeutlicht den Sinn des Steines.
Im Abtenberg-Umland ist die Erinnerung an die alte Hochstraße besonders lebendig: So sagt die Überlieferung in Unterbrunn, auf ihr seien einst Kreuzritter ins Heilige Land gezogen und noch napoleonische Truppen seien dort oben marschiert. Kurz vor dem Waldrand, Richtung Birkach, stehen an der Altstraße zwei Kreuzsteine, einer schon fast im Boden versunken, einer noch trotzig und aufrecht. Von ihnen erzählt die Überlieferung in Birkach, einst seien hier auf der alten Handelsstraße drei Nürnberger Kaufleute erschlagen und ihrer Habe beraubt worden.
Am Waldrand endlich finden wir an der Altstraße, dort wo ein ausgebauter Forstweg von Unterbrunn her heraufsteigt, zwei mächtige bronzezeitliche Hügelgräber, stumme Zeugen dreitausendjährigen Geschehens auf der Hochstraße. Nun verläßt die Straße den Forst und führt, als Flurbereinigungsstraße befestigt, durch das freie Feld, bietet wieder herrliche Aussichten in das Maintal und auf den Jura; sie mündet schließlich an einer Marter in den Verbindungsweg Oberbrunn - Birkach.
Es ist zu wünschen, daß dieser geschichtsträchtige Waldweg, das Teilstück der alten Handelsstraße Hallstadt—Erfurt, deren Trassen durch die Flurbereinigungen im freien Felde immer mehr verschwinden, nicht ganz und gar in Vergessenheit gerät und recht viele Wanderer in diesem einsamen Waldwinkel Stunden der Erholung suchen und finden. In diesem Sinne wäre die alte Straße im Abtenberg würdig, einen Teil des geplanten Maintal-Höhenweges zu bilden, der als Wanderweg den Main von der Quelle bis zur Mündung begleiten soll.
Georg Gunzelmann
 

Nachtrag: ich glaube mich zu erinnern, dass wir mit einer Wandergruppe des Alpenvereins Bamberg im Spätwinter 1974 den Weg von Unter- oder Oberbrunn nach Rattelsdorf gegangen sind. Bei der Schlußeinkehr in Rattelsdorf verabredete ich damals mit einigen Freunden zu einer Fahrt in die Vogesen über Ostern 1974.
Im Bereich der Feldflur südlich des Abtenberges ist der Altstraßenverlauf heute kaum noch nachvollziehbar. Im Artikel Gunzelmanns ist ja bereits von den Veränderungen durch die Flurbereinigung die Rede; zudem hat sich die bebaute Fläche  erheblich ausgedehnt. Im bewaldeten Bereich könnte inzwischen der Mainwanderweg teilweise auf der Altstraße verlaufen. Der von Gunzelmann erwähnte Ringwall ist in den topographischen Karten vermerkt.