Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1973

 Ein sehr informativer Artikel aus der Feder von Werner Ungelenk über Dolinen und Erdfälle im Coburger Land, leider wieder ohne nähere Angaben über Quellen und Literatur mit Ausnahme des Hinweises auf den damals recht aktiven Heimatforschers Andreas Stubenrauch.

 »Donnerloch« und »Erdbeben«

 Ein „geologischer Tiefblick“ in die »Unterwelt« unserer Langen Berge

 Das Coburger Tageblatt hat vor einiger Zeit von einem »Erdsturz bei Roßfeld« berichtet. Es drehte sich um eine gefäßförmige Doline von zwei Meter Durchmesser bei einer Maximaltiefe von 1,60 Meter im Flurbereich »Blaue Leite«, den die Bevölkerung »Kestlacker« (Kesselacker) nennt.

Während die im Coburger Land keineswegs seltenen Dolinen zumeist im Muschelkalk zu finden sind, handelte es sich diesmal um einen Einbruch im Tonstein des Gipskeupers, ähnlich dem altbekannten Erdtrichter nahe dem Schafteich unterm Dicken Berg rd. 1,5 km südlich von Rudelsdorf. Hier ist nach wie vor der unterirdische Abfluss zuströmenden Wassers in einem »Schluckloch« am Grund des Trichters zu beobachten; ein Beweis für die in den Langen Bergen untertags verlaufenden Wasseradern.

Besagter Erdsturz weckt die Erinnerung an ein »Erdbeben«, von dem vor nahezu 190 Jahren der Nordwesten unseres Coburger Landes heimgesucht worden ist. Mittelpunkt der Erdbewegung war Großwalbur, die neben Ahlstadt und Grattstadt älteste Ortschaft im Bereich der Langen Berge. Unsere Heimat liegt also durchaus nicht immer außerhalb des Wirkungsbereiches von Erderschütterungen, die oft genug eine Landschaft durch Spaltbildungen, Erdsenkungen oder Bergrutsche grundlegend verändern.

 Die Aufzeichnungen eines Chronisten besagen folgendes über die erregenden Ereignisse des 24. April 1784:

»Vormittags gegen 9 Uhr ging bei völlig windstillem Wetter und fast wolkenlosem Himmel ein furchtbares unterirdisches Brausen unter Groß-walbur hindurch. Unmittelbar darauf begann die Erde zu zittern. Das Beben hielt etwa eine Minute an. Am Nachmittag erhob sich plötzlich ein gewaltiger Orkan, der zwei Ackersleute mit Ochsen und Pflügen über mehrere Äcker hinwegfegte. Nach dem Erdbeben waren einige Brunnen wochenlang versiegt. Als sie wieder flössen, hatten sie ein um 1/2 Grad schwereres Wasser.

 Das Erdbeben war anscheinend durchaus lokaler Natur. Es dürfte auf den Absturz großer Erdmassen in einen Hohlraum zurückzuführen sein, deren Spuren wir ja auch noch in einigen sogenannten ‘Erdfällen' oder ‘Donnerlöchern' sehen.«

Damit ist eine hierzulande keineswegs seltene Naturerscheinung angesprochen. Das bekannte Drossenhausener Donnerloch am markierten Wanderweg des Thüringerwald-Vereins von Oberlauter zur Sennigshöhe ist nicht die einzige Erdfalle im Bereich der Langen Berge. Auch auf der Höhe und im Weidbachgrund nördlich Ahlstadt gibt es solche Dolinen; desgleichen auf dem Kemmater Berg im »Coburger Gebirge« zwischen Roden- und Steinachtal und überall dort, wo unsere Berge aus Kalkstein bestehen.

Die aus alter Zeit überkommene Bezeichnung »Donnerloch« beruht auf der irrigen Annahme, nur ein wuchtiger Donnerschlag habe solche Erdfälle bewerkstelligen können. Daß dem nicht so ist, beweist u.a. jenes Erlebnis, das ein Ahlstadter Bauer im Jahr 1953 auf seinem Feld im Weidbachtal hatte. Gemächlich hinter seinem Pflug her schreitend, bemerkte er plötzlich voller Entsetzen, wie - kaum einen Meter vor seinem Zugpferd - der Erdboden mit dumpfem Gepolter in die Tiefe stürzte. Was der Bauer, nachdem er sich von seinem Schrecken erholt hatte, dann entdeckte, hat Rektor Andreas Stubenrauch wie folgt der  Chronik anvertraut:

 »Drei Meter tief ist das Loch. Oben nur anderthalb Meter im Durchmesser, erweitert es sich nach unten beträchtlich ... Wirft man einen Stein hinein, hört man ihn ins Wasser des unterirdisch fließenden Weidbachs fallen, der in vielen tausend Jahren eine Erdspalte erweitert und so viel Boden fortgetragen hat, daß die darauf liegende Erde mit ihrer Last durchbrach.«

 Wer den fast das ganze Jahr über trocken liegenden Weidbach nur als wasserarm kennt, mag über solche Deutung verwundert sein. Er ahnt kaum, daß dieses scheinbar armselige Bächle zum Wildbach wird, wenn sich in ihm bei der Frühjahrsschneeschmelze oder nach außergewöhnlich starken Regenfällen riesige Wassermengen talwärts bewegen. Die Frage nach dem Verbleib des Weidbachwassers zu »normalen« Zeiten drängt sich zwangsläufig auf und damit die begründete Vermutung, daß der Weidbach ebenso in einer Spalte des Kalkbodens verschwindet, wie das bei Wasserläufen andernorts auch feststellbar ist, so z. B. bei unserer Itz, die unweit ihrer Quelle am Südhang des Bleßberges bei Tossenthal ein ganzes Stück in einer unterirdischen Spalte fließt. Der nahe Retschenbach, der eigentlich die bei Weißenbrunn v. W. in die Itz mündende Grümpen speisen sollte, verschwindet auf gleichem Wege vollständig im sogenannten Zinzelloch zwischen den thüringischen Nachbargemeinden Meschenbach und Rabenäußig.

Das Erlebnis des Ahlstadter Bauern im Frühjahr 1953 bestätigt aber auch ein Naturschauspiel, dessen Zeuge anno 1723 ein Landmann namens Amhof - ebenfalls aus Ahlstadt - auf seinem Feld nördlich des Dorfes geworden ist. Vor ihm und seinem Pferdegespann tat sich ebenfalls plötzlich die Erde auf zu einem »schier unergründlichen Loch«. Der Überlieferung zufolge haben damals schon die alsbald herbeieilenden Nachbarn »das Rauschen eines unterirdischen Gewässers gehört«.

Einen weiteren Beitrag zur Deutung der Dolmen-Landschaft der Langen Berge, die in den 30er Jahren ein Wünschelruten-Experte mit der Fränkischen Schweiz verglichen hat, geben die Aufzeichnungen des Meederer Pfarrers Fatius über ein Naturereignis am 19. Oktober 1779 in der Drossenhausener Flur. Sie berichten von einem »unversehenen Erdfall etwa eine halbe Viertelstunde ober dem Dorf« an einer Stelle, über die am Vormittag noch eine Viehherde getrieben und wenig später ländliche Fuhren ohne absonderliche Wahrnehmungen geführt worden waren. Eine Frau entdeckte das »in die Erde gefallene

Loch, das anfänglich ohngefähr die Größe eines Fensters in einem Bauernhaus hatte«, sich aber täglich »oben erweiterte«, so daß es, um Unglück zu vermeiden, alsbald mit Schafhürden umzäunt werden mußte. »Einer, der das Loch von einer fürchterlichen Tiefe mit einem an zusammenhängende Schnüre gebundenen Stein gemessen haben will, sagte, diese Schnur sei 96 Schuh (ca. 32 m) tief hineingegangen.«
Eine andere Messung spricht sogar von 144 Schuh (ca. 45 m).

 Dieser Erdfall befand sich nach dem Bericht des Pfarrers Fatius in unmittelbarer Nähe des »von undenklichen Zeiten her« und noch heute allgemein bekannten Donnerlochs, in das der vermeintliche Donnerstrahl mehr als 200 Jahre vor dem soeben geschilderten Ereignis - also bereits im 16. Jahrhundert - gefahren sein soll. »Vor etlichen 30 Jahren« so schreibt Fatius hierzu - »soll dessen Weite der Öffnung eines großen Ofenhakens ähnlich, vorher aber noch größer gewesen sein. Man erzählt, daß ein Schaf hineingefallen und nach drei Tagen an einem Ausgang am Oertelsgraben wieder tot zum Vorschein gekommen«.

Aus diesen Darstellungen zieht Fatius den Schluss, »daß das in das sogenannte Donnerloch seit so vielen Jahren von vielen hochliegenden Becken zusammengelaufene und von demselben verschlungene Wasser unter der Erde einen hohlen Gang entweder gefunden oder gemacht, der sich mit der Zeit immer mehr erweitert und die Tiefe nach und nach ausgehöhlt hat«.

Auch das bestätigt also die Annahme, daß ein starker Wasserflut durch die Langen Berge läuft und ihre Tiefen mehr und mehr unterhöhlt. Der infolge allmählicher Erderweichung oder ständiger Belastung der oberen Erdschicht durch Viehherden und Feldarbeiten durchaus mögliche Zusammenbruch einer solchen Unterhöhlung dürfte die Ursache auch der Erschütterungen gewesen sein, die als »Großwalburer Erdbeben« in die Geschichte unserer engeren Heimat eingegangen sind.                     

Werner Ungelenk