Sauerbruch, Virchow, Pettenkofer, Röntgen….namhafte Mediziner sowie Wissenschaftler mit Bezug zur Medizin  sind in Coburg durch Straßennamen verewigt, und zwar im Bereich von Seidmannsdorfer Straße - Hirschfeldring. Dass auch Dr. Hans Berger in diese Kategorie gehört, ist wohl nicht jedem Coburger bekannt. Umso verdienstvoller ist es, wenn Werner Ungelenk den nachstehenden Artikel in die „Farnkraut“-Ausgabe Nr. 2/1973gesetzt hat. Der Artikel ist nicht signiert. Ich vermute, ein sach- und fachkundiger Zeitgenosse hat ihn als persönliche Gefälligkeit verfasst.

 In Memoriam Professor Dr. Hans Berger

 Zum 100. Geburtstag des großen Psychiaters und Neurologen. - Er entdeckte das Hirnstrombild. –

 Das „EEG“ ist aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken.

 Am Haus Steinweg Nr. 12 in Coburg erinnert seit 1958 eine Gedenktafel an Prof. Dr. Hans Berger, dessen Geburtstag sich am 21. Mai zum hundertsten Male jährt. Als Entdecker des sogenannten Hirnstrombildes oder Elektroenzephalogramms (EEG) war Berger, der lange Zeit vergeblich um die Anerkennung seiner Forschungsarbeit ringen musste, zweifellos einer der bedeutendsten deutschen Psychiater und Neurologen. Zweimal hatte man ihn für den Nobelpreis ausersehen. 1936 scheiterte die Ehrung an den politischen Verhältnissen in Deutschland und nach dem Zweiten Weltkrieg hatte den verdienten Mann bereits der Tod ereilt. So blieb nur die Gedenktafel in der Vaterstadt Coburg. Sie wurde anlässlich des XI. Bayerischen Ärztetages enthüllt. Wenn heute kein Gehirnchirurg mehr zum Skalpell greift, ehe nicht vom Schädel des Patienten ein EEG oder ein Szintigramm geschrieben worden ist, so hängt das mit Bergers bahnbrechender Entdeckung zusammen. Sie geht auf das Jahr 1924 zurück. Der einer alten Coburger Bader- und Arztfamilie entstammende Forscher - seine Mutter war die Tochter des Dichters Friedrich Rückert - hatte an den Universitäten Berlin, Kiel und Jena Medizin studiert. 1919 wurde er als Nachfolger des weltberühmten Schweizer Geheimrats Prof. Otto Binswanger Direktor der Psychiatrischen und Nervenklinik der Universität Jena, 1927 Rektor der Universität selbst. 1924 öffnete der Klinikchef den Schädel eines jungen Mannes, um den durch eine Geschwulst bedingten erhöhten Innendruck herabzusetzen. Bei dieser Entlastungs-Trepanation stieß Berger erstmals auf das Phänomen ständiger elektrischer Potentialschwankungen. Es folgen immer wieder neue Kontrolluntersuchungen an Leuten mit geeigneten Schädellücken, bis Berger sicher war: »Ich kann diese Hirnströme auch vom gesunden Schädel, ja sogar von der Kopfhaut ableiten.« Die staunende Fachwelt erfuhr 1929 von dieser neuen Möglichkeit, die seither eine der wichtigsten Methoden bei der Untersuchung von Vorgängen innerhalb der Schädelkapsel geblieben ist. Auch ihre Bezeichnung geht auf den Entdecker zurück.

Das Gehirn, so hatte Berger herausgefunden, zeigt eine dauernde, rhythmische Eigentätigkeit und verschiedene elektrische Wellenformen im Wach- und Schlafzustand. Ihm gelang zugleich der Nachweis, dass gewisse Spannungsschwankungen von den Nervenzellen der obersten Schicht der Hirnrinde ausgelöst werden.

Damit waren wichtige Ansatzpunkte für die klinische Praxis geschaffen. Insbesondere erhielt man neue, wertvolle Aufschlüsse auf dem Gebiet der Anfallskrankheiten. Die Folge: man konnte jetzt zu operablen Grundprozessen vorstoßen oder durch bessere Differenzierung medikamentöse Beeinflussungsmöglichkeiten erschließen.

Diese Entwicklung ist auch heute noch keineswegs abgeschlossen. Neben der Elektroenzephalographie gewinnen die Untersuchung mit radioaktiven Isotopen und das Ultraschall-Reflexionsverfahren zunehmend an Bedeutung. So lassen sich bereits Vorgänge exakt diagnostizieren, die sich innerhalb der Schädelkapsel nach Unfallverletzungen oder bei Hirntraumen der verschiedensten Herkunft abspielen. Manche abnormen Verhaltensweisen Jugendlicher lassen sich mit dem EEG auf eine organische Grundlage zurückführen. Von noch größerer Bedeutung sind die Hinweise auf Gefäßprozesse, entzündliche Erkrankungen der Hirntumoren, die man mit dem EEG weitgehend genau orten kann. Das bewies schon vor einigen Jahren der russische Nervenchemiker Prof. D. J. Patschenko, der auf diese Weise bestimmte Hirngeschwulste fast millimetergenau lokalisierte.

Allerdings: die Elektroenzephalographie und die ihr verwandten Verfahren sind keine Ausschlußmethoden, aber doch so überzeugend, dass sie aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken sind. Ihr besonderer Vorteil liegt darin, dass sie dem Diagnostiker ohne besondere Belastung des Patienten eine rasche Orientierung ermöglichen und verlässliche Hinweise geben, ob noch weitere spezielle Untersuchungen erforderlich sind.

So durfte Prof Dr. Hans Berger kurz vor seinem Tode (1.Juni 1941) mit berechtigtem Stolz sagen: »Jedenfalls habe ich durch meine Entdeckung am 6. Juli 1924 Vorgänge im menschlichen Großhirn, die noch keines Menschen Auge erschaut hat, sichtbar gemacht und so ein bis dahin völlig unzugängliches Gebiet der Forschung erschlossen«.