Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1976

-Bericht über eine Landesverbandstagung in Zapfendorf, dem Sitz des Rennsteigvereins e. V., dem Werner Ungelenk ebenfalls sehr verbunden war.

 

Erwandert die Geschichte Eurer Heimat!

Neue Akzente für das Wirken unserer Wandervereine als Kulturträger —

„Grünes Licht" für 1201 Kilometer Main-Donau-Wanderwege

 Hervorragendes aufgeboten und geleistet hat der heuer 80jährige Rennsteigverein als Gastgeber der diesjährigen Vertreterversammlung des Landesverbandes unserer bayerischen Wandervereine. Die Begegnung stand unter dem Leitthema „Erwandere die Geschichte Deiner Heimat!" Für das Wirken der Wandervereine als Kulturträger wurden bedeutsame Akzente gesetzt. Der Präsident des Landesverbandes, Staatssekretär Alfred Dick[1], widmete diesem Auftrag wegweisende Gedanken, als er in Staffelstein die neuen Weitwanderwege vom Main zur Donau ihrer Bestimmung übergab.

Mit großer Dankbarkeit würdigte Dick die vorbildliche Gemeinschaftsleistung von hohem Freizeit- und Erholungswert für die Allgemeinheit. Bei einem Kostenaufwand von nur 29 000 DM ist sie das Ergebnis anderthalbjährigen Ehrendienstes bayerischer Wandervereine. Das verdeutlicht deren Bedeutung und Gewicht, wo immer es darum geht, zum Wandern als wirkungsvoller und dennoch billiger Gesundheitsvorsorge anzuregen.

Über insgesamt 1201 Kilometer erstrecken sich die vier neuen MD-Wege vom Ochsenkopf (Fichtelgebirge) bis Passau, von Staffelstein bis Regensburg, von Eltmann bis Neuburg und von Wertheim bis Donauwörth mit einer Querverbindung von Feuchtwangen nach Weißenburg.[2] Der Rennsteigverein betreut die von Staffelstein ausgehende Jura-Teilstrecke Staffelberg - Dornig - Hohe Metzen - Giechburg/Gügel - Neudorf, für die Wanderfreund Gunzelmann auch bereits eine informative heimatkundliche Beschreibung vorlegt. Sie wird den Main-Donau-Wanderkarten beigegeben, die der Landesverband unter Berücksichtigung des künftigen Donau-Inn-Alpenweges (240km) von Passau nach Rosenheim demnächst herausbringen will.

Naturverbundenheit für uns alle lebenswichtig

 Mit der Aufforderung „Erwandere die Geschichte Deiner Heimat" soll, wie Staatssekretär Dick auch beim Festakt vor dem Rathaus der Adam-Riese-Stadt hervorhob, „der Mensch und sein Wirken auf die Landschaft in den Vordergrund gestellt werden". Kaum anderswo werde dieses Wirken besser in das Bewußtsein gerufen, als beim Erwandern des Abschnittes Staffelstein—Regensburg mit seinen landschaftlichen Reizen, der geheimnisvollen Schönheit seiner Höhlen und seinen historischen Kleinodien. Gerade dieses wechselvolle Nebeneinander verschiedenartigster Landschafts- und Kulturwerte führe den, der noch zu schauen versteht, zum eigentlichen Erleben der Heimat und damit zu der für uns alle lebenswichtigen Naturverbundenheit.

 

Dick fuhr fort: „Die Geschichte der Heimat erwandern, bedeutet aber auch, zu sich selbst zu finden!" Den Wandervereinen stellte sich somit die Aufgabe, ihren Mitmenschen Wege zu weisen zu jener inneren Ruhe, die ihnen die Kraft gibt und bewahrt, sich aus der Enge einer voll mechanisierten Welt zu befreien und gegen ungute Umwelteinflüsse zu behaupten. Die neuen Wanderwege seien als ein Beitrag hierzu zu verstehen.

 

Der Festakt, bei dem die Klampfengruppe des Rennsteigvereins wiederholt Wander- und Volkslieder intonierte und zum Mitsingen ermunterte, endete mit der Enthüllung einer Orientierungstafel am Rathausportal. Michael 011, der Fürsteher des Rennsteigvereins, der zuvor das Volksstämme und auch menschlich verbindende Gewicht der Weitwanderwege herausgestellt hatte, stellte an

den Schluß dieser Begegnung die Fürbitte des nachwirkenden Kober-Wortes: „... laß, Herrgott, Du mich wandern können bis zum letzten Tage!" Den Wimpelträgern der beteiligten Wandervereine überreichte der Präsident zum Abschied Erinnerungsbänder.

 

Zwei Rathaus-Empfänge

Vor dem Festakt hatte Bürgermeister Leutner die Tagungsteilnehmer im Festsaal seines 300jährigen Rathauses empfangen, um sie über Historie und Zeitprobleme der Stadt zu informieren. Bevor sich Verbandspräsidium und Delegierte in Staffelsteins „Goldenes Buch" einschrieben, dankte Staatssekretär Dick der mainfränkischen Landtagsabgeordneten Waltraud Bundschuh für ihr unermüdliches Initiativwirken zugunsten der Aktion „Freizeit und Erholung".

 

In der Marktgemeinde Zapfendorf, die nach totaler Kriegszerstörung durch eine Munitionszug-Explosion zu neuem Leben erblüht ist, gab Bürgermeister Helmreich ebenfalls einen Empfang aus Anlaß der Verbandstagung. Anerkennende Bewunderung zollte Staatssekretär Dick der enormen Wiederaufbauleistung, die Zapfendorfs Bürger nach der Vernichtung ihres Lebensraums und all seiner historischen Werte vollbracht haben.

Dem Rennsteigverein und seinen führenden Männern wurde Dank dafür bekundet, daß sie dem Vermächtnis des Thüringer Volkstumforschers und Wanderdichters Dr. Julius Kober[3] in Zapfendorf, seiner Nachkriegsheimat, eine in seinem Sinne fortwirkende Pflegestätte bewahren. Dankbare Anerkennung fanden aber auch die staatlichen Wiederaufbau- und Entwicklungshilfen.

 

Bevor die Vertreterversammlung in die Tagesordnung eintrat, würdigte auch sie das Lebenswerk Dr. Kobers, insbesondere aber auch das gesamteuropäische Wirken des unlängst verstorbenen Verbandspräsidenten Dr. Georg Fahrbach[4]. Wie dieser beiden Männer, so gedachte man auch des verdienstvollen Nürnberger Wegemeisters Heinrich Wunderlich, der das Ergebnis seines Einsatzes für die Main-Donau-Wanderwege nicht mehr erleben durfte.

 

Sitz und Stimme im Hauptverband erstrebt

Die Vertreterversammlung, der Geschäftsführer Bertl und Landesschatzmeister Heinrich Geschäfts- und Kassenbericht erstatteten, begrüßte, daß der Bund sich zugunsten landschaftsorientierter Naturschutzgesetzgebung auf ein Rahmengestz zu beschränken bereit ist.

Von der Novellierung des Bayerischen Naturschutzgesetzes, insbesondere des umstrittenen Artikels 23/2, erwartet man ein Mitsprache- und Zustimmungsrecht der Wandervereine bei Erschließung von Wanderwegen, damit endlich sinnvolle Koordinierung über Markierungswirrwarr zu obsiegen vermag. Angestrebt wird ferner stimmberechtigte Vertretung des Landesverbandes im Spitzengremium des Hauptverbandes.

 

Über das Leitthema „Erwandere die Geschichte Deiner Heimat!" referierte Landesnaturschutzwart Forstdirektor Gerhard Kampfmann[5](Aschaffenburg). Er plädierte über Bildungsvermittlung durch heimatbewußtes Wandern, auf daß die Landschaft nicht zur Szenerie abgewertet, sondern als Lebensraum für Mensch, Tier und Pflanze bewußter erkannt und respektiert wird.

 

Die Thematik „Wandervereine als Kulturträger" wird auch künftige Tagungen beschäftigen. Deren nächste findet im Oktober im Betreuungsbereich des Haßbergvereins statt.

 

Ein denkwürdiger Fränkischer Heimatabend

 

Reich beschenkt haben Rennsteigverein und Klampfengruppe ihre Freunde

beim „Fränkischen Heimatabend" im Rittersaal der 850jährigen Giechburg hoch über Scheßlitz. Herzhafte „Kostproben" fränkischer Brauchtumspflege, vom Bamberger Heimatdichter Hans Morper[6] mit humoriger Lebensweisheit gewürzt, rechtfertigten des Staatssekretärs Feststellung, daß einem um die Zukunft einer Landschaft, die sich so vielgestaltig-lebendig darzustellen und die Herzen der Menschen aufzuschließen vermag, nicht bange zu sein braucht.

 

Als später Gast dankte „Hausherr" Landrat Otto Neukum[7](Bamberg) für das ersprießliche Zusammenwirken der Wandervereine im Landschafts-Drei-klang Steigerwald-Jura-Haßberge. Es habe wesentlich auch dazu beigetragen, die Giechburg als Wandertreffpunkt wieder einladend verfügbar zu machen.

 

Die Erinnerung an diesen Abend und an den vielfältigen Tagungsablauf, der Besuche in Vierzehnheiligen und Banz und hier auch einen Gottesdienst einschloß, die Damen zudem mit kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten im Nahbereich um Zapfendorf vertraut machte, wird lange nachklingen in herzlicher Dankbarkeit für den gastgebenden Rennsteigverein und seine prächtige Jugend.

 

Werner Ungelenk


[1] Im Rahmen dieses Digitalisierungsprojektes ist mehrfach über die Person des damaligen Verbandspräsidenten und Umwelt-Staatssekretärs Alfred Dick berichtet worden.

[2] Nähere Beschreibung  in „Das Farnkraut“ Nr. 1/1974

[3] Auch über Dr. Julius Kober ist an dieser Stelle mehrmals berichtet worden, insbesondere seitdem der Rennsteigverein Mitherausgeber dieser Zeitschrift geworden ist.

[4] Siehe den Nachruf in der Ausgabe Nr. 1/1976

[5] Dr. h. c. Gerhard Kampfmann, 1923 – 2012; Forstdirektor in Schöllkrippen, durch Forschungsarbeiten sowohl in seinem Berufsfeld als auch interessehalber in der Glasproduktion seiner Spessart-Heimat hervorgetreten; Quelle: online-Dienst „Main-Netz“, downl. 07/12

[6] Hans Morper („Haanzlesgörch“), 1907 – 1981, gelernter Journalist im „Bamberger Volksblatt“, Heimatdichtungen schon von Jugend auf, publiziert in Buchform ab 1950. In den 70er Jahren Schallplattenproduktionen zweier seiner Hauptwerke „Oberhaader Wallfahrt“ und „Die heiligen drei Könige auf dem Jura“. („WIKIPEDIA“, sowie auch eigene Erfahrung, eigenes Erleben des „Haanzlesgörch“ als Vortragender sowie Besitz einer Buchausgabe und zweier Orginal-Schallplatten. Nicht jeder Autor kann seine eigenen Werke gut vortragen, Morper konnte dies. Seine gewaltige Stimme, seine Gestik sind mir noch heute vor Augenj. hdb

[7] Otto Neukum war als Landrat eine Legende, mehr als 30 Jahre, von 1965 – 1996 führte er dieses Amt. Ich habe ihn selbst noch als Vortragenden und in Gesprächen erlebt.  In seine Amtszeit fiel die Gemeinde-Gebietsreform, auch etwa der Erwerb der Giechburg 1971