100 Jahre Thüringerwald – Verein Coburg

 

Zunächst darf ich einen Text vorstellen, der von meinem unvergessenen Vorgänger, Wfr. Werner Ungelenk, anlässlich des letzten „großen“ Jubiläums, nämlich dem 75., im Jahre 1982 erarbeitet und im „Farnkraut“ veröffentlicht wurde.  Alle Zeitangaben beziehen sich daher auf das Jahr 1982!

 Dieser Text ist eine unschätzbare Quelle für die Geschichte nicht nur unseres örtlichen Vereins, sondern auch des Gesamtvereins und der deutschen Wanderbewegung insgesamt. Im Folgenden soll er daher ungekürzt, jedoch mit von mir neu erstellter Bebilderung,  wiedergegeben werden.

 Rückblick in die Geschichte eines 100jährigen Treubundes

 von Werner Ungelenk

 Die diesjährige 75-Jahr-Feier des Thüringerwald-Vereins Coburg gewinnt für jeden, der mit der Entwicklungsgeschichte der deutschen Wanderbewegung vertraut ist, die Bedeutung eines Doppeljubiläums. Weckt sie doch die Erinnerung an den gesamtthüringischen Hauptverein, der - 1880 in Eisenach gegründet - inzwischen sein lOOjähriges Bestehen hätte feiern dürfen, wäre er nicht seit den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts in seinem Heimatraum zu regimepolitisch verordneter Untätigkeit verurteilt. Dass seine heimat- und kulturpflegerische Betätigung dennoch nicht in Vergessenheit geraten ist, sondern nachzuwirken vermag, verdanken wir dem am 25. Mai 1907 konstituierten Zweigverein in unserem seit 1920 glücklicherweise bayerischen Coburg. Hier erweist sich der Thüringerwald-Verein nach wie vor als lebendige Pflegestätte gesunden Menschentums nach den dynamischen Prinzipien des Wanderns.

 Mitbegründer unserer Verbandsgemeinschaft

 Korrekt bleibt der Thüringerwald-Verein denen zuzuordnen, die sich im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts in Deutschland zu den ersten natur- und heimatverbundenen Wandergemeinschaften zusammengeschlossen und am 14. Mai 1883 in Fulda einen „Verband Deutscher Wandervereine" ins Leben gerufen haben: den Vorläufer des heutigen „Verbandes Deutscher Gebirgs- und Wandervereine". Beim Deutschen Wandertag 1983 wird dieser Verband - seit 1969 zugleich tragende Säule einer endlich gesamteuropäischen Wandervereinigung - an seinem Gründungsort auf ein lOOjähriges Wirken zum Segen unseres Lebensraumes und seiner Menschen zurückblicken.

 Pioniergeist wandernder Postbeamter

 Ihren Ursprung hat die Geschichte des Thüringerwald-Vereins in dem Wandererlebnis, das drei thüringische Postbeamte am 5. Mai 1879 auf dem Weg von der Wartburg zum Inselsberg zur Bildung einer „Interessengemeinschaft Gleichgesinnter" angeregt hat. Deren Zweckbestimmung formulierten sie selbst wie folgt: „Alt und jung zum Wandern ermuntern, es durch Wegweisungen und Markierungen fördern, Initiativen zur Anlegung von Ruheplätzen, Unterkünften und Aussichtstürmen ergreifen, sich im Erlebnis der Landschaft zugleich volkskundlich informieren und die dabei gewonnene Kenntnis des Brauchtums bei heimatgeschichtlich und naturwissenschaftlich belehrender Geselligkeit pflegen."

 Die Gründung unseres Hauptvereins

 Das Öffentlichkeitsinteresse, das aufgeschlossene Journalisten alsbald für solch anregende Motivation weckten, ermutigte die drei Postbeamten, für den 24. März 1880 eine öffentliche Versammlung nach Eisenach einzuberufen. Die Zusammenkunft erfüllte das Anliegen ihrer Initiatoren durch sofortige Gründung eines „Thüringerwald-Klubs". Dessen Aufruf zur Bildung von Zweigvereinen ließ bereits im darauf folgenden Monat — am 26. April 1880 - in Gotha den ersten „Thüringerwald-Verein" entstehen. Nur sechs Wochen später (am 6. Juni 1880) kam in Ilmenau jene Vereinbarung beider Gruppen zustande, die den nunmehr gemeinsamen Thüringerwald-Verein mit einer Satzung ausstattete, Eisenach zum Sitz des Hauptvereins erklärte, die Weichen zur Gründung selbständiger Zweigvereine in ganz Thüringen stellte und die von den Postbeamten entwickelten Thesen zu einem für alle verbindlichen Vereinsauftrag erhob.

 16 022 Wanderfreunde in 156 Zweigvereinen

 Voll ausgewirkt hat sich dieser Auftrag unter dem in die Landesgeschichte eingegangenen Eisenacher Amtsrichter und späteren Landgerichtsrat Lincke. Nach zwölf Jahren organisatorischen Aufbaues bei wiederholtem Führungswechsel übernahm er am 1. April 1893 den Hauptvorsitz, den er bis 1938 innehatte. Neben dem 45 Jahre lang uneingeschränkten Vertrauen seiner Wanderfreunde spricht für Linckes Erfolgswirken das Anwachsen des Thüringerwald-Vereins auf 156 Zweigvereine - darunter seit 1907 der Zweigverein Coburg - mit 16 022 Mitgliedern. Der Mitgliederschwund in den dreißiger Jahren auf etwas über 10000 in zuletzt noch 132 Zweigvereinen war die Folge massiver „Kraft-durch-Freude"-Abwerbung.

Bei Landrat i. R. Glaeser, Linckes Nachfolger, lagen die heimatpflegerischen Anliegen des Vereins allen parteipolitischen Einflussversuchen zum Trotz in fester Hand. Seinem Bemühen, die Zwangsauflösung des Vereins nach dem letzten Weltkrieg zu verhindern, blieb der Erfolg jedoch versagt.

 Ein Treuewort macht Geschichte

 In dieser prekären Situation bekam ein Treubekenntnis des Coburger Zweigvereins-Vorsitzenden Carl Escher schicksalhaftes Gewicht. Die 55. Hauptversammlung des Thüringerwald-Vereins in Probstzella beschäftigte am 28.Juni 1936 auch Eschers damaliges Primäranliegen: Der Bau des Wanderheimes „Alexandrinenhütte" auf der Sennigshöhe. Es ging u. a. um einen Bezuschussungsantrag, dem sich der Vereins-„Sparkommissar" Hickethier mit dem Argument widersetzte, die Coburger als nunmehrige Bayern würden nach Zuschußbewilligung  „ja doch aus dem Thüringerwald-Verein austreten und sich einem bayrischen Wanderverein anschließen". Escher reagierte auf „derart unkameradschaftliche Einschätzung" mit der ausdrücklichen - übrigens mit einem 1500-Mark-Zuschuß honorierten - Versicherung, „dass bei uns Coburgern das Wort ’Treue um Treue' sehr ernst genommen und auch gehalten wird!"

 Vom Zweigverein zum Hauptverein

 Escher und seine Wanderfreunde haben stets zu diesem Wort gestanden; erst recht, als die Zwangsauflösung des Hauptvereins 1945 zugleich zur Schicksalsfrage für den Coburger Zweigverein wurde. Seine damals 267 Mitglieder beantworteten sie mit der nach eingehender Diskussion einmütigen Entscheidung, „keinen neuen Verein zu gründen, sich auch nicht den befreundeten Vereinen der Frankenalb oder des Frankenwaldes anzuschließen, sondern in freundschaftlichem Einvernehmen bei dem Thüringerwald-Verein zu bleiben und dessen Interessen beim Verband Deutscher Gebirgs- und Wandervereine als nunmehr unmittelbares Mitglied wahrzunehmen". Unsere Coburger Wanderfreunde bekundeten damit ihre Entschlossenheit, „die Mission ihres um Heimatpflege und Landesgeschichte verdienten Hauptvereins zu wahren, seine Substanz über die Zeit willkürlicher Zweiteilung der deutschen Heimat hinweg zu erhalten und so zugleich zu beweisen, wie eng wir uns unseren schwergeprüften Landsleuten jenseits des Eisernen Vorhanges verbunden fühlen, wie wenig wir sie vergessen können!"

 Die durch den „Kleinen Grenzverkehr" nun endlich wieder möglich gewordenen und dankbar wahrgenommenen Besuche und Wanderungen unserer Mitglieder im Thüringer Wald unterstreichen die Gültigkeit dieses Treugelöbnisses bis in unsere Tage.

Coburg und die deutsche Wanderbewegung

Für unser Coburg sind die Entscheidungen des Jahres 1945 zugleich eine Bestätigung seiner traditionell engen Beziehungen zur deutschen Wanderbewegung im Allgemeinen, zum Thüringerwald-Verein im Besonderen. Durch korporative Mitgliedschaft hat sich der Coburger Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs von Anbeginn mit den Bestrebungen dieser Gemeinschaft identifiziert. Unser Hauptverein seinerseits bekundete seine Verbundenheit mit Coburg dadurch, dass er 1890 seine 10. Hauptversammlung, durch die u. a. die finanziellen Voraussetzungen zum Bau des Fröbelturmes auf dem Oberweißbacher Kirchberg geschaffen wurden, in die Vestestadt einberief und sich beim Hauptverband erfolgreich dafür einsetzte, dass 1897 in Coburg erstmals ein gesamtdeutsches Wandertreffen durchgeführt wurde. Ereignisse, die zweifellos mitgeholfen haben, den Boden für eine eigenständige Coburger Gruppierung des Thüringerwald-Vereins zu ebnen.

Alexandrinenturm gab den Gründungsanstoß

Entscheidenden Anstoß zur Gründung des Thüringerwald-Vereins Coburg gab die Errichtung des Alexandrinenturms auf der Sennigshöhe. Beschlossen wurde sie von einem „Komitee patriotischer Männer" am 3. Mai 1902 aus Anlass der 50. Wiederkehr des Tages, an dem Herzog Ernst II. seinem Coburger Land eine Verfassung gegeben hatte. Vollzogen hat man den Beschluss nach der Grundsteinlegung (1905) so rasch, dass der Turm am 27. Mai 1906 bereits seiner Bestimmung zugeführt werden konnte. Zur Benennung nach des Herzogs Gattin Alexandrine gab die verwitwete Fürstin selbst am 25. Juni 1904 ihre Zustimmung.

Die Initiative zum Bau des Turmes, der 30 Jahre lang den höchsten Aussichtspunkt unseres Coburger Landes (523 m) zum bevorzugten Ausflugsziel hierzulande machte, bedurfte finanziellen Beistandes. Der darum vom Coburger Verein zur Hebung des Fremdenverkehrs auch angesprochene Hauptvorstand des Thüringerwald-Vereins in Eisenach spendete wunschgemäß den für die damalige Zeit beachtlichen Betrag von 500 Mark. Er verband damit zugleich die Erwartung, dass man auch in Coburg einen Zweigverein des Thüringerwald-Vereins gründe. Positiv aufgenommen wurde diese Anregung vom Vorsitzenden des Coburger Fremden Verkehrsvereins, Kaufmann Max Appel, dem Bruder des Geheimrats Professor Dr. Otto Appel, der seiner Heimatstadt als „Nestor des deutschen Pflanzenschutzes" alle Ehre gemacht hat.

Alexandrinenturm, nach einer Graphik von Erich Autlitzky

 

 Die Gründung unseres Zweigvereins

 Am 25. Mai 1907 erfolgte auf Anregung Max Appels in der vom jetzigen Kaufhof verdrängten „Aktienbierhalle" (im Volksmund „Bierfestung" genannt) die Gründung des Zweigvereins Coburg im Thüringerwald-Verein. Die 14 honorigen Vereinsgründer waren: die Kaufleute Max Appel, Hermann Beetz, Julius Hauck, ferner Betriebsleiter Ernst Christ, Hotelier Fritz Götze, Betriebsingenieur Hermann Kandier, Hofbankier Wilhelm Kogerup, Oberrealschullehrer Franz Loeck, Posthalter Leopold Mönch, Oberlehrer Fritz Pechtold, Turnlehrer Emil Rädlein, Sekretär F. A. Remmler, Finanzsekretär Georg Schmidt und Hofjuwelier D. Usener. Nichts rechtfertigt die Vereinsgründung deutlicher, als die Tatsache, dass nach vier Wochen bereits 112, zum Ende des Jahres 1907 rund 180 und zum Abschluss des ersten Vereinsjahres knapp 200 Mitglieder - darunter neun Damen (!) — registriert waren.

Turnlehrer Emil Rädlein (1907-1925)

  Emil Rädlein (1855 – 1925); Albumblatt nach einer Fotografie, aus unserem Archiv

 Namentlich festgehalten sind alle Mitglieder des Gründungsjahres im handschriftlich erhalten gebliebenen ersten Kassebuch und im gedruckt vorliegenden ersten Jahresbericht unseres Zweigvereins. Er weist als Hauptvorstand aus: Emil Rädlein (Vorsitzender), Hermann Kandier (Schriftführer) und Georg Schmidt (Kassierer). Diesen Vorstand unterstützten als Ausschussmitglieder Direktor Johann M. Koch, Garteningenieur Louis Kniese, der 1912 den ersten „Wanderführer durch Südthüringen und Franken" herausgebracht hat, Bankbeamter Bernhard Kirchner, Magistratsrat Tobias Quarck, Bankprokurist Carl Schindhelm und Oberrealschullehrer Karl Schumann, Rädleins langjähriger Turnlehrer-Kollege. Die Bedeutung der Aufgaben, die sich diesen Männern stellten, unterstrich die Heimatzeitung mit der vielsagenden Schlagzeile: „Nun endlich hat auch Coburg seinen Thüringerwald-Verein!"

 Dreimal Deutscher Wandertag in Coburg

 (Anmerkung: Dies ist, wie oben schon ausgeführt, der Orginaltext W. Ungelenk aus dem Jahre 1982; wenig später war der Dt. Wandertag 1984 in Coburg)

 Den Pioniergeist des Gesamtvorstandes und der sie unterstützenden Mitglieder des Gründungsjahres honorierte der Hauptverein in Eisenach, indem er Coburg alsbald eine weitere Generalversammlung des Hauptvereins (im August 1907) anvertraute und den Verband veranlasste, nach dem gesamtdeutschen Wandertreffen des Jahres 1897 nun auch den mit seinem 30-Jahre-Jubiläum verbundenen 26. Deutschen Wandertag 1913 in Coburg stattfinden zu lassen. Unter dem Motto „Wandern macht bewandert" hat dieser zweite Coburger Wandertag dem Jugendwandern in deutschen Landen enormen Auftrieb gegeben. Er hat zugleich das Herbergswesen zugunsten der Jugendpflege mobilisiert, Anstoß zur Gründung verbandseigener Heime gegeben und der Touristik neue Gebiete erschlossen.

 

 

Abzeichen des Deutschen Wandertags 1913 in Coburg

  

Emil Rädleins Organisationsgeschick hat diesen Wandertag zu einem Erlebnis werden lassen, durch das Coburg in der Verbandsgeschichte einen klangvollen Namen gewonnen hat. Für seinen Langzeiteffekt spricht der 50 Jahre später wiederum nach Coburg einberufene 64. Deutsche Wandertag 1963 ebenso, wie die wiederholten Wandertreffen unseres bayerischen Landesverbandes hierzulande und die Fachwartetagung des Gesamtverbandes Deutscher Gebirgs- und Wandervereine, deren Ausrichtung dem Thüringerwald-Verein Coburg im April 1982 anvertraut worden ist. Aus dem Wunsch, recht bald nach der 100-Jahr-Feier (1983) unseres Hauptverbandes einen weiteren (den dann also vierten) Coburger Wandertag zu erleben, macht man in der Verbandszentrale schon lange kein Geheimnis mehr.

 
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 In Stein gefasste Rädlein-Erinnerung

 Wanderer - erst recht verantwortungsfreudige Wanderführer - sind Idealisten, mitnichten darauf bedacht oder gar erpicht, dass man ihnen ein Denkmal setze. Das gilt gewiss auch für Emil Rädlein, der sich als Natur- und Heimatgeschichte vermittelnder „Coburger Wandersmann" und als anerkannter Jugenderzieher große Verdienste erworben hat. Sie wirken bis in unsere Zeit nach in seinem zweibändigen fränkisch-thüringischen Wanderbuch „Im Umkreis der Fränkischen Krone" und sie sprechen uns noch immer an im Vermächtnis seiner Zeichen- und Maltalente, die er seiner gleich ihm wanderbegeisterten Tochter Anni, Ehrenwanderkameradin unseres Zweigvereins, vererbt hat. Solche Verdienste rechtfertigen es durchaus, dass Rädleins Wander- und Turnfreunde die Erinnerung an ihn in zwei Gedenksteinen wach halten. Deren einer steht in der Hauptallee des Coburger Friedhofes, der andere - mit Blickrichtung zum Thüringer Wald- auf dem Neustadter Muppberg.

 Fast zwei Jahrzehnte lang hat Rädlein den Coburger Thüringerwald-Verein betreut und repräsentiert, bis er am 8. Februar 1925, nur einen Monat nach Vollendung seines 70. Lebensjahres, zu seiner letzten Wanderung abberufen wurde. Was er für seine Heimat bedeutet, was er für sie geleistet hat, das besagt der folgende Nachruf im Coburger Tageblatt: „Unsere Thüringerwald-Gemeinde verliert mit Emil Rädlein ihren treuen Führer und Wegbereiter, unsere Heimatstadt aber einen jederzeit bereitwilligen Helfer, wenn es galt, Fremden die Schönheiten unserer engeren Heimat zu zeigen und durch Wort und Schrift Erläuterndes beizufügen ... Der .Coburger Wandersmann' hat ein Leben gelebt, sich zur Ehre, seinen Mitmenschen zur Freude und der Nachwelt zum Gewinn".

 Oberlehrer Fritz Kreutzberger (1925 bis 1932)

 Unter Rädleins Nachfolger, dem nicht minder heimatverbundenen und wanderaktiven Fritz Kreutzberger, fand in Coburg 1928 die 47. Hauptversammlung des Thüringerwald-Vereins statt. Delegationen aus mehr als 100 Zweigvereinen erlebten dieses Wandertreffen, das mit Wanderungen rund um Coburg und einer Maingau-Wanderfahrt verbunden war.

 Die Vertreter-Tagung schuf die Voraussetzungen zum Bau mehrerer Schutz-und Aussichtshütten im Thüringer Wald, u. a. auf dem Vorderen Schmiedehaupt (700 m) bei Möhrenbach und auf dem Finsterberg (944 m) bei Schmiedefeld; sie legte auch den Grundstock zur .Naumburger Stube' in der nach Turnvater Jahn benannten Rennsteig-Groß-hütte auf dem Brand nördlich von Steinbach-Hallenberg.

 Der bei unseren Casimirianern unvergessene Gymnasialprofessor Heinrich Langbein präsentierte zu dieser Hauptversammlung die wesentlich erweiterte Neuauflage seines „Führers durch Coburg und Umgebung", dessen Erstausgabe er den Gästen der Gründungsversammlung 1907 zum Patengeschenk gemacht hatte. Nach dem 25jäh-rigen Vereinsjubiläum im seinerzeit wegen seines Ausblicks über die Stadt zur Veste sehr beliebten Gartenlokal „Kapelle" unter den Plattenäckern übergab Kreutzberger das Amt des Vorsitzenden an Carl Escher.

 Regierungsinspektor Carl Escher (1933 bis 1959)

 Escher hier bei der Gedenkfeier anlässlich des 50jährigen Jubiläums beim Ehrengrab Rädleins.

  Besondere Höhepunkte der durch nationalsozialistische Einflußansprüche zunächst erschwerten Amtszeit des Rädlein-Schülers Escher waren u. a. die bereits erwähnte Entscheidung, nach der Zwangsauflösung des Hauptvereins Thüringerwald-Verein zu bleiben; dessen örtliches ,goldenes Jubiläum' im Rahmen einer denkwürdigen Rathaus-Feierstunde, der sich mit Heimatabend und Hüttenfest zwei Veranstaltungen anschlössen, die weite Bevölkerungskreise anlockten und begeisterten; ferner die Bildung einer Verein s-Jugendgruppe unmittelbar nach dem Deutschen Wandertag 1952 in Bad Berneck, der zur Gründung der .Deutschen Wanderjugend' geführt hatte.

Unvergängliche Verdienste erworben hat sich Carl Escher vor allem aber auch durch sein erfolgreiches Bemühen um die

 Errichtung des Wanderheims Alexandrinenhütte

Alexandrinenhütte

 auf der Sennigshöhe. Als Regierungsinspektor   beim   damaligen  Bezirksamt (dem heutigen Landratsamt) mit dem Referat ,Heimat und Naturschutz' betraut, hatte Escher wesentlichen Einfluss auf die Entscheidung, den nur 30 Jahre alten    Alexandrinenturm,    der   durch kriegs-   und   nachkriegsbedingte   Vernachlässigung zu einem obendrein gefahrvollen Schandfleck der Heimat geworden war, durch die Technische Nothilfe sprengen zu lassen. Eschers Vorschlag, auf den Grundmauern und aus den   Gesteinsresten   des  Turmes  eine „Hütte für Wanderer" zu errichten, fand die Zustimmung seiner Behörde, nachdem sich der Thüringerwald-Verein bereit erklärt hatte, die Betreuung dieser Hütte  mit einer Anerkennungsgebühr von zwölf Mark jährlich pachtweise zu übernehmen. Am 22. März 1936 wurde der  Alexandrinenturm  gesprengt;  bereits vier Monate später - am 18. Juli 1936 - konnte das neue Wanderheim im Beisein   des   Coburger  Herzogspaares und  zahlreicher Gäste  seiner  Bestimmung übergeben werden. Es stellte sich dar als ein architektonisch wohlgelungenes und zweckmäßiges Werk des Coburger Architekten Max von Berg und der ihm behilflichen heimischen Handwerker; an ihrer Spitze der 1981 im gesegneten Alter von 97 Jahren verstorbene Baumeister Gustav Eichhorn (Unterlauter), Maurermeister Enno Geisthardt, die Schreinermeister Franz Bischof und Ernst Hochberger sowie Klempnermeister Edwin Eichhorn, alle aus Meeder. Der Rossacher Bohrunternehmer Ewald Scheler sorgte für das Wasser, das den Hüttenbrunnen des Haarther Schmiedemeisters Leonhard Sammler im Vorfeld des Wanderheims zu speisen hatte.

 

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 Bildtafel, erarbeitet vom Verfasser aus  zeitgenössischen Archivfotos von Carl Escher.

Schenkungsakt der Dankbarkeit

16 Jahre lang hat der Thüringerwald-Verein die Alexandrinenhütte in behördlichem Auftrag für die Allgemeinheit betreut. Er tat das uneigennützig und aufopfernd. Zum Dank dafür wurde ihm das Wanderheim mit Wirkung vom 1. August 1952 nach vorausgegangenem Kreistagsbeschluß vom 31. Juli 1952 durch Notarvertrag (beurkundet unterm 25. August 1952) übereignet. Beim Schenkungsakt am 31. August 1952 bekundete der damalige Landrat Rudolf Kaemmerer den Wunsch des Kreistages, „dem Thüringerwald-Verein auf grenznahem Boden eine Heimstätte zu geben, von der aus sich seine Aufgabe fruchtbar entfalten kann, in der Pflege des Wanderns und der Naturliebe, des Heimatgedankens und des in ihm wurzelnden Kulturbewußtseins weitesten Kreisen die Schönheit unseres Coburger Landes zu erschließen". Diesem „Auftrag zum Wohl der Allgemeinheit und zum Segen der heranwachsenden Jugend" hat sich Escher mit voller Unterstützung seiner Gattin bis zum Ende seiner Vorstandstätigkeit (1959) mit ganzer Hingabe gewidmet, getreu seinem Hausherrn-Gelübde, „der Hütte zu dienen von Herzen gern". Ihm ist auch zu verdanken, dass der Betreuungsbereich des Wanderheims 1954 durch eine Blockhütte mit zweckdienlichem Geräteraum, später auch um einen zusätzlichen Aufenthaltsraum rustikalen Charakters erweitert worden ist. Dieser Entlastungsbau zum Wanderheim ist ebenfalls das Werk unseres Unterlauterer Wanderfreundes Gustav Eichhorn in Zusammenarbeit mit dem Rodacher Schreinermeister Hugo Roth.

Hüttengemeinde leistet grundsätzlich Ehrendienst

Nach wie vor wird die Alexandrinenhütte nach dem ihr vor nunmehr 30 Jahren erteilten Auftrag von einer uneigennützigen Hüttengemeinde als Wanderheim der offenen Tür für jedermann ehrenamtlich betreut. Nachfolger Eschers

als verantwortliche Hüttenwarte waren Claus Diercks (1959 bis 1961) und Horst

Eggert (1961/62). Beide wurden durch berufliche Verpflichtungen frühzeitig aus Coburg abberufen. An ihre Stelle trat vor nunmehr genau 20 Jahren der noch immer mit aufopfernder Hingabe amtierende Hüttenwart Hilmar Mandler. Sein

Aufgabengebiet und damit das der ganzen Hüttengemeinde hat sich durch den Zugewinn vereinseigenen Waldes in unmittelbarer Nachbarschaft der Alexandrinenhütte und durch deren wachsende Anziehungskraft auf Ausflügler erheblich erweitert. Auch er findet, wie alle seine Vorgänger, in seiner Gattin uneingeschränkte Unterstützung.

Mitarbeit am Wanderführer durch Stadt und Land

 Der Öffentlichkeitsarbeit, die der Thüringerwald-Verein seit je leistet, ist auch die Herausgabe eines „Kleinen Führers durch Coburg und Umgebung" während der Amtszeit Eschers zuzuordnen. Bearbeitet hat diese Handreichung des Städtischen Fremdenverkehrsamtes zur 900-Jahr-Feier der Stadt Coburg (1956) Oberlehrer Karl Geuß als orts- und sachkundiger Fremden- und Wanderführer des Thüringerwald-Vereins. Eine erweiterte Neuauflage dieses Handbüchleins, bearbeitet von Wanderwart Klaus Ehrlicher, boten Fremdenverkehrsamt und Thüringerwald-Verein 1963 aus Anlass des 64. Deutschen Wandertages in Coburg an. Inzwischen ist das jetzt finanziell vom Coburger Fremdenverkehrsverein getragene Taschenbuch zu einem für die Gäste unseres Grenzlandes unentbehrlichen „Wanderführer durch Coburg und Umgebung" geworden. Er wird zur diesjährigen 75-Jahr-Feier des Thüringerwald-Vereins bereits in 5. überarbeiteter Auflage präsentiert. 

Näheres siehe Coburg - Werbung und Stadtrundgang Coburg (interne links; zurück unter “Windows” mit Klick auf  den weißen links-Pfeil links oben!

Kaufmann Franz Geßlein (1959 bis 1965)

 hatte als Nachfolger Carl Eschers die Hauptlast der Verantwortung für den 64. Deutschen Wandertag 1963 in Coburg (vom 3. bis 6. Mai) zu tragen, mit dessen Durchführung der Thüringerwald-Verein vom Verband beauftragt war. Mit seinem reizvollen Ausflugsangebot, mit Franz Möckls „Fränkischem Liederspiel" beim Heimatabend und den nicht minder mitreißenden Laienspielen unserer jungen und älteren Akteure, mit der von nahezu 500 Wanderwimpeln umrahmten großen Schlossplatz-Kundgebung und der ebenso eindrucksvollen Schlusskundgebung auf der Sennigshöhe, aber auch dank der Anteilnahme nicht nur der örtlichen Behörden, sondern der gesamten Coburger Bevölkerung ist dieses Wandertreffen zu einem unvergessenen Erlebnis geworden. Das bekunden noch heute dankbare Rückerinnerungen der mehr als 6000 Teilnehmer aus allen deutschen Mittelgebirge-Bereichen, die das Stadtbild und unseren Hofgarten bis hinauf zur Veste tagelang

6000 Wanderer aus allen deutschen Gauen erlebten am 5. Mai 1963 auf dem Coburger Schlossplatz die von rund 500 bunten Wimpeln umrahmte Wandertags-Kundgebung.

beherrscht und geprägt haben. Der damalige Verbandspräsident, Dr. Georg Fahrbach, hat diesen Wandertag, zu dem die Kunstsammlungen unserer Veste aus den Beständen ihres Kupferstichkabinetts die großartige Ausstellung „Sächsische und Thüringische Landschaft um 1800" beigetragen haben, „sehr positiv" beurteilt mit der ausdrücklichen Feststellung, der Thüringerwald-Verein habe „seine Sache gut gemacht" und „eine Leistung vollbracht, die auch einem großen Verein wohl anstehen würde". Von der Arbeitstagung des Wandertreffens sind ausgegangen verstärkte Verbands-initiativen, das Angebot an Wanderparkplätzen zu erweitern und der Überforderung des Fuß-Touristen durch Wander-Rekordsucht (Volksmärsche) zu wehren. Der Verbandstag prangerte die Verschandelung des Landschaftsbildes durch aufdringliche Außenreklame an und plädierte dafür, Lehrstühle für Landschaftsschutz an den Technischen Hochschulen einzurichten.

„Das Farnkraut" — Bindeglied auch zum Rennsteigverein

 Ein erfreuliches „Nebenprodukt" des Coburger Wandertages war die Herausgabe der vereinseigenen Zeitschrift „Das Farnkraut". Mit dieser zusätzlichen Aufgabe, die in Franz Geßlein und dem Ehrenvorsitzenden Carl Escher volle Unterstützung fand, hat sich der Thüringerwald-Verein dem Anliegen verpflichtet, die kulturhistorische Arbeit der „Thüringer Monatsblätter" des ehemaligen Hauptvereins nicht in Vergessenheit geraten, sondern fortwirken zu lassen, um den Wandergedanken vertiefen zu helfen, der Heimatpflege zu dienen, den Natur- und Landschaftsschutz im Interesse der Allgemeinheit zu intensivieren.

Als heimatkundlich besonders versierter „Farnkraut-Mitarbeiter ist unser Ehrenmitglied August Marr unvergessen. Der 1977 fast 90jährig verstorbene Initiator unseres Senioren-Wanderkreises war schon im Gründungsjahr 1907 Vereinsmitglied.

Seit 1970 ist „Das Farnkraut" zugleich Zeitschrift des Rennsteigvereins, der 1896 aus dem großen Thüringerwald-Verein hervorgegangen ist. Der unvergessene Thüringer Heimatforscher, Volkskundler und Wanderdichter Dr.

Julius Kober hat den Rennsteigverein, dem in seinem Heimatland seit .1945 ebenfalls das Daseinsrecht aberkannt ist, im mainfränkischen Zapfendorf bei Bamberg zu neuem Leben erweckt. Das regimepolitisch erlassene Betätigungsverbot bedeutete für den Rennsteigverein in Thüringen zugleich das Ende seiner eigenen Zeitschrift. Sie erschien seit 1897 unter dem Titel „Mareile", abgeleitet vom Kosenamen des Förstertöchterleins im Waldhaus „Weidmannsheil" bei Steinbach am Wald, der Gründungsstätte des Rennsteigvereins (24. Mai 1896). Der Instandsetzung des Waldhauses als Wald-Gasthof verdankt es der Rennsteigverein, dass er sich dort nunmehr wieder in seinem Gründungsraum heimisch fühlen darf.

Von Verbandspräsident Fahrbach erhielt Franz Geßlein zugleich mit dem Wandertagswimpel den Auftrag, die Wimpelwanderung 1964 nach Freiburg im Breisgau zu führen.

Mit dem Wandertagswimpel nach Freiburg im Breisgau

Assistiert von Wanderwart Klaus Ehrlicher hat Franz Geßlein 1964 die denkwürdige 600-Kilometer-Wimpelwanderung zum 65. Deutschen Wandertag geführt. Am Vollzug des ehrenvollen Auftrags, den Traditionswimpel des Verbandes nach einjähriger Ausstellung im Vorraum des heimischen Ratherrensaales von Coburg bis in die Schwarzwaldmetropole Freiburg im Breisgau zu tragen, weil der Wimpel bekanntlich „das Fahren nicht verträgt", waren beteiligt: Brigitte Kopsen, Johanna Mnich, Hildegard Pollitzer, Gisela Völk, Herbert Döbrich und Sohn Harald, August Dötsch, Siegfried Fischer, Hilmar Mandler, Siegfried Meyer mit Ehefrau Ursula, Walter Renner, Otto Treuter und Günther Wöhner. Sie alle beurteilen diese in ihrer Art einmalige Wanderung noch heute als „das Erlebnis unseres Lebens!" Ihre nach Aussage von Verbandspräsident Fahrbach „bisher von keiner Gruppe erreichte Wanderleistung" ist erstmals überboten worden, als der Harzklub 1977 den Wandertagswimpel über insgesamt 872 Kilometer von Goslar nach Reutlingen zu tragen hatte. Es war dies die letzte Wanderung des 1951 in Iserlohn in Marsch gesetzten Ur-Wimpels, der nach 26 Wanderjahren verständliche Abnutzungs- und Alterserscheinungen erkennen ließ. Unser Thüringerwald-Verein brachte daher aus Reutlingen den Auftrag mit, in der Coburger Fahnenfabrik einen neuen Verbandswimpel anfertigen zu lassen. 1978 erlebte er seine erste Wanderung auf dem weiten Weg von Reutlingen nach Kassel. Dem Ur-Wimpel ist ein Ehrenplatz im künftigen Deutschen Wandermuseum zugedacht, das 1983 aus Anlass der 100-Jahr-Feier unseres Verbandes eröffnet werden soll; und zwar in der sauerländischen Burg Altena, mit deren Weltjugendherberge sich bereits ein Jugendherbergsmuseum verbindet.

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 Bildtafel, erarbeitet vom Verfasser aus Archivfotos für unsere Jubiläumsausstellung.

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