Theodor H e u s s :

Ermunterung der Jugend zum Wandern und Schauen

In seiner Eigenschaft als Präsident der „Arbeitsgemeinschaft deutscher Heimat-, Wander- und Naturschutzbünde" hat auch Professor Theodor Heuss Kenntnis erhalten von der Aufgabe, die sich der Thüringerwald-Verein mit seiner neuen Zeitschrift stellt. Zwar hat der im 80. Lebensjahr stehende Altbundespräsident dem Thüringerwald-Verein am 5. März d. Js. geschrieben, er habe es sich, „um noch ein paar alte literarische Pläne durchführen zu können, ganz einfach in einer Art von Notwehr zum Gesetz gemacht, keinerlei neue publizistische Verpflichtungen einzugehen." Er spricht gleichzeitig dankbar eine Erinnerung an, welche die Nachricht aus Coburg in ihm geweckt hat: „Es war im Jahre 1902 - also über 60 Jahre her - daß ich nach Abschluß der Gymnasialzeit ganz solo Thüringen und dann den Harz durchwanderte - aber wie hat sich die Welt seitdem verändert ..."

Wie er schon in seinem Buch „Von Ort zu Ort", das mit Wort und Stift gezeichnete Wanderbilder enthält, Zeugnis für ein waches, bildungsbegieriges Reisen ablegt und Freude an Naturbeobachtung, Heimatkunde, geschichtlichen Stätten und Landschaften weckt, so richtet Theodor Heuss auch im nachstehenden Beitrag ein mahnendes Wort vor allem an alle jungen Menschen, das Wandern durch ein zusätzliches Tun zu vertiefen, damit Geschautes und Erlebtes zum bleibenden inneren Besitz wird.

Es hat wohl seit den achtziger Jahren Vereine gegeben, die sich der Landschaftspflege im begrenzten Bezirk widmeten, Wegmarkierungen, Schutzhütten errichteten und dergleichen; die eigentliche Neuentdeckung der größeren Heimat erfolgte recht eigentlich im ersten Jahrzehnt nach 1900 durch die „Jugendbewegung", Ausbruch aus dem „steinernen Meer" der Großstadt, Aufbruch in die grüne Welt, zu den Hügeln und Tälern der Einsamkeit.

Ich habe, fast seltsamerweise, keiner dieser Gruppen, die das Herumstreifen schon in ihren Benennungen ankündigten, „Wandervogel", „Pfadfinder", angehört. Ich stand schon mit einundzwanzig Jahren im Beruf, und was ich mir da ersparen konnte, nutzte ich Jahr um Jahr, bis zum Ersten Weltkrieg, 1914, zu einer „Bildungsreise" ins Ausland. Aber ich konnte mir damals sagen (und heute noch): du hattest ja die Ziele dieser jungen Entdecker fast alle schon gesehen. Von 1894, da ich zehn Jahre alt war, bis 1902, da ich die Schule verließ, habe ich mit dem Vater und Geschwistern fast alle deutschen Mittelgebirge durchwandert, 1901 den Rhein und seine Nebentäler von Mainz bis Köln kennengelernt, 1902 ganz allein Thüringen und den Harz absolviert, es wurde so brav gezeichnet wie schlecht gedichtet, in der Mittellage auch wacker gesungen — will ich damit renommieren? Das bis heute für mich Rührende, daß über alle die Wanderfahrten der Kindheit und Jugend „Reisebeschreibungen" als Weihnachtsdank an die Eltern verfaßt wurden, Stöße von Heften, zum Teil „illustriert", heute gelegentlich Wegweiser in alter alte Vergangenheit.Damals gab es noch keine „Jugendherbergen" oder gar „Campingplätze", aber immerhin Kammern in Dorfgasthöfen und Handwerksburschen auf den größeren Straßen, die nicht recht wußten, was sie. mit uns anzufangen hatten, es gab in den Kleinstädten Bürger, die einen zu ihrem Stammtisch heranholten.

Auch die Anekdote findet sich ein, doch muß man dazu alt geworden sein.
 

Wie war es denn, als du ehedem hier gewesen? Schön, daß das so blieb, wie es in deinem Bewußtsein noch lebt! Schrecklich, daß der sinnlose Krieg auch dieses Straßenbild heimsuchte! Ach, das „Wandern" ist, bei mir, Vergangenheit, es schrumpfte zu „Ausflügen", jetzt reicht es noch zu „Spaziergängen". Doch sucht man diese Stätte noch auf.
Bei einer Fahrt der letzten Jahre kam es zur Einkehr in einen dörflichen Gasthof. Ich sagte zu dem freundlichen Wirt: „Mir ist so, als ob ich hier zum erstenmal in einem ,fremden Bett' geschlafen hätte, als zehnjähriger Bub." Wir lachten über die Vermutung. Am anderen Tag vergnügter Telefonruf: Doch, es stimmte, im „Fremdenbuch" des Jahres 1894, das noch von den Großeltern der Frau .stammte, hatte er den Eintrag meines Vaters gefunden!
Lohnt es sich denn, diese Geschichte zu erwähnen, statt davon noch zu erzählen, wie man im Rucksack einige seltsame Steine herumschleppte, daß sie die Sammlung ergänzen, daß dies ein Geschenk an das Gedächtnis blieb: in der pfälzischen Hardt der ungeheure Eindruck auf die junge Seele, wie der Weg gesperrt war durch den Windbruch, der, in seiner Grenze sichtbar, die starken Stämme eines Hochwaldes niedergeworfen hatte, die erste Begegnung mit einem Hirschrudel bei Waldleiningen im Odenwald. Ach, das könnte so weitergehen.
Mir •wäre es lieb, wenn diese Plauderei eines späten Abends doch als die recht unpedantische Ermunterung begriffen werde an junge Menschen, auch in dieser verwandelten Welt, draußen in der Natur wie in den Spuren der Geschichte, aus freiem Willen sich Stücke des Erlebens, auch des bescheidenen, zu sammeln, die in der Stille des Alters wie der Nachklang einer Lebensmelodie nur ihm gehören.
 

[home]