Aus „Das Farnkraut“ Nr. 4/1970

 

Längst ist das Gerätemuseum in der „Ahorner Schäferei“ eine Institution im, aber nicht nur für das Coburger Land. Schon bei den ersten Vorbereitungen im Jahre 1970 wandten sich die Initiatoren mit der Bitte um Unterstützung auch an den Thüringerwald-Verein Coburg e. V. Näheres ist dem nachfolgenden Beitrag zu entnehmen. Fotos eines Besuchs im Juli 2010 siehe unter dem “internen link” Zur "Alten Schäferei"

 Heimat-Museen sollen den Alltag früherer Generationen dokumentieren

Durch Zeitungsberichte haben wir Heimatfreunde unlängst Kenntnis erhalten von der Existenz eines Coburger „Fördervereins Gerätemuseum e. V.". Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, in Industrie, Landwirtschaft, Handwerk und Haushalten kulturhistorische Gerätschaften von dokumentarischem Aussagewert zu sammeln, um sie der Nachwelt zu erhalten und museal zugänglich zu machen. Es geht dem Verein darum, in Ergänzung zu schriftlichen Überlieferungen gewichtige Erkenntnisse über den Alltag und den Lebensstil unserer Vorfahren zu vermitteln.

Initiator und Vorsitzender dieses Fördervereins ist der in Haarth wohnende Kunsterzieher am Gymnasium Alexandrinum, Oberstudienrat Robert Reiter. In einem Brief an den Thüringerwald-Verein begründet er das Bemühen, uraltes Kulturgut zu bewahren und der Nachwelt zu überliefern, wie folgt:

 Die zunehmende Technisierung der Arbeitswelt bringt radikale Veraltung von vielerlei Gerät mit sich. Was nicht mehr genützt wird, gilt meist als wertlos. Spätestens dann, wenn die Erinnerung an den ursprünglichen Gebrauch geschwunden ist, wird solches Gerät als lästig angesehen und wandert als ohnehin sperriges Gut zu Brennholz, Müll oder Alteisen; im günstigsten Fall zum Antiquitätenhändler. Die Liste begehrter Antiquitäten ist aber sehr begrenzt. Nur wenige Menschen verstehen, sinnvoll zu sammeln; oft landet das Objekt, aus seinem ursprünglichen Zusammenhang gerissen, in einer guten Stube als skurriles Relikt und Fossil längst entschwundener, nie recht verstandener Zeiten. Immerhin überlebt es so wenigstens noch für eine Weile und regt manchmal auch zu weiterem Sammeln an.

 Was ist und wozu ein Gerätemuseum?

 Ein Gerätemuseum ist dagegen eine sinnvolle Sammlung von Werkzeugen, Zurichtungen und Maschinen. Es veranschaulicht Herstellungs- und Verarbeitungsprozesse. Namentlich altes Gerät zeigt durch Form und Konstruktion, meist leicht durchschaubar, seine Bewegungs- und Funktionszusammenhänge (Beispiel: Dampfmaschine, wassergetriebene Mühle). Bei modernen Maschinen, die elektrisch betrieben werden, ist der Funktionszusammenhang grundsätzlich kaum noch transparent. Hinzu kommt die verdeckende Verkleidung (z. B. Waschautomat). Altes Gerät enthält eine Fülle einfachster zweckentsprechender Erfindungen, die jeden technisch Interessierten durch ihre Anschaulichkeit ansprechen. Man denke nur an Spinnrad, Kartoffelpressen, Feuerwehrspritzen, Wäfen (?) u. a. Am alten Gerät ist der Wandel der Technik ablesbar. Es dokumentiert auf einfachste Weise die Fülle menschlicher Tätigkeiten, die zur Erhaltung

des Lebens und der Zivilisation nötig waren. Jungen Menschen von heute sind diese Grundtätigkeiten kaum noch bekannt. Die meisten Bedürfnisse können ja bereits aus der Konserve befriedigt werden. Die Ursprünge unserer Umwelt sind nicht mehr durchschaubar, die Umwelt wird geisterhaft. Es gibt junge Menschen, die in ihrem Leben z. B. noch nie ein Feuer angemacht haben. Natürlich geht mit dieser Unkenntnis einfacher praktisch-technischer Zusammenhänge auch ein Schwund an technischer und übertragbarer Kreativität (schöpferische Gabe) einher. Hier kann ein gut aufgebautes Gerätemuseum eine spezifische pädagogische Aufgabe übernehmen: Durch Entwicklungsreihen, Vergleichsreihen, Produktionsketten; durch Werkzeugsätze und ganze Werkstätteneinrichtungen vor allem selten gewordener Handwerksberufe, wie z. B. Wagner, Sattler, Drechsler, Schuster, Bader, Büttner, Färber, Gerber, Flaschner, Gürtler, Hufschmied, Kandlgießer, Seiler, Seifensieder, Steinmetz, Töpfer u.v.a.m.

 Landwirtschaft — eine Geräte-Fundgrube

 Ein Bereich, auf dem es höchste Zeit ist, mit dem Sammeln zu beginnen, ist die Landwirtschaft. Hier ist die Umstellung von Handarbeit zur Maschinenarbeit erst in den letzten Jahren so gründlich vonstatten gegangen, daß man jetzt in quasi letzter Minute retten müsste, was an Gebrauchsgerät noch erreichbar ist. Zudem waren die Tätigkeiten auf dem Bauernhof so vielgestaltig, wie nirgends sonst: säen, schneiden, dreschen, mahlen, backen, schlachten, räuchern, pökeln, häckseln, quetschen, reiben, mosten, brauen, dörren, fischen, jagen, holzhauen, schnitzen, fahren. Zu den Werkzeugen für diese vielfältigen Tätigkeiten kam eine Fülle von Behältern zum Aufbewahren, Verarbeiten oder Transportieren: Körbe, Mulden, Bütten, Raufen, Kessel, Schüsseln,

Eimer, Siebe, Säcke, Darren, Kästen, Tröge usw. Manche Berufe dienten unmittelbar dem Landwirt und wurden oft von diesem voll ausgeübt: Sattler, Hufschmied, Schmied, Zimmerer, Müller, Maurer, Steinmetz u. a.

Auf dem landwirtschaftlichen Sammelgebiet müssten aber auch die ersten Maschinen hinzukommen; das Sammeln dürfte nicht beim Dreschflegel enden. Dazu ist allerdings nötig, daß man mit Fachliteratur arbeitet und Entwicklungsreihen aufstellt. Alte Maschinen sind in dem Augenblick zu haben, wenn neue gekauft werden. Ihr Preis ist oft dann nur noch der des Schrottwertes.

 

Auch die Hausfrauen sind angesprochen

 

Dokumentarisch zu belegen ist ferner die Entwicklung der Haushaltungen. Darum die Bitte an alle Hausfrauen in Stadt und Land, Umschau zu halten nach „verborgenen Schätzen" an alten Haushaltsgeräten wie etwa Kartoffelpressen, Kaffeemühlen, Kuchenbretter, Nudelhölzer, Krauthobel, Mulden, Wäschemangeln, Wasserbutten, Huckelkörbe, Behältnisse aller Art, Taschen und was dergl. mehr auf dem Dachboden oder hinter dem Kellerverschlag sein Ruhestandsdasein fristen mag.

 Es gibt bereits fünf Depots

 Vom Sammeleifer des Fördervereins künden bereits fünf Depots: in einem ehemaligen Kuhstall des Obersiemauer Rittergutes, auf Böden des Niederfüllbacher Gutes und im Gemeindehaus zu Großheirath sowie in ebenfalls gemeindlichen Räumen, die in Rodach und Fechheim zur Verfügung gestellt worden sind. Nun gilt es, die museale Unterbringung dieser und noch zu erwartender „Schätze" zu betreiben, zu denen auch eine alte Zahnarztausrüstung gehört, die momentan in einem Coburger Keller aufbewahrt ist. Auf diesem Zahnarztstuhl saß bereits Zar Ferdinand von Bulgarien.

 Alte Ahorner Schäferei sehr geeignet...

 Für ein landwirtschaftliches Gerätemuseum hält der Vorsitzende des Fördervereins die aufgelassene Ahorner Schäferei besonders geeignet. Auf Initiative des Landrats Dr. Groebe wurden bereits 80.000 DM zur Renovierung des Dachstuhls und zur Erneuerung des stützenden Gebälks beschafft und verwendet, sodass dem weiteren Verfall des aus dem 17. Jahrhundert stammenden Schafstallgebäudes nunmehr Einhalt geboten ist. Es sollte aber der Komplex als Ganzes (mit Scheune, Schäferwohnung und Brunnenhäuschen) erhalten bleiben, um die funktionale Anlage eines Schäfereibetriebes in seiner Sachlichkeit und Zweckbestimmtheit zu dokumentieren. Aus dem Schäferwohnhaus könnte eine Kustos Wohnung mit ländlicher Brotzeitstube für Museumsbesucher und Ausflügler werden. Aber dazu bedarf es noch erheblicher (momentan fehlender) Geldmittel.

 

... desgleichen Domäne Oeslau und Zeughaus

 

So aufgeschlossen, wie die Brüder von Erffa als Besitzer der Ahorner Schäferei, zeigt sich für das Vorhaben eines Gerätemuseums auch Oeslaus Erster Bürgermeister Ferdinand Fischer. Gern sähe er die ehemalige Domäne Oeslau für die Unterbringung alten Kulturgutes des ländlichen Handwerks verwendet.[i]

 Das Coburger Zeughaus wäre nach Auffassung Oberstudienrat Reiters ein „ideales Domizil für alte Gerätschaften des städtischen Handwerks", gegen das auch Oberbürgermeister Dr. Stammberger keine Bedenken hätte. „Nachdem" — so erklärte uns Reiter — „auch die Volkshochschule und evtl. auch der Kunstverein dort ein Zuhause finden sollen, könnte sich das Zeughaus zu einem Kristallisationspunkt der Kultur in Coburg entwickeln, wodurch zugleich ein nicht zu übersehender Wandel in der Funktion dieses historischen Gebäudes dokumentiert würde."

 Wohin kann sich der Sammler wenden?

 Auch die Mitglieder und Freunde des Thüringerwald-Vereins sind aufgerufen, sich für die Erfassung alter Geräte zu interessieren und sie für das geplante Vorhaben sammeln zu helfen bzw. zur Verfügung zu stellen. Wer dazu beitragen kann, der informiere entweder den „Förderverein Gerätemuseum e. V." unter der Telefonnummer 0 95 65 ….oder das Kulturamt im Landratsamt Coburg (0 95 61 ……), das sich bereiterklärt hat, Meldungen entgegenzunehmen und an den Förderverein weiterzuleiten. Gern übernimmt eine solche Aufgabe auch die Redaktion unserer Zeitschrift.


[i] Diese Vorstellungen sind allerdings nicht realisiert worden, ebenso wenig wie etwa Zeughaus Coburg.