Aus: Zitat aus: Johannes Proelß: „Scheffel, ein Dichterleben“, 1902 ; entnommen

 

Was seine eigene Seele empfand beim Nadelduftanhauch des Thüringer Waldes, beim Beschreiten des Rennstiegs, beim Verweilen am Grabmal des Landgrafen Ludwig, es quoll auf zum Lied, und verschmolz sich bei der Gestaltung mit der Ausdrucksweise und Empfindungsart der Personen, denen er ähnliche Situationen nachempfand. So ist ein Teil der Liederzyklen »Wolfram von Eschenbach«, »Reinmar der Alte«, »Biterolf«, »Der Vogt von Tenneberg« in »Frau Aventiure« (s. Bd. 6) entstanden. Sein eigenes Leben glich jetzt dem eines von Fürstenhof zu Fürstenhof ziehenden Sängers der Vorzeit. Was er den die Stiraburg verlassenden, die Wartburg aufsuchenden Ofterdinger als Abschiedsgruß in den Mund legte, war seit er den Fürstenbergischen Hof in Donaueschingen verlassen, sein eigen Empfinden.

Eine lange, seiner Gesundheit gar heilsame Station machte er im »Land der Franken« beim Gastwirt Schooner auf Schloß Banz, der einstigen Benediktinerabtei des Mainlands.

Den fahrenden Schülern, jenem lebensfrischen Element, das im Zeitalter der Hohenstaufen eine vermittelnde Rolle zwischen der lateinischen Klosterwissenschaft und der nach Frankreich schielenden höfischen Kunstpflege gebildet hatte, war in der Wartburgdichtung eine bedeutsame Rolle zugedacht. Die alten Freunde seiner Jugendträume sollten ihr lustiges Tirilieren, ihre weltfrohen Spottlieder auch in das Hoflager des Landgrafen Hermann hineinklingen lassen. Der Zyklus » Exodus cantorum. Bambergischer  Domchorknaben Sängerfahrt«, dessen erste Nummer »Nun treibt der Frühling Blatt um Blatt und füllt die Welt mit Wonnen« ein beliebtes Studentenlied wurde, entsproßte dieser Absicht. (S. Bd. 6, Frau Aventiure.)

In Donaueschingen war ihm der von Schmeller herausgegebene Band alter lateinisch-deutscher Schülerlieder, der Carmina burana, zur Lieblingslektüre geworden. Aus der Seele eines fahrenden Scholaren des Mittelalters jubelte er in fröhlichster Wanderlust und im Gedenken an die Tage, da er als Student mit Braun und Stetten durchs Frankenland nach Thüringen gezogen, beim Besuch des Staffelbergs am Main sein unsterbliches »Wanderlied« in die Lüfte, das seitdem Millionen von Wanderern lustbeschwingt ihm nachgesungen haben: »Wohlauf, die Luft geht frisch und rein, Wer lange sitzt, muß rosten!« (S. Bd. 6, Gaudeamus.)

Auf Schloß Banz, das einem Mitglied des bayrischen Königshauses gehörte, empfing er auch die Anregung zu dem »Waldpsalm« und dem humorvollen Genesungsgedicht vom Kampf mit den Mücken des Mönchs Nikodemus, sowie durch die Riesensaurier, die im dortigen Lias beim Bau einer Straße einst ausgegraben wurden, das Motiv zu dem »Bericht vom Meerdrachen« eben dieses Mönches. (S. Frau Aventiure.) Da konnte sich seine Phantasie zum Besten des »Engeren« wieder einmal in der »Saurierei« erlustieren. Anfang September zog er dann endlich auf der Wartburg ein, wo er bis in den November Gast des ihm sehr huldvollen Burgherrn blieb. In das Gastalbum trug er hier, wo er auch von seiten der Großherzogin Sophie freundliche Aufmunterung erfuhr, bald nach der Ankunft das stimmungsschöne Gedicht »Wartburg-Dämmerung« und vor dem Aufbruch das in »Frau Aventiure« »Wartburg-Abschied« benannte Gedicht ein. Das stimmungsvolle lyrische Kulturbild »Wolfram von Eschenbach dem Landgrafen Hermann den Parzival überreichend« versetzt uns auch auf die Wartburg.