Aus „Das Farnkraut“ Nr. 4/1973

 Kaspar Hauser,

 

das »Kind von Europa«, war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit badischer Thronerbe und wurde das Opfer eines politischen Verbrechens. Dieses Fazit zieht der Nestor der deutschen Hauser-Forschung, Prof. Dr. Hermann Pies (86), Saarbrücken, in seinem kürzlich vom Ansbacher Museumsverlag herausgebrachten Werk »Kaspar Hauser, Fälschungen, Falschmeldungen und Tendenzberichte«. Das Buch basiert auf einem fast 50jährigen Quellenstudium und gibt eine wissenschaftliche Antwort auf die von der internationalen Hauser-Literatur aufgeworfenen Fragen.

Damit scheint einer der rätselhaftesten Fälle der deutschen Kriminalgeschichte gelöst zu sein. Hauser tauchte 1828 als seelisches Wrack in Nürnberg auf und starb fünf Jahre später in Ansbach an den Folgen einer Stichverletzung, die ihm ein Unbekannter beigebracht hatte. Pies versichert, dies geschah zumindest mit Wissen mächtiger Fürsten, die später alle Spuren zu verwischen suchten. Ansbach unterhält ein eigenes Hauser-Museum.

 

Anmerkung: Werner Ungelenk hat diese Nachricht wohl einem Pressedienst entnommen. Möglicherweise oder sogar wahrscheinlich gibt diese Notiz die damals vorherrschende Auffassung zum Thema wieder. Nahezu vier Jahrzehnte später ist aber klar, dass eben nach wie vor nichts geklärt ist, schon gar nicht mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“. Inzwischen gibt es gen-analytische Verfahren, welche in der Summe die Zweifel eher noch verstärkt haben. Geheimnisvolle Unbekannte faszinierten damals wohl besonders. Auch in unserer näheren Umgebung gab es einen solchen Fall: die „Dunkelgräfin“ tauchte 1807 in Hildburghausen auf, bis heute ist deren Identität Gegenstand von Forschungen und Spekulationen. Wer übrigens Anfang des 19. Jhdt. irgendwo „auftauchte“ und seine Herkunft verschleierte, konnte nach meiner Einschätzung mit allem Möglichen rechnen, nur nicht in vornehme Häuser aufgenommen und Mittelpunkt der Öffentlichkeit zu werden. Wahrscheinlicher waren damals Arbeitshaus oder „Irrenanstalt“.
Nachtrag 25.04.2012:
In diesem Jahr steht der mutmaßlich 200. Geburtstag Kaspar Hausers an. In der “np” ein großer Artikel unter “Schauplatz Region (?)”. Fazit: Gewissheit gibt es nach wie vor keine. Zu Wort kommen u. a. Werner Bürger, Ansbach und Oliver Sänger, Karlsruhe. Letzterer spricht von einem “Medienspektakel”. Aber, wie konnte es dazu kommen? Konnte es sein, dass zu Anfang des 19. Jhdt. irgend ein Hergelaufender mit unklarer Abkuft zur europaweiten Sensation wird? Aus Coburger Sicht interessant wäre noch, dass aus der “Nebenlinie des badischen Fürstenhauses”, auch die hochverehrte Landesmutter Alexandrine stammt. Großherzog Karl Friedrich von Baden (1786 - 1818) hatte keine übelebenden männlichen Nachkommen; ein Prinz war 1812 geboren und gestorben; er sei angeblich Kaspar Hauser. Nach 1818 kam die Nebenlinie an die Regierung, aus welcher auch unsere Alexandrine entstammt. Interner Link:  Herzogin Alexandrine