Aus „Das Farnkraut“ Nr. 1/1964

 Amtsinterne Rundschreiben, die mit „Aus gegebenem Anlass“ beginnen, verheißen meist nichts Gutes. Irgendetwas ist „schief gelaufen“, irgendetwas wurde nicht beachtet. Dann kommt das „bitte künftig zu beachten“. So scheint es auch bezüglich der Hüttenbenutzung gewesen zu sein. Dieser Aufruf scheint sich nicht zuletzt auch ans Vereinsmitglieder gerichtet zu haben, denn andere haben ihn wahrscheinlich nie gelesen.Wie dem auch sein, Werner Ungelenk sah sich veranlasst, folgendes zu publizieren:

 Unsere Hütte ist kein Gasthof

 Hüttendienst ist Ehrendienst voller nachhaltiger Eindrücke.

 

28 Jahre alt wird sie nun bald sein — unsere seit 1952[i] vereinseigene Alexandrinenhütte auf der Sennigshöhe. Im Frühjahr 1936 hat sie der Landkreis Coburg auf Initiative unseres heutigen Ehrenvorsitzenden Carl Escher auf dem Fundament und unter Verwertung der Gesteinsreste des baufällig gewordenen und deshalb gesprengten Alexandrinenturms als Schutzhütte für Wanderer errichten lassen[ii]. Viele Stürme hat die Hütte seitdem erlebt. Nicht nur himmlische, von denen der höchste Punkt des Coburger Landes oft genug heimgesucht wird. Auch mit so manchem Ansturm naturfreudiger Besucher der Langen Berge hat sie fertig werden müssen und ist sie fertig geworden dank der vor- und fürsorglichen Arbeit unserer ehrenamtlich und völlig uneigennützig wirkenden Hüttengemeinde.

35 bis 40 und mehr solcher Dienste (1963 waren es 42) haben die jeweils 5 bis 7 Personen starken Gruppen (heute insgesamt neun) der Hüttengemeinde, die sich einander abwechseln, alljährlich in der Zeit zwischen Ostern und Spätherbst zu verrichten. Ihre Tätigkeit beschränkt sich nicht auf den Sonntag — nicht einmal auf das Wochenende. Schon Tage zuvor beginnt sie vorausplanend, wenn es gilt, auf Grund der „Inventur" des vorausgegangenen Hüttendienstes die Rucksäcke mit Proviant zur Auffüllung der Hüttenbestände zu füllen sowie Handwerkszeug und Material zusammenzutragen, um die und jene erforderliche Reparatur oder Verbesserung im Hüttenbereich vornehmen zu können. Es genügen also nicht nur hausfrauliche Talente zum Hüttendienst; sie müssen sich mit organisatorischen ergänzen, und ein wenig handwerkliche Fertigkeit gehört auch dazu; sei es, daß einmal die Wasserpumpe[iii] müde wird, die Propangasanlage streiken will, ein strapazierter Tisch oder Stuhl an Gleichgewichtsstörungen zu leiden beginnt, böse Menschen einen Fensterladen ruiniert haben oder vielleicht gar Unwetterfolgen zu beheben sind.

 So geht es denn am Ende einer Woche anstrengender Berufspflichten samstags in der Regel hochbepackt „auf zur Hütte!" — in also beschwerlichem Aufstieg von Meeder, Rottenbach oder Tremersdorf aus, wenn sich nicht gerade ein motorisierter Wanderfreund freimachen kann, um den Zubringerdienst etwas zu erleichtern. Oben angelangt, werden zunächst einmal Hütte samt Blockhaus mit Sonnenlicht und Frischluft aufgefüllt, von allen Staubansätzen befreit und auf Hochglanz gebracht; es werden weiter die Bestände in Küche und Keller ergänzt und sorgsam registriert, notwendige Reparaturarbeiten alsbald vorgenommen; vor allem wird das Gelände des Hüttenbereiches durchgekämmt, um die unschönen Spuren zu beseitigen, die gedankenlose Waldläufer im Laufe der zurückliegenden Woche mit Sicherheit hinterlassen haben.

 All diese und noch zusätzliche Prozeduren der Ordnungsliebe, zu denen auch die Überprüfung der Feuerlöschgeräte, die Pflege der sanitären Einrichtungen und der Sportgeräte für Jugendliche sowie vieles andere mehr gehört, wiederholen sich übrigens nach Dienstschluss am Sonntagabend, denn jede Dienstgruppe verlässt die Hütte selbstverständlich so, wie sie sie angetroffen hat und auch beim nächsten Mal wieder anzutreffen wünscht. Dazu gehört auch die Vorsorge für den nachfolgenden Dienst, zumal in der kalten Jahreszeit, in der die Holzvorräte ständig ergänzt werden müssen und das nicht denen überlassen werden soll, die den nächsten Hüttendienst womöglich durchfroren antreten müssen.

 Es geht nun einmal nichts über eine schnell mollig warme Stube, noch dazu, wenn sie so einladend gemütlich eingerichtet ist wie der Hütten-Gemeinschaftsraum mit seiner begehrten Kamin-Ecke, die zu genießen dem Hüttendienst nur wenig Zeit bleibt. In der Regel nämlich lassen die Gäste nicht lange auf sich warten, wenn die weißblaue Fahne[iv] weithin kündet, daß auf der Alexandrinenhütte gastliches Leben eingezogen ist. Dann heißt es bald, den stets willkommenen Besuchern je nach Wunsch einen kühlen oder auch warmen Trunk bereiten, sie mit einer kräftigen Wandersuppe versorgen und die Bockwurst auf die Temperatur bringen, die sie bei den Hungrigen so sympathisch macht.

Sind die ersten Gäste versorgt, folgen schon die nächsten mit gleichen Wünschen nach, und dann kommt zum Schank- und Koch- zugleich der Spüldienst und der einer Wegweisung, Landschaftsbeschreibung und Fernsichterläuterung alsbald hinterdrein. Denn das macht ja die Sennigs-höhe und unsere Hütte so besonders anziehend: Der prächtige Rundblick über Coburg und sein reizvolles Land hinweg bis zum Frankenwald und Fichtelgebirge im Osten, zum Frankenjura mit Staffelberg und Eierbergen im Süden, hinüber zu den Bergen des Haßgaues und der Rhön im Westen und vor allem auf unseren so greifbar nahen und doch unerreichbaren Thüringer Wald im Norden.

 Eine Dienstleistung allerdings gibt es in unserer Hütte nicht — nämlich die des Kellners. In punkto Selbstbedienung sind wir dem Fortschritt schon immer voraus gewesen, eben weil unsere Hüttengemeinde einen Ehrendienst leistet und keine Dienstmädchenfunktion ausübt. Und dabei bleibt's! Der Ruf nach dem „Ober" oder nach dem „Fräulein" wird konsequent ignoriert. Schließlich ist die Alexandrinenhütte ja keine Kneipe und kein Gasthof, sondern ein Wanderheim, das sich übrigens auch nicht zum Dauerskat eignet; denn in der Hütte ist das Kartenspiel nicht gestattet, und im davorliegenden Betreuungsraum unter der Ulme ist es unerwünscht, weil es zu jener Sesshaftigkeit verleitet, die sich nicht mit dem Zweck eines Wanderheims vereinbaren lässt, dem Naturfreund Gelegenheit zur Kurzrast zu geben.

 Unsere Hütte ist und bleibt eine wirkliche Oase der entspannenden Ruhe, und deshalb darf sie auch nicht mehr motorisiert angefahren werden — nicht einmal von Mitgliedern des Thüringerwald-Vereins. Wozu auch! Im Umkreis des durch Sperrschilder abgegrenzten Hüttenbereichs ist genügend Parkmöglichkeit, und die paar hundert Meter Fußweg zur Hütte — noch dazu im Rundblick auf unsere landschaftlich so prächtige Heimat — die tun ja sooo gut!

 

Aber noch einmal zurück zum Hüttendienst: Er hat nicht nur Pflichten, er hat auch ein sehr gewichtiges Recht, nämlich das, seine Gäste am Sonntag um 17 Uhr unerbittlich zum Aufbruch zu ermuntern. Denn ihm bleibt (siehe oben) dann noch allerhand zu tun, nicht zu vergessen die Abrechnung, die oft genug nach „stürmischen" Sonn- oder Feiertagen mit nach Hause genommen werden muß, um dann am Montag umso gewissenhafter abgeschlossen und zur Grundlage jener Bestandsaufnahme gemacht zu werden, die das Aufgabengebiet für den nächsten Hüttendienst umreißt.

So findet denn jede Dienstgruppe eigentlich nur am Samstagabend Gelegenheit zu jener geruhsamen Stunde, die dem Hüttendienst seinen besonderen Reiz gibt. Diese Stunde erholsamer Gemeinsamkeit im Wanderheim ist eine Stunde des Frohsinns und des Erinnerungsaustausches, in der dann auch zum Klang der Hüttengitarre gesungen oder ein kurzer Höhenspaziergang unternommen wird und die am stärksten beeindruckt, wenn sie in jene Abendstunden fällt, in denen im Westen die Sonne glutvoll untergeht, während im Osten allmählich der Nachthimmel heraufzieht, unter dem dann vom Bleßberg herüber die ersten Lichter grüßen, um sich alsbald mit denen der umliegenden Ortschaften zu verbinden und schließlich in das große Lichtermeer einzumünden, das von Coburg herauf strahlt.

 

Es sind das Augenblicke unvergesslichen Erlebens, vor allem auch für unsere Jugend, die sich mehr und mehr für den Hüttendienst zu begeistern beginnt und ihn wiederholt schon selbständig übernommen hat. Das zunehmende Interesse an unserer Hütte als Einzel-, Familien-, Schul- oder auch Betriebs- Wanderziel — als das es nur am Wochenende, nicht aber an Werktagen in Anspruch genommen werden sollte — lässt dennoch eine Erweiterung der Hüttengemeinde notwendig erscheinen. Unser Hüttenwart-Ehepaar Mandler, dem auch an dieser Stelle vorbildliche Erfüllung seines Betreuungs-Auftrags bescheinigt werden darf, freut sich über jeden „Familien-zuwachs", denn mit der Zunahme der längst in die Tausende gehenden Eintragungen ins Hütten-Tagebuch wächst zwangsläufig die Aufgabe unserer Hütte, ein vor- und fürsorglich gehütetes und betreutes Wanderheim zu sein. Dazu helft alle mit! Wer sich über Einzelheiten zu informieren wünscht, der wende sich zur Feierabendzeit unter der Rufnummer 8009 direkt an unseren Hüttenwart.                                              W. U.


[i] Übertragung des Eigentums von Landkreis auf den Verein

[ii] Hierzu ausführlich unter „75 Jahre Alexandrinenhütte“

[iii] Seit 1984 Wasserleitung!

[iv] Später wurde stets eine grüne Fahne mit dem „Farnkraut“-Emblem verwendet