Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1965, unsigniert

  

 Ein Bürgermeister ohne Dorf

 

Wen die zweite Juli-Wanderung angeregt haben sollte, auf der Karte den Ort Gellnhausen im Rodacher Reithberg-Bereich zu suchen, der hat sich vergeblicher Liebesmüh unterzogen. Es gibt zwar eine Corporationsgemeinde Gellnhausen" mit Sitz in Rodach und mit einem „Bürgermeister" an der Spitze, der seine „Gemeindebürger" alljährlich zum „Gellnhäuser Trunk" — einer Art Jahreshauptversammlung — um sich schart. Vom Ort aber existiert nichts mehr. An ihn erinnert nur noch der grenznahe „ausmärkische Forstbezirk" Gellnhausen zwischen Rodacher, Lempertshäuser und Heldritter Flur mit dem Torso der Gellnhäuser Dorflinde als Mittelpunkt sowie eine von Generation zu Generation überlieferte Legende, die durch nur wenige geschichtswertige Chronikaufzeichnungen zu belegen ist.

 Demnach gab es im heutigen Forstdistrikt „Hofstatt" einst ein Dorf „Geylenhusen" (später Geilenhausen), das den Bauernkrieg (152425) nicht überlebt hat. Man weiß, daß dieses Dorf 1225 urkundlich festgestellt ist, daß es 1317 einen „Zehnten von Geylenhusen" gegeben hat und daß 1491 ein Letz von Redwitz u. a. „den Zins auf vier guttern zu Geylenhusen den Bürgern und dem Gemeinderat von Rotha (dem heutigen Rodach) verkaufte." Es darf ferner angenommen werden, daß die der Vernichtung entgangenen Bewohner von Geilenhausen Unterkommen bei Freunden und Verwandten im nahen Lempertshausen sowie in Rodach und Heldritt gefunden haben. Von ihnen dürfte der Nachweis jener Wüstung stammen, über die unter der Jahreszahl 1516 ein Erbbuch-Vermerk besagt: „Geilenhausen, kein gebaut Haus daselbst".

 Vermutlich haben die überlebenden Bewohner des zerstörten Dorfes von ihren neuen Wohnsitzen aus Feldflur und Waldungen von Gellnhausen zunächst gemeinsam bewirtschaftet, sich später aber aus nicht mehr feststellbaren Gründen in Besitzgruppen aufgeteilt. So wurde diese Gemarkung zum „ausmärkischen Forstgebiet".

 Die Frage nach dem Grund, warum die ehemaligen Gellnhäuser ihre Gemeinde nicht wieder aufgebaut haben, liegt nahe. Der im Rodacher Dialekt „Forstbrünnla" genannte Schreibersbrunnen, in dem dem gewichtigen Dorfschreiber ein Denkmal gesetzt zu sein scheint, dürfte mit seinem glaubersalzhaltigen und deshalb die Vegetation beeinträchtigenden Wasser die Antwort auf diese Frage geben.

 Die aus der ehemaligen Gellnhäuser Feldflur aufgeforsteten Waldungen mit der alten Dorflinde im Mittelpunkt, deren Stumpfrest noch Jahr um Jahr Zweige austreibt, und die sie umgebenden oder durchziehenden Wiesengründe sind jedoch eine für den Wanderer überaus reizvolle und in ihrer eigenartigen Flora recht interessante Landschaft mit einem Ruhe und Ungestörtheit genießenden beachtlichen Wildbestand. Sie näher kennengelernt zu haben, war uns willkommener Anlaß zu einem Rückblick in die Geschichte von Gellnhausen. Zugleich ist uns? das Anregung, uns in einer späteren Ausgabe einmal mit den Wüstungen im Coburger Land näher zu befassen, in dem es vor Jahrhunderten weitaus mehr Ortschaften gab als heute. Über 40 Dörfer und Weiler sind es, die in der Zwischenzeit untergegangen oder verlassen worden sind.

 

Anmerkungen: vor einigen Jahren trafen wir gelegentlich der “Dreikönigswanderung” auf dem Weg von Grattstadt nach Lempertshausen im Forst Gelnhausen auf den Herrn von Butler sen., der  uns spontan einige Erläuterungen zu diesem Thema gab.

Thema Wüstungen im Callenberger Forst war eine Wanderung, ebenso, wesentlich später am “Steinlegendenweg”