Aus „Das Farnkraut“ Nr. 4/1985

 Nachtrag zum großen Wimpel-Wanderbericht.

 Hermannsweg-Wittekindsweg-Lulluspfad-Brüder-Grimm-Weg

 All diese Wanderwege hat unsere Wimpelgruppe zumindest auf Teilstrecken durchschritten. Die Namenswahl zeigt, daß unsere Verbandsvereine auch Kultur und Geschichte in ihre Arbeit einbeziehen. So soll erreicht werden, daß wir uns mit den genannten Persönlichkeiten näher beschäftigen. Hermann der Cherusker, Wittekind, die Brüder Grimm kennt man oder glaubt es doch. Wer aber mag wohl Lullus gewesen sein?

Die geschichtlich älteste und wohl auch bekannteste Person war Hermann. Die Woge der Begeisterung im 19. Jahrhundert für ein einiges Deutschland machte ihn zu einem Nationalheros, zu dem Einiger Germaniens, Zeugnis für diese Einschätzung ist das bekannte Denkmal auf der Höhe des Teutoburger Waldes bei Detmold, welches unsere Wimpelwanderer ja auch besucht haben. Die Historiker sehen es etwas nüchterner. Hermann war ein Heerführer der Cherusker, eines Germanenstammes, der um die Zeitenwende im Weser-Ems-Gebiet siedelte. Zur Abwehr der römischen Expansion vom Rhein zur Elbe bemühte sich Hermann um Verbündete unter den Nachbarstämmen. Seine militärischen Fähigkeiten hatte er in römischen Diensten erworben und es als Arminius zum römischen Bürger und Ritter gebracht. Bei seinen Stammesgenossen war Hermann nicht unumstritten, er hatte Feinde. Die ursprünglich freundschaftlichen Beziehungen des Hermann zu den Römern änderten sich unter dem Statthalter Varus. Hermann beschloß, den Plan der Römer zu vereiteln, das Land zwischen Rhein und Elbe als „Sicherheitszone" zu besetzen. Durch List lockte er Varus mit seinen drei Legionen - immerhin 20 000 Mann - in ein für die Römer unvorteilhaftes Gelände. Wo die berühmte Schlacht im „Teutoburger Wald" im Jahre 9 nun stattgefunden hat, ist noch immer ungeklärt. Es ist noch nicht einmal sicher, daß der römische Geschichtsschreiber Tacitus wirklich das meinte, was wir heute als „Teutoburger Wald" bezeichnen. Trotz dieses welthistorisch bedeutsamen Sieges blieb Hermann im eigenen Lager nicht unangefochten. Schon gar nicht erkannten ihn andere Stämme etwa als Führer an, die Markomannen unter Marbod bekämpften ihn sogar. Schließlich wurde Hermann im Jahre 21 von eigenen Stammesgenossen ermordet.

 Auch Wittekind oder Widukind wollte einen von Westen kommenden Eroberer aufhalten.

 Diesmal war es Karl der Große. Wittekind war ein westfälischer Adeliger (nicht Herzog) im 8. Jahrhundert. Westfalen gehörte damals zum Sachsenreich, das vom Emsland bis zur Elbe reichte. Ab 773 begann Karl der Große, die Sachsen zu unterwerfen. Bald hatte er einen Großteil der Adeligen auf seiner Seite. Wittekind stellte sich 778 an die Spitze eines Volksaufstandes. Nach Anfangserfolgen wurden die Aufständischen von fränkischen Vorkommandos, unterstützt durch die mit Karl verbündeten einheimischen Adeligen, niedergeworfen. In Verden an der Aller hielt Karl ein furchtbares Strafgericht, 4500 der Freiheitskämpfer sollen hingerichtet worden sein. Mehr noch: Durch Zwangsumsiedlung der Bevölkerung sollten die Sachsen befriedet werden, fränkische Ortsnamen mit „...Sachsen, ...sassen" künden heute noch davon. Ab 783 loderten neue Aufstände, im Winter 784/85 verwüsteten die Franken das Land. Schließlich gab Wittekind auf und trat zum Christentum über.

 Weniger blutig verlief das Leben des Lullus. Er war ein Kirchenführer im 8. Jahrhundert. Wie Bonifatius, der Apostel der Deutschen, stammt er von der Britischen Insel. Über Rom kam er nach Deutschland und schloß sich alsbald dem Bonifatius an, wurde dessen Schüler, als Erzbischof von Mainz auch dessen Nachfolger. Zeitweilig auch Abt in Fulda, gründete er das Kloster Hersfeld, wo er 786 starb. Seine Zeitgenossen rühmten seine Frömmigkeit und Gelehrsamkeit.

Die Brüder Grimm - genauer: Wilhelm (1786-1859) und Jacob (1785-1863) Grimm - wer denkt da nicht zuerst an die „Kinder- und Hausmärchen", eines der am weitesten verbreiteten Bücher deutscher Sprache. Aber auch als Sprachforscher (Deutsche Grammatik, Deutsches Wörterbuch) haben die beiden Hervorragendes geleistet. Ihr ganzes Leben über hielten die Brüder eng zusammen, nur der jüngere, Wilhelm, heiratete. Ihr Eintreten für die gültige Verfassung brachte sie in Konflikt mit ihrem Landesfürsten, beide Brüder fanden sich unter den „Göttinger Sieben" (Professoren), welche 1837 öffentlich protestierten, als der neue englisch-hannoveranische König die Verfassung aufhob.

 Nicht zuletzt in ihrem Heimatland Hessen haben die Brüder Grimm ihre weltberühmt gewordenen Märchen aufgezeichnet, dem erzählen-

den Volk abgelauscht, was nicht heißt, daß die Wiedergabe wörtlich ist. Doch strenger als andere Märchensammler hielten sie sich an das Original, versuchten nur, aus vielen Versionen und Abweichungen die ursprüngliche Form zu finden. Das weitaus meiste des gewaltigen Stoffes war nur mündlich überliefert. Im Jahre 1812 erschien der erste, 1815 der zweite Band. Immer wieder wurden die Bände von den Verfassern selbst neu überarbeitet.

 Dem heutigen Leser - und wohl gerade ihm mehr als früheren Generationen - teilt sich der Geist jener Epoche mit, welche wir die Romantik nennen. Verstärkt wird dieses Empfinden noch durch die den heutigen Drucken glücklicherweise oft beigegebenen zeitgenössischen Illustrationen, insbesondere von Ludwig Richter. Grimms Märchen auch heute eine Lektüre - nicht nur für Kinder.

 Quellen: Biographisches Lexikon zur deutschen Geschichte, Allgemeine Deutsche Biographie u. a.

 Der Hermannsweg verläuft auf dem Kamm des Teutoburger Waldes, der Wittekindsweg auf dem Wiehengebirge, der Lulluspfad im Kellerwald bei Schwalmstadt und der zur Zeit angelegte Brüder-Grimm-Weg ebenfalls im Schwalmgebiet.

 Die Beschäftigung mit der Geschichte gibt uns immer wieder hinreichend Stoff, um nachzudenken.                                                 

- hdb -

Nachtrag: Viele Quellen stehen heute “online” zur Verfügung, z. B. die Deutsche Biographie. Damals musste ich mich natürlich noch in die Landesbibiliothek begeben.