Aus "Das Farnkraut" Sonderheft Dezember 1966

      

"Drüben" ist auch Deutschland

Der neue „Bayern-Turm" bei Königshofen und seine Blickpunkt-Bedeutung

Gewiss nicht fehlen wird im Wanderplan 1967 des Thüringerwald-Vereins ein neues verlockendes Ausflugsziel an der fränkisch-thüringischen Grenze: Der „Bayern-Turm" auf dem 410 Meter hohen Büschelberg zwischen Zimmerau und Sternberg im Grabfeld-Kreis Königshofen.

Der in diesem Jahr erstellte, zur Besichtigung bereits freigegebene, seines offiziellen Taufaktes aber noch harrende „Bayern-Turm" dokumentiert in seinem Namen das Staatsbewusstsein der fränkischen Zonengrenzbewohner. Vor allem aber dient er mit seiner Fernsicht ins Thüringer Nachbarland ebenso wie die „Thüringer Warte" bei Lauenstein dem verpflichtenden Anliegen, den Glauben an eine deutsche Wiedervereinigung zu symbolisieren und im Blick über die Willkürgrenze durch Deutschlands Mitte allen in- und ausländischen Besuchern der Zonengrenze sichtbar zu machen, daß „drüben" auch Deutschland ist.

 180 Stufen muß man hinaufklettern, um aus der 200 qm großen Turmkanzel, die demnächst noch verglast wird, über die Büschelberg-Waldungen hinweg das herrliche Panorama zu genießen, das den „Bayern-Turm" schon jetzt zu einem begehrten Touristenziel macht. Er bietet einen einzigartigen Rundblick über Königshofen und das landschaftsbunte Grabfeld hinaus bis zur Hohen Rhön im Westen, über die üppigen Wälder um Königsberg und Ebern bis zum Steigerwald im Süden und auf das Juragebiet mit Staffelberg, Vierzehnheiligen und Schloß Banz im Südosten, zur Veste Coburg und - bei idealem Sichtwetter - bis zu den Höhen des Frankenwaldes und des Fichtelgebirges im Osten, gen Nordosten und Norden schließlich weit hinein in das Thüringer Land mit der greifbar nahen Veste Heldburg, dem Straufhain und den benachbarten Gleichbergen bis hinauf zum Thüringer Wald.

Daß der Büschelberg mit dem neuen Aussichtsturm (anstelle des ehemaligen trigonometrischen Turmgerüstes) zugleich als fremdenverkehrs-ergiebiges Erholungsgebiet erschlossen ist, bezeugen die gepflegten Wander- und Fahrwege, die von Zimmerau und Sternberg hinaufführen, ebenso die vielen Ruhebänke, die im weiten Rund um den „Bayern-Turm" zum Verweilen einladen. Der Anfang zu einer Raststätte unmittelbar neben dem Turm ist mit den ersten Erdarbeiten ebenfalls gemacht. Damit wollen die beiden zusammen nur 350 Einwohner zählenden Gemeinden Zimmerau und Sternberg, dessen viertürmiges „weißes Schloß" 1969 übrigens seinen 300. Geburtstag feiern wird, das Gesamtprojekt abrunden, von dem sie sich jenen Fremdenzustrom erhoffen, auf den sie angewiesen sind als Ausgleich für ihre grenzbedingt erfolglosen Versuche, Industrie anzusiedeln.

Schwerer als diese kommunalpolitisch gerechtfertigte Erwägung wiegt das Bemühen, die Besinnung auf die deutsche Zusammengehörigkeit trotz Willkürgrenze nie erlahmen zu lassen. Diesem Anliegen dient zugleich eine Informationsstelle, die der Landkreis Königshofen im Zusammenwirken mit dem Kuratorium „Unteilbares Deutschland" im alten Pfarrhaus des 8 km entfernten Dorfes Breitensee geschaffen hat. Anschauungsmaterial über Verlauf und Auswirkung der Zonengrenze und damit befasste Film-Vorträge sowie Diskussions-Zusammenkünfte geben in Verbindung mit einer heimatkundlichen Führung durch das mittelalterliche Königshofen und anschließender Zonengrenzfahrt die Möglichkeit, den fremden Gast mit der ganzen Problematik des „Eisernen Vorhanges" vertraut zu machen.

Als „Mahnmal für das deutsche Gewissen" erfüllt der „Bayern-Turm" dabei nicht zuletzt in seiner optischen Ausstrahlung hinüber zu den thüringischen Menschen eine wesentliche Aufgabe. Der Landkreis Königshofen lässt sie sich rund 20 000,- DM kosten, die beiden Turmbau-Gemeinden haben 70 000,- DM dazu beigetragen. Das Land Bayern ist mit einem Zuschuss von 30 000,-DM beteiligt, den der Bund in gleicher Höhe zugesagt, aber noch nicht geleistet hat. Damit zieht sich über das insgesamt 250 000,- DM erfordernde Projekt, zu dem jeder Besucher des „Bayern-Turms" eine Einlass-Gebühr von l,- DM beisteuert, ein betrüblicher Schatten. Er bestätigt, wie berechtigt die Rentabilitätserwägungen, waren, die den Thüringerwald-Verein veranlaßt haben, sich der Anregung eines weiteren Turmbaues auf der Sennigshöhe im an sich schon panorama-ergiebigen Bereich der Alexandrinenhütte zu verschließen.

 Anmerkung: Tatsächlich wurden immer wieder Pläne für einen neuen Aussichtsturm auf der Sennigshöhe an die Öffentlichkeit gebracht.