Aus „Das Farnkraut“ Nr. 3/1965; unsigniert, vermutlich von Werner Ungelenk.
 

Er wird es zwar heute nie mehr in die Bestsellerlisten schaffen und ist auch in den aktuellen Regalen der Buchhändler eher selten zu finden. Aber noch wird Gustav Freytag verlegt und gedruckt. Der Thüringerwald-Verein Coburg hatte vor etlichen Jahren auch eine allgemeinbildende Leihbücherei angelegt, hier finden sich auch etlich Bände von Gustav Freytag. Dieser folgende Beitrag zeigt, dass sich der Thüringewald-Verein Coburg für viele coburg-relevante Themen interessierte, hier eben auch geschichtlich-literarische.  Einmal mehr  der Grundsatz “Wandern macht bewandert; an einem Ort wie dem Gustav-Freytag-Brunnen nicht einfach vorbeigehen, nachdenken, sich informieren, wer war das eigentlich, welche Bedeutung hatte er.
In neuerer Zeit wurde die Rolle des Gustav Freytag in Coburg näher erläutert von Rainer Hambrecht in: „Herzog Ernst II von Sachsen-Coburg und Gotha“, Coburg/Gotha 1993; Kapital: „Herzog Ernst II und der literarisch-politische Verein“. Diese Vereinigung verfolgte politische Ziele, die vom Herzog offenbar gefördert wurden.
 

Gustav Freytag und Coburg
 

Keineswegs zufällig war in der letzten „Farnkraut“ - Ausgabe das Gustav-Freytag-Brünnle am Festungsberg — in nächster Nähe des Gustav-Freytag-Weges — als Motiv der heimatkundlichen Umfrage gewählt. Des Historikers und Schriftstellers zu gedenken, der Coburg durch seine freundschaftlichen Beziehungen zu Herzog Ernst II. innig verbunden war, besteht 1965 durchaus Veranlassung: In diesem 70. Jahr nach seinem Ableben in Wiesbaden (30. April 1895) werden auch hierzulande Vorbereitungen getroffen, das Lebenswerk des klugen Politikers, Parlamentariers, Journalisten und Dichters aus Anlaß der bevorstehenden 150. Wiederkehr seines Geburtstages (13. Juli 1816 in Kreuzburg/Schlesien) zu würdigen. Wer sich mit dem Schaffen dieses Pflegers bedeutender kulturgeschichtlicher Sammlungen befaßt hat, der wird Gustav Freytag vor allem schätzen als den stets einfachen Menschen liberaler Gesinnung und als einen Mann von unbestechlichem Forscherdrang. Als solcher erweist er sich in seinen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" nicht minder denn in seiner unvergänglichen Romanreihe „Die Ahnen", in der besonders deutlich seine Dankbarkeit gegenüber Herzog Ernst II. und seine tiefe Verbundenheit zu Coburg Ausdruck findet.
Als führender Politiker im Deutschen Nationalverein, der mit seiner Coburger Generalversammlung im Jahre 1860 (in der ehemaligen herzoglichen Reithalle am Schloßplatz) einen entscheidenden Beitrag zu den Einheitsbestrebungen vor der Reichsgründung geleistet hat, erfreute sich Gustav Freytag der besonderen Wertschätzung des Coburger Herzogs, wie übrigens auch einer respektvollen Freundschaft des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen. In seinen Lebenserinnerungen berichtet Freytag dankbar, wie ihn Ernst II. beim Erscheinen der ersten Gesamtausgabe seiner Werke zum Geheimen Hofrat ernannt und dadurch vor einem aus politischen Gründen erlassenen Haftbefehl bewahrt hat.
(Anmerkung: der Grund soll lt. „WIKIPEDIA“; downl. 01/12 ein kritischer Artikel über die Niederschlagung des Aufstands der Weber in Jahre 1844 in Schlesien gewesen sein. Bekanntlich haben diese Ereignisse literarischen Niederschlag in dem Schauspiel „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann gefunden, wenn auch erst um Jahrzehnte später. Im Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha wurde damals Vereinigungen und Bestrebungen toleriert oder gefördert, die andernorts mißliebig waren. Beispielsweise fand 1875 in Gotha der Vereinigungsparteitag der deutschen Sozialdemokratie statt, es wurde das „Gothaer Programm“ verabschiedet. ).
Er zollt der menschlichen Anteilnahme des Fürsten an seinem Schicksal ebenso herzliche Anerkennung wie dem durch drei Jahrzehnte bewahrten innigen Einvernehmen und der stets gastfreundlichen Aufnahme auf dem Schloss Callenberg.
Kein Wunder, daß Gustav Freytag in seinen Werken immer wieder der Weg nach Coburg führt, so u. a. im „Nest der Zaunkönige", in der Schluss Gestaltung von „Markus König", wo Luther auf der Veste Coburg den Streit zwischen Vater und Sohn schlichtet, in dem Roman „In einer kleinen Stadt", in seinem Herzog Ernst II. gewidmeten und 1855 vollendeten „Soll und Haben" und in „Ingo und Ingraban" mit seiner eindringlichen Schilderung des Baues der Idisburg, unserer Veste Coburg.
In den Kreisen des theaterfreudigen Volkes, das Freytag übrigens als erster Dichter überhaupt bei der Arbeit an Werkbank und Schreibtisch studiert und lebensvoll geschildert hat, ist der Dramatiker vor allem in seinen „Journalisten" lebendig geblieben. Dieses sein bestes Lustspiel, dessen Coburger Erstaufführung im Jahre 1853 ein starker Erfolg beschieden war, ist hierzulande entstanden, und zwar auf Rosenau. Es war nicht das einzige Bühnenwerk Freytags im Spielplan des Coburger Theaters. Ihm voraus gingen die Aufführungen der „Brautfahrt" sowie von „Kunz von der Rosen" (1841), „Die Valentine" (1847) und „Graf Waldemar" (1848), und 1860 folgten „Die Fabier". — Übrigens hat der Sohn des Dichters, Professor Gustav Freytag, bei den Gedenkfeiern zum 100. Geburtstag seines Vaters während der Gothaer Spielzeit unseres ehemaligen Hoftheaters in dreien dieser Stücke als Ehrengast die Hauptrollen gespielt.
Für das Studium der Coburger Heimatgeschichte ist der Briefwechsel zwischen Gustav Freytag und Herzog Ernst II. auch heute unerlässlich. Daß des Dichters „Verlorene Handschrift" geradezu zum Volksgut geworden ist und der Kenntnis seiner „Bilder aus der deutschen Vergangenheit" und seiner Hauptromane auch heute noch „Bildungswert" beigemessen wird, spricht für die Gültigkeitswerte, die die deutsche Kulturgeschichte diesem hochgeehrten Freunde unserer Coburger Heimat zu verdanken hat.