Aus „Das Farnkraut“ Sonderheft Dez. 1965
 


Es gibt wohl kaum einen Verein, der so mannigfaltige Interessen anspricht wie gerade der Thüringerwald-Verein. Er wollte immer mehr sein als ein Wanderverein in dem Sinne, dass eben Kilometer so einfach „abgespult“ werden. Vielmehr gilt es doch, die Dinge in Umwelt und Natur bewusst aufzunehmen, seien es Bau- und Kunstdenkmäler, seien es Tiere, Pflanzen oder auch Fossilien, wie in dem nachstehenden Beitrag ausgewiesen. In der Kindheit haben wohl viele von uns Interesse an Versteinerungen gehabt, ohne dass hieraus ein sog. ernsthaftes Hobby oder gar Beruf geworden ist. Ich selbst bin in Bamberg aufgewachsen, im Jura, gar nicht weit von der Stadt, konnte und kann man Versteinerungen finden.

Über die Vorgeschichte des Naturmuseums, über die Sammeltätigkeit verschiedener Mitglieder des Herzogshauses gibt ein Beitrag von Korn/Mönning in dem Buch „Herzog Ernst II…. und seine Zeit“, Coburg und Gotha 1993 näheren Aufschluss. Ohne diese gäbe es wohl heute das Naturmuseum nicht.

Im folgenden Beitrag aus dem „Farnkraut“ 1965 waren es die „Spatzen“, also die „kleinere“ der damaligen Jugendgruppen, die Versteinerungen gefunden hatten und eine kompetenter Referent konnte dies anschaulich erklären. Dt. Aumann war der damalige und langjährige Leiter des Naturmuseums. Ihm haben wir im Laufe der Jahre viel zu verdanken, seien es sein Vorträge, seien es seine Führungen im Museum. 


Dr. Aumann brachte „Versteinertes Leben" in den November-Waldabend
Die Wander-„Spatzen" des Thüringerwald-Vereins sind berechtigt stolz darauf, dass sie ihre Steinfunde in der Zilgendorfer Flur als „Teufelsfinger" richtig „entlarvt" haben. Diese Gewissheit gab ihnen Dr. Georg Aumanns lehrreicher Vortrag über das „Versteinerte Leben" — ein wertvoller Beitrag zur Deutung vieler Naturvorgänge, denen man bei Wanderungen mit offenen Augen ständig begegnet. Das u. a. aus dem „paläontologisch äußerst interessanten Coburger Raum" schöpfende Referat beim November-Waldabend brachte zudem den bedeutsamen Nachweis, dass unser Heimat-Gebiet vor Jahrmillionen zeitweise Wüste war, zeitweise meerüberflutet. Erwiesen ist das durch zahlreiche Fossilienfunde, die Coburgs Namen in das weltweite Schrifttum der Paläontologie haben eingehen lassen; nicht zuletzt dank der Aufgeschlossenheit jener unterbewussten Coburger Herzöge, die vor Jahrhunderten bereits die Sammlung zahlreicher Fossilien aus ihrem Herrschaftsbereich in die Wege geleitet und die Öffentlichkeit dafür durch anregende Ausstellungen interessiert haben, mit denen der Wissenschaft nicht selten zugleich echte Dienste erwiesen wurden. Auch unser Naturwissenschaftliches Museum ist als solches und als anerkanntes Lehrinstitut letztlich dieser Initiative zu verdanken.
Dem durch eine Farblichtbildserie verlebendigten Vortrag Dr. Aumanns ging es wesentlich um den Nachweis, dass Fossilien mehr sind als „Versteinerungen" von Pflanzen und Tieren schlechthin; nämlich geologische Naturkörper, die auf bestimmte Formationsstufen und deren Schichtfolgen schließen lassen. Als solche sind sie für die Wissenschaft unentbehrliche „Urkunden der Erdgeschichte", aus denen sich die Entwicklung unserer Erde und ihrer Lebewesen und Pflanzen nachweisen und deren Aussehen vorstellen, wenn nicht gar rekonstruieren lässt. Die Wissenschaft begnügt sich deshalb nicht mit den Begriffen „Stein" und „Versteinerung", sie unterscheidet nach Mineralien mit kristallischem Formenbau, Gestein, das sich aus mehreren Mineralien von ungleicher Form zusammensetzt und Steinkernen, die sich durch Auflösen der in Gesteinen eingeschlossenen versteinerten Tiere oder Pflanzen bilden.
Aufschlussreich war auch die Beweisführung, in welchem Maße falsch analysierte Funde die Fossilien zur Sagenbildung haben beitragen lassen. So wurde einst der versteinerte Knochen eines Mammuts zum Sinnbild eines in der Sintflut umgekommenen „Riesensünders".
Zur Frage der Fossilien-Entstehung sagten die sehr instruktiven Lichtbilder und die wissenschaftlichen Erläuterungen dazu klar verständlich aus, dass und wie abgestorbene Lebewesen und Pflanzen verhältnismäßig rasch durch Einbettung in Schlamm oder Sand von ihrer Umwelt abgeschlossen werden und allmählich sich in Versteinerungen verwandeln, die im Ergebnis systematischer Ausgrabungen unser Wissen von der Vergangenheit nicht nur auf Millionen von Jahren, sondern geradezu bis ins Unendliche erweitern. Auch das veranschaulichte der sehr beifällig aufgenommene Vortrag, wie mit Hilfe wissenschaftlicher Kleinarbeit die Voraussetzungen erarbeitet wurden, sich ein prähistorisches Erdkartenbild zu verschaffen und Klimakarten einer unvorstellbar weit zurückliegenden Vergangenheit anzufertigen.
Die positive Resonanz des außerordentlich anregenden Referats brachten die Dankesworte des Vereinsvorsitzenden Eckerlein in dem Entschluss des Thüringerwald-Vereins zum Ausdruck, während der Wintermonate dem Naturwissenschaftlichen Museum wieder einmal einen Studienbesuch abzustatten.
 

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