Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1972

 

Auch als Künstler wirkte Emil Rädlein für die Nachwelt

Die Skizzenbücher des Coburger Wandersmannes offenbarten es:

Dankenswerte Ausstellung im Coburger Kunstverein zum 65. Geburtstag des Thüringerwald-Vereins

 65 Jahre alt geworden ist der Thüringerwald-Verein Coburg am 25. Mai (=1972, Anm.); für ihn kein Anlaß zu außerordentlicher Festivität, denn für »Ruhestands«-Ambitionen ist in seinem Wirkungskreis kein Raum. Und doch war gerade diesem Geburtstag, den man am 18. Juni mit einer Sternwanderung zum Hüttenfest auf der Sennigshöhe begehen wird, ein außergewöhnlicher Beitrag von unschätzbarem Wert gewidmet. Wir meinen die Emil-Rädlein-Ausstellung im Coburger Kunstverein. Mit dem Einblick in die »Skizzenbücher des Coburger Wandersmannes« hat Rädleins Lebenswerk eine Würdigung erfahren, die den Mitgründer und langjährigen ersten Vorsitzenden (1907-1925) des Thüringerwald-Vereins dem »geehrten und gelehrten Coburg« zuordnet. Als Retter und Wahrer des Rädlein-Nachlasses hat sich um das Zustandekommen der Ausstellung unser Wanderfreund Heimatpfleger Adalbert Bringmann insbesondere verdient gemacht. Zu danken haben wir ihm auch für den nachstehenden Rückblick auf die Ausstellung und die damit verbundene Wertung der Arbeiten, durch die der Heimatbewußtsein Emil Rädlein nicht nur für seine Zeit, sondern auch für die Nachwelt gewirkt hat.

 Viele Jahrzehnte muß der “Coburger Wandersmann” in der Seitentasche seiner Windjacke das Skizzenbuch mitgeführt haben, zeichnend, wo ihn eine alte Mühle, ein Torturm, ein Blick über Täler und Höhen, eine Gruppe knorriger Weiden oder sonst ein schönes Motiv gelockt haben mag.

Als ich die zwanzig Skizzenbücher Emil Rädleins durchsah, als ich die Mappen sichtete, seine Arbeiten von denen seiner Tochter Anne sonderte, was manchmal gar nicht leicht war, da wurde neben großer Freude ein tiefer Respekt in mir lebendig. Kein Berufskünstler - ein Turnlehrer - hatte doch hier zum Zeichenstift gegriffen, hatte mit leichter Hand Aquarellfarben sprühen lassen. Freilich brachte er eine Voraussetzung dafür mit: Er konnte sehen! Das hatte er ja auch in den vielen glänzend geschriebenen Wanderberichten bewiesen, die weitum - auch von absoluten Nichtwanderern - gelesen wurden und noch werden.

Und dann waren da noch jene Skizzen, die den Historiker und Baugeschichtler faszinierten. Rädlein hat wohl mit System überall dort, wo ein Abbruch historischer Bausubstanz drohte, uns den alten Zustand in der Skizze oder gar im Aquarell überliefert, so daß auch hier sein zeichnerisches Werk einer späteren Inventarisierung des alten Stadtbildes wichtige Dienste leisten kann. Man kann doch nur mit Wehmut sein großes Aquarell der Gruftanlagen des Salvatorfriedhofs betrachten, die weiteren Skizzen dazu, um zu sehen, was durch Unverstand und Unkultur verloren, unwiederbringlich verloren ist. Von dieser Warte aus gesehen ist sein zeichnerisches Werk für uns heute auch ein Mahnzeichen, denn wir stehen vor einer Altstadterneuerung, die mit Ehrfurcht oder mit Rücksichtslosigkeit gemacht werden kann. Sorgen wir, jeder an seinem Platz, daß sie im Geiste des Coburger Wandersmannes, im Geiste der Ehrfurcht vor dem überkommenen und gewachsenen Stadtbild geschieht. Es war ein froher Entschluss des Vorstands des Coburger Kunstvereins, als er eine Rädlein-Ausstellung in sein Jahresprogramm einbaute, wenn auch - wie der Verfasser in seiner Eröffnungsansprache zur Ausstellung »Aus den Skizzenbüchern des Coburger Wandersmannes Emil Rädlein« (30. April bis 28. Mai 1972) sagte, Emil Rädlein sicherlich erschrocken wäre, könnte er solches Tun sehen. Denn er hatte sich wohl niemals als Künstler gefühlt, vielmehr nur zur Freude, zum Hausgebrauch gezeichnet und gemalt. Aber wie meist, wenn etwas in der Stille wächst, war der heutige Betrachter von Bewunderung vor solch echter künstlerischer Leistung erfüllt, wenn er im Kunstverein von Blatt zu Blatt ging.

Irgendwie spürte man an den schlichten Blättern, daß Rädlein geistig noch im 19. Jahrhundert, noch im romantischen Gefühl dieser Epoche verhaftet war. Das Blatt »Grabstein in Hannover« - die älteste Arbeit aus dem Jahre 1879 - atmet noch ganz diesen Geist, wie auch »Weide am Wasser« ganz von kleinmeisterlichem Gefühl, von den Coburger Vorbildern der Krüppel, Rauscher und Rothbart, um nur einige zu nennen, erfüllt ist. Dann aber, in späteren Arbeiten wird er freier, und findet bald seinen eigenen Ausdruck, dem er nun, ein Wesenszug seines Charakters, lebenslang treu bleibt.

 Natürlich prangten ganze Gruppen von Skizzen von den gesuchtesten Wanderpunkten wie Banz, Staffelberg, Giech und Gügel, der Ruheplatz der Mönche ob Banz, versehen mit dem Hymnus Scheffels über dies Idyll (heute - Stigma der Zeit - keines mehr!), in der Ausstellung. Zahlreiche Skizzen führten den Betrachter zur Veste vor der letzten Renovation. Ein Aquarell vom Innenhof des Callenberg war mit der Notiz »Zwei Tage vor dem Tod Ernst II« versehen. Dahingegangene Bauten sind wohl allein durch seinen Zeichenstift der Nachwelt erhalten worden. Ich nenne nur »Abbruch der mittelalterlichen Kirche von Wiesenfeld«, die Gaststätte »Zwick«, die Krebsmühle, die »Mauer« am Gräfsblock vor dem Mohrenstraßendurchbruch und viele andere mehr.

Das Resümee dieser Ausstellung: Der “Coburger Wandersmann” hat durch diesen Einblick in seine Skizzenbücher noch einmal mehr gezeigt, daß er - nicht nur als Gründer des Thüringerwald-Vereines -sondern auch durch dieses zeichnerische und malerische Werk zum »geehrten und gelehrten Coburg« gehört.

 Im Katalog der Ausstellung würdigte der Kunstverein den Coburger Wandersmann mit folgenden Worten, die den Schluss dieser Laudatio bilden sollen:

 EMIL RÄDLEIN wurde in Coburg am 5. Januar 1855 als Sohn des Bürgers und Schneidermeisters Johann Nikolaus Rädlein geboren. Er beschritt einen Bildungsweg, der ihn in den Schuldienst führte, wo er als Turnlehrer Generationen in Leibesertüchtigung bildete. Seiner Feder entstammen aus dieser Tätigkeit eine Reihe auf den Turnunterricht und auf Turnfeste zugeschnittene Veröffentlichungen. Ganz besonders bekannt wurde Rädlein aber als »Coburger Wandersmann« durch den Thüringerwald-Verein. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern vom 25. Mai 1907 und wurde an die Spitze des Vereins berufen. Als Wanderführer, der Schönheit und Geschichte der Heimat erschließen konnte, der über die von ihm geführten Wanderungen mit reicher Schilderungskraft schrieb, wurde er bald zu dem »geehrten Coburg« gezählt. In seinem zweibändigen Werk »Im Umkreis der fränkischen Krone« und in seinem Thüringerwald-Verein wirkt sein Lebenswerk noch. Emil Rädlein starb am 28. Februar 1925 kurz nach seinem 70. Geburtstag. Er wurde auf dem Coburger Ehrenfriedhof beigesetzt. Der Coburger Kunstverein freut sich nun den Coburger Heimat- und Kunstfreunden einen großen Einblick in die Skizzenbücher des Coburger Wandersmannes geben zu können, die von Heimatpfleger Adalbert Bringmann aus dem Nachlass der Tochter Rädleins bewahrt wurden. Es ist eine Fülle überraschender Zeichnungen und Aquarelle, die ein Nichtkünstler am Wege seiner Wanderungen und Reisen mit sicherer Hand festgehalten hat. Die Ansichten bereits abgegangener Bauwerke haben dabei ein besonders heimatgeschichtliches Gewicht.

 

Nachtrag: Zehn Jahre später, also 1982, begingen wir unser 75jähriges Bestehen. Zum Programm gehörte damals auch eine kleine Ausstellung von Zeichnungen und Gemälden des Emil Rädlein im Foyer der Sparkasse am Markt. Ich hatte damals die Ehre, diese zu organisieren und die Ausstellungsstücke bei den Kunstsammlungen auf der Veste abzuholen. Diese Ausleihe bearbeitete damals Frau Dr. Maedebach. Auch habe ich in den „Farnkraut“-Ausgaben ab 1981 ab  und zu eine Arbeit von Emil oder auch Anne Rädlein veröffentlicht, damals auch anhand von Repros aus den Kunstsammlungen.