Aus „Das Farnkraut“ Nr. 1/1978, unsigniert

 

 

 

Germanische Siedlergruppen im Coburger Land

 

Die Vielseitigkeit der Interessen beim Thüringerwald-Verein Coburg zeigt sich aus dem folgenden Artikel, abgedruckt in Nr. 1/1978. Die damals neuen Erkenntnisse sind später in die lokalgeschichtlichen Standardwerke eingegangen, z. B. von Walter Schneier.Dieser verweist im Abschnitt „Das Ende des Thüringer Reiches“ auf Siedlungsspuren in Unterlauter und Gauerstadt.

 

 

Auszugsweise Zitate:

 

Bedeutsame Funde bei Probeuntersuchungen und Rettungsgrabungen gemacht

 

Bei Probeuntersuchungen nahe Gauerstadt und bei Rettungsgrabungen im Bereich der „Zent“ (Gothaer Straße) in Unterlauter konnten neben anderen Belegen der Vor- und Frühgeschichte erstmalig für das Coburger Land germanische Siedlungsspuren nachgewiesen werden. Werner Schönweiß, Coburgs Vertrauensmann für das Landesamt für Denkmalpflege, berichtet, daß diese Funde nicht nur für die Landschaft um Coburg eine Besonderheit darstellen, sondern gleichsam für die Frühgeschichtsforschung in ganz Nordbayern von höchster Bedeutung sind.

 

Die Funde von Gauerstadt und Unterlauter bestehen aus Gefäßresten — zerbrochenen Tongefäßen —, die jeweils an den beiden Fundorten aus dunkel verfärbten Abfallgruben stammen. Diese sogenannten Abfallgruben sind eine ständig wiederkehrende Begleiterscheinung bei Siedlungen der Vor- und Frühgeschichte. Neben Spuren von Holzpfählen — diese konnten bei Gauerstadt beobachtet werden — sind aus so frühen Zeiten oft nicht mehr als dunkel verfärbte Grubengrundrisse festzustellen, woraus der Fachmann nicht selten ganze Wohnanlagen zu rekonstruieren vermag.

Nach den Beobachtungen im Gelände muß demnach für diese beiden Fundstellen zumindest an jeweils ein Gebäude zu denken sein, das schließlich auch den Nachweis einer germanischen Siedlung aus Zeiten des  2. Jahrhunderts liefert.

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 Das Siedlungsgelände links der Rodach bei Gauerstadt — mit Ausblick auf die Gleichberge im Westen — war aber auch schon in viel früherer Zeit ein gern besuchtes Siedlungsgelände. Bei Probeuntersuchungen fand man hier ältere Inventare als die des 2. bis 3. Jahrhunderts. Ebenfalls eine sehr wichtige Entdeckung war das Vorkommen von Gerätschaften und Keramikscherben der sogenannten Rössener Kultur (einer jungsteinzeitli-chen Kulturgruppe um 3000 v. Chr.), die bis heute im nördlichen und östlichen Oberfranken überhaupt noch nicht bekannt war. Die nordöstlichsten Funde dieser Kultur in Bayern wurden — ebenfalls durch W. Schönweiß — im Räume Königshofen (Grabfeld) beobachtet.

 Die jungsteinzeitlichen Keramikreste aus drei kleineren Grubenkomplexen waren weit weniger gut erhalten als die der Germanen. Dennoch zeigen einige dieser Scherbenreste typische Zierelemente wie tiefgestochene Bänder und Felder und solche, nur der Rössener Kultur[1] eigene Verzierungen, die diese seltene Entwicklungsgruppe dokumentieren. Als Begleitfunde enthalten die Gruben darüber hinaus natürlich auch Steingeräte, Abfallmaterialien und zerbrochene, geschliffene Steinbeilfragmente. Besonders zwei aus Stein gearbeitete Bohrer sind dabei hervorzuheben.

 Noch ältere Scherbenfunde von der gleichen Stelle zeigen wiederum auf, daß die im Coburger Land so weit verbreiteten jungsteinzeitlichen Bandkeramiker auch hier, ebenso in Unterlauter, und wie schon früher durch Grabungen belegt, bei Zilgendorf eine Niederlassung gehabt haben. In Unterlauter ist es ein großes Dorfareal. In Gauerstadt sind es bis heute nur erst wenige Funde, die die Bandkeramik (um 4000 v. Chr.) ausweisen.

 Die beiden Siedlungsstellen bei Lautertal und Rodach dürfen als eine wesentliche Bereicherung für die Vor- und Frühgeschichtsforschung angesehen werden. Die Funde eröffnen eine völlig neue Perspektive der kontinuierlichen Siedlungsabfolge in der Frühzeit des Coburger Landes.


[1] Die Rössener Kultur ist eine mitteleuropäische Kultur der mittleren Jungsteinzeit (4500–4300 v. Chr.). Sie ist nach dem Gräberfeld von Rössen, Stadt Leuna, am Ostrand ihres Verbreitungsgebietes benannt. Der Begriff wurde 1900 von A.Götzeeingeführt, nach den seit 1882 in Rössen durchgeführten Grabungen. Funde der Rössener Kultur gibt es in 11 deutschen Bundesländern (mit Ausnahme des nördlichen Bereichs der Norddeutschen Tiefebene), aber auch in der Nordschweiz und Teilen Österreichs (Zitat WIKIPEDIA unter diesem Stichwort; downl. 10/12)