Bildersuchw

Aus „Das Farnkraut“ Sonderheft Dezember 1965

 Wer heute die modernen Sportarten „Orientierungslauf“, „Orientierungsmarsch“ ausübt, meint sicher, etwas ganz Neus zu betreiben. Irrtum. Neu ist vielleicht der Einsatz von GPS, nicht aber das Prinzip. Ich selbst gehörte ab etwa Mitte der 50er bis Anfang der 60er Jahre den Pfadfindern an, damals haben wir auch schon ähnliches getrieben, natürlich ausschließlich mit Karte und Kompass. Auch der Thüringerwald-Verein forderte mit seinen „Bildersuchwanderungen“ ähnliches. Nachfolgend die Bildersuchwanderung des Jahres 1965 und die hierbei den Teilnehmern abgeforderten Fähigkeiten.

 Note „1“ in Karten- und Heimatkunde

 Bildersuchwanderung trotz höchster Anforderungen ohne „Minuspunkte“

 Die Mitglieder des Thüringerwald-Vereins sind nicht nur passionierte Wanderer, die mit Karte und Kompass umzugehen verstehen. Als heimatverbundene Menschen sind sie ebenso vertraut mit der Geschichte des Coburger Landes, seinem Naturreichtum und der in der Heimat wurzelnden Kunst und Literatur. Das zu beweisen, bot ihnen die traditionelle Bildersuchwanderung am 24. Oktober freudig wahrgenommene Gelegenheit, wie die Beteiligung von mehr als 100 Wanderaktiven aller Altersklassen und beiderlei Geschlechts bezeugt.

 Als Arrangeure dieser letzten großen Unternehmung des Wanderjahres 1965 hatten Ernst Eckerlein, Karl Arnold und Erich Bauer zwei in Meschenbach sich überschneidende Wanderrouten festgelegt und sie nach Bildmotiven in je 14 Etappen aufgegliedert. Es galt, die Motivbilder zu erkennen, die 14 Etappen auf kürzestem Weg zu bewältigen und zugleich ebenso viele interessante Aufgaben aus den Bereichen Karten- und Heimatkunde, Botanik, Geologie, Heraldik, Landesgeschichte und Literatur zu lösen. Daß das ausnahmslos gelang, stellt der guten Teamarbeit der insgesamt sieben Wandergruppen — darunter je eine der Jugend und des Kleinen Wanderkreises — bestes Zeugnis aus. Zum Lohn gab es unterwegs prächtiges Herbstwetter, herrliche Rundblicke über die heimische Landschaft und üppigen Fallobstsegen, bei der gemeinsamen Schluss Einkehr zudem als besondere Anerkennung Buchprämien von bleibendem Wert.

 DieItzanlagen an der Judenbrücke waren der Ausgangspunkt zur Suchwanderung der fünf Gruppen des Hauptvereins, die Klaus Ehrlicher, Franz Geßlein, Rolf Gareis, Franz Reinhardt und Arno Völk führten, sowie für „Tante Mile“ Reichardt und Cläre Leipold mit ihrer Jugend. Zu treuen Händen übergab ihnen Vereinsvorsitzender Eckerlein je 14 Umschläge mit Fotos und Fragezetteln, die ohne Motiverläuterung folgende Etappen setzten und Aufgaben stellten:

 Route I:

1. Rückertdenkmal Neuses; hier waren möglichst viele Dichtungen und Lieder Rückerts aufzuzeichnen;
2. Ruhebank oberhalb Schloß Falkenegg, zu benennen war der sichtbare Ortsteil Siebenlinden;
3. Kirche Scheuerfeld, Erinnerung an die dortige „Pieta" aus dem 14. Jahrhundert (heute in den Kunstsammlungen der Veste);
4. Suche und Bezeichnung des Zigeunerbirnbaums westlich Wüstenahorn;
5. Alte Schäferei bei Ahorn; von hier galt es, nach Entfernung und Richtungsangabe
6. die Wegkreuzung am Waldrand 500 m nordostwärts von Schloß Hohenstein ausfindig zu machen;
7. Stöppacher Gemeindehaus, zu bestimmen war die Himmelsrichtung für den Marsch dorthin;
8. das schmiedeeiserne Gasthausschild in Meschenbach (Mittagseinkehr);
9. Schloß Weißenbrunn a. F. Von dieser Etappe an bis zum Tagesendziel waren ein Weißdornzweig mit Früchten sowie Schafgarbe und Wegerich zu suchen;
10. Obersiemauer Gut;
11. Deutung des Fotos einer Allee nach dem Ort, zu dem sie führt (Birkach a. F.); 12. Fachwerkhaus in Tiefenroth, auszumachen nach Entfernungsangabe mit dem Hinweis „Dorf ca. 2,5 km außerhalb des Landkreises Coburg"; hier waren Verwechslungen mit Zilgendorf nicht ganz ausgeschlossen;
13. Zilgendorf; die Zusatzfrage bezog sich auf seine Zugehörigkeit zum Landkreis Staffelstein;
14. Kirche Großheirath; von ihr aus war die Schluss Einkehr im südlichen Ortsteil zu suchen.

 

Route II:

1. Gustav-Freytag-Brünnle; Angabe möglichst vieler Werke des Dichters;
2. Herzogsweg; auszumachen nach einem Bildblick zur Veste. Zu bestimmen war der Name des Ferdinandsturmes über dem Festungseingang;
3. Kirche Seidmannsdorf; das dortige Wappen mußte gesucht und erläutert werden;

4. Grüber Stein (mit geologischer Bestimmung der Arkosedolomitfelsen);
5. Bahnübergang südwestlich Grub a. F.; Blick auf Roth a. F., dessen Ortsname zu deuten war;
6. Nordrand des Lichtenfelser Forstes. Der Standort des Fotografen mußte erst erkundet, der sichtbare Ort als Grub erkannt und Himmelsrichtung sowie Entfernung zum dortigen Kirchturm bestimmt werden;
7. Leopoldsbrunnen; Angabe der einzuschlagenden Richtung, Namensdeutung und Hinweise zur Entstehungsgeschichte;
8. Gasthaus Meschenbach (wie Route 1/8);
9. Stöppacher Gemeindehaus (botanische Aufgabe wie Route 1/9);
10. Querkelstein/Hohensteiner Wald; Richtungs- und Entfernungsangaben sowie Gesteinsbestimmung;
11. Schierberg-Höhe zwischen Wohlbach und Gossenberg; der Standort des Motivfotografen mußte nach Entfernungs- und Richtungshinweisen erst gesucht werden; am Ziel waren die sichtbaren Berge (Banzer Wald, Steglitz, Eierberge) zu benennen;
12. Gemeindehaus Gossenberg; zu bestimmen galt es die Zugehörigkeit des Ortes zu den Eigensdörfern;
13. Schloß Ziegelsdorf; hier war das Seebachsche Mausoleum auszumachen;
 14. Kirche Großheirath (wie Route 1/14).

 

Wie gesagt: Diese durchwegs anspruchsvollen Aufgaben wurden fehlerfrei und zielgerecht gelöst, so daß weder „Minuspunkte" noch „Vermisste" zu beklagen waren. Im zeitlichen Ablauf gab es jedoch eine gut zweistündige Differenz, an der die trotz köstlichen Gemüseeintopfes verlockende Me-schenbacher Speisekarte nicht ganz schuldlos gewesen sein mag. Vielleicht waren es aber auch die diversen Mitbringsel ideenreicher Basteleien. Vom Plastik-Schweinchen über eine Kastanien-„Amtskette" bis zum „Erntedankwagen" sorgten sie für viel Heiterkeit bei der Schluss Einkehr. Über sie hatte sich der Kleine Wanderkreis rechtzeitig am Bildaushang informiert, so daß er am Nachmittag unter August Marrs Führung von Untersiemau aus über die Kulchspitze des Banzer Waldes nachziehen konnte. Weitere 40 Vereinsfreunde waren in direkter Fahrt nach Großheirath gekommen, um dort die Tagesereignisse nachzuerleben in den sehr lebendigen und humorvollen, zumeist in köstliche Reime gesetzten Berichten der Suchwanderer, die damit ihre geistige Elastizität noch einmal unter Beweis stellten.

 

So konnte denn Ernst Eckerlein bei dem überaus lied- und unterhaltungsfrohen Beisammensein die Bilanz eines — von der drangvollfürchterlichen Enge der Schluss Einkehr abgesehen — gelungenen Unternehmens ziehen und seinen Dank für die gute Wanderleistung aller Gruppen nicht nur in herzlichen Worten der Anerkennung bekunden, sondern auch durch jene bereits erwähnten Buchprämien, die bei künftigen Wanderungen zu unterhaltsamer Rast-Abwechslung beitragen sollen und sicherlich auch werden.