Kulturprogramm in Gotha

Ziel der disjährigen Fahrt mit kulturellem Programm war diesmal jene Stadt in Thüringen, die so oft zusammen mit Coburg genannt wird: Gotha. Der Erfolg der letztjährigen Fahrt nach Sonneberg, Schwarzburg und Großkochberg hatte uns zu einer „Neuauflage“ unter der Leitung von Dr. Harald Bachmann und Wilhelm Bauer bewogen. Der Bus war voll besetzt, als wir um 8 Uhr starteten.

Bald war die Landesgrenze Bayern-Thüringen erreicht, und hier setzte Dr. Bachmann in seiner unnachahmlichen Art mit den Erklärungen ein. Das „Doppelherzogtum“ Sachsen – Coburg und Gotha besteht in dieser Form ja erst seit 1826, seit der letzten Neuordnung der ernestinischen Fürstentümer. Die Beziehungen reichen aber geschichtlich viel weiter zurück.

Gotha ist allerdings historisch wesentlich älter als Coburg und wird bereits 775 urkundlich als „Gotaha“ erwähnt. Schon unter den Landgrafen von Thüringen bestand dort ein befestigter Platz mit Residenz. Im 13. Jhdt. Übergang an die Wettiner als Landesherren und Ausbau der Befestigung des Schloßberges als „Burg Grimmenstein“.  Wegen Fehlens größerer natürlicher Gewässer damals schon im 14. Jhdt. Anlage eines Kanals zur Wasserversorgung. Gotha lag verkehrsgünstig an der Kreuzung mehrerer wichtiger Fernhandelsstraßen. Im Jahre 1485 die „wettinische Landesteilung“ in die ernestinische und die albertinische Linie. Dann 1547 die „Wittenberger Kapitulation“ mit Verlust der Kurwürde an die „Albertiner“ und Gebietsverluste. DerVersuch  von Johann Friedrich „dem Mittleren“,das  verlorene zurückzugewinnen, endete in einer Katastrophe („Grumbachsche Händel“) 1567 Besetzung der Festung „Grimmenstein“ und lebenslängliche Haft für den Herzog. Die Festung wurde geschleift. Teilung des verbliebenen Herrschaftsgebietes, es entstand u. a. das Herzogtum Coburg.

Ab 1640 wird Gotha wieder Residenz und bleibt es bis 1918; zunächst „Sachsen-Gotha“, dann ab 1672 „Sachsen-Gotha-Altenburg“, ab 1826 „Sachsen-Coburg und Gotha“. Erster Herzog und Begründer einer neuen Linie war Ernst „der Fromme“ (1601 – 1675). Ab 1643 wurde das neue Schloss erbaut, Name nun „Friedenstein“.

Gotha wurde auch wichtiger  Industrie- und Wirtschaftsstandort; ab 1757 Porzellanherstellung,  1785 Perthes-Verlag, 1820 „Gothaer Versicherung“, 1883; „Gothaer Waggonfabrik“ (einschl. Flugzeugbau!). Wichtig für die deutsche Geschichte war auch die Vereinigung der beiden deutschen im 19. Jhdt. entstandenen Arbeiterbewegungen,  des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins“ („Lasallianer“) unter dem damaligen Führer Wilhelm Hasenclever und der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei “(damals nach dem Ort der Gründung auch “Eisenacher” genannt)  unter August Bebel in Gotha, Gesellschaftshaus “Tivoli“ vom 22. bis 27. Mai 19875. Der damals regierende Herzog Ernst II duldete dieses für die Geschichte der Arbeiterbewegung so wichtige Ereignis in seinem Land, zum Verdruss Bismarcks.

Übrigens: genau 100,00 km beträgt die Entfernung zwischen Coburg und Gotha lt. „Google-Earth-Route“. Ohne nähere Ortsangaben nimmt das Programm den Startpunkt in Coburgs Steingasse und das Ziel in Gothas Bürgeraue an.

Am Vormittag trafen wir in Gotha ein und wurden von Matthias Wenzel empfangen. Matthias Wenzel setzte und setzt sich in vorbildlicher Weise in seiner Heimatstadt Gotha für den Erhalt der historischen Altstadt und der geschichtlichen Denkmäler ein, mag es sich nun um Schloss Friedenstein oder den “Tivoli” handeln.

Im Bild links: Matthias Wenzel, Gotha, daneben Dr. Harald Bachmann, Coburg

 

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Schloss Friedenstein war nicht weit, erstes Ziel war das “Ekhof-Theater”, erbaut 1774-1775. Es ist in der weitgehend orginalen Ausstattung erhalten, einschl. Bühnentechnik, Kulissen etc. (außer natürlich der Beleuchtungsanlage). Es wird noch heute bespielt, derzeit wird ein Bühnenwerk gezeigt, dass von niemand anderem als Herzog Ernst II verfasst wurde, die Oper “Santa Chiara”. Gerade um 11 Uhr an diesem Tag stand ein Konzert an, und die Besichtigung musste vorher noch “über die Bühne” gehen. n.

Im Innenhof von Schloss Friedensstein zeigt sich für uns:

Schloss Friedensstein bei Gotha ist die grösste frühbarocke Schlossanlage  Deutschlands mit Wohn- und Repräsentationsräumen im Stil des Barock,  Rokoko und Klassizismus. Sie beherbergt das Schlossmuseum mit wertvollen kunst- und kulturgeschichtlichen Sammlungen sowie das Museum für  Regionalgeschichte mit dem  ältesten erhaltenen Barocktheater der Welt.  Das Schloss ist zugleich Sitz der Forschungs-und Landesbibliothek Gotha  und des Thüriningischen Staatsarchivs Gotha. (zitiert nach  “Stiftung Schloss Friedensstein Gotha”.
 

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Das Schlossmuseum verfügt über eine beachtliche Sammlung altdeutscher Tafelmalerei und Schnitzkunst, wie dieser Flügelaltar. Dieser ist mehrfach geteilt (“Polyptichen”)  und daher variierbar je nach kirchlichem Fest usw. Häufig wurden in der Vergangenheit solche Altäre aufgeteilt und die Bestandteile sind heute an verschiedenen Standorten. Auch hier - “Gothaer Tafelaltar” - fehlen offenbar Pedrella und Gesprenge. Es soll sich mit 160 Bildern das umfangreichste dieser Art handeln, Württemberg um 1450.

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Unsere Gruppe im Thron- und Festsaal, Innenausstattung zwischen 1687 und 1697 durch Gebr. Rust (Dehio). Unter den zahlreichen Wappen auch die sog. Anspruchswappen der Länder Jülich-Cleve-Berg - siehe interner link  Jülich - Cleve - Berg. Die Wettiner erhoben Anspruch auf eine bedeutende Ländergruppe am Niederrhein, blieben allerdings außer dem Titularrecht erfolglos, es obsiegten 1610 Hohenzollern und Wittelsbacher. 

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Einen Eindruck von der gewaltigen Größe  des Schlosses  bekommt auch, wer die schier endlos langen Gänge des Museums entlanggeht, von Kostbarkeit zu Kostbarkeit. Nach den altdeutschen Gemälden mehrere prunkvoll möblierte und eingerichtete Räume, unter anderen mit auch in Coburg bekannten Herrscherporträts.  Endlich gelangten wir in den grossen Fest- und Thronsaal, etwa dem „Riesensaal“ in der Ehrenburg zu vergleichen. Der nächste Höhepunkt war die Schatzkammer, wir bestaunten goldene Kleinodien hinter dickem Panzerglas.

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Endlich gelangten wir wieder in’s Freie und an eine Gedenktafel für einen Wehrmachtsoffizier, der 1945, in den letzten Kriegstagen, die Verantwortung für die Kapitulation gegenüber den anrückenden US-Truppen übernommen hatte und dafür hingerichtet wurde.

In stilvollem Rahmen - das „Pagenhaus“ unmittelbar beim Schloss - speisten wir vorzüglich zu Mittag.

Dann ging es wieder hinaus in die pralle Sonne. Ein kurzer Blick auf  Marktplatz und Altstadt. Akzente setzte hier der Anblick einer nicht mehr ganz jungen Dame in goldenen Leggings. Nun führte uns Matthias Wenzel ein Stück weit durch die recht ausgedehnten Parkanlagen bis zu einer Stelle, wo wir einen eindrucksvollen Blick über den Orangeriegarten geniessen konnten. Allein in dieser Gartenanlage hätten wir Stunden verweilen können.  Diese Parkanlage im Übergang vom Barock-Garten zum Landschaftspark wird eingerahmt von monumentalen  Gewächshäusern und dem Schloss Friedrichsthal. Die Anlage des Gother „ Orangeriegartens“  geht auf Planungen von Gottfried Heinrich Krohne (1703 - 1756) zurück. Dieser Baumeister ist in Franken umstritten , wirft man ihm doch vor, als örtlicher Bauleiter der Wallfahrtsbasilika „Vierzehnheiligen“ die Pläne von Balthasar Neumann eigenmächtig verändert  und somit beinahe diese geniale Schöpfung entwertet zu haben. Ich erinnere an einen Vortrag von Herrn Dr. Folger aus Bamberg. Eigentlich verantwortlich dürften jedoch Differenzen zwischen Fürstbischof und Abt gewesen sein (so „Dehio“), jedenfalls war Krohne keineswegs ein Stümper. Immerhin stammt  von ihm das Konventsgebäude in Vierzehnheiligen.  Der „Orangeriegarten“  von Gotha ist jedenfalls eine Anlage, die weit und breit gleichwertiges sucht - wird fortgesetzt.