Aus „Das Farnkraut“ Nr. 3-4/1966
 

Die Aufzeichnungen des Rotgerbergesellen
Adam Dietz als Zeitdokument

 

So, wie es sich seine Wanderfreunde beim März-Waldabend gewünscht hatten, erfreute sie Kunstmaler Adalbert Bringmann im Juli noch einmal mit einem Streifzug durch das „Wandertagebuch des Rotgerbergesellen Adam Dietz". Diesmal skizzierten seine Lesungen die Wanderschaft im weiten Bereich zwischen Dessau, Eisenach, Stuttgart, Straßburg bis St. Gallen und zum Bodensee. Man lernte dabei die Sorgen des Handwerks kennen in jener Zeit, da es sich gegen erste Fabrikationspraktiken behaupten mußte. Die Wandergesellen bekamen das in ihrer Klassifizierung zu „armen Schluckern" ebenso zu spüren wie in der Sparsamkeit — um nicht von Geiz zu sprechen — so mancher von ihnen aufgesuchter Meister. Kein Wunder, wenn sie sich nicht selten mit ihrem Repertoire-Kapital an schnurrigen Liedern über Wasser halten, Notquartiere, in denen sich die französischen Genossen der Nacht anderntags als „reisende Glücksjungfern" entpuppten, in Kauf nehmen oder, um voran zu kommen, Gefangenen-Transporte in Anspruch nehmen mussten, die ihrem Ruf nicht gerade zuträglich waren und sie obendrein mitunter weit über das eigentliche Ziel hinaus an eine peinliche „Reisegesellschaft" banden. Andererseits fehlte es an Lichtblicken aufgeschlossener Gastlichkeit ebensowenig wie an überraschungsfreudigen Begegnungen mit Meistern, die sich ihre Gerber-Sporen in des Vorfahren Coburger Werkstatt verdient hatten.
Der tiefere Wert all der ergötzlichen Schmunzelgeschichten lag aber wohl darin, daß Bringmann durch sie die Freuden und Leiden des tagebuchexakten Rotgerbergesellen nachzeichnete im Spiegel jener Turbulenz des beginnenden vorigen Jahrhunderts, in der die heranreifende Persönlichkeit des Adam Dietz geprägt wurde vom „Gerassel napoleonischer Kriegszüge und ihrer Folgeerscheinungen im Coburger Raum. Eine diesbezügliche historische Dokumentation — den Lesungen vorangestellt — vermittelte tiefen, nicht selten erschütternden Einblick in jene Notzeit des Coburger Landes, der erst der Tilsiter Frieden zum erlösenden Ende verhalf.
Man möchte wünschen, daß auf der Basis solcher Beurkundung das handgeschriebene Original des „Wandertagebuches" durch Adalbert Bringmann den Status des jedermann zugänglichen kulturgeschichtlichen Zeitdokumentes von einzigartigem Wert erhält, als das es sich durch seinen unverschleierten Tiefblick in die Lebensgewohnheiten, in das Denken und Fühlen und Handeln der in das anbrechende 19. Jahrhundert hineingeborenen Menschen bereits erwiesen hat und auszeichnet.