Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1971

 Echter Liebe setzt kein Markstein Schranken

 Weihe des Kober-Gedenksteins in nie verlöschender Wandersehnsucht zum Rennsteig

 Wo Gesinnungstreue den Willen zu Grenzen überwindender menschlicher Begegnung stärkt, ist ein Weg zur Gemeinsamkeit auch zu finden. In dieser beglückenden Erkenntnis gipfelte die 75-Jahrfeier des Rennsteigvereins an seiner Gründungsstätte, dem Waldhaus „Weidmannsheil" bei Steinbach a. W. Der Jubilar widmete diesen Tag mit Vorrang der Erinnerung an seinen im Vorjahr verstorbenen und nun in thüringischer Heimaterde ruhenden Fürsteher Dr. Julius Kober. Zur gleichen Stunde, da für ihn an seiner geliebten Waldhaus-„Märchenwiese" ein Gedenkstein enthüllt wurde, erfuhr der in seinem Lebenswerk fortwirkende Dichter, Schriftsteller, Volkskundler und Heimatforscher auf thüringischer Seite des geschichtsträchtigen Rennsteigs die nämliche Ehrung durch seine Getreuen daheim.

 Mit einem Gruß aus den Wäldern der Heimat vollzog Altrenner Walter Escher die Enthüllung des Gedenksteins, der die Aufschrift trägt:

 DR. PHIL. JULIUS KOBER — FÜRSTEHER DES RENNSTEIGVEREINS VON 1937—1970.

 Rückseitig verweist der Stein auf Dr. Kobers Lieblingslied „Wenn ich wandre, bin ich König", gezeichnet mit dem Namenszug des Verfassers.

Man ist geneigt, die Erwartung erfüllt zu sehen, die Kobers Zapfendorfer Nachfolger im Fürsteher-Amt, Michael Ott, in seinem Grußwort zur Gedenkfeier hatte anklingen lassen: So, wie der Rennsteigverein am 24. Mai 1896 durch seine Gründung „dem Gemeinsamen eine Brücke gebaut" hat, mögen sich wieder und immer wieder Menschen gleichen Sinnes aus allen deutschen Stämmen zusammenfinden in dem Geiste, aus dem einst das Rennsteig-Runst-Erlebnis geboren wurde.

 Hunderte waren aus diesem Gedenkanlaß zur Rennsteigbrücke zwischen Thüringer- und Frankenwald hinauf gepilgert: Kobers Gefolgschaft vor allem aus Zapfendorf und dem heutigen ober-mainfränkischen Betreuungsbereich des Rennsteigvereins, 50 Mitglieder des eng befreundeten Thüringerwald-Vereins Coburg, Wanderfreunde aus der Fränkischen Alb, der Fränkischen Schweiz, den Haßbergen und aus dem nahen Frankenwald; dazu Thüringer Landsleute von überallher. Sie alle scharten sich wiedersehensfreudig um viele Altrenner, die aus der Lüneburger Heide, von Rhein und Ruhr, aus der Rhön, der Oberpfalz und aus dem Allgäu gekommen waren, um ihre Treue zu Dr. Kober, zum Rennsteig und zum deutschen Herzland Thüringen zu bekunden.

Viele hundert Hände vereinigten sich beim traditionellen „Runstgesang" zum Freundeskreis; und was diese heimatbewussten Menschen empfanden, das brachte Michael Ott durch jene „Rennstieg"-Gedanken zum Ausdruck, die Victor von Scheffel 1863 vorausblickend für unsere Tage geschrieben zu haben scheint:

 

„Das Leben weiß den rechten Pfad zu finden;
was Menschen trennt, das muß sie auch verbinden... 
Ein Deutschland   nährt  den Thüring, Hessen, Franken,
und echter Liebe setzt kein Markstein Schranken."

 So wurde der stille Gruß   erneuert,   den  die Wanderer zuvor schon an den Rennsteig-Wappensteinen des Schönwappenweges bis hin zum Kurfürstenstein und an  der Schildwiese über Stacheldraht und Minengürtel hinweg den Menschen im jenseitigen Deutschland entboten hatten.

 Treuebekenntnis zum Ur-Rennsteig

 Zur Feierstunde, in der Julius Kober durch die markantesten seiner Wandersprüche bzw. Wanderlieder selbst noch einmal zu Wort kam und die Zapfendorfer Klampfengruppe nach dem Rennsteig- und dem Deutschlandlied auch Kobers „Wenn ich wandre, bin ich König" intonierte, trug Michael Ott einen informativen Streifzug durch die Geschichte seines Vereins bei. Er sprach zugleich über die vielseitigen Aufgaben aller Glieder des deutschen Wanderverbandes, über die aus der technischen Entwicklung erwachsenen Probleme und den daraus resultierenden Auftrag zu existenzerhaltender Umwelterneuerung durch Reinhaltung „unserer besten Stube Natur"; nicht zuletzt und insbesondere über das Forschungsanliegen des Rennsteigvereins, das sich auf alle Rennwege bzw. Rennsteige im deutschen Sprachraum erstreckt. Ihr bedeutendster nach dem thüringischen Rennsteig ist der 60 km lange Kammweg über die Haßberge von Hallstadt bei Bamberg bis Sulzfeld im Grabfeldgau. Diesem Fränkischen Rennsteig hat der Rennsteigverein unmittelbar nach seiner 75-Jahr-Feier seine diesjährige verbandsoffene Ferienwanderung gewidmet.

 Nach einer Gedenkminute für die bisherigen RV-Fürsteher

Dr. Ludwig Hertel, Hildburghausen 1896—1910

Dr. Johannes Bühring, Arnstadt 1910—1932

Paul Clingenstein, Zeitz 1932—1935

Theodor Linnarz, Suhl 935—1937

Dr. Julius Kober, Suhl/Zapfendorf 1937—1970

 

verpflichtete sich Ott als Repräsentant der nunmehr fränkischen Führung des Rennsteigvereins zur Erfüllung des aus Kobers Hand empfangenen Auftrags. Er schloß mit einem Treuebekenntnis zum unvergessenen Thüringen und zum Ur-Rennsteig. Ihn dereinst wieder in seiner ganzen Ausdehnung durchwandern zu können, bezeichnete er als „unsere nie verlöschende Wandersehnsucht".

 Leben und Wirken des „großen Thüringers" würdigte eingehend der langjährige Fürsteher-Stellvertreter und Träger des goldenen Rennsteig-Ehrenzeichens, Altrenner Walter Escher aus Thüringen (jetzt in Lauf a. d. Pegnitz beheimatet). Er vollzog den feierlichen Akt der Gedenkstein-Enthüllung als Ausdruck des Dankes für Kobers Verdienste um den Rennsteigverein und die Rennsteigforschung, um die gesamtdeutsche Wanderbewegung und um die von unerschütterlichem Idealismus getragene mitmenschliche Betreuung seiner Thüringer Landsleute. Dem „profilierten Sprecher aller Thüringer", der die kulturelle Bedeutung des deutschen Herzlandes unermüdlich in das Bewußtsein seiner Mitmenschen gerückt hat, bescheinigte Escher, in seinem gesamten Lebenswerk eine „kulturpolitische Leistung ersten Ranges" erbracht und hinterlassen zu haben. Dieses im Thüringer Heimatkalender und in der Thüringer Heimatbücherei gipfelnde und mit Kobers letzter Arbeit, seiner Synthese aller bisherigen Rennsteig-Theorien, beschlossene Lebenswerk zu erhalten und nach gegebenen Möglichkeiten fortzuführen, wie es mit der geplanten Neuauflage des beliebten „Spruchbüchlein" jetzt geschehen soll, sei eine Verpflichtung auch gegenüber der Familie Kobers, insbesondere seiner treuen Lebensgefährtin und tatkräftigen Mitarbeiterin.

 Den Gedenkstein — ein landschaftsgebunden-gediegenes Werk des Zapfendorfer Steinmetzbetriebes Georg Pflaum — enthüllte Escher mit der Mahnung, im Geiste Kobers zu leben und zu wirken eingedenk seiner Worte: „Daß wir in unsere Heimat geboren wurden, ist nicht unser Verdienst; daß wir einmal in ihr begraben werden, auch nicht. Wohl aber ist es ein Verdienst, von der Wiege bis zur Bahre ein ganzes Leben lang um die Heimat und ihre Erkenntnis gekämpft zu haben." Aus der Ferne erklang in die besinnliche Stille hinein ein Trompeten-Solo vom „Guten Kameraden".

Nach Walter Escher legten am Gedenkstein Waldsträuße nieder Wanderfreunde anderer Verbandsvereine und der Sprecher der Bundeslandsmannschaft Thüringen, Coburgs Kreisverbandsvorsitzender Ernst Henn. Bewegten Herzens dankte er seinem Landsmann Dr. Kober für sein zu allen Zeiten mitreißendes Vorbild an unbeirrbarer Heimatliebe und Heimattreue.

Gruß aus der alten Heimat

 Abschließend verlas Hauptwanderwart Georg Gunzelmann den aus Suhl übermittelten „Gruß an die Freunde des Rennsteigs", der von der gleichzeitigen Gedenkstunde an der Plänckners Aussicht (970 m) auf dem thüringischen Rennsteig Kenntnis gab. Nach einem Dank an alle, die Julius Kober die Treue bewahrt und seinen Angehörigen in schwerer Stunde beigestanden haben, brachte das Schreiben die Erwartung zum Ausdruck, daß sich „recht viele Freunde finden und im Sinne Kobers weiter arbeiten und wandern und sein begonnenes Werk erhalten, fortsetzen und beenden mögen". Der „Gruß aus der alten Heimat, die Dr. Kober nie vergessen konnte", drückte zugleich die „Verbundenheit aller Freunde des Rennsteigs und des Wanderns" aus und bekundete die Hoffnung, „daß einmal wieder gemeinsam der Rennsteig von Hörschel bis Blankenstein durchwandert werden kann". Das von Frau Hildegard Kober und Sohn Volkmar unterzeichnete Schreiben schloß mit dem Wunsch an alle Anwesenden: „…und wandern können bis zum letzten Tage".

 Denkwürdige Jubiläums-Sippung

 Nach der Gedenkfeier traf sich die Rennergemeinde noch einmal zu einer schlichten Jubiläums-Sippung in der Festhalle zu Ludwigsstadt. Die vielen Ehrengäste, die Fürsteher Michael 0tt hier begrüßen konnte, bescheinigten ausnahmslos dem Rennsteigverein, positive Leistungen nicht nur durch «ktives Wandern, sondern vor allem auch für die Heimat- und Landschaftspflege und für die Anliegen des Umweltschutzes erbracht zu haben.

 Den Dank und die Grüße des Verbandspräsidenten Dr. Georg Fahrbach, Stuttgart, übermittelte der Betreuer aller bayerischen Wandervereine, Rektor Georg Keimel (Spessartbund). Er versicherte, daß alle Verbandsvereine Dr. Kober in guter Erinnerung behalten werden, über die Erhaltung und Fortentwicklung des Rennsteigvereins glücklich sind und ihn als Hort bewusster Traditions- und Brauchtumspflege zu schätzen wissen. Im Aufgabenbereich der Arbeitsgemeinschaft Bayern gewinne die Aktivität der Rennergemeinde, deren enge Zusammenarbeit mit dem Thüringerwald-Verein besonders zu begrüßen sei, durch ihr erweitertes Betreuungsgebiet und durch wesentlichen Anteil an der Markierung des Main-Wanderweges an Bedeutung.

 Als Sprecher des Kreises, durch den der Rennsteig verläuft, wünschte Landrat Dr. Edgar Emmert, Kronach, dem Jubilar eine Vertiefung seiner fruchtbaren Kontakte zum Frankenwald, in dem der Rennsteigverein als Hüter und Betreuer des Kammweges viel zur Erschließung erholsamer Anlagen beizutragen vermöge. Daß er insbesondere die Jugend vor den Gefahren der Umweltbedrohung schützen helfe, rechtfertige das Vertrauen in eine glückhafte Vereinsinitiative auch in den nächsten 25 Jahren.

Bürgermeister Welsch, Ludwigsstadt, dem Michael Ott für seine aufgeschlossene Unterstützung der Jubiläums-Vorbereitungen dankte, sicherte als „Hausherr" von „Weidmannsheil" Schutz und Pflege der Gedenkstätte zu. Die hohen Ideale des Rennsteigvereins zu fördern, sei umso mehr eine Verpflichtung, als damit einem nachweisbaren Erfolgswirken gegen Entwurzelung und Materialisierung gedient sei. Mit einem kostbaren Buchpräsent belohnte Welsch nicht zuletzt die sichtbaren Beweise fruchtbarer Jugendbetreuungsarbeit des Rennsteigvereins. Er sprach damit vor allem die musizierfreudige Klampfengruppe an, die unter Hans Baumanns Leitung mit konzertantem Spiel die Festsippung bereicherte, nachdem sie zuvor schon den Ludwigsstädtern eine sonntägliche Standmusik auf dem Marktplatz beschert hatte.

 Für den Thüringerwald-Verein gratulierte Vorsitzender Ernst Eckerlein, indem er die Dr. Kober zu verdankenden Gemeinsamkeiten mit dem Rennsteigverein und die gute Zusammenarbeit mit Kobers Nachfolgern würdigte. Mit einem Bild der Alexandrinenhütte für die Zapfendorfer „Rennerklause" überreichte er einen verschlossenen Beitrag zu den Aufgaben, die sich der Rennsteigverein für die Zukunft gestellt sieht.

Helmut Kättner , der Grüße und Glückwünsche des Frankenwaldvereins aussprach, beschenkte den Jubilar durch die mit starkem Beifall quittierte Zusage, daß das im Bau befindliche neue FWV-Wanderheim bei Ludwigsstadt künftig auch den Wanderfreunden vom Rennsteig- und vom Thüringerwald-Verein „herzliche Gastfreundschaft gewähren" werde.

Nach einer weiteren Grußbotschaft, die Georg Wild in Erinnerung an Dr. Kobers letzte öffentliche Ansprache bei der Fahnenweihe des Baunacher Wanderklubs übermittelte, ließ Hauptwanderwart Georg Gunzelmann in einer Serie auserlesener Farblichtbilder unvergessliche „Wanderungen mit Dr. Kober" nacherleben, ehe die Rennergemeinde und ihre Gäste „mit einem Stück Rennsteig im Herzen" sich zur Heimkehr nach einem denkwürdigen Tag aufmachten.

 W.U. (Werner Ungelenk)