Aus „Das Farnkraut“ Nr. 3/1988

 

Damals sah ich mich veranlasst, uns von den „Volkswanderern“ abzugrenzen. Sie hatten ziemlichen Zulauf. Inzwischen scheinen Plaketten, Tellerchen, Krüge usw. als Trophäe aus der Mode gekommen zu sein.

 Vom schimmernden Charme polierter Pokale

 

Da hat sich also die „Deutsche Volkssportbewegung" Anfang Mai d. J. die Ehre gegeben und ihre Bundesdelegiertentagung in Coburg ausrichten lassen. Unsere Lokalhonoratioren erwiesen die bei derlei Anlässen unvermeidliche Reverenz. Wir könnten über diesem Ereignis zur Tagesordnung übergehen, wären nicht einige Tatsachen bekannt geworden, die das Nachdenken lohnen.

 

Auf folgende Zahlen nämlich konnte der Geschäftsführer des Verbandes hinweisen:

*        535000     Einzelmitglieder

*          l900    Vereine

*           308    Jugendgruppen

*        189318     Wertungshefte

*         9,5 Mio. Volkswanderer

 

Volksmarsch, nein danke!

 

Am wenigsten beunruhigend ist noch der Erfolg der Volkswanderer bei der Jugend, wenn von 1900 Vereinen nur 308 eine Jugendgruppe haben. Im Verband der Deutschen Gebirgs- und Wandervereine sind derzeit insgesamt 2508 Ortsgruppen organisiert, davon haben 933 eine Jugendgruppe. Zugegeben, auch bei unserem Verband könnte der Zuspruch bei der Jugend besser sein, immerhin stehen wir aber besser da als die Volkswanderer. Wir kommen aber nicht daran vorbei, daß die Volkswanderer in der Mitgliederzahl seit Austritt des Schwarzwaldvereins aus unserem Verband die Nase vorn haben. Woher kommt dieser Erfolg?

 

Wandern ist kein Sport

                 

„Zielsetzung der Volkssportler, in erster Linie zählen dazu die (!) Wanderer ... ist es .. den Menschen Aktivität zur Gesundheitsbildung und zur Geselligkeit zu bieten ..."(so lt. „NP"v.2.5. 1988).

 

Ist dies alles? Und was heißt überhaupt „Volkssport"? Ist etwa hierzulande neuerdings Fußball oder Leichtathletik kein Volkssport mehr? Werden diese Sportarten nicht mehr vom „Volk", d. h. von vielen Menschen aller Altersstufen betrieben? Der Präsident des Volkswanderverbandes erklärt in Coburg lt. „NP" eine Absage an „... das Leistungssportdenken innerhalb der Volkssportbewegung." Wir unterscheiden Breitensport und Leistungssport. Das Wandern läßt sich keinem dieser Begriffe zuordnen.

Beim Sport kommt zum körperlichen Ausgleich auch der Wettkampf, das gilt auch für den Breitensport. Ich habe hohe Achtung vor den Sportlern in den höheren Altersklassen, die immer noch an Wettkämpfen teilnehmen, auch wenn sie nur noch auf wenige Aktive ihrer Altersklasse treffen.

 

Beim Wandern aber hat der Wettkampfgedanke nun wirklich keinen Platz. Daher finde ich Wanderer im Sportverein nicht gut aufgehoben, zumindest nicht als Konkurrenz zu örtlichen Wandervereinen. Dabei geht es mir nicht etwa um einen Monopolanspruch für unseren Verband, selbstverständlich hat auch das Wandern im Alpenverein oder bei den Naturfreunden seine Berechtigung, und natürlich auch das gänzlich unorganisierte im Familien- oder Freundeskreis. Aber wir als Wanderverein bleiben ja auch fair und machen nicht etwa etablierten Sportvereinen mit einer Tischtennisabteilung Konkurrenz.

 

Wandern ist nicht körperlicher Ausgleich plus Wettkampf wie der Sport.

Wir betrachten und beobachten die Natur um uns und entwickeln gleichsam von selbst Bewußtsein für deren Verletzbarkeit und Empfindlichkeit. Wir durchwandern Dörfer und Städte und entwickeln Bewußtsein auch für das Bild der Städte und Dörfer, für Heimatkunde und Denkmalschutz. Und gerade in dieser Hinsicht, also in der Heimatkunde und im Umweltschutz haben die Volkswanderer nichts zu bieten.

 

Es scheppern die Pokale

 

In seltsamem Kontrast zu der öffentlich bekundeten Distanz stehen die zahlreichen Pokale, die bei den Volkswanderungen verliehen werden, wie den Zeitungsberichten zu entnehmen ist. Früher wurden noch die auffällig großen Medaillen anläßlich der Volkswandertage verliehen. Heute gibt es stattdessen irgend etwas mehr oder weniger Geschmackvolles aus Porzellan oder Glas. Pokale und Medaillen aber sind nach allgemein vorherrschender Auffassung der Preis für den Sieg in irgend einem Wettbewerb - von den Kleintierzüchtern bis hin zum Profisport.

 

Urkunden und Pokale sind hierzulande begehrte Artikel. Es gibt nahezu keine Freizeitbeschäftigung mehr, in welcher nicht um Punkte und Pokale gerungen werden darf - auch solche, die ursprünglich zum reinen Freizeitvergnügen erfunden worden sind (Kartenspiele, Kegeln, Tischfußball).

 

Leistungsprinzip und Leistungsstreben sind unabdingbarer Motor für unser politisch-ökonomisch-gesellschaftliches System. Gelegentlich treibt das Leistungsprinzip Blüten. Der Drang nach Orden und Ehrenzeichen war schon lange Zielscheibe für Spötter. Nicht nur bei Ludwig Thoma -ich erinnere an das diesjährige Stiftungsfest - drehte sich alles um „Die Medaille".

Man beachte auch die Sammlung absurdester Rekorde im „Guinness"-Buch.

Geselligkeit beim Wandern — das boten unsere Verbandsvereine, der Alpenverein und die Naturfreunde, schon lange, bevor es die erste Volkswanderung gab. Die Erklärung, die der Volkssportpräsident gab, überzeugt also nicht. Massen können wir auch noch auf die Beine bringen - das bewies einmal mehr der Deutsche Wandertag.

 

Er bleibt beim Singular, obwohl er fünf Tage dauert, während die „Internationalen Wandertage" für zwei Tage schon den Plural beanspruchen.

Nur - Massenaufgebot finden wir zwar bei einem Festzug durch die Stadt, nicht aber draußen in der Natur für angebracht. Denn die Stadt lebt erst durch den Menschen, viele Menschen sind dem Organismus „Stadt" sehr wohl angemessen. Das Titelbild dieser „Farnkrauf'-Ausgabe täuscht übrigens. Die Wanderer stehen bei der Schlußkundgebung des 88. Deutschen Wandertages nicht etwa in der freien Natur, sondern innerhalb der Mauern der Giech-burg bei Scheßlitz. Die Natur aber, um das in dieser Zeit häufig gebrauchte Schlagwort zu gebrauchen, braucht den Menschen nicht. Menschenmassen sind der Natur nicht angemessen.

 

Was sollen wir tun?

               

Wie sollen wir uns dieser Herausforderung stellen? Ich knüpfe an die vorigen Ausführungen zum Leistungsprinzip an. Das Streben nach Anerkennung und Erfolg auch und gerade außerhalb des Berufes ist verständlich. Muß dies aber immer seinen äußeren Ausdruck in Urkunden, Pokalen und Medaillen manifestieren? Kommt Zufriedenheit und Ausgeglichenheit, die Freude am Gelingen nicht von innen?

Wem Wanderglück zuteil wurde, der braucht keine Pokale, Medaillen oder Anstecknadeln. Lassen wir es dabei!

 

Hans D. Bürger