Aus „Das Farnkraut“ Nr. 3/1972

 Der Rennsteig des Thüringerwaldes stand zu jener Zeit für uns nur auf dem kurzem Teilstück bei Steinbach a. W. offen. Was Wunder, wenn sich die Wanderlust auf einen der „anderen“ Rennsteige bzw. Rennwege konzentriert hat, so auf den „Haßberg-Rennweg“.

 Pfingstrunst 1972 über den Rennweg der Haßberge

Bericht von Fürsteher Michael Ott[1]

 «... von Bamberg bis zum Grabfeldgrau ...«, unter diesem Leitgedanken beginnt westlich Dörfleins im Maintale bei Bamberg, wo der Rennweg die Asphaltstraße verlässt, unsere Dreitagewanderung. Nach alter Rennersitte wird der Wanderkreis um den Rennsteigwimpel gebildet und fröhlicher Runstgesang erklingt über die Mainlandschaft.

 Frohen Schrittes geht es eine kurze Strecke über offenes Gelände bergan und bald nimmt uns der Wald auf, den wir in diesen Tagen nur auf kurzen Strecken verlassen werden. Im zügigen Tempo geht es vorwärts, da und dort einen schönen Ausblick auf den Lautergrund und in das Maintal bis hinüber zum Steigerwald genießend. Allerhand Getier findet das Interesse unserer Jungrenner Thomas und Michael, die während der Mittagsrast an einer Rundholz-Ab-fuhrstelle für Unterhaltung sorgen. Unsere erwartete Verstärkung, wegen Dienst am Nächsten nicht früher abkömmlich, traf gerade noch pünktlich an der Fuhrmannsmarter zwischen Neubrunn und Kirchlauter ein. Immer mehr gewinnt nun der Rennweg den Charakter eines Kammweges, Wald wechselt mit grünenden Feldern und durch den alten Coburger Besitz Köslau und den Weiler Bühl geht es der Roten Marter zu, unserem ersten Tagesziel an der alten Weinstraße Zeil-Coburg, die hier den Rennweg kreuzt.

 Zum Quartier nach Bramberg haben wir noch zwei Kilometer. Voran unser achtjähriger „Pimpf“ Michael steigen wir hinab und ziehen, nach 31 km Tagespensum, in Bramberg ein.

 Gut aufgenommen und untergebracht können tiefhängende Wolken am Pfingstmorgen unseren Frühstücksappetit nicht beeinträchtigen. Der Aufbruch begann jedoch mit einem Zweikampf um den Wimpel; jedenfalls ein gutes Zeichen, daß auch die Jungrenner den ersten Tag gut überstanden hatten. Ein Machtwort des Wanderführers beendete den Kampf und mit den Worten: »Heute ist Frauentag«, übergab er den Wimpel den Rennerinnen, wo er für den Pfingsttag gut aufgehoben war. Im Königsberger Wald erreichen wir wieder den vertrauten Rennweg. Hier ist dessen Charakter als alter Kurier- und Handelsweg noch ausgeprägter als am Vortag. Die Königsberger Glocken schicken ihren Pfingstgruß herauf und über den Haßberg-Kamm. Einsetzender Nieselregen kann uns von einer eingehenden Erkundung der Urwiese, einem Mekka der Botaniker, nicht abhalten. Am Gedenkstein »Hier stand Zeysendorf« Versöhnung unserer Wimpel-Kontrahenten.

 Auf der Rehsalm über Goßmannsdorf schon außerhalb der Bannmeile Königsbergs wird eine kurze Pause eingelegt, die Aussicht über den Haßgau genossen. Die folgende Strecke durch den Bettenburger Wald hat manche tiefe Tücke, obwohl der Rennweg hier sehr breit bemessen ist. Mit schweren Stiefeln kommen wir nach Manau, den einzigen Ort, den wir an diesem Tage kreuzen. Vergeblich halten einige Durstgeplagte Ausschau nach dem alten Wirtshaus am Rennweg: Der Wirt gastiert seit einigen Jahren jenseits der Bettenburg, die trutzig zu uns herüberschaut. So geht es, ohne Pause, unserem heutigen Tagesziel der Staatsstraße Hofheim-Stöckach entgegen. Drohender Wolkenbruch lässt uns in Walchenfeld einen Unterschlupf suchen. Wir landen in der guten Stube einer Flaschenbierhandlung und werden wie gute, alte Bekannte von zwei netten älteren Frauen bewirtet. Blitz, Donner und Wolkenbruch, denen wir heute im Eiltempo entwichen sind, entladen sich nun, uns kann das Wetter nichts mehr anhaben. Freunde vom Haßbergverein holen uns ab und bringen uns ins Quartier nach Ditterswind, wo wir uns bei Mutter Hellmuth bald wie zu Hause fühlen und in fröhlichster Stimmung den Abend verbringen.

 Der Pfingstmontag weckt uns mit herrlichem Sonnenschein. Das Frühstück bringt neue Kraftreserven (ein Staffelsteiner Renner träumt wahrscheinlich noch im nächsten Jahr davon). Unsere Freunde fahren uns zum Ausgangspunkt des neuen Wandertages nach Manau; eine Rennerfamilie aus Lauf bei Bamberg hat sich uns neu zugesellt. Im zügigen Anstieg haben wir bald die Schwedenschanze mit ihrem Aussichtsturm erreicht. Die Sicht ist durch starken Dunst sehr beeinträchtigt, über die »Sieben Wege« geht es in den letzten Abschnitt. Dankbar genießen wir die nun ausschließliche Waldwanderung unter der strahlenden Pfingstsonne. In schnurgerader Richtung geht es über den höchsten Punkt der Haßberge (Naßacher Höhe 511 m) hinweg. Ein Abstecher zum Baunachsee lässt uns unberührte Landschaft erleben. Alte Gewölbe der Wildburg zeugen von einer ehemals großen Burganlage am Rennweg. Das Ziel unserer Wanderung am Ende des Rennweges im Haßbergebereich, das schmucke Sulzfeld im Grabfeldgau leuchtet in der Sonne des Nachmittages und fast gleichzeitig mit den Wanderfreunden aus Zapfendorf, die uns vereinbarungsgemäß abholen werden, treffen wir auf dem Marktplatz ein. Noch einmal führt der Rückweg über Ditterswind, zur Gepäckaufnahme und zur Schluss-Sippung. Frohe Wanderlieder erklingen über das Dorf im Schöße der Haßberge und zum Abschied legen sich die Hände, wie zum Gelöbnis ineinander: »O lebe fort auf edle Art, du herrlich schöne Rennsteigfahrt!«


[1][1] Damals Fürsteher des Rennsteigvereins Zapfendorf