Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1967

 

August Marr war, wie der nachfolgende Text ausweist, im Jahre 1907 Gründungsmitglied des Thüringerwald-Vereins Coburg. Er trat in diesen 60er Jahren unermüdlich als Kenner der engeren Heimat auf und gab sein Wissen weiter, am liebsten gelegentlich einer Wanderung. Daher verdankt „Das Farnkraut“ ihm zahlreiche einschlägige Beiträge.

 Dank und Glückwunsch

dem 80jährigen August Marr

 

So recht vorstellen kann man sich's kaum, und doch stimmt es: Unser August Marr hat die 80 erreicht. Man sieht und merkt es ihm nicht an, denn Natur und Heimat haben ihn herzensjung und lebensfroh erhalten. In diesem Jubiläumsjahr des Thüringerwald-Vereins sind wir dafür besonders dankbar; denn August Marr ist als einziges noch lebendes Mitglied aus dem Gründungsjahr 1907 ein wertvoller Augenschein-Chronist. Das ist er — wenn er sich auch viele Jahre bevorzugt der Pflege des Volksliedes zu widmen angehalten war — für die Vereinsgeschichte überhaupt. Sein hinzukommendes heimatkundliches Wissen macht ihn heute noch zum unentbehrlichen Betreuer des dank seiner Initiative so wanderaktiven und vereinstreuen Kleinen Wanderkreises. Es macht ihn ebenso zum wertvollsten Mitarbeiter unserer Zeitschrift, die ihm viele kostbare Anregungen zu verdanken hat. So beglückwünschen wir denn unseren Wanderfreund August Marr sehr herzlich und dankbar zu seinem Alters Jubiläum und zu seiner ungebrochenen Lebensfrische und Tatbereitschaft. Möge sie uns noch viele, viele Jahre erhalten bleiben.

                 In Gedanken beim schönen „Gritli“ zu Gast

 

„Gritli“ war eine Romanfigur der schweizer Autorin Johanna Spyri (1827 – 1901), wenn vielleicht auch nicht ganz so bekannt wie „Heidi“. Weniger bekannt dürfte zumindest heute sein, dass auch Coburg seine „orginal-schweizer“ Gritli hatte. Wir hatten ja schon einmal darauf hingewiesen, dass die „Schweizerei“-Gebäude in der „Rosenau“ tatsächlich aus der Schweiz stammten. Die Laune des Herzogs ging damals so weit, auch noch das passende Personal mit in das coburger Land zu bringen.

Erinnerung an ein Festungs-„Original" und seine getreue Lebenskameradin

Als die Scheune des alten Festungshofes anfangs der 80er Jahre (wohl des 19. Jhdt.; Anm.) niederbrannte, reichte der Gottesacker unserer Veste noch bis an ihre Einfahrt. Er wurde, soweit man den Platz brauchte, beim Bau des Forsthauses eingeebnet. Die Friedhofsmauer blieb damals unversehrt. Erhalten blieben auch etliche Kreuze, Steine und Grabplatten, darunter die Ruhestatt jener Frau, von deren Art und Schicksal unlängst bei einem Ausflug des Kleinen Wanderkreises die Rede war. Es handelt sich um die schöne und lebenstüchtige Schweizerin „Gritli", die alle Coburger kannten, viele verehrten, manche geliebt haben mögen. Friedrich Hofmann (1813 – 1888), der arme Junge vom „Stezebach“ und spätere Dichter und Schriftleiter der weitbekannten „Gartenlaube", hat ihr eine Laudatio gewidmet.

 Margarete Boren aus dem Kanton Bern war die Gattin des als „Original" bekannten letzten herzoglichen Festungsgärtners Christian Ludwig Barth. Nach der Erneuerung der verwahrlosten Festung (1838) übernahm er die Gaststätte im Gästehaus. Frau Margarethe, das „Gritli", war also die Festungswirtin, die Kneipzimmer, Saal, Kastanienlaube und Bastei zu betreuen hatte. Sie schätzte unsere fränkische Landschaft, in der sie von sorgender Liebe und Verehrung umgeben war, aber vom geheimnisvollen Einfluss der herben Urgebirgslandschaft ihrer Heimat kam sie nie los. Stets Berner Tracht tragend, war sie geschäftig, freundlich und hilfsbereit zu jedermann. Das große Heimweh jedoch wurde zur Tragik ihres Lebens. Die Sehnsucht machte sie gemütskrank, und daraus resultierte jener Verfall des Gesamtorganismus, dem sie am 2. Dezember 1862 durch Hirnschlag erlag[i]. Gritlis Schwester wurde Christian Ludwig Barths zweite Frau. Beide waren die letzten jener alemannischen Dienerschaft, die Herzog Ernst II. zur Gründung der Schweizerei Rosenau aus dem Alpenland hierher verpflanzte.

 Friedrich Hofmanns Aufzeichnungen über Leben und Leid der schönen „Gritli aus dem Schweizerland" endeten mit den Worten: „Im alten Festungsfriedhof am grünen Buchenhain beim frischen Waldesrauschen möcht ich begraben sein; da möcht ich auch mit schlafen, wo in getreuer Hut und unter ihren Blumen das gute Gritli ruht".                                                       AuMa

 


[i] Auch in Johanna Spyris „Heidi“ spielt Heimweh eine entscheidende Rolle. Dieses Buch erschien übrigens in Erstauflage bei Perthes, Gotha 1880