Aus „Das Farnkraut“ Nr. 3/1965

 

Grenzlandwanderung im Frankenwald zur Sonnwende 1965

Begegnung mit rauer Grenzland-Wirklichkeit

 

Die Sonne lachte, als Franz Geßlein am 19. Juni nahezu 30 Sonnwendwanderer von Pressig her durch die farbenprächtigen Frankenwald-Wiesen der Buch-, Höllen- und Aubach-Gründe nach Buchbach hinaufführte.[1]

Auf kleinem Umweg mit schönem Blick über Langenau hinweg auf die Thüringer Berge wurde Kehlbach erreicht, einer der höchsten Frankenwaldorte. Kräftiger Nudel-Eintopf stärkte hier die fröhliche Mannschaft zu spannendem Büchsen-Fußball-Intermezzo und dann zum Weitermarsch durch prächtige Fichtenbestände über den Rennsteig hinaus bis Ebersdorf. Im anstrengenden alpinen Steilanstieg an einem Griffelbruch vorbei wurde von hier aus die Suhle-Höhe genommen, zu der alsbald die Thüringer Warte herübergrüßte, die in zügiger Wanderung bald erreicht war. Die Mühe der Turmbesteigung (117 Stufen!) belohnte ein ergiebiger — wenn auch etwas zugiger — Rundblick vom Neuhauser Bornhügel über Schmiedefeld -Reichmannsdorf mit dem Oberweißbacher Fröbelturm im Hintergrund bis zum Bismarckturm auf dem Wetzstein im Bereich der Lehestener Schieferbrüche. Im Vordergrund grüßten Gräfenthal mit seiner Ostvorstadt, Probstzella, die Lauensteiner Mantelburg und Ludwigsstadt herauf. Ein eindrucksvolles Panorama, zerrissen freilich durch die tückisch über Berg und Tal sich windende, Deutsche von Deutschen trennende Schlange des undurchdringlich verdrahteten kahlen Grenzstreifens. Mit ihm sollte eine Gruppe dieser Wanderung — die andere wählte den über Lauenstein direkt talwärts führenden Weg zum Schreiderhammer — bald unheimliche Bekanntschaft machen. Zwischen “Alte Burg” und “Lauensteiner Berg” kam sie an unübersichtlicher Stelle teilweise auf sowjetzonales Gebiet, aber sie merkte das noch rechtzeitig. Der Schreck saß ihr beim Knieschnackler-Abstieg an der Falkenstein-Felsgruppe vorbei zum Tagesziel noch in den Gliedern, war jedoch bei der stimmungsfrohen gemeinsamen Abendeinkehr, nach der einige zur Nachtruhe nach Lauenstein abwandern mussten, bald vergessen[2].

Als am nächsten Morgen bei wieder strahlender Sonne Abschied von diesem Grenzwinkel genommen werden sollte, erlebten unsere Wanderer die traurige politische Wirklichkeit, die hier auch den sonntäglichen Frieden überschattet, unmittelbar. Vom Bahndamm jenseits der Grenzpfähle her bahnte sich mit letzter Kraft ein Flüchtling den Weg in die Freiheit durch das Schussfeld der roten Grenzposten nachdem er deren Streifengang tagelang unter Verzicht auf Schlaf und Nahrung beobachtet hatte und endlich sicher war, daß sie in Richtung Probstzella abzogen. Im startbereiten Bus nahmen unsere Wanderer den Erschöpften mit nach Lauenstein, wo er sich der Grenzpolizei stellte. Die Wanderung wurde auf dem markierten Waldweg über den Winter-Berg nach Lauenhain und von dort auf einem zu kurzer Frührast einladenden stillen Höhenweg parallel zum Rennsteig bis Reichenbach fortgesetzt. Thüringer Klöße und Sauerbraten wurden hier reichlich genossen, ehe es zum Finale der Sonnwendwanderung ins Kremnitztal mit seiner Blumenpracht zwischen dunklen Fichtenhängen hineinging. Der lustig dahinplätschernde Bach führte so viel Wasser, daß manche Furt kaum passierbar und nur mit artistischen Gleichgewichtsübungen auf Baumstämmen, wasserumrauschten Felsbrocken oder auch durch ein freiwilliges Fußbad zu überwinden war. An der Finkenmühle wurde noch einmal verschnauft und Kraft gesammelt für den folgenden Berg- und Talmarsch, zu dem der humorig abgewandelte Spruch eines Bildstocks am Wege das Geleit gab: „Das stille Kreuz am Wege mahnt, nur Leid (ließ: Schweiß) den Weg zum Himmel bahnt." Bald aber kam vom Rauschen-Berg aus Rothenkirchen, das Endziel im Haßlachtal, in Sicht, und damit schloß sich der Kreis der an seltenen Erlebnissen reichen Wanderfahrt.


[1]Die besondere Attraktion von Buchbach, die moderne Pfarrkirche St. Laurentius, war damals noch nicht gebaut. Erst einige Jahre später kam ein besonders ambitionierter Pfarrer nach Buchbach und realisierte dieses ehrgeizige Projekt.

[2] Offenbar war die Übernachtungseinkehr im Grenzhotel Falkenstein. Die Zonengrenze verlief durch das Gelände dieses einst weithin renommierten Betriebes. Die Bahnlinie Lichtenfels-Probstzella war jedoch immer in Betrieb, Teil der Strecke München – Berlin; legendär war der „Saßnitz-Express“ München – Berlin – Saßnitz.

 

Wanderstrecke, heute computergestützt gemessen: Pressig - Falkenstein knapp 30 km; Ludwigsstadt - Rothenkirchen über Lauenhain-Reichenbach 27 km.