Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1969

 Episodenfreude um Philipp Frommann „Aufläder“ beim Kleinen Wanderkreis

 Wer seine Heimat liebt, durchwandert sie nicht nur; er interessiert sich erst recht für ihre Geschichte (samt episodischen Geschichten). Der Kleine Wanderkreis pflegt Heimatkunde besonders liebevoll; das erwies sich unlängst wieder bei einem Ausflug nach Stöppach. Er weckte Erinnerung an jene Zeit vor über 100 Jahren, als Preußen und Bayern nicht im besten Einvernehmen lebten. Coburg stand damals wegen der Militärkonvention von 1861 auf Seiten Preußens, das Gros seiner Kompanien lag im Raum Gotha, und hierzulande gab's „bayerische Besatzung". Den Einheimischen war sie wohlgesinnt — nur nicht Leuten, die sich „preußisch verdächtig" machten. Zu denen gehörte auch der Stöppacher Gastronom und Steinbruchbesitzer Dietrich Höhn; er sah dem „Eisernen Kanzler" Otto von Bismarck gar zu ähnlich. So konnte es geschehen, daß der Hohns Dieter auf dem Heimweg von seinem Haarther Steinbruch von einem bajuwarischen Soldaten für Bismarck gehalten, barsch zur Rede gestellt, verhaftet und bei der Ortswache am Stöppacher Gemeindebackofen abgeliefert wurde. Hier klärte sich das Missverständnis natürlich alsbald auf — aber Hohns Dieter blieb sein Leben lang der „Stöppacher Bismarck".

Dieser Mär (nach Aufzeichnungen unseres Wanderfreundes Tierarzt Willi Brückner) ließ August Marr auf einer nachfolgenden Wanderung Erinnerungen an ein Coburger Original folgen: An den “Aufläder” (Speditionsarbeiter) Philipp Frommann, dessen Todestag sich am 14. April zum 120. Male jährte. Frommann war zu Streichen stets aufgelegt, insbesondere an Markttagen. Einmal gab er sich gegenüber einem Bauern, der sich vor dem Rathaus eine Bratwurst genehmigte, als „Bratwurstkommissär" aus, der über die vorgeschriebene Wurstlänge zu wachen habe. Er nahm dem Bäuerle die angeblich viel zu kleine Rostgebratene ab, „auf daß der schuldige Metzger bestraft werde", verschwand damit dienstbeflissen im Rathaus und — tat sich in seinem Stammlokal „Zollhof" gütlich am billigen Imbiss. Gar gern betätigte sich Frommann dort auch als Blasrohr-Schütze. Einem Gast vom Lande, der gerade ein Katerfrühstück verzehren wollte, schoss er eine Erbse so scharf auf die Hand, daß das erschrockene Opfer den Hering von sich warf und aufschrie: „Du Luder willst mich wohl gar noch beiß?!"

Übler erging's jenem Landmann, der sich am Topfmarkt in der Herrngasse kunstvoll gedrehte und mit lustigen Versen bemalte Produkte des ehrwürdigen Töpferhandwerks erstanden und sie der Bequemlichkeit halber am Stecken wie ein Gewehr geschultert hatte. Frommann stellte sich neben ihn, schaute zum Dach des nächsten Hauses hinauf, als sei dort ein Wunder zu bestaunen, und rief aus: „He, sie werden schon herunterfallen!" Neugierig blickte auch der Topfträger gen Himmel. Dabei bog er sich so weit zurück, daß ihm sämtliche Tontöpfe vom Stecken rutschten und zu Bruch gingen. „Hab' ich's doch gleich gesagt", witzelte der “Aufläder” schadenfroh und schlich sich schleunigst von dannen.

 Willkommener Gast war der Kleine Wanderkreis auch wieder einmal im Altenheim Neukirchen bei Wanderfreund Fritz Küsters. Ihn und alle Heiminsassen erfreute Reinhold Zeuner mit 170 herrlichen Aufnahmen vom Berchtesgadener Land, teilweise von Wilhelm Brehm beigetragen. Der mit mancherlei Sagen bereicherte Vortrag war für die Mitglieder des Kleinen Wanderkreises zugleich vorfreudige Einstimmung in ihre diesjährige Ferienwanderung, die sie im Juni in die Bergwelt rings um Berchtesgaden führen wird.                                  AuMa

 

Anmerkung: August Marr verband seine von ihm organisierten und geführten Wanderungen mit viel Heimatgeschichte und Heimatkunde. Der „Aufläder“ war einer der legendären Orginale Coburgs.

 Ursprünglich bedeutete „Aufläder“ einen Arbeiter an einem der historischen Kräne, wie sie im vorindustriellen Zeitalter beispielsweise in Hafenanlagen eingerichtet waren, recht kleine Ausführungen in Bamberg („Am Kranen“), größere am Main - in Würzburg („Alter Kranen“), Marktbreit und am Rhein. Es gab  die „Aufläder-Zunft“ (Hinweis WIKIPEDIA – Stichworte „Alte Kranen“)