J. K. A. Musäus, ein Märchen-Literat aus Thüringen

Von H.D.Bürger

Märchen sind derzeit wieder „in“. Neue Verfilmungen, „Märchenquiz“ im Fernsehen zur besten Sendezeit. Ein enger Zusammenhang offensichtlich zu dem „Grimm“-Jubiläumsjahr 2012, 2013. Das Jahr 2012 deshalb, weil 1812 eine der Ausgaben von „Grimm’s Mächen“ erschienen ist.
Ich halte es aber für falsch, das Märchen auf die Gebrüder Grimm zu reduzieren. Auch andere Literaten haben sich hier betätigt, unter ihnen ein echter Thüringer: Johann Karl August Musäus, geboren am 29. März 1734 in Jena, verstorben am 28. Oktober 1787 in Weimar. Da waren die Gebrüder Grimm gerade erst geboren.

Historisch ist Musäus also mindestens eine Generation vor dem Gebrüdern Grimm einzuordnen:

Lebens- und Publikationsdaten

Musäus:                                                          1735 – 1787

Jacob Grimm                                                  1785 – 1863

Wilhelm Grimm                                             1786 – 1859

Erscheinung Volksmärchen der Deutschen:  1782 – 1788

Grimmsche Märchen                                             ab 1806

Nun nennt Musäus seine Publikationen „Volksmärchen der Deutschen“[1], während die Grimms ausdrücklich von „Kinder- und Hausmärchen“  [2] sprechen.

Berühmt wurde Musäus vor allem durch jenen Teil der „Volksmärchen“, die mit „Legenden von Rübezahl“ überschrieben sind.  Jeder Deutsche kennt Rübezahl, aber auch Polen und Tschechen („WIKIPEDIA“ downl. 02/13).  Allerdings hat Musäus diese Gestalt des „Rübezahl“ nicht erfunden.  Mindestens bis in die 2. Hälfte des 16. Jhdt. reicht die Tradition zurück, erstmals in Buchform niedergelegt durch Johannes Praetorius ab 1662.

Literarisch am wertvollsten ist aber zweifellos die Fassung von Musäus, auch wenn  Will-Erich Peuckert offenbar an ihn denkt, wenn er in seinem Buch „Schlesische Sagen“ von „kindischen Märchenbüchern“ spricht  (München 1989).

Die Sprache des Musäus ist nun keineswegs  die der Großmutter in der Spinnstube, ist auch nicht oder zumindest weniger für Kinder Bestimmt. Es ist die Sprache  eines gehobenen, gutbürgerlichen Salons des 19. Jhdt. Musäus‘ Texte sind allerdings gespickt mit Hinweisen und Zitaten, die wohl nur den Zeitgenossen verständlich waren. Die Handlung wird ausgeschmückt, insbesondere amouröse Beziehungen. Er fand schon bald einen Bearbeiter, nämlich immerhin Christoph Martin Wieland (1733 – 1813). Auch Musäus sammelte seine Märchenstoffe in der Bevölkerung so jedenfalls Zaunert a.a.O., und zwar an seinem Wohnort in Weimar. Wie Zaunert meint, ist er womöglich nie aus Thüringen herausgekommen.

Es gibt einen Märchenstoff, der  sowohl von den Grimms als auch von Musäus verarbeitet worden ist. Es ist eines der bekanntesten Märchen: „Sneewittchen“. Bei Musäus heißt diese Gestalt aber „Blanca“. Nur: überschrieben ist seine Erzählung mit „Richilde“. Das  aber ist der Name der Stiefmutter, die bei Musäus zur Hauptperson wird. Musäus nennt seine Werke „Volksmärchen“, literaturkritisch sind sie aber der Gattung „Kunstmärchen“ zuzuordnen.  Dies bedeutet ein größeres Ausmaß an dem, was hinzugedichtet, hinzuerfunden wurde und auch die differenziertere Betrachtungsweise der einzelnen Personen. Während bei Grimm die Stiefmutter einfach auftaucht und böse ist, hat Richilde bei Musäus eine lange Vorgeschichte. Sie beginnt bei der Ehe des nominellen Vaters Gunderich, Graf von Brabant.

Im Gegensatz zu Grimm ist die Handlung des Märchens örtlich und zeitlich zuzuordnen. Ort: die „Grafschaft Brabant“, also im heutigen Belgien. Auch zeitlich ist die Handlung abgrenzbar, denn  es tritt „Albertus Magnus“ auf. „Albertus Magnus“ lebte von etwa 1200 – 1280. Bei Musäus erschafft er den magischen Spiegel, zudem ist andeutungsweise zu erfahren, er sei der (illegtime) Vater der Richilde.

Die übrigen namentlich benannten Personen,  „Gunderich der Pfaffenfreund“, nomineller Vater der Richilde und Graf von Brabant, dann der Gemahl der Richilde, Graf Gombald von Löwen, sind wohl erfunden. Im 13. Jhdt. war Brabant Herzogtum, und die Grafschaft Löwen war darin aufgegangen. Auch dessen Wappenbeschreibung stimmt nicht mit dem historischen Wappen von Löwen (Leuven) überein.

Sehr differenziert auch die Charakterisierung der Richilde. Zunächst empfindet sie eine durchaus noch unschuldige Freude an der eigenen Schönheit. Dies ändert sich erst allmählich durch permanente Schmeicheleien von Höflingen und Verehrern. Ein Wendepunkt tritt ein, als Richilde vom magischen Spiegel den „schönsten Mann in Brabant“ zu erfahren begehrt. Darauf erscheint ein zunächst Unbekannter, der sich aber bald als „Graf Gombald von Löwen“ entpuppt, leider bereits verehelicht. Spätestens ab hier könnte es eine Neubearbeitung des 21. Jhdt. sein oder etwas vereinfacht die Vorlage zu einer „Seifenoper“. Bereitwillig trennt sich Gombald unter einem Vorwand von seiner Gemahlin,  lässt die Ehe sogar kirchlich annullieren. Die Gemahlin scheidet alsbald vor kummer dahin. Zuvor allerdings bringt sie Tochter Blanca zur Welt. Gombald und Richilde heiraten, Blanca, die Tochter aus erster Ehe wird in ein entlegenes Schloss gebracht,  steht unter der Obhut u.a. von Hofzwergen.  Im Laufe weiterer fünfzehn Jahre werden die Ehegatten Gombal und Richilde einander überdrüssig,  es könnte sich, wie gesagt, um eine ganz moderne Bearbeitung handeln.  Gombald begibt sich auf Kreuzzug, von dem er nicht heimkehrt. Immerhin haben diese fünfzehn Jahre ausgereicht, um die Tochter Blanca zur jugendlichen Schönheit heranwachsen zu lassen, und damit zur Rivalin von Richilde wird.

Nochmals zu den Orginal-Texten der „Spiegel-Befragung“

 Bei Grimm heißt es knapp:

  Sie hatte einen wunderbaren Spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie

'Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?'

so antwortete der Spiegel

'Frau Königin/Ihr seid die Schönste im Land.' Da war sie zufrieden, denn sie wußte, daß der Spiegel did Wahrheit sagte.

Sneewittchen aber wuchs heran und wurde immer schöner, und als es sieben Jahre alt war, war es so schön wie der klare Tag, und schöner als die Königin selbst. Als diese einmal ihren Spiegel fragte

'Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?'

so antwortete er

'Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier,

aber Sneewittchen ist tausendmal schöner als Ihr.'

Dieser knappe Text gibt denn natürlich der Phantasie des Leser/Hörers den entsprechenden weiten Raum.

Bei Musäus zunächst die erste Befragung:

Einem aufblühenden Mädchen, wes Standes und Würden sie sei, ist die Frage über ihre Wohl- oder Mißgestalt ein so wichtiges Problem, als einem orthodoxen Kirchenlehrer die Frage über die vier letzten Dinge. Daher war eben nicht zu verwundern, daß die schöne Richilde Lehr und Unterricht begehrte über eine Materie, die ihrer Wißbegierde so interessant war; und von wem konnte sie hierüber sichrere und ungezweif eitere Auskunft erwarten, als von ihrem unbestechlichen Freunde, dem Spiegel? Nach einiger Überlegung fand sie die Anfrage so gerecht und billig, daß sie kein Bedenken trug, solche an die Behörde gelangen zu lassen. Sie verschloß sich eines Tages in ihr Gemach, trat vor den magischen Spiegel und hob ihren Spruch an:

Spiegel blink, Spiegel blank,

Goldner Spiegel an der Wand,

Zeig mir an die schönste Dirn in Brabant.

Behend zog sie den seidenen Vorhang auf, blickte hinein und sah darinne mit großer Zufriedenheit ihre eigne Gestalt, welche ihr der Spiegel unbefragt schon gar oft gezeiget hatte. Darüber war sie hocherfreut in ihrer Seele, ihre Wangen färbten sich höher, und die Augen funkelten vor Vergnügen, aber ihr Herz wurde stolz und hoffärtig wie das Herz der Königin Vasthi. Die Lobsprüche über ihre Wohlgestalt, die sie vorher mit Bescheidenheit und sanftem Erröten angenommen hatte, begehrte sie nun als einen rechtmäßigen Tribut. Auf alle Jungfrauen des Landes sah sie mit Stolz und Verachtung herab, und wenn von ausländischen Fürstentöchtern die Rede war und irgendeine ihrer Schönheit wegen gepriesen wurde, fuhrs ihr durchs Herz, sie verzog den Mund und bekam Vapeurs. Die Höflinge, die bald die Schwachheit ihrer Gebieterin wahrnahmen, schmeichelten und heuchelten ihr aufs unverschämteste und medisierten über die ganze weibliche Welt, daß sie außer ihrer Herrschaft keiner Dame für einen Deut Ehre ließen, wenn sie im Rufe der Schönheit war. Selbst die berühmten Schönheiten der Vorwelt, die doch seit vielen hundert Jahren verblühet waren, wurden nicht verschont, und sie mußten sich auf das schärfste kritisieren lassen.

Bei Musäus wird die Stieftochter  Blanca im weiteren Verlauf der Handlung immerhin fünfzehn Jahre alt, ein bemerkenswerter Unterschied zu zu Grimm.  Mit sieben Jahren kann ein Mädchen wohl nicht ernsthaft zur sexuellen Rivalin werden, mit fünfzehn schon. Möglicherweise eine bewusste Verharmlosung, ein „kindgerechtes“ Ausschliessen jedeweden sexuellen Bezuges. Nun gibt es ja Deutungsversuche, die in der Figur „Stiefmutter“ eine Tarn-Bezeichnung für die leibliche Mutter sehen wollen.

Nun die Spiegel-Befragung mit dem negativen Ergebnis. Musäus schildert diese wie folgt. Seine Blanca ist, wie gesagt, inzwischen fünfzehn.

 Schauer und Entsetzen befiel sie, als der seidne Vorhang aufrauschte und eine fremde Gestalt ihr ins Auge fiel, schön wie eine Huldgöttin, der liebenswürdigste weibliche Engel voll sanfter Unschuld, aber das Bild hatte von ihr selbst keinen Zug. Es ist schwerlich zu entscheiden, ob hier zwischen Frag und Antwort nicht ein Mißverstand obwaltete. Die Gräfin nahm das Wort Weib vielleicht im engern Sinn und verlangte zu wissen, ob sie unter den Frauen ihrer Provinz, mit Ausschluß junger, aufblühender Mädchen, noch den Preis der Schönheit behaupte, der Genius des Spiegels aber gab dem Wort eine größere Ausdehnung und verstand darunter die ganze Flora des Geschlechts. Dem sei wie ihm wolle, die schöne Witwe geriet über die unerwartete Antwort auf ihre Frage in große Wut, und es fehlte wenig, daß sie den indiskreten Spiegel solches hätt entgelten lassen, und das hätte man ihr verzeihen müssen: denn für eine Dame, die kein anderes Talent als Schönheit empfangen hat, gibt es keine größere Kränkung als die, wenn der Wahrheitsfreund auf der Toilette den unwiederbringlichen Verlust des ganzen Wertes ihrer Existenz verkündet.

Dame Richilde, untröstlich über die gemachte Entdeckung, faßte gegen die unschuldige Schöne, die sich im Besitz ihres prätendierten Eigentums befand, einen tödlichen Haß, sie prägte sich das liebliche Madonnengesicht genau ins Gedächtnis, und forschte mit großem Fleiß nach der Inhaberin desselben.

 Ab hier verläuft die Handlung sehr ähnlich wie bei Grimm’s  „Sneewittchen“, die drei Mordanschläge, hier allerdings zunächst mit einem vergifteten Granat(!)apfel, dann mit vergifteten Seifenkugeln (!) und schließlich mit einem vergifteten Brief.

Bei Grimm ist von einem Königssohn als Retter die Rede, bei Musäus hat der Jüngling einen Namen: Graf Gottfried von Ardenne, angeblich Sohn „Teutebald des Wüterichs“. Für die Sünden des Vaters hatte dieser er Ablass beim Papst gebeten und eine hl. Reliquie erhalten.  Mit dieser erweckte er die schöne Tote zum Leben. Natürlich ist dies eine ironische Zutat des Autors Musäus, der eine durchaus distanzierte Haltung zur Kirche hatte.  Gerade bei den Ausführungen über das Fegefeuer lässt er seiner Ironie freien Lauf.

Einen Gottfried von Ardenne hat es wirklich gegeben, er wird 1033 als Herzog von Niederlothringen genannt (F.H. Ungewitter, Leipzig 1832). Dies stimmt also sogar räumlich-regional, nicht aber zeitlich. Musäus hätte dieses wissen können oder müssen, denn in Weimar hatte er als Gymnasialprofessor ganz sicher Zugang zu wissenschaftlichen Bibliotheken.  Der Name Teutebald  oder Theudebald ist historisch nachgewiesen, allerdings bereits im frühen Mittelalter als Frankenkönig – Merowinger („WIKIPEDIA“) oder auch als alemannischer Herzog (ebenfalls „WIKIPEDIA“); auch Felix Dahn in Allgemeine Deutsche Biographie u.a.

Nach zahlreichen literarischen Abschweifungen und Arabesken kam es schließlich zur Hochzeit. Auch Richilde musste die Tortur mit den glühenden Pantoffeln erleiden, überlebte dies aber und endete in Gefangenschaft.

Es überrascht nicht, dass der Thüringer Musäus zwei der bekanntesten Sagen Thüringens literarisch verarbeitet hat: in „Melechsala“  in erster Linie die des Grafen von Gleichen, darin verwoben auch die des Rosenwunders der Hl. Elisabeth.  Was etwa in der Sammlung „Das Nebelkloster“ von  Elisabeth Kumpf, Leipzig 1990, 4 kleinformatige Seiten füllt, war bei Musäus zweihundert Jahre früher auf fast 50 gewachsen.

Diese Sagenerzählung beginnt übrigens mit einer scharfen Kritik an den Kreuzzügen allgemein und an Papst Gregor IX im Besonderen.  Für Musäus waren die Kreuzzüge oder zumindest der 5. Kreuzzug , unter der Führung Kaiser Friedrichs II , lediglich ein Vorwand, um das damalige Deutsche Reich zu schwächen.  Nun bot dieser Papst natürlich ganz besondere Angriffsflächen als besonders eifriger Verfolger von Ketzern und so weiter.

Der Ursprung der bekannten Sage von Ernst (oder Ludwig?) von Gleichen ist eher unspektakulär: eine Grabplatte im Erfurter Dom, der einen Ritter sowie zwei Damen zeigt. Nur daraus machte die Phantasie eine Doppelehe. Wohl besonders die männliche Phantasie, geheimes aber weit verbreitetes Wunschdenken.

Es folgt dann die bekannte Erzählung von der Teilnahme des Grafen von Gleichen am Kreuzzug. Er gerät in Gefangenschaft und leistet Dienste für den Sultan von Ägypten. Dessen Tochter Melechsala verliebt sich in den Grafen aus dem Abendland, beide beschließen zu fliehen.  Der Papst genehmigte angeblich die Doppelehe, das weitere ist bekannt.

Örtlich genau zugeordnet ist die Erzählung „Die Entführung“. Sie spielt in Schloss Lauenstein an der Loquitz.

Er leistet sich in dieser Erzählung eine Dazu-Erfindung: angeblich stand demnach an der Stelle der uns allen Mantelburg ein Frauenkloster, welches in den Hussitenkriegen zerstört worden sei. Dies müsste also etwa 1420 geschehen sein.  Um diese Zeit aber stand längst der ältere, der sog. Orlamündeflügel dieser Burg. Musäus brauchte aber Nonnen-Gespenster für den weiteren Verlauf seiner amourösen Geschichte.

 


[1] Ausg. Paul Zaunert, Frankfurt (M) 1965 (“Büchergilde Gutenberg”, eine erfreulich bibliophile Ausgabe

[2] Ausg. Herta Klepl, München 1949

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