Aus „Blick hinter’s Farnkraut“ – November 1955

 

Vermutlich der Namensgeber und Vorläufer der „richtigen“ Zeitschrift „das Farnkraut“ war ein Jahrzehnt zuvor eine mit einfachsten Mitteln, hektographiert hergestellte Schrift. Als Herausgeber fungierte damals Manfred S.

Nicht alle Bände sind überhaupt noch vorhanden. Im Folgenden ein Teil eines Wanderberichts „Vom Main zur Donau“, wohlgemerkt, lange vor es einen durchgängig markierten Wanderweg auf dieser Strecke gegeben hat.

Natürlich ist es nicht zu verkennen, dass diese Wander-Erzählung nunmehr

fast 60 Jahre zurückliegt, der Erzähler, Franz Geßlein, hat inzwischen längst seine „letzte Wanderung“ angetreten, so wie vermutlich alle hier irgendwie vorkommenden Personen. Die Verhältnisse in der Gastronomie haben sich natürlich auch entsprechend verändert.   

 

Obwohl wir schon recht früh auf den Beinen waren und die Müdigkeit des ersten Wandertages längst vergessen hatten, kamen wir doch nicht so früh in's freie, wie wir wollten, denn die Urlaubserinnerungen unserer Quartierwirtin, die den Rahmen unseres morgendlichen Kaffeetrunks abgaben, wollten kein Ende nehmen. So mußten wir uns den Königssee in den herrlichsten Farben schildern lassen. Wir spürten daraus wieder die Sehnsucht eines Menschen nach dem Naturerlebnis. Am liebsten wäre die liebe Frau mit uns gezogen, doch zweifelte sie an ihren Füßen, und wir auch. Wir nahmen beim Abschied nun ihre Sehnsucht mit hinaus. Es ging zunächst wieder hinunter nach der Behringersmühle und auf romantischem Talweg durch das von vielen Prospekten her bekannte, auf Felsen thronende Tüchersfeld. Auf dem weiteren Weg durch das Püttlachtal gaben immer wieder mächtige Felsen links und rechts an den Hängen eine gewaltige Kulisse. Ein sanft ansteigender Felsenpfad lockte uns, das Tal zu verlassen, um von dort oben den begeisternden Ausblick in die Tiefe zu genießen. Wir bereuten es nicht, dort hinauf gestiegen zu sein, denn kurz vor Pottenstein hämmerten unten im Tal die Preßlufthämmer und das Lied der Arbeit war aus der Ferne wohltuender anzuhören...

 Als wir wieder im Tal ankamen, waren es nur noch wenige 100 Meter bis Pottenstein, wo sich gerade die Feriengäste anschickten, ihren Morgenspaziergang anzutreten. Von dort aus führt ein gut markierter und von den Feriengästen vielbegangener Weg nach der berühmten Teufelshöhle am Felsen-Schwimmbad Pottenstein vorüber. Dort konnten wir nicht vorübergehen, nachdem der Eintrittspreis von DM 1.50 pro Person allerhand zu versprechen schien. Und wir bereuten es nicht, dieses gewaltige Naturwunder besucht zu haben. Es ist schon etwas ganz großartiges, vor den Tropfsteingebilden die Jahrtausende überdauerten, zu stehen und die Gedanken in die Vergangenheit zurückschweifen zu lassen. Was sind 2 Millionen Jahre gegen ein Menschenalter? Solche Zeugen der Urwelt und Vergangenheit sind in der Lage, uns erkennen zu lassen, wie klein und unscheinbar wir selbst sind und was der einzelne Mensch im für uns unfaßbaren Kosmos bedeutet... Im Sommer und Winter zeigt das Thermometer in dieser gigantischen Höhle von 2 Km Ausdehnung eine gleichbleibende Temperatur von etwa 9 Grad Celsius.- Die warmen Würstchen, nach denen unser Magen nach Beendigung der Höhlenführung verlangte und die wir auf einer einladenden Terrassengaststätte verzehrten, ernüchterten uns, da ihre Ausmaße dem dafür abverlangten Preis keinesfalls gewachsen waren. Wir mußten uns sputen - da uns die Höhlenführung ziemlich viel Zeit gekostet hatte - damit wir unser Tagesziel erreichten.

 An der Schüttersmühle vorbei gelangten wir durch ein einsames Seitental hinauf nach Kühlenfels. Als wir nach der Überschreitung eines Hochplateaus bei Waidach in den Hochwald traten, beeindruckten uns die hohen Fichten so, daß ich sie mit der Kamera einfangen mußte.- Das lieblich gelegene Betzenstein lud uns sodann zum Kaffee ein. Die anschließenden Waldwege waren ein wahrer Genuß, zumal sie uns bisweilen herrliche Ausblicke über Berge und Täler gewährten. Die Wege waren durchweg gut markiert, trotzdem passierte es uns, daß wir zuweilen die Orientierung verloren. Doch mit Hilfe der Karte und der in der Nähe verlaufenden Autobahn, die wir überschreiten mußten, fanden wir bei Riegelstein wieder den richtigen Weg, wo uns bereits aus weiter Ferne das Tagesziel, die Felsenburg Hohenstein, entgegenleuchtete. Die weithin sichtbare stolze Burg wies uns die Richtung für das letzte Stück unsres Weges. Die Sonne versank hinter den Wäldern, als wir im Gasthof "Zur Felsenburg" Einkehr hielten. Ein freundlicher Gastwirt überraschte uns mit der  weniger freundlichen Tatsache, daß in seinem Haus kein Quartier mehr zu haben sei. Das noch im Bau befindliche Übernachtungsheim des fränk. Albvereins, sollte  uns eine recht abenteuerliche Übernachtungsstätte werden.

Nach dem  Abendessen bescherte uns der Wirt seine Kriegserlebnisse beim Glase Frankenwein. Aber die 36 km, die wir an diesem Tag hinter uns hatten, ließen-.uns bald das Lager aufsuchen und sie waren es auch, die uns diese Nacht so recht und schlecht überstehen ließen. Denn die Matratzen waren schon recht unbequem und wenn man sich ausstreckte, baumelten die" Füße im Freien. Das wäre alles noch zu ertragen gewesen, aber zu nächtlicher Stunde kamen die übrigen Schlafgäste an; Familien aus allen möglichen europäischen Staaten, mit Kind und Kegel... Uns ist bis heute noch, nicht klar geworden, weshalb das z.T. noch im Rohbau befindliche Heim der reisenden Menschheit einfach ohne Herbergsvater überlassen wurde.

 An Morgen des dritten Wandertages lagen noch die Nebel in den Tälern, als wir die Felsenburg über den reifen Kornfeldern verschwinden sahen. Das taubenetzte Gras versprach einen sonnigen Tag, der uns später auch manchen Schweißtropfen herauslockte. Diesmal führte uns der Weg nach Osten, der aufgehenden Sonne entgegen. In den silberblauen Himmel erhoben sich die Lerchen und ihr fröhliches „tirilie – tirilie“ kam so über uns, daß wir anfingen zu singen. An einem strahlenden Sommermorgen mit einem wirklichen Wanderkameraden singend über die Felder und durch den Wald zu  ziehen, ist das nicht ein Glück, das zu dem herrlichsten zählt, was der  Himmel uns schenken kann? Unser Liederrepertoire wollte an diesem Morgen überhaupt kein Ende nehmen. Es ist, wie Julius Kober so schön sagt:

 

"Der Herrgott schuf das Wandern, die Lieder all dazu, Damit du mit den. Andern ein Mensch wirst du auf du!"

 

Unsere gute Laune übertrug sich auch auf die Menschen auf den Feldern, die die •Köpfe .wendeten und uns zuwinkten.- Also singend ließen wir die Landschaft an .uns vorüberziehen und nahmen auf, was uns're Blicke erfassen konnten.  Wir schritten hinab ins Tal und nahmen unser Frühstück mit einer Flasche „Überkinger“ Sprudel in Rupprechtstegen ein. Und dann wurde es, etwas ruhiger, denn ein steiler Aufstieg durch prächtigen Buchen= und Mischwald nahm unsere Lungen voll und ganz in Anspruch. Durch Hartenstein, deren wuchtige Burg an die Veste Rosenberg erinnerte, ging es dann wieder südlich, bis wir uns in G. zur Mittagsrast entschlossen. Es war nur ein ganz einfaches Gasthaus, doch der alte Wirt bereitete uns mit seiner Pfiffigkeit ein wahres Vergnügen. Bei seinen Reden und Gebaren erinnerten wir uns des "verkauftem Großvaters."  Als er uns die Kartoffelsuppe brachte, staken seine beiden Daumen tief in der Suppe. Als er uns dabei mit seinen Augen ansah, konnten wir nur lächeln: Er war einfach unwiderstehlich!

 Die kräftige Kartoffelsuppe richtete unsere körperliche Verfassung wieder sodaß wir in alter Frische hinaustraten in den hellen Sommertag, unseren Weg fortzusetzen. Dieser Weg an der bekannten "Schlangenfichte" vorbei, durch das einsame Reichental war so abwechslungsreich, daß wir die vielen Eindrücke kaum ganz erfassen und aufnehmen konnten. Nach Hirschbach trieb uns ein sehr steiler Anstieg zum Schwarzen Brand, dem Nürnberger Klettergarten, allen Schweiß aus den Poren. Als wir am Prellstein, dem Ehrenmal des FAV, Halt machten, waren wir schweißgebadet, als wären wir der Sauna entstiegen. Doch die prachtvolle Aussicht belohnte uns're Mühe in reichlichem Maße.

Auf gut markierten Pfaden und durch romantische Felslandschaften fanden wir bereits am Nachmittag in Heuchling ein einladendes Gasthaus, das uns für die Nacht ein gutes Quartier versprach. Die Aussicht, den Schweiß des Tages in aller Ruhe abwaschen zu können, war so verlockend, daß wir beschlossen, den Rest unsrer vorgesehenen Tagesroute  fallen zu lassen. Die vielen steilen Aufstiege des Tages waren uns doch etwas in die Glieder gefahren, sodaß es uns nicht schwer fiel, auf die Erfüllung unsres "Soll" diesmal zu verzichten. Es war eine Wohltat, mit dem heißen Wasser, das uns die Wirtsleute bereiteten, den Schweiß davon zu spülen.

Als ich dann so frischgewaschen in sauberen Bette lag, kam mir zum Bewußtsein, was diesen Tag, der in seinem Verlauf wieder so herrlich schön war, doch etwas  anstrengend gemacht hatte: Es war das unbequeme und zu kurze Matratzenlager der vergangenen Nacht im Wanderheim Hohenstein. ..

 

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