Aus „Das Farnkraut“ Nr. 3/1990

 

„Wende“, die damals unmittelbar bevorstehende staatliche Wiedervereinigung Deutschlands sowie die ebenfalls bevorstehende Wieder-Gründung des Gesamt-Thüringerwald-Vereins waren Anlass genug, einmal ein Resümee zu ziehen, die bisherige Geschichte seit dem 75jährigen Jubiläum darzustellen.

 

 

Thüringerwald-Verein Coburg

Rückblick und Ausblick

 

Im Jahre 1982 feierten wir mit dem Thüringerwald-Verein Coburg das 75jährige Bestehen. Damals verfasste unser unvergessener langjähriger Mentor Werner Ungelenk eine Chronik. Diese Schrift umfasste sowohl die Geschichte der Gründung des Hauptvereins in Eisenach, dessen weitere Entwicklung bis zur Auflösung sämtlicher Zweigvereine nach 1945 als auch diejenige des im Jahre 1907 gegründeten Zweigvereins Coburg, der nach 1945 die Tradition des Hauptvereines fortgesetzt hat. Werner Ungelenks Abhandlung ist im „Farnkraut" Nr. 2/1982 veröffentlicht worden. Wie gerne hätten wir heute, zu Beginn eines neuen Abschnittes unserer Geschichte, noch einige hundert Exemplare des 64 Seiten starken Heftes, um sie unseren Wanderfreunden in der DDR weitergeben zu können! Zwei Jahre später, zum 84. Deutschen Wandertag, erschien die Chronik in leicht gekürzter und abgewandelter Form nochmals (Nr. 2/1984). Wiederum zwei Jahre später, anlässlich des Hüttenjubiläums erschien dann nochmals eine größere geschichtliche Abhandlung (Nr. 2/1986), bislang die letzte.

Nunmehr stehen wir an der Schwelle eines neuen Abschnittes unserer Vereinsgeschichte. Die schier unüberwindlich scheinenden Grenzen sind gefallen, der Thüringer Wald und sein stammesgeschichtlich fränkisches Vorland liegen offen vor uns und warten darauf, neu entdeckt zu werden. Mehr noch: der Thüringerwald-Verein entsteht in seinem alten Kernlande neu.

 

Dies sei Anlaß genug, die Arbeit meines Vorgängers Werner Ungelenk fortzusetzen und die Chronik der Jahre 1982-1990 niederzuschreiben.

 

Widmung

 

Die Schrift sei jenen herausragenden Persönlichkeiten unseres Vereines zugeeignet, welche in dem fraglichen Zeitabschnitt von uns gegangen sind und denen es nicht mehr bestimmt war, die nun anbrechende neue Entwicklung mitzuerleben. Am 5. 12. 1986 verstarb Mile Reichardt, für unsere Wanderjugend der 50er und 60er Jahre die unvergessene „Tante Mile". Am 19. 9. 1987 folgte ihr Klaus Ehrlicher. Er wurde mitten aus seiner Arbeit als Hauptwanderwart herausgerissen. Am 5. Oktober des gleichen Jahres verstarb Werner Ungelenk. Sein beruflicher Werdegang als Journalist hat ihn wie kaum einen anderen mit unserem Nachbarlande Thüringen verbunden. Schließlich ging am 29. 8. 1998 Ernst Eckerlein von uns. Als 1. Vorsitzender der Jahre 1965-1974 hatte er entscheidenden Anteil an der Entwicklung unseres Vereines nach dem Kriege. Sie alle sowie jene Verstorbenen, die hier ungenannt bleiben müssen, hätten gewiss nichts sehnlicher gewünscht, als die Öffnung der Grenzen noch miterleben zu dürfen.

 

Führung des Vereins

 

Ich kann insoweit an die 1982er Chronik, S. 24 anknüpfen. Erster Vorsitzender war und ist Wolfgang Süße. Der seinerzeitige stellvertretende Vorsitzende Hilmar Mandler legte dieses Amt 1985 nieder, bereits 1982 war er nach mehr als 20jähri-ger Arbeit als Hüttenwart zurückgetreten. Als stellv. Vorsitzende folgte ihm Evi Bauer, sein Nachfolger als Hüttenwart wurde bis 1979 Günther Kachel. Wie schon erwähnt, ist Hauptwanderwart Klaus Ehrlicher verstorben. Seither übt Wilhelm Sauer diese Tätigkeit aus. Nach ebenfalls langjähriger Tätigkeit schied Günther Volk aus dem Amt als Schatzmeister aus, ihm folgte Hilde Hahn nach. Günther Völk dient dem Verein jedoch seither als Hüttenwart. Als Jugendwartin wurde Ursula Platz als Nachfolgerin für Wilhelm Bauer gewählt.

 

Im Übrigen blieb die Vorstandschaft im Wesentlichen unverändert. Im nächsten „Farnkraut" wird die komplette Vorstandschaft aufgeführt. Ebenfalls aufgeführt sollen all jene werden, die dem Verein gedient haben, ohne im Vordergrund zu stehen: die Wanderführer, Wegewarte, Hüttendienstler und Laienspieler.

 

Deutsche Wandertage

 

Das herausragende Ereignis war der 84. Deutsche Wandertag in Coburg. Die Vorgeschichte reicht bis 1982 zurück, zum Wandertag in Eutin. In mehrfacher Hinsicht war dieser Deutsche Wandertag - der erste und bislang einzige im „hohen Norden" Deutschlands - für Coburg bemerkenswert. Eine Coburger Wandergruppe erbrachte eine ganz besonders großartige Leistung. Unter Führung von Otto Treuter wanderten Rosel Habermann, Kurt Reißenweber,Christine Wacker, Peter Babel und Stefan Stegner nicht weniger als 1174 km in 42 Tagen. Dies ist sicherlich nicht nur in unserem Verein einmalig. In Eutin wurden die mittel- und ostdeutschen Verbandsvereine besonders herausgestellt. Daher waren wir mit einem Informationsstand vertreten, auf dem nicht zuletzt auch Werbung für das Coburger Land betrieben werden konnte. Schließlich fiel in Eutin auch die Entscheidung, den Wandertag 1984 nach Coburg zu vergeben. Ich erinnere mich noch gut, wie sich diese Neuigkeit in rasender Eile - wir waren noch in Eutin - verbreitet hat. Zwei Jahre fieberhafter Arbeit standen bevor. Der nächste Wandertag -1983 - war in Fulda. Auf der Schlußkundgebung am Kreuzberg hieß es dann: „Auf Wiedersehen in Coburg", und damit war der Startschuss schon gefallen. Ohne den Rückhalt durch die Stadt Coburg und ihren szt. OB Karl-Heinz Höhn hätten wir uns dieser Aufgabe nicht stellen können. Insbesondere auch das Fremdenverkehrsamt und hier ganz besonders Detlef Höhn leisteten Hervorragendes. Die Aktiven unseres Vereines - allen voran Wolfgang Süße -wuchsen über sich hinaus. Zunächst galt es unter anderem, die Alexandrinenhütte „wandertagsreif" zu machen - hierüber näheres an anderer Stelle. Schließlich war es dann am 9. August 1984 soweit, fünf unvergessliche Tage folgten. Hier ist nicht der Raum für ausführlichere Schilderungen - ich darf hierzu auf das „Farnkraut" Nr. 3/1984 verweisen. Hervorzuheben ist jedoch das Motto dieses Wandertages. Jeder Deutsche Wandertag steht unter einem speziellen Motto. Bei uns lautete dieses „Wandern über Grenzen". Das „Farnkraut" schrieb damals hierzu „... Heute ein Traum, ein Vision. Wir aber dürfen nicht aufhören zu glauben, daß wir einmal wirklich von Coburg aus direkt und ohne Umweg in den Thüringer Wald wandern können, in jene Landschaft also, von der wir den Namen entlehnten ..."

 

Der Tradition entsprechend, empfing unser Oberbürgermeister den Wandertagswimpel auf der Schlußkundgebung. Während der folgenden zehn Monate hatte der Wimpel dann seinen Ehrenplatz im Rathaus. Am 29. Juni 1985 aber wurde der Wimpel hervorgeholt, denn nun hieß es „Auf nach Osnabrück!". Die Wimpelwanderung von Coburg nach Osnabrück zum 85. Deutschen Wandertag war für alle Teilnehmer ein unvergessliches Erlebnis. Unser unverwüstlicher Otto Treuter hatte sich der Herausforderung noch einmal gestellt. Er wurde mit der Führung beauftragt. Dazu gesellten sich Christine Wacker als Wimpelmädchen, ferner Rosel Habermann, Hilde Döbrich, Renate Haenel, Heiner Friedrich, Kurt Reißenweber, Günther Peter und Peter Babel. Eine Teilstrecke ab Scherfede wanderten mit: Jürgen

Speer, Günther Volk, Wilhelm Bauer, Stefan Bauer und der Berichterstatter. Siggi Speer wirkte als zuverlässiger Fahrer des Begleitfahrzeuges mit. Einem aber blieb ein Herzenswunsch versagt, nach 1964 (Coburg-Freiburg) nochmals Wimpelwanderer zu sein, nämlich dem unvergessenen, gesundheitshalber beeinträchtigten Klaus Ehrlicher. Auch hier gilt, der Platz reicht für ausführlichere Schilderungen nicht aus, ich darf auf die „Farnkräuter" Nr. 3-4/1985 sowie 1/1986 hinweisen. Ein Höhepunkt nur: der Einzug in die festliche Osnabrücker Stadthalle mit all den Wanderern und Ehrengästen, an der Spitze der Bundespräsident Richard von Weizsäcker zur Feierstunde, ganz besonders unvergesslich für unser Wimpelmädchen Christine, die anschließend die Bühne mit dem Bundespräsidenten teilen durfte! Auch für die Busfahrergruppe war der Deutsche Wandertag in Osnabrück ein Erlebnis. Leider sollte in den Folgejahren das Interesse an Deutschen Wandertagen bei unserem Verein nachlassen. Im Jahre 1987 - Eschwege - kam nur noch eine Eintages-fahrt zustande. Heuer - 1990 - schließlich mußte die Fahrt wegen allzu geringen Meldungen ganz abgesagt werden.

 Zu den Selbstverständlichkeiten bei Deutschen Wandertagen gehörte es, daß eine Gruppe des Thüringerwald-Vereins Coburg unter Führung von Otto Treuter hinwandert. Die rekordverdächtige Wanderung 1982 nach Eutin ist schon erwähnt worden. Nach Fulda 1983 war es dagegen ein Katzensprung. Im Jahre 1984, der Wandertag war in Coburg selbst, wanderten der Otto und die Seinen nicht etwa dreimal um Coburg herum, sie erreichten die Vestestadt vielmehr von Regensburg aus, dem „Main-Donau-Wanderweg" folgend. Die Wimpelwanderung 1985 nach Osnabrück ist ebenfalls schon erwähnt worden. Ein Jahr später hieß es: „auf nach Koblenz". Leider verunglückte Rosel Habermann auf dieser Wanderung (vgl. „Farnkraut" Nr. 3/1986). Nach Eschwege 1987 kam erstmals keine Fernwanderung mehr zustande, dafür aber 1988 nach Bam-berg - hier nicht etwa auf direktem Wege, sondern von Neuburg/Donau aus! Ein Jahr später nach Berlin war eine Fernwanderung - noch immer - nicht möglich. Auch 1990 kam leider keine Fernwanderung mehr zusammen. Unser Otto Treuter ist inzwischen gesundheitlich zu derartigen Unternehmungen nicht mehr in der Lage, und ein Nachfolger hat sich nicht gefunden.

 Die Alexandrinenhütte wurde fünfzig!

Bevor wir dies im Jahre 1986 feiern konnten, gab es noch viel zu tun. Zum Deutschen Wandertag 1984 begann eine wahre Serie von umfangreichen Modernisierungs- und Erneuerungsarbeiten. Dies begann vor Ostern 1984 mit dem bisher größten Arbeitseinsatz: in Eigenleistung galt es, Wasser, elektrischen Strom und Telefonleitung auf die Hütte zu legen - näheres ist im „Farnkraut" Nr. 3/1984 dargelegt. Ein Jahr später mußte die Abwasserentsorgung den gesetzlichen Auflagen angepasst werden. Eine Dreikammergrube mit Sickerfeld entstand ebenfalls in Eigenleistung („Farnkraut" Nr. 2/1985). Danach hatten aber Hüttenwart Günther Kachel und seine treuen Helfer keine Ruhe, denn nun waren noch die Toilettenanlagen zu erneuern. Mit umso mehr Stolz konnten wir dann 1986 das 50jährige Jubiläum der Alexandrinenhütte begehen. Ein weiterer Höhepunkt in diesem Jahre war der Besuch des Altbundespräsidenten und großen Wanderfreundes Dr. Karl Carstens auf unserer Hütte. In die jüngste Zeit fällt die vorläufig letzte größere Baumaßnahme. Neben die Hütte war 1954 ein Blockhaus errichtet worden, welches einen zusätzlichen Aufenthaltsraum sowie einen Abstellraum bot. Leider erwies sich dieses Bauwerk im Laufe der Jahre als nicht widerstandsfähig genug, insbesondere vermorschte das Holz an der Wetterseite. Im Herbst 1989 mußte daher das alte Blockhaus abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt werden. Auch das ging nicht ohne freiwillige Helfer ab, wenn auch das Bauwerk selbst durch eine Firma errichtet worden ist („Ro-Rei", Grub a. F.).

Jeder weiß, daß man bei halbwegs guter Fernsicht auf den Höhenzügen am Horizont nördlich der Hütte jenseits der deutsch-deutschen Grenze das Dorf Hinterrad erkennen kann. Wer hätte noch im Frühherbst 1989, als das neue Blockhaus gebaut worden ist, geahnt, daß wir schon bald nach Hinterrad problemlos fahren können und die Sennigshöhe einmal aus der Gegenrichtung betrachten dürfen?

 Kurz nach Erscheinen dieser „Farnkraut"-Ausgabe wird unsere Alexandrinenhütte Schauplatz eines Treffens zur Wiedergründung eines gesamtdeutschen Thüringerwald-Vereins sein ...

 Viel verdanken wir auch der fachlichen Mitarbeit durch unsere Mitglieder, Ingenieur Helmut Gunsenheimer und Architekt Hartmut Schneider.

 Im Zeichen des Joseph von Eichendorff

 Im Jahre 1984 stiftete der damalige Bundespräsident und große Wanderfreund Dr. Karl Carstens die „Eichendorff-Plakette". Diese Auszeichnung ist für Vereine bestimmt, welche sich mindestens einhundert Jahre um Wandern, Heimat und Umwelt verdient gemacht haben. In einer denkwürdigen Feierstunde im Aschaffenburger Schloß ehrte der Bundespräsident erstmals 15 Vereine mit der Eichendorff-Plakette, unter ihnen den Thüringerwald-Verein Coburg. Damit wurde einmal mehr anerkannt, daß der Thüringerwald-Verein Coburg die Tradition des „großen" Thüringerwald-Vereines fortführt, denn alleine für sich hätten wir die hundert Jahre bei weitem nicht erreicht gehabt.

 Der aus Schlesien stammende Dichter wurde deshalb zum Namensgeber der Stiftung bestimmt, weil seine Gedanken die Entwicklung der Wanderbewegung wesentlich mitgeprägt haben. Natur, Wandern und Heimat sind in seiner Dichtung die vorherrschenden Themen. Die Eichendorff-Plakette ist in feinstem Porzellan ausgeführt, Hersteller ist die Porzellanfabrik W. Goebel in Rödental.

 Wanderwegenetz über 400 km

 Die Arbeit unserer Wegemeisterei blüht stets etwas im Verborgenen. Das gilt nicht nur für die Allgemeinheit, sondern selbst innerhalb unseres Vereines. Allzu oft nimmt man eben nur das Ergebnis, nämlich die hervorragend angelegten und markierten Wanderwege zur Kenntnis. Wie gut diese Wege sind, das wird uns immer wieder gerade von auswärtigen Wanderern bestätigt. Der jetzige Hauptwegemeister Günther Peter hat das Werk seine Vorgängers Otto Treuter in vorbildlicher Weise fortgesetzt. Daß es auch weniger gut markierte Wege gibt, das merken viele von uns, wenn sie sich in anderen Wandergebieten bewegen, gar dort eine Gruppenwanderung vorbereiten müssen. Mancherorts versetzen sich die Leute eben bei allem guten Willen zu wenig in die Lage des Fremden, der das betreffende Gebiet zum ersten Male betritt...

 An spektakulären Ereignissen ist die Arbeit der Wegemeisterei arm. Hervorzuheben ist allerdings ein neu angelegter Wanderweg. Im Jahre 1988 begingen Wissenschaftler, Kommunalpolitiker und Verkehrsämter den 200. Geburtstag von Friedrich Rückert. Auch die Wanderer trugen zu diesem Gedenktag bei. Schon seit längeren gab es in den Haßbergen den „Friedrich-Rückert-Weg", fälschlicherweise aber mit Endpunkt in Neuses a. d. Eichen.

 Bekanntermaßen aber war Rückert mit Neuses b. Coburg - dem heutige Stadtteil - eng verbunden. Anlässlich des 200. Geburtstages wurde dieses kleine Missverständnis beseitigt; der Thüringerwald-Verein betreut seitdem den neuen Teilabschnitt Schloß Wiesen (b. Seßlach) - Neuses b. Coburg.

 Wandern - jedes Jahr ein volles Programm

Von der Arbeit des Hauptwanderwartes und seiner Mannschaft gibt es erst recht nichts Spektakuläres zu berichten. Wie bereits erwähnt, starb im Jahre 1988 Klaus Ehrlicher, seine Nachfolge als Hauptwanderwart trat Wilhelm Sauer an. Auch hier fällt eben viel Kleinarbeit an. Für den Wanderwart gilt es, den Betrieb zu koordinieren. Für die Sonn- und Feiertage von März bis Oktober ist ein Wanderplan zu erstellen. Anzuerkennen ist aber auch die Arbeit, die der einzelne Wanderführer in die Vorbereitung und Durchführung steckt. Einen weiteren Wechsel gab es von 1985 auf 1986. Die Bildersuchwanderung ist nunmehr seit Jahrzehnten Abschluß und Höhepunkt eines jeden Wanderjahres. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte Erich Bauer die Bildersuchwanderung geleitet, häufig unterstützt durch Werner Ungelenk. Im Oktober 1985 leitete Erich Bauer bei herrlichem Wetter letztmals die Bildersuchwanderung, Schlußeinkehr war in Altenstein. Er gab diese Aufgabe weiter an Wilhelm Bauer und Reiner Probst. Die beiden führen die Tradition fort.

 Kultur und Unterhaltung kommen nicht zu kurz

 Alljährlich sind Stiftungsfest und Julabend Höhepunkte des Vereinslebens. Programmpunkte sind hierbei nicht nur Ansprachen und Ehrungen. Die jeweils zahlreichen Zuschauer wollen auch unterhalten sein. Seit vielen Jahren sorgt hierfür die Laienspielgruppe. Seit etwa vier Jahren gibt es außerdem die Volkstanzgruppe. Im Berichtszeitraum gehörte die Laienspielgruppe sowie überhaupt die Ausgestaltung von Julabenden und Stiftungsfesten zum Aufgabenbereich von Kulturwartin Ingrid Probst. Zu jedem Jul-abend und mit Ausnahme von 1984 zu jedem Stiftungsfest hat unsere Laienspielgruppe die Zuschauer erfreut. Höhepunkte waren 1982 zum 75jähringen, ferner das Ludwig-Thoma-Stück „Die Medaille" (1988), jedoch sollten die vielen anderen Inszenierungen damit nicht unterbewertet werden.

 Im Frühjahr 1986 wurde unsere Volkstanzgruppe ins Leben gerufen. Wir konnten zur ersten Einstudierung und überhaupt als Starthilfe einen berufenen Fachmann gewinnen, nämlich Horst Eidloth aus Wallenfels. Zum Hüttenjubiläum 1986 erfolgte der erste, wohlgelungene Auftritt. Seither erfreute sie die Zuschauer an Julabenden und Stiftungsfesten, auf den Deutschen Wandertagen in Eschwege, Berlin und Bamberg sowie bei mancherlei festlichen Anlässen im Raum Coburg außerhalb des Vereins. Anfangs brachte die Volkstanzgruppe einen erfreulichen Zustrom bei der Jugend. Leider hielt diese recht günstige Entwicklung nicht an. Dennoch hat sich die Volkstanzgruppe in kurzer Zeit zu einem der Aushängeschilder unseres Vereines entwickelt.

 Von der Ratsschule in die Herrngasse

 Eines der in Coburg meistumstrittenen Projekte der 80er Jahre war die Neugestaltung des Bereiches um die Morizkirche. Der Abbruch mehrerer Häuser, darunter die Ratsschule, war die Folge. Viele Jahre hatten wir in der Ratsschule unser vertrautes Domizil gehabt, nun mußten wir umziehen. Im neuen Vereinszimmer im Haus Nr. 4 in der Herrengasse fanden wir im Sommer 1988 einen guten Ersatz. Das Gebäude ist ein erstrangiges Baudenkmal. Ursprünglich „Steinerne Kemenate" benannt, war es später nach der gleichnamigen Druckerei als „Roßteutscher-Haus" bekannt. Später beherbergte es das Fremdenverkehrsamt Stadt und Land Coburg, die jetzige „COFCO".

 Auch Waldabende können wandern ...

 Die „gute, alte Zeit" der Waldabende war am Anfang unseres Berichtszeitraumes. Vereinslokal war das „Münchner Hofbräu", zu den Waldabenden ging man hinauf in den Saal. Dieser Raum war fast immer voll besetzt. Dank prompter Bedienung „floss" auch der Getränkeabsatz für den Wirt wohl zufriedenstellend. Mehr noch: so mancher fand nach Ende des Waldabends noch nicht gleich den Heimweg, sondern machte unten in der Gaststube des Münchener nochmals Station. Doch dann mußten wir wegen der Renovierung erstmals umziehen, für einige Monate in das „Goldene Kreuz". Auch hier waren wir sehr gut aufgehoben, wenn es auch meist recht eng zuging. Auch hier wurde der Waldabend gelegentlich verlängert...

Nach Renovierung und Pächterwechsel zogen wir wieder ins „Münchener" zurück. Zunächst wurden wir vom Saal in das Nebenzimmer rechts vom Eingang umquartiert. Früher wäre das unvorstellbar gewesen, denn dieser Raum wurde vom Wirt natürlich dringend für andere Gäste gebraucht, er war stets gut frequentiert. Schließlich wechselten wir ab 1986 in die „Goldene Traube". Zu Anfang wurde dieses Lokal sehr gut angenommen. Der Vorstand reagierte auf rückläufigen Besuch während der Wintermonate, indem er diese Waldabende von dem traditionellen Montagabend auf den Samstagnachmittag verlegte.

 Auch diese Maßnahme hat sich gelohnt, der Besuch während der Wintermonate wurde wieder besser. Dennoch, das eine oder andere Mal waren die Reihen bei den Waldabenden bedenklich gelichtet. Es ist daher das ständige Bemühen des Vorstands, die Waldabende attraktiv genug zu gestalten.

Recht gut angenommen worden ist auch der Brauch, alljährlich einen Waldabend in das Natur-Museum zu verlegen. Dessen Leiter, Herr Dr. Aumann, hat es sich nicht nehmen lassen, uns jeweils selbst zu führen und er fand aus seinem riesigen Vorrat immer wieder Stoff für hochinteressante Vorträge und Führungen.

 Die Wende und wir

 Wir konnten nie vergessen, daß der Thüringerwald-Verein mehr war als nur ein Coburger lokaler Verein, mag auch die Routine manchmal diesen Eindruck erweckt haben. Dem „Farnkraut" Nr. 4/ 1978 entnehmen wir einen denkwürdigen Bericht. Am 17. September 1978 hat der Thüringerwald-Verein unter Führung von Wolfgang Süße seine erste Wanderung jenseits der einen Spalt breit geöffneten Grenzen geführt - wenn man auch damals solchen Unternehmungen noch einen mehr privaten Charakter geben mußte. Es ging von Gießübel durch das Rehbachtal zum Trinius-stein, dann zum „Nadelöhr" und nach Fehrenbach. Über den „Eselsgraben" erreichte die Gruppe die Werraquelle. Wie der Chronist, der unvergessene frühere Vorsitzende Arno Volk vermerkt, war dies nach mehr als 30 Jahren das erste Mal. Weiter ging's auf den Rennsteig und zur „Rennsteigwarte" und schließlich nach Masserberg. Von dort aus wurde der Ausgangspunkt Gießübel wieder erreicht. Kürzlich, anlässlich der Wiedergründung des Ortsvereins in Fehrenbach, erinnerte sich Wolfgang Süße an diese Episode.

In den Folgejahren waren die Wanderungen im „Kleinen Grenzverkehr" die Domäne von Wolfgang Süße.

Im „Farnkraut" sind immer wieder Themen aus unserem Nachbarland aufgegriffen worden - seien es Wanderberichte, seien es Artikel wie etwa 1/1982 über die Heldburg - kurz vor jenem verheerenden Brand.

Namentlich im Jahr 1989 kamen in allen Ausgaben Themen aus unserem Nachbarland vor!

 Die Umwälzungen und Ereignisse im Spätherbst 1989 schlugen selbstverständlich auch uns in den Bann! Ein herausragendes Datum ist dabei der 19. November 1989. Wieder eine Wanderung, diesmal im jahrzehntelang hermetisch verschlossenen „Heldburger Zipfel", durch Um-merstadt - Heimatort unseres Wanderfreundes Wolfgang Süße - und auch auf die „Fränkische Leuchte" selbst, als erste „westdeutsche" Wandergruppe seit Jahrzehnten!

 Mit Fug und Recht können wir behaupten, daß damit eine neue Epoche beginnt.

 Was nun die Wiedergründung des Thüringerwald-Vereins „drüben" betrifft, so sollten wir eines für die Zukunft festhalten. Wir sind nicht über die

Grenzen gereist, um uns Zweigstellen zuzulegen Die Initiative ging von den Wanderfreunden irr anderen Teil Deutschlands aus! Seit Öffnung der Grenzen sind wir mit Anfragen und Besucher regelrecht bestürmt worden. Wir halfen und berieten wie wir es vermochten.

Schon bald aber stellte sich heraus, daß „drüben" der ernsthafte Wille vorhanden war, der Thüringerwald-Verein in seinem Ursprungsland neu ins Leben zu rufen.

 Durch neue Gesetze erhielten die Menschen in der DDR eine Chance, die sie vorher nicht hatten, nämlich freie Vereinigungen ohne staatliche Bevormundung zu bilden. Schon bald haben sich an verschiedenen Orten Thüringerwald-Vereine neu gebildet. Im Laufe des Frühjahres 1990 kam es zu Kontakten untereinander und zu dem Thüringerwald-Verein Coburg.

Zu den Neugründungen kamen Wolfgang Süße sowie andere Vorstandsmitglieder, wann immer es ihnen möglich war, als gern gesehene und herzlich begrüßte Ehrengäste.

 Am 26.5. und am 9.6. trafen sich die Vorstände der neugegründeten Thüringerwald-Vereine in der DDR mit dem Vorstand des Thüringerwald-Vereines Coburg in Ilmenau. Dies brachte im Wesentlichen das folgende Ergebnis:

 Ein grenzüberschreitender Thüringerwald-Verein soll neu gegründet werden - juristisch endgültig aber erst nach der staatlichen Wiedervereinigung Deutschlands. Abweichend von der Tradition soll Coburg Hauptsitz werden. Dies soll Anerkennung dafür sein, daß Coburg während der abgelaufenen 45 Jahre die Tradition aufrechterhalten hat. Auf dem Gebiete der jetzigen DDR sind unter den neugegründeten Zweigvereinen drei schwerpunktmäßig als Kontaktadresse zuständig, nämlich Neuhaus a. R., Steinbach-Hallenberg und Ilmenau. Diese drei sollen in ihrem Umkreis Neugründungen fördern und unterstützen. Bereits gebildet und im Aufbau sind Zweigvereine in Asbach, Floh, Gießübel, Gräfenroda. Gräfenthal, Neuhaus a. R., Saargrund, Steinach, Steinbach, Ilmenau sowie Waffenrod/Hinterrod, Waltershausen und Fehrenbach.

 Ein weiteres Treffen fand dann am 14. 7. statt, diesmal im Wanderheim „Alexandrinenhütte" des Thüringerwald-Vereins Coburg.

Hier wurde vereinbart, daß am Samstag, dem 22. September 1990, ab 14 Uhr eine öffentliche Versammlung zur Gründung eines Hauptvereins des Thüringerwald-Vereins erfolgen soll; Ort: wiederum die Alexandrinenhütte des Thüringerwald-Vereins Coburg. Da bis dorthin die staatliche Wiedervereinigung vermutlich noch nicht erfolgt sein wird, soll die Gründung zunächst in einer rechtlich noch unverbindlichen Form erfolgen, voraussichtlich als eine Arbeitsgemeinschaft des Thüringerwald-Vereins Coburg mit den neugegründeten Thüringerwald-Vereinen auf dem Gebiet der DDR. Die Satzung soll in Anlehnung an die Satzung des Thüringerwald-Vereins Coburg erarbeitet werden. Neben Wandern und Heimatkunde bildet der Umweltschutz einen Schwerpunkt in den Vereinszielen. Dem soll durch die Bestellung eines Naturschutzwartes in jedem Zweigverein Rechnung getragen werden. Die bisherige Vereinszeitschrift „Das Farnkraut" des Thüringerwald-Vereins Coburg soll Zentralorgan werden und damit die Tradition der bis Ende der 30er Jahre in Eisenach erschienenen „Thüringer Monatsblätter" fortsetzen. Zu der erwähnten Veranstaltung am 22. September soll ein prominenter Schirmherr und als Ehrengäste kommunale und staatliche Mandatsträger gewonnen werden.                                                   

H. D. Bürger

 siehe auch Bildteil