Aus der Ausgabe Nr. 2/2000

Ein Versuch, unseren Verein auch als kompetent für Belange des Stadtbilds zu positionieren - wurde auch teilweise recht positiv aufgenommen, brachte aber letztlich doch keine neuen Mitglieder. Ich bin mir daher nicht so sicher, ob ich mich heute nochmals in dieser Weise engagieren würde.

 

Zankapfel am Albertsplatz in Coburg
 


Zunächst noch überschattet vom Wahl-k(r)ampf um das städtische Erschlie-ßungsProjekt „Lauterer Höhe", wuchs sich der Streit um das Haus Alberts-platz 5 a zu einem handfesten kommunalpolitischen Krach aus, zu einem der heftigsten der zurückliegenden Jahre. Dabei drehte sich auch hier vordergründig alles um die Frage, wie die Innenstadt Coburgs am besten aufgewertet werden könne.
Ganz genau genommen, entzündete sich der Streit aber erst in zweiter Linie um das bewusste Haus am Albertsplatz. Es ging vielmehr um das rückwärts angrenzende Grundstück in der Rosengasse, um die Dimensionen eines hier geplanten Neubaus. Die historische Abbildung (auf Wiedergabe wurde hier verzichtet, Anm. Webm.) zeigt auch die Ausmaße des Gebäudes Rosengasse bis hin zur Firstlinie. Es wurde nach 1950 abgebrochen und den heute bekannten „Nierentisch"-Kiosk ersetzt, der ja bekanntermaßen seinerseits inzwischen Denkmals-Qualitäten aufweisen soll. Es ist dokumentiert, dass dieser Kiosk bereits bei dem großen Festzug zur 900-Jahr-Feier 1956 stand.
Das neu geplante Gebäude soll aber annähernd ebenso hoch werden wie die Nr. 5 a und wegen des geringen Abstandes zu diesem dessen Wohnwert erheblich mindern, mag es sich auch „nur" um die baulich vergleichsweise schlicht gehaltene Nordfront handeln. Die südliche Prachtfassade zum Albertsplatz hin bleibt unbehelligt.
Die Häuser Albertsplatz Nr. 5 und 5 a gehören zu den markantesten derCoburger Innenstadt. Sie sind im neugotischen Stil errichtet, in deren bürgerlichen Variante des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Besonders markant ist der turmartige, zinnenbekrönte Abschluss der Hs. Nr. 5 a hin zur Ketschengasse. Dieser Bauteil ist einmalig und unverwechselbar, reiht sich aber mit der Lutherschule ein in ein neugotisches Ensemble um den Albertsplatz.
Ob sich der Baumeister wohl davon leiten ließ, dass hier einst das Innere Ketschentor stand, stattlicher Teil der alten Stadtbefestigung? Deren weitgehender Abbruch hatte zweifellos Lücken in das Erscheinungsbild der Stadt gerissen.
Jedenfalls sind die beiden Häuser auf dem einstigen inneren Mauer-Ring der alten Coburger Stadtbefestigung entstanden.
Wie alle nachahmenden Baustile war auch die Neugotik, hier insbesondere die spätere der „Gründerzeit", nicht immer unumstritten. Die zeitlich unmittelbar folgenden Chronisten Lehfeldt/Voss:  halten neugotische Bauten in ihrem 1907 erschienenen Werk über „Bau und Kunstdenkmäler Thüringens: Coburg Stadt und Veste" nicht weiter für erwähnenswert, gerade noch den „antikisierenden" Stil an manchen Bauten gegen Ende des 18. Jahrhunderts. In der Neugotik, insbesondere gegen Ausgang des 19. Jahrhunderts mit Bürgerhäusern, Verwaltungs- und Gewerbebauten manifestierte sich, so sieht man dies jedenfalls heute, eine schwärmerische, romantisierende Zuwendung zum Mittelalter unter wohlhabend gewordenen Bürgern, Industriellen und Kaufleuten. Im speziellen Fall Coburg aber konzentrierte sich aber diese Bauweise im Bereich der ehemaligen Stadtbefestigung, immerhin am „Original-Schauplatz" sozusagen.
Heute ist unbestritten, dass auch Neugotik ein schützenswertes Baudenkmal ist.
Im „Coburger Häuserbuch" von Cyriaki wird Rudolf Weiß, Bonbongeschäft als Bauherr beider Häuser im Jahre 1873 genannt. Hinsichtlich der Nr. 5 a heißt es ergänzend dazu: „Bau eines 2. Wohnhauses" (!).
Die weitere Folge der Eigentümer ist für die Häuser Nr. 5 und 5 a gleich:
1899 und 1907 Rudolf Weiß Erben, 1913 Mathilde Weiß Erben.
Die Anwesen befinden sich noch heute im Eigentum eines Nachfahren des Erbauers. (Anm. szt. wurde vor der Publikation ein Gespräch mit diesem geführt).
Weiter ist bei Cyriaky vermerkt, dass der Laden von Apothekern bzw. Drogisten genutzt wurde, 1934 aber von Sally Hecht, Handel in Tabakwaren und Spirituosen. Und: von 1901 bis „heute" (d.h. 1948) Emil Maurer, Theatermaler in Coburg.
Dieser Emil Maurer braucht wohl in diesem Zusammenhang nicht näher vorgestellt werden, er ist wohl jedem, der sich mit Coburg und seiner Geschichte befasst hat, wohl bekannt.
Bereits zu Lehfeldt-Voß, „Bau und Kunstdenkmäler Thüringens: Coburg-Stadt und Veste", erschienen 1907, hat er zahlreiche Illustrationen beigesteuert. Bemerkenswert ist seine Fähigkeit, Dinge zeichnerisch zu rekonstruieren, die er selbst nicht mehr gesehen haben konnte, z.B. den Schlossplatz vor dem Umbau unter Ernst I.
Dieser Emil Maurer bewohnte das oberste Geschoss in Nr. 5 a, zu welchem bis heute die zinnenumkränzte Dachterrasse gehört.
Man kann sich lebhaft vorstellen, wie dieser bedeutende Zeichner und Illustrator den überwältigenden Blick auf die Coburger Altstadt genutzt hat.
Klar dürfte auch sein, dass die oberen Geschosse immer Wohnzwecken gedient haben. Wer die sozialen Verhältnisse des ausgehenden 19. Jahrhunderts kennt, braucht zu dieser Erkenntnis keine alten Baupläne zu studieren, die übrigens noch vorhanden sind. Gewerbliche Räume, von Fabrikation ganz zu schweigen, fanden sich damals in dunklen Keller- oder Dachräumen, allenfalls in den Hinterzimmern der Läden, keinesfalls aber in der „Bei Etage" hinter so repräsentativen Fensterfronten wie solchen am Albertsplatz. Es ist daher einigermaßen abwegig, öffentlich die Umwidmung einstiger Lagerräume zu Wohnzwecken zu mutmaßen.
Nun kann und will ich hier keinen Exkurs über Planungs-, Bau- und Nachbarschaftsrecht liefern. Heutzutage darf man sich ja über nichts mehr wundern, angeblich ist es ja rechtens, hart am Vorgarten plötzlich eine Autobahn zu bauen.
Und kürzlich beeilte sich ja der Bürgermeister einer Gemeinde im Coburger Land öffentlich zu bekunden, dass es kein „verbrieftes Recht auf Aussicht" geben könne.
Absolute Bestandsgarantien kann es tatsächlich auch auf dem Feld des Planungs-, Bau- und Nachbarschafts-rechts nicht geben, sonst wäre jede vernünftige Entwicklung blockiert. Aber eine gewisse Rechtssicherheit vor allzu massiven Einschnitten, ein Mindeststandard an Verlässlichkeit, Berechenbarkeit und Transparenz der Lebensverhältnisse bildet schließlich die Eckpfeiler unserer Wert- und Gesellschaftsordnung. Aber, wer interessiert sich denn heute noch dafür, was der so genannte Normalbürger denkt, der von niemandem Leistungen oder Zuwendungen fordert, der nur weitgehend in Ruhe gelassen werden möchte?! Er hat immer die „schlechtesten Karten".
Der Neubau sollte in den Dimensionen auf das in den 50er Jahren abgebrochene Bauwerk begrenzt bleiben. Die Dominanz des neugotischen Bauwerks sollte bleiben. Die sehr schmalen Gassen in diesem Bereich vertragen ohnehin keine allzu wuchtige Bebauung. Wenn jemand oben hinter diesen Zinnen steht und über die Altstadt blickt, bemerkt er erst, wie intensiv die Bebauung gerade in diesem Bereich längst schon heute ist.
Entwicklung der Altstadt kann doch nicht bedeuten: den letzten Schürzenfleck zubauen!
Hans D. Bürger Alle (neuen) Aufnahmen: H. D. Bürger

Denkpause
Am 31. Mai befasste sich das Plenum des Coburger Stadtrats nochmals mit der strittigen Angelegenheit, nachdem der Bausenat zuvor die Genehmigung erteilt hatte.
Auf einen Nenner gebracht: der Stadtrat entschied sich dafür, dass vorerst noch nichts entschieden ist.
Eine Tatsache wurde hervorgehoben: Das Grundstück, auf dem der umstrittene Neubau errichtet werden soll, gehört nach wie vor der Stadt Coburg. Nun ist es ein Unterschied, ob der Bauwerber schon Eigentümer des Baugrundstücks ist und auf sein Recht pocht oder ob ohne Zwang öffentlicher Baugrund veräußert werden soll.
Städtebaulich ist eine weitere Verdichtung in diesem Bereich äußerst problematisch. Ohnehin sind die meisten Straßen und Gassen der Altstadt auch für Verhältnisse einer mittelalterlich begründeten Stadt außergewöhnlich eng.
Der Abbruch der ursprünglichen Bausubstanz in der Rosengasse und Ersatz durch den leichteren „Pfaff-Bau" in den 50er Jahren mag aus heutiger Sicht mit dem Denkmalschutz unvereinbar sein, städtebaulich war er ein Gewinn, ebenso wie etwa der Abbruch des „Gräfblocks" noch früher.
Hans D. Bürger
 

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