Alle Kommentare geben ausschliesslich die Meinung und Einschätzung des Verfassers wieder, nicht eine Stellungnahme des Thüringerwald-Vereins Coburg.

Aus „Das Farnkraut“ Ausgabe Nr. 2/1966

Der Referent des Mai – Waldabends 1966, Andreas Stubenrauch, schlug ein dunkles Kapital aus der örtlichen Geschichte und aus der Zeit Johann Casimirs auf: der Hexenwahn. Die Glaubwürdigkeit lokaler Historie hängt auch daran, derlei weniger glanzvolle Dinge nicht unter dem Teppich zu belassen. Der gleiche Referent hatte bereits das Ehe-Drama Johann Casimirs geschildert. Der dritte „dunkle Punkt“ wäre, wie dieser Herzog mit dem unbequem gewordenen Sanierer Zech umgegangen ist. Das Schicksal der Petronella Liebermann hat auch Walter Schneier in seiner Zeitungs-Artikel-Reihe, später im  Buch „Coburg im Spiegel der Geschichte“ anhand der Orginal-Chroniken geschildert. Zu Recht verwies der Referent darauf, dass sich diese Vorgänge nicht im “Mittelalter” abgespielt haben, sondern eben zu Zeiten Johann Casimirs.

Der Hexenwahn ging an Coburg nicht vorbei, erreichte aber längst nicht das Ausmaß im Hochstift Bamberg. Bei den geschichtlichen Hintergründen wird neuerdings auch auf eine Klimaänderung im betreffenden Zeitraum hingewiesen, eine „kleine Eiszeit“ mit Ernteausfüllen, Teuerung und Hungersnot (so mit Bezug auf Bamberg in Kleiner/Unger (H.): „Unterm Sternenmantel, 1000 Jahre Bistum Bamberg“, Bamberg 2007).
In dem erwähnten Coburger „Hexenturm“ befand sich vorübergehend, noch vor der „Reithalle“, eine Studiobühne des Landestheaters Coburg.
 

Petronella - die „rechtschaffene Hexe"
 

Hexenprozesse hat es immer gegeben und gibt es noch. Heutzutage werden sie allerdings gegen die vom Hexenwahn besessenen Verleumder geführt und nicht mehr gegen jene, die von bösartigen Mitmenschen nur als Hexen bezeichnet zu werden brauchten, um in der Folterkammer oder auf dem Scheiterhaufen zu enden. Auf einem jener 50 Coburger Scheiterhaufen etwa, auf denen erwiesenermaßen 48 Frauen, ein Mann und sogar ein zwölfjähriger Bub, der geprahlt hatte, sich in einen Wolf verwandeln zu können, ihr Leben lassen mussten, weil sie dem „sittlichen Empfinden" der Zeit um 1480 bis 1650 nicht entsprachen.
In solche Vorstellungen ließ sich auch jene Petronella Liebermann nicht einordnen, nach deren Prozessakten aus dem Staatsarchiv Rektor Andreas Stubenrauch beim Mai-Waldabend des Thüringerwald-Vereins ein heimatkundlich interessantes Coburger Sittenbild aus den Jahren 1615/1616 nachzeichnete. Danach endete die damals 44jährige kinderlose Witwe, die bis zum letzten Atemzug ihre Unschuld beteuerte, zwar nicht — wie von dem auch seinerzeit schon sensationshungrigen Volk erwartet — auf dem Scheiterhaufen, sondern nach qualvoll „scharfer Befragung" mit Hilfe von Steingehängen, Beinschrauben, Spannblöcken, geheizten Steinen und anderen Torturen im Hexenturm.
Warum? Der Stadtschreiber hatte auf dem Totenbett behauptet, „von ihr verhext" zu sein. Solche „Schandtat im Auftrag des Teufels" verpflichtete den „Gott und der Obrigkeit gehorsamen" Ortspfarrer, sie vor Gericht zu bringen. Witwen-Vormund und viele andere bescheinigten Petronella, dass sie sich als Helferin bei schweren Geburten, Patin von 25 Kindern und ansonsten fleißige, rechtschaffene und freigebige Person durchaus bewährt habe. Das und selbst die Ehre, beim Vogt von Rosenau das Hochzeitsbrot backen zu dürfen, nützte ihr aber so wenig wie der fragwürdige Leumund der Belastungszeugen, mit denen sie sich um den Besitz der „Reihe" (Gang zwischen ihrem und dem Nachbarhaus) gestritten, deren seuchenkrankes Vieh sie verhext oder an deren Besitz sie mit Hilfe einer schwarzen Katze zum Brandstifter geworden sein soll. Sie bekam nach elf Monaten Voruntersuchung zwar einen von Casimirs hochgelahrten Juristen ordnungsgemäß geführten Prozess, mußte aber auch die bei Hexenprozessen landesüblichen 51 seltsamen Fragen über ihre „Beziehungen zum Teufel" über sich ergehen lassen. Daran zerbrach sie schließlich. Ihr Unschuldsbewußtsein war stärker als ihre körperliche Widerstandskraft, ersparte ihr jedoch nicht das Schandgrab unterm Galgen vor der Friedhofsmauer.

Nachtrag: Die “NEUE PRESSE”, Coburg, hat in ihren Ausgaben vom 28. und 29. März 2012 verhältnismäßig ausführlich die Epoche des Hexenwahns in Coburg unter der Regierungszeit von Herzog Johann Casimir beleuchtet; dann nochmals am 3. April. Die Leserschaft wurde um Meinungsäußerung gebeten, ob eine Rehabilitation der Opfer notwendig sei. Die weitaus überwiegende Mehrheit sprach sich dafür aus, allerdings meist ohne konkrete Vorstellungen zu äußern. In zwei Fällen wurden aber sehr befremdliche Meinungen kundgetan. In einem recht ausführlichen Leserbrief (gibt es hier eigentlich ein Limit?) wurden die Hexenprozesse mit heutigen Ereignissen gleichgesetzt, etwa mit der Kritik an bestimmten Politikern, mit dem Auftritt von Kabarettisten usw. Nein, es ist überhaupt nicht die Frage, ob die Menschen heutzutage “besser sind”.
Dabei war es nicht sehr glücklich von der Redaktion, hier eine schnelle Antwort zu erwarten. Die Frage nach persönlicher Schuld lässt sich nach gründlicher Information halbwegs  beantworten.

Nach meiner Auffassung gibt es die persönliche Schuld. Sicher glauben damals nahezu alle, dass es Hexen geben kann. Dennoch gab es Persönlichkeiten, welche durchschaut haben, dass die Beweise ungültig waren. Und die Hexenprozesse wurden nicht überall oder nicht überall im gleichen Ausmaß durchgeführt. Siehe eine sehr fundierte und seriöse Dokumentation beim “Deutschen Historischen Museum” in Berlin.

Unten: Schließlich kam es Mrz. 2014 zu dieser unten abgebildeten Gedenktafel am sog. Hexenturm. Zur Erinnerung: der Vortrag von Andreas Stubenrauch beim Thüringerwald-Verein Coburg war bereits 1966!
 

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