Aus „Das Farnkraut“ Sonderheft Juni 1965

 600 beim Waldabend!

 Kaum zu glauben, aber am 4. Mai 1965 kamen 600 Besucher zum Waldabend des Thüringerwald-Vereins Coburg. Ort: der große Saal der legendären „Coburger Hofbräu-Gaststätten“. Da zog ganz sicher der Name des Referenten an: Dr. Julius Kober.

 Heute ist Dr. Kober längst nicht mehr so ein Begriff wie damals, daher die wichtigsten Lebensdaten (lt. WIKIPEDIA; downl. 01/12). Kober wurde am 17. Aug. 1894 in Suhl geboren. Er gehörte somit einer Generation an, die beide Weltkriege miterlebt und miterlitten haben. Erste literarische Arbeiten bezogen sich auf Kriegserlebnisse ab 1914. Danach studierte er und promovierte zum „Dr. phil.“, Thema war die Mundart der Stadt Suhl und die wortgeographischen Grenzen. Er wies darin nach, dass der Rennsteig eine Dialekt-Grenze bildet. Schon in der Jugendzeit fand er zum Rennsteigverein und wurde bereits 1919 in dessen Vorstand berufen. Ab 1932 Schriftleiter „Das Mareile“, 1937 Fürsteher des Rennsteigvereins. In zahlreichen Vorträgen und gedruckten Publikationen befasste er sich mit dem Thüringer Wald und dem Rennsteig. Als Entlassener Kriegsgefangener war ihm die Rückkehr nach Suhl verwehrt, dafür fand er eine neue Heimat in Zapfendorf, wo er alsbald den Rennsteigverein neu gründete. Seine letzte Wanderung trat er 1970 an.

 Um die Erinnerung an unser Nachbarland jenseits der Zonengrenze wachzuhalten, hat der Thüringerwald-Verein die erste verbandsoffene Ferienwanderung dieses Jahres „Mit Blick nach Thüringen durch das Coburger Land" durchgeführt. Dr. Julius Kobers Farbbild-Bericht von seinen Wanderfahrten durch das „Unvergessene Thüringen" hat dieses Anliegen beim Mai-Waldabend im Rahmen der Ferienwanderwoche nachdrücklich unterstrichen. Als hervorragender Kenner des Mittelgebirges im „grünen Herzen Deutschlands", das er als Heimatdichter und Volkskundler ein Leben lang wandernd durchforscht hat, machte Kober den 600 (!) Besuchern des Waldabends eindrucksvoll deutlich, dass uns Thüringen nicht nur wegen seiner überaus reizvollen Landschaft, sondern vor allem auch deshalb nicht aus der Erinnerung schwinden darf, weil es durch seine reiche Geschichte ebenso wie durch die wirtschafts- und kulturwertigen Leistungen seiner fleißigen und kunstfertigen Bevölkerung für das ganze Deutschland ungeheuer viel getan hat.

 Von Eisenach und seiner Einheit in Freiheit symbolisierenden Wartburg — den Wirkungsstätten Luthers und der schöpferischen Musikerfamilie Bach — aus führte Dr. Kober die aufmerksame Gefolgschaft seiner kulturgeschichtlichen und volkskundlichen Bildwanderung zunächst in den Gothaer Bereich unseres einstigen Herzogtums und dort u. a. zu der humanistischen Erziehungsanstalt von Schnepfental, aus der bedeutende Männer des deutschen Geisteslebens hervorgegangen sind; sodann zu den „Drei Gleichen" mit der Wachsenburg, dem einstigen Vorort der Berg-, Burg- und Waldgemeinden Thüringens; in die Domstadt Erfurt, die „Blumenstadt der Welt"; zum geschichtsträchtigen Kyffhäuser; an die Wirkungsstätten von Goethe, Schiller, Carl Zeiß und Ernst Abbe in Weimar und Jena; nach Bad Kosen an die Geburtsstätte der Käthe-Kruse-Puppe; zum spätromanischen Naumburger Dom mit seinen berühmten Stifterfiguren; von dort durch das Industriegebiet von Pößneck und Saalfeld (Stadt der Feengrotten) zum „Thüringer Meer" der Saaletalsperre und über Schloss Burgk zum Schwarzatal.

Der Hinweis auf den Wert der Wälder vor allem auch für die Erhaltung von Gesundheit und Leistungsfähigkeit durch naturverbundenes Wandern leitete über zum ergiebigen Streifzug durch Südthüringen mit einer Höhenwanderung über den fast 170 km langen Rennsteig mit seinem 12-Kilometer-Ausläufer auf bayerischem Boden, an dem bei Steinbach a. W. auch der Gründungsort des heute unter Kobers Leitung weiterwirkenden fast 70jährigen Rennsteigvereins liegt: Waldhaus „Waidmannsheil". Kobers ausgezeichnete Bildserie weckte die Erinnerung u. a. an unsere Nachbarorte Hildburghausen mit seinem historischen Marktplatz, Eisfeld mit dem Otto-Ludwig-Haus, die Schiffchen-Macher-Gemeinde Mengersgereuth-Hämmern, an die vertrauten Bau- und Kunstdenkmäler in Themar und Meiningen, an die alte Zollbrücke bei Obermaßfeld, an die Bäder Salzungen und Liebenstein, an die Industriestädte Suhl (Kobers Heimat) und Zella-Mehlis, an Tageswanderungen zur Heldburg und zu den Gleichbergen, an die historischen Wehrkirchen- und Wehrbauernhöfe in diesem Raum, an die aussichtsprächtigen Berge des Thüringer Waldes mit dem Wintersportparadies Oberhof, an die berühmten Kohlenmeiler im Schleusinger Gebiet, und abschließend an den kunsthandwerklichen Fleiß der trotz mühsamer Arbeit und kargem Verdienst allzeit sangesfrohen Waldmenschen zwischen Sonneberg und dem Rennsteig. Eindringlich veranschaulicht wurde ihr der Heimindustrie (Glas- und Spielwaren) verhaftetes Familienleben in der Darstellung der Szenenbilder aus dem Sonneberger Spielzeugmuseum.

 In die Liebe zum Wandern stets auch die Treue zu den Menschen dieses kerndeutschen Wanderlandes einzubeziehen, war das im Schlusswort Kobers nachdrücklich unterstrichene Anliegen des Vertrags, dem sich alle Anwesenden durch dankbaren Schluss Beifall verpflichteten.

Als Vertreter der Stadt Coburg bekräftigte Bürgermeister Christian Reichenbecher, der sich Thüringen einst als Geselle erwandert hat, die Notwendigkeit zur Kontaktpflege nach drüben mit der Feststellung, dass er sich den Ideen und dem Wirken des Thüringerwald-Vereins aufs engste verbunden fühle. Sein tiefer Einblick in die Geschichte des traditionsreichen Coburger Raumes untermauerte die Verpflichtung, die Erinnerung an Thüringen wachzuhalten und klang aus in herzlichen Willkommensgrüßen für die Ferienwanderer aus allen Teilen des Bundesgebietes, die sich solcher Notwendigkeit durch ihren Grenzlandbesuch verpflichtet haben.