Aus „Das Farnkraut“ Nr. 4/1973

 Eine erstaunliche Bandbreite erreichten immer wieder die Vortragsabende (Waldabende) beim Thüringerwald-Verein Coburg. Aus seinen Reihen war auch ein ganz besonderer Referent, nämlich „Lektor“ Martin Kuhn von der heute fast schon vergessenen „Ordensgemeinschaft von den heiligen Engeln“ im Kloster Banz. Diese hatte das Kloster von 1933 bis zum Verkauf an die „Hanns-Seidel-Stiftung“ inne. Martin Kuhn behandelte ein Randthema der Geschichte, nämlich das sog. Lateinische Kaiserreich im heutigen Griechenland und auch im heutigen Istanbul. Die Sichtweise eines römisch-katholischen Ordensgeistlichen mag wohl anders sein als die der damaligen griechischen Untertanen. Martin Kuhn verdanken wir auch Beiträge im „Farnkraut“ sowie Vorträge an den Waldabenden.

 Auf der Suche nach dem Lateinischen Kaiserreich in der Ägäis

 Dass der Thüringerwald-Verein nicht nur Heimatpflege betreibt, sondern auch eine Reise in die Vergangenheit unternimmt, bewies der Vortrag von Lektor Martin Kuhn beim September-Waldabend. In seinen einleitenden Worten betonte er auch scherzhaft, dass er nur einmal im Jahr erträglich sei.

Alles, was wir auf der Reise sahen, habe seine Wurzeln in Thüringen. Angefangen hatte alles in Mühlhausen. Dort nämlich wurde Heinrich VI., Kaiser in Sizilien, geboren[1]. Nach seinem Tod wurde dann Philipp[2] in Mainz gekrönt. Er ist eigentlich „schuld daran“, dass wir heute noch fränkische Burgen in der Ägäis finden mit Zisternen, Zinnen und allem, was sonst noch dazu gehört.

 Philipp hatte ein Eheweib aus Byzanz, Maria Irene[3], Prinzessin auf dem Kaiserstuhl von Ostrom. Eines Tages kam die Kunde ins Abendland, dass man dem Vater[4] von Maria Irene in Konstantinopel die Augen ausgestochen hat[5]. Da die wackeren Ritter sowieso schon einen Kreuzzug gen Osten vorhatten, entschlössen sie sich im Jahre 1202 zu einem Abstecher nach Byzanz, um den »Augenstecher« einer gerechten Strafe zuzuführen.

Vorher versammelten sie sich allerdings noch in Venedig. Von dort aus übernahmen der 94jährige Enrico Dandalo, venezianischer Doge, und Bonifatio von Monte Ferrat, die Führung des IV. Kreuzzuges. Nach der Überwinterung zogen im Jahre 1203 die tapferen Kreuzritter entlang der dalmatischen Küste nach Korfu.

Am 17. Juli 1203 gelang den Kreuzrittern der Einfall in die Festungsanlagen Konstantinopels. Der »Augenstecher« floh vor seinen Richtern und Alexius[6], der Sohn des Geblendeten, wurde als Kaiser eingesetzt.

 Er wurde aber bald entthront, so dass die Kreuzritter wieder eingreifen mussten und Balduin[7] als ersten Lateinischen Kaiser auf den römischen Thron setzten. Ihm folgten bis 1261 zwölf Kaiser. Anschließend ging die Reise mit Pater Kuhn weiter auf dem Peleponnes und auf die Kykladen mit ihrem Hauptsitz Naxos. Hier konnten zahlreiche Burgen fränkischen Ursprungs betrachtet werden. Die fränkischen Herzöge von Athen fanden im Begräbniskloster von Dafni 1204 bis 1300 ihre Ruhestätte. In Naxos endete mit einem Sonnenuntergang die historische Reise.

Renate Haenel

 


[1] Heinrich VI von Staufen; 1165 – 1197; lt. WIKIPEDIA Geburtsort allerdings Njmwegen

[2] Philipp von Schwaben, 1177 – 1208 (ab 1198 deutscher König; ermordet in der Bamberger Hofhaltung);

[3] „Irene von Byzanz“; 1180 - 1208

[4] Isaak II Angelos; 1155 – 1204;  Kaiser von Byzanz von 1185 - 1195

[5] Durch Alexios III; Kaiser von Byzanz von 1195 - 1203

[6] Alexios IV, Kaiser von 1203 - 1204

[7] Balduin I; der erste „lateinische Kaiser“ von Byzanz; 1204 – 126 (?)

 Alle historischen Daten des Bearbeiters lt. „WIKIPEDIA“, downl. 04/12