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Nachfolgenden Bericht verdanken wir einem externen Autor, Lothar Rauscher aus Wildenheid.

 

Bleßberg

 Von meinem Küchenfenster aus konnte ich ihn mit seiner Spitze und mit seinem 120 m hohen Sende- und Antennenmast bis in die 80er Jahre sehen: den erhabenen Bleßberg. Dann wurde mir aber von hier der Blick verbaut. Vom Bleßberg erfuhr ich schon vieles in der Heimatkunde der ersten Volksschuljahre. Die Lehrerin erzählte von den geheimnisvollen Sagen, die sich um den Berg ranken, von der einstmals wundertätigen Heilquelle, aus der die Itz, der größte Fluss des Coburger Landes, entspringt, von den Wallfahrern und Heilsuchenden im Mittelalter, die zur der Quelle pilgerten, um dort Linderung und Heilung von ihren Leiden suchten, von der Wallfahrtskappelle. Uralte Steine (Doggen), die den Weg der Wallfahrer markierten, stehen heute noch in der Landschaft herum. - Die Sage von der Heilquelle der Frau Idisa erzählt von einem armen gichtbrüchigen Vater, der kein Geld mehr verdienen konnte. Dessen kleiner Sohn schlief an einem Sonntagmorgen bei einer Rast an der Itzquelle ein. Im Traum trat aus dem geteilten Felsen eine wunderschöne, weiß gekleidete Frau hervor und sagte Seltsames: "Wer aus der Quelle trinkt, der wird gesund. Ich werde dadurch erlöst". Die Frau, die sich Idisa nannte, verschwand aber wieder, als er, der Schläfer, nach ihrer Hand greifen wollte. Er lief gleich nach Hause, um seinem Vater von diesem sonderbaren Traum zu erzählen. Der kranke Vater ging daraufhin mit dem Sohn zur Quelle. Und siehe da - nachdem er von dem frischen Quellwasser getrunken hatte, fühlte er sich wieder frisch und gesund an Leib und Seele. Seine Krücken brauchte er nicht mehr. Seine rasche Heilung sprach sich schnell herum. Viele Leidende kamen zum Trinken und wurden wieder gesund. Ein geschäftstüchtiger Mann ließ die Quelle einfassen, und er verlangte für das Wassertrinken Geld. Ein armer Bettler kam auch hinauf, um Heilung zu finden. Er bekam trotz inständigen Bittens kein Wasser zum Trinken. Da stieß er einen fürchterlichen Fluch aus. Aus der Quelle rauschte viel Wasser heraus und spülte die Einfassung weg. Dem Wasser aber, als es wieder stille geworden war, fehlte fortan die Heilkraft - soweit, kurz gefasst, die fromme Legende.

 An der Itzquelle liegt das Dörfchen Stelzen. Vielleicht mag der Namen davon herrühren, dass viele leidende Menschen einst nach ihrer Heilung ihre Krücken, Stelzen und Stöcke wegwarfen und gesund den Heimweg antreten konnten. - Noch 1830 wurden auf dem Dachboden der Kirche in Stelzen die Krücken der Leute aufbewahrt, die hier genesen waren.

 Vollgepackt mit solchen Geschichten ist es ja kein Wunder, dass der Bleßberg nicht nur wegen seiner imponierenden Mächtigkeit so ein Sehnsuchtsberg für mich wurde -und bis heute geblieben ist. Nach dem Kriege konnte man in nicht besteigen. Er lag ja schon hinter der 1945 gezogenen Grenze. Gleich zum Anfang der DDR wurde er außerdem noch zu einem Spionageberg ausgebaut. Eine absolute Tabu-Zone sorgte dafür, dass selbst die Einheimischen, die unmittelbar am Berg lebten, ihren Berg nicht mehr besteigen durften. Was für eine Marter. Über 40 Jahre konnten sie zu ihm nur hinaufschauen.

 Zum Glück nahm es im November 1989 ein Ende mit dieser DDR. Die Wachmannschaften und Spionageabteilung, die mit Hilfe der Antennen am 120 m hohen Mast fast den gesamten Telefonverkehr Süddeutschlands abgehorcht hatten, verschwanden vom Berg. Der Bleßberg, markanter Ausläufer des südöstlichen Teils des Thüringer Waldes, wurde wieder mit seinem neu errichteten Aussichtsturm und Wanderheim (ausgebaut in einer der ehemaligen Baracken der Wachmannschaften) zu einem wunderschönen Wanderziel am Übergang zum Thüringer Schiefergebirge. Von dem Turm auf dem 867 Meter hohen Berggipfel hat man nämlich einen einmaligen Blick in das Frankenland, zum Fichtelgebirge, zur Rhön und über den Thüringer Wald - soweit es das Wetter erlaubt.

 Der Bleßberg entwickelte sich für Ingrid und mich zu einer Art Hausberg. So oft es ging, heute nicht mehr so häufig, stiegen wir an Sonn- oder anderen Tagen zu ihm hoch. Von der Itzquelle bei Stelzen, wo wir meistens unser Auto abstellten, besteht bis zum Gipfel ein Höhenunterschied von fast genau 400 Metern. Eine Stunde zum Gipfel hoch wandern, oben eine Stunde mit Turmbesteigung, um die großartigen Aussichten zu genießen, und mit Kaffeetrinken zu verbringen, dann wieder eine dreiviertel Stunde absteigen hinunter zum Auto - und man hat einen wunderschönen Nachmittag verbracht.

 Die Thüringer haben nach der Wende alles getan, um uns alle auf das großartig Historische und auf die Schönheiten ihres Landes aufmerksam zu machen. Dafür ist man dankbar. Und eines Tages sah ich dann auf dem Berggipfel das Keltenpanoramaschild, auf dem 'der kleine Keltenweg' beschrieben wird (siehe Abbildung). Ich war sofort begeistert. Den Weg zu wandern, ist ja eine schöne Ergänzung des Kelten-Erlebnisweges, den ich nach der Wende mit seinen 240 km schon zweimal gewandert war.

 Diesmal musste ich mich nicht umständlich nach einem Wandergesellen umsehen. Ich fragte Eberhard und rannte gleich eine offene Tür ein. Er brachte sogar zwei weitere Wanderfreunde von ihm mit: neu den Horst und dann den Wolfgang, der schon einmal einen Tag mit uns gewandert war. Horst zeigte sich gleich als ein großer Gewinn. Er hatte das Format eines idealen Wanderfreundes. Und er blieb es auch in den vielen, noch folgenden gemeinsamen Wanderjahren. Wegen seiner Leichtfüßigkeit und Ausdauer beneidete ich ihn oft. - Auf Otto, meinen Motor der bisherigen großen Etappenwanderungen, musste ich zu meinem großen Kummer immer noch verzichten.

 Wir waren gleich einer Meinung, die etwa 65 km lange Strecke in drei Tagestouren aufzuteilen. Wir hatten größtenteils Neuland vor uns, sowohl im Thüringischen als auch im Fränkischen. Also machten wir uns an einem wunderschönen Sommertag auf den Weg. Für die erste Tour stellten wir ein Auto in Görsdorf ab. In Stelzen an der Itzquelle, wo wir unser anderes Auto abgestellt hatten, begann gleich unser Wandertag mit dem ganz "schönen" Aufstieg zum Gipfel des Bleßberges. Natürlich stiegen wir noch auf den 22m hohen Aussichtsturm. Den wunderbaren Fernblick ringsherum von dort oben mussten wir mitnehmen. Wir hatten ja einen Bilderbuch-Sonnentag.   

 Es gibt nichts Befreiender es als an einem schönen Sommertag frühmorgens durch den noch frischen Wald zu gehen. Man könnte fröhlich mit dem Vogelgesang mit zwitschern. An diesem Morgen konnten wir all dies in vollen Zügen genießen. Wir wanderten oben am Berg entlang bis zum Fränkischen Weg, der von Weißenbrunn vorm Wald bis zum Dreistromstein (824 m) verläuft. Auf ihm begann dann unser langer Abstieg nach Mausendorf. Von dort wieder ging es in einem schönen Tal Grund weiter hinab nach Truckental und weiter nach Schalkau. Die Talwege, die wir da wanderten, verlaufen in einer beeindruckend schönen und abwechslungsreichen Landschaft. Man ist nicht mehr im Waldgebirge.

 Von Schalkau aus ging es auf dem Fränkischen Weg wieder weiter entlang der Itz nach Almerswind (399 m). Dort kamen wir so um die Mittagszeit an. Uns wurde dies besonders bewusst, weil wir durch die mittägliche Sommerwärme auch ganz schön durstig geworden waren. Aber in Almerswind, oh Schreck, das einzige Wirtshaus des Dorfes, die Post, hatte Ruhetag. Nichts zu essen, nichts zu trinken. Uns stand ja noch ein steiler Aufstieg mit etlichen Höhenmetern und eine Wanderstrecke von noch gut zwei Stunden nach Görsdorf bevor. - Ich schwor mir damals, nie wieder ohne etwas Trinkbares auf Wanderung zu gehen. Und sei es auch dann, wenn es nur an Wirthäusern entlang geht. Aber als wir noch so ratlos herumstanden, bemerkte ich nicht weit von uns einen Mann, der uns beobachtete. Er kam auf uns zu. " Die Post hat heute Ruhetag. Da bekommt ihr nichts", sagte er uns gleich. Aber er würde uns in seinen Garten einladen und wir bekämen von ihm genug zum Trinken. Mit einem Schlag waren wir wieder munter - und auch dankbar. Man hätte sich ja am Nachmittag bei großem Durst doch etwas quälen müssen.

 

-”Ihr habt uns ja das Geld rübergeschaufelt...

-  das schlimme Schicksal eines DDR-Grenzortes -

 Dieser von unserem Nothelfer in Almerswind ausgesprochene Satz gehört eigentlich in jedes Wende-Geschichtsbuch, beeidet noch von Eberhard und Horst (. Aber um die für uns so offenherzige Aussage richtig verstehen zu können, muss ich erst etwas ausholen und das Nachkriegsschicksal des Ortes soweit wie möglich darstellen: Almerswind ist jetzt wieder ein schönes Dorf. Es liegt an der Itz, in die im Dorf noch die Grümpen mündet. Beide Flüsse kommen vom nahen Thüringer Wald. Almerswind hat ein Schloss, das jetzt aber leider leer steht. Das Dorf liegt an der Verbindungsstraße, eine Asphaltstraße, wie sie früher genannt wurde, die im Itztal von Oeslau nach Schalkau führt. Der Ort hatte jedoch in der sogenannten Grenzsicherheitszone der DDR gelegen. Er war für zig Jahre von der Welt völlig abgeschlossen. Die Bewohner lebten in einer Art Gefangenschaft. Sie durften nur kontrolliert ein- und ausgehen. Selbst Verwandte, die außerhalb wohnten, konnten nur bei Todesfällen, Hochzeiten oder bei ähnlichen Anlässen mit Sondergenehmigungen ins Dorf kommen - und das auch nur für Stunden. Sogenannte Westbesuche hatte es überhaupt nicht geben dürfen. Das hat man in der DDR einfach so gemacht. Die Leute wurden da nicht gefragt. Sie hatten nur Anordnungen zu gehorchen, und zwar mit der Motivation, einen "sozialistischen" Himmel schon auf Erden zu bekommen.

 Nach der Wende wurde auch Almerswind von uns sofort erkundet. In der Post bekam man schon ein recht anständiges "Rostbräädla'. Das Dorf selbst wirkte jedoch irgendwie heruntergekommen, aber weniger war dies bei den Häusern zu bemerken. Viele davon zeigten sich noch einigermaßen in Ordnung. Das schlechte Dorfbild, das man bekam, entstand hauptsächlich durch die miserable ehemalige Verbindungsstraße. Geflickt, bucklig und noch mit vielen Löchern versehen, merkte man gleich, dass da über Jahrzehnte nichts gemacht worden war. Die Nebenstraßen, die alle nicht geteert waren, machten den gleichen Eindruck. Die paar Bürgersteige, die es gab, waren mit Löchern übersät. Alles wirkte dadurch schäbig und recht ungepflegt. Man sah, dass da niemand Wert darauf gelegt hatte, das Dorf etwas freundlicher aussehen zu lassen. Alles gehörte ja allen- und zugleich niemand.

 Phönix aus der Asche

 Jetzt hatte sich das Dorfbild vollständig verändert. Es hat sich direkt zu einer Schönheit entwickelt: Es gibt eine funkelnagelneue Straße und geteerte Nebenwege, neu ausgebaute Bürgersteige mit farbigen Steinen, neue Baumanpflanzungen und ein ausgebauter Dorfmittelpunkt mit einem riesigen Korbgeflecht, das auf die frühere Arbeit der Almerswinder hinweist. Ich staunte nur so über diese aufwendige, aber gut gemachte Dorferneuerung, die sich im Mittagslicht besonders prächtig zeigte.

 Wir wendeten uns an unseren Nothelfer und fragten nach diesen beeindruckenden Veränderungen. Er ließ uns gar nicht aussprechen: "Ihr habt ja uns das Geld nur so rübergeschaufelt. Wir mussten ja damit was anfangen. Bei uns war ja auch alles kaputt". Seine Aussage war für uns recht entwaffnend.

Einwurf des Webmasters aufgrund einer Überschrift in der “Welt am Sonntag...”

Die ostdeutschen Bürger haben nach Ansicht von Wirtschaftsforschern den  Löwenanteil bei den finanziellen Lasten der Wiedervereinigung  aufgebracht. "Wenn man genauer hinschaut, dann erkennt man, dass  Ostdeutschland zu einem Großteil die Kosten der Einheit selbst getragen  hat - und immer noch trägt", sagte der Präsident des Instituts für  Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum, der "Welt am Sonntag". Zwar seien aus dem Westen bislang netto 1,4 Billionen Euro in den Osten transferiert worden. Nach der Wende sind aber unterm Strich rund 1,8  Millionen Menschen in den Westen gezogen. Da es sich dabei meist um  gut ausgebildete Arbeitskräfte handelte, erwirtschaften sie den Angaben  zufolge inzwischen rund ein Viertel des Wirtschaftswachstums auf dem  Territorium der alten Bundesrepublik.

Ich lasse diese Auffassung jetzt einfach mal so stehen. Sicher aber ist der Umzug in die “alten” Bundesländer nicht die Lösung. Andrerseits ist von den Aufwendungen ganz sicher ein Teil in Form von Unternehmenserlösen und Beschäftigungseinkommen zurückgeflossen. Es gab ja hier im Westen zeitweise manches nicht mehr, weil die Produktion restlos ausverkauft war.

-hdb- und Fortsetzung des Textes Rauscher

Nun, wir kamen mit ihm in seinen Garten, der ein kleines Paradies war. 40 Jahre Eingeschlossen sein hatte dies wohl ermöglicht. Viele Menschen "drüben" hatten sich solche sog. Nischen geschaffen. Unser Nothelfer zeigte uns auch schöne Bilder, die von ihm gemalt wurden. Er bewirtete uns aufs Beste und nahm dafür kein Geld. Wir konnten uns sehr angeregt mit ihm unterhalten und mussten uns anstrengen, den schönen und gastlichen Ort wieder zu verlassen.

 Übrigens: Die Silben-Endungen ...wind, ...itz oder ...ow und andere mehr sind slawischen Ursprungs. Sie weisen hier in unserer Gegend auf unsere wendischen Vorfahren hin. Vor 1000 Jahren wurden sie von Kaiser Heinrich II, der im Bamberger Dom begraben liegt und heiliggesprochen wurde, zwangschristianisiert. Die damals nicht folgen wollten, wurden umgebracht. Tausende fanden hierbei mit ihren Familien den Tod.

 Hinter dem Ort und neben der ehemaligen Grenze ging es für uns gleich steil dem Berg hinauf. Wir fühlten uns aber wieder frisch und munter. Der lange Aufstieg konnte uns nichts mehr anhaben. Oben auf dem Berg fanden wir eine freie, angerartig geprägte Landschaft vor, die uns sehr gefiel. Sie besticht auch dadurch, dass dorthin wegen ihrer Abgelegenheit sonst niemand weiter hinkommt. Dann ein längerer Abstieg durch Laubwald nach Truckendorf. Der Ort liegt auch wieder an einem abgelegenen, ruhigen Quertal von Emsstadt bis nach Görsdorf, wohin wir im Talgrund zu unserem Auto wanderten. - Dabei ist noch zu bemerken, dass von uns jeder Wandertag mit einem ausgiebigen Abendbrot abgeschlossen wurde.

Die zweite Tagestour teilten wir von Görsdorf bis Roßfeld ein. Zu einem großen Teil verläuft dieser Weg im ehemaligen bayerischen Grenzgebiet. Vor der Wende war diese Gegend wegen der unmittelbaren Grenznähe bei den Wanderern gar nicht so gefragt. Ich selbst freute mich aber jetzt, doch einmal in diese einstmals weitestgehend gemiedene und entlegene Gegend zu kommen. Wer von uns hat schon die Ecke des Carl-Escher-Weges von Tremersdorf, hinter Rodach vorbei, nach Roßfeld und weiter bis zu der Zigeunereiche gewandert? Höchstens in Teilen!

Görsdorf hat als ehemaliger DDR-Grenzort auch so seine Geschichte. Wegen seiner unmittelbaren Nähe zur Grenze bekamen die damaligen Bewohner vor ihren Häusern eine 5 (?) Meter hohe Sichtschutzwand aus Beton hingestellt. (Ein Rest steht noch als Andenken für die Görsdorfer.) Deren Leben verlief über zig Jahre genauso eingeschränkt und überwacht wie für die Almerswinder, jedoch waren sie noch zusätzlich mit einem Blendschutz nach dem Westen hin geschlagen, und mit der noch entlegeneren Lage hinter den Bergen. - Sicher waren die Leute noch froh, dass ihre Häuser nicht abgerissen wurden und sie nicht irgendwo als Vertriebene leben mussten. Vielen Grenzorten ist ja das passiert. (Man musste auch hier wieder erschrocken zur Kenntnis nehmen, was doch so obere Machthaber nach eigenem Gusto und im Namen ihrer Ideologie so alles mit den kleinen Leuten machen und machen können. Sie sperren sie ein, und sie lassen sie auch umbringen, wenn sie sich ihren Vorstellungen nicht fügen).

Eine Woche später machte sich unser Wanderteam für die zweite Tageswanderung von hier aus wieder auf den Weg. Zuerst ging es durch den Straßentunnel des mächtigen Dammes der einstmaligen Werrabahn. Danach unmittelbar der Aufstieg zur Rottenbacher Höhe, die mit ihren 523 m genau so hoch ist wie die Sennigshöhe.-In der Schule hatten wir gelernt, dass die Sennigshöhe der höchste Punkt im Coburger Land sei. Es gibt also zwei, die gleich hoch sind! Dann wieder hinunter nach Rottenbach. Ich erinnere mich, dass ich, als wir aus dem Wald kamen, vor Begeisterung hätte jubeln können, und zwar über den Anblick des tief im Tal liegenden Dorfes im Morgenlicht. Das Idyll hätte man auf keiner Postkarte schöner darstellen können. Eng im Tal gelegen, "hüben' und "drüben' steil anstehende Waldberge, da glaubt man auch, sich schon tief im Thüringer Wald zu befinden. -Außerdem hat es jetzt ein Wirtshaus, das auf höchstem Niveau in Geschmack und Qualität fränkisch/thüringische Gerichte anbietet. Kürzlich aß ich dort einen "Merch" (von original frisch geriebenem Meerrettich) mit Rindfleisch und herrlichen Klößen -einfach begeisternd.

Aber wir wanderten damals ohne uns aufzuhalten weiter. Wir hatten ja noch ein schönes Stück Weg vor uns. Es begann nämlich gleich wieder ein großer Aufstieg zum nächsten höchsten Punkt des Coburger Landes, zur Sennigshöhe und weiter nach Mirsdorf. In Mirsdorf stießen wir in der Dorfmitte auf den Dorfbackofen, der gerade in Betrieb war. Im Ofen prasselte bei geöffnetem Schieber ein großes Reisigfeuer. Anscheinend wurde er für die nächste Fuhre wieder heiß gemacht. Auf der Ablage stand frisch gebackener Streuselkuchen auf Blech. Er roch einfach umwerfend "schöön". Man musste sich die Hände festhalten, um davon nicht zu naschen. Weit und breit war ja niemand zu sehen. Außerdem zeigte uns der Wolfgang noch stolz sein Haus, das er sich am Ortsende gebaut hat. Es hat eine fantastische Lage. Wir erfuhren auch, dass das Bauernbrot, das in dem Dorfbackofen gebacken wird, in Meeder donnerstags im Dorfladen verkauft wird.

In Mirsdorf machten wir noch unsere Mittagsrast. Mit auf dem höchsten Punkt der "Langen Berge" hatten wir noch einen weiten Weg bis zu unserem Auto vor uns. Aber der Weg ging jetzt immer etwas bergab. Er war nicht mehr so anstrengend. Wir wanderten jetzt meistens durch landwirtschaftliches Gebiet. Früher war dies einmal eine der Kornkammern des herzoglichen Landes. Über Ottowind erreichten wir Oettingshausen, das immer noch ein "richtiges" Bauerndorf in unserer Gegend ist.

Dort traf ich auch auf den Bauer, bei dessen Familie wir im Kriege und noch lange danach unser Obst, Getreide und unsere Kartoffeln und andere Dinge holten. Dies organisierte damals alles mein zu dieser Zeit 15/16jähriger Bruder Siegfried. Er musste für sein Alter Unglaubliches leisten. Ohne seinen Einsatz und die Großzügigkeit der Bauernfamilie hätte es bei uns oft recht böse ausgesehen. Wir hatten ja einen chronisch schwerkranken Vater. Der Sohn der Bauernfamilie, dem ich jetzt bei meine Besuch alt und krumm antraf, war einmal in Coburg im Ernestinum ein Schulfreund von meinem Bruder Hans, der 1944 in Russland umkam - er konnte sein Leben nicht leben und nicht alt und krumm werden. - Mein Bruder nannte seinen Öttingshausner Freund immer nur, doch liebevoll, den "Schinkenabiturenten". - Er versorgte die Lehrer immer mal mit einem Schinken und ähnlichen guten Sachen.

Von Öttingshausen wanderten wir weiter auf dem Carl-Escher-Weg. Der verläuft hier durch ein romantisches und tiefes Wiesental, das man dort gar nicht vermutet, dann durch ein Stück Wald. Der Weg führt direkt zu dem Gutshof und zur Kirche Heldritts.

Hinter dem Dorf ging es weiter übers Bauernland, durch ein langes Stück Laubwald und danach nach Lempertshausen - auch ein großes Bauerndorf. Von dort an wanderten wir über landwirtschaftliches Gebiet nach Roßfeld zu unserem Auto. Der zweite Wandertag auf dem kleinen Keltenweg war geschafft. Wir hatten einen guten Wandertag hinter uns und machten uns schnell auf den Weg, in ein gutes Wirtshaus zu kommen.

 Für den dritten und letzten Wandertag parkten wir ein Auto an der Steinsburg zwischen den Gleichbergen. Von Roßfeld aus gingen wir die letzte Strecke unserer Wanderung des kleinen Keltenweges an. Es ist einmal zu bemerken, dass dieser Weg nicht für sich selbst ausgeschildert ist. Man muss selbst danach suchen, wie man am besten weiterkommt. Bisher konnten wir vorhandene Wanderwege, die ja ausgesucht auch in die schönsten Ecken führen, in einem bestens ausgebauten Netz für uns nutzen. Von Roßfeld bis Gleichamberg hatte es aber, als wir diese Strecke wanderten, keinen solchen Wanderweg für uns gegeben. Rund 15 km mussten wir uns auf Wegen, die in der Karte aufgezeigt waren, bewegen. Mit das Schöne an der Wanderung war, dass wir sowohl den Start als auch unser Ziel, Bleßberg und Gleichberge, immer im Auge hatten.

 Nach Streufdorf, unser erstes Ziel, mussten wir auf dem Ortsverbindungsweg bleiben. Blickte man auf die Karte, sind in der Roßfelder Gegend noch unzählige Feld-und Flurwege aufgezeichnet und vermitteln ein vielfältiges Bild von der Landschaft. Jedoch hinter der ehemaligen Grenze kommt man ins ehemalige LPG-Land. Und da hat man in den 60ern des vorigen Jahrhunderts mit all diesen Wegen aufgeräumt, aber auch mit den Hecken, Buschanlagen, Wäldchen und anderen natürlichen Winkeln. Man hat alles in riesigen Flächen vereinigt und diese Strukturen, weil sie nicht wieder umkehrbar zu machen waren, größtenteils auch nach der Wende beibehalten. Im Sommer ersäuft die gesamte Gegend in gewaltigen Weizen-und Rapsfeldern, im Herbst und Winter verwandelt sie sich in eine öde, leere, nicht begehbare Weite. Für den Wanderer, den Naturgenießer, aber im Besonderen für Gewächse, Sträucher und Bäume, für lauschige Ecken, für Vögel und Getier ist da nichts mehr übrig geblieben.

 Wir machten uns also auf der neugebauten Straße auf den Weg. Sie ist, Gott sei Dank, vom Verkehr nicht sehr frequentiert, sodass wir recht bequem und ungestört wandern konnten. So ungefähr l 1/2 km hinter Roßfeld steht am Weg ein historischer Baum, der schon die Zeiten Napoleons erlebt haben soll. Den neuen Weg hat man jetzt ein paar Meter wegverlegt. Mich ärgerte es, dass ich den Baum nicht schon vor der Wende gekannt hatte. Man hätte ihn finden können. Er steht ja noch vor der Grenze. Am Straufhain, ein ebenmäßiger Kegelberg mit Burgruine, die Burg wurde Ende des 16. Jahrhunderts aufgegeben, wanderten wir vorbei. Zusammen mit den mächtigeren Gleichbergen, mussten diese Vulkanberge vor zig Millionen Jahren (250 etwa?) hier bei uns einen ganz schönen Krach veranstaltet haben. - Sicher war damals die Gegend nichts für Wanderer.

 Vor Streufdorf verläuft neben der neuen Straße eine Allee mit romantischen Kopfweiden. Früher hatte man die Austriebe dieser buschartigen Weiden dazu gebraucht, sie wegen ihrer Biegsamkeit zum Flechten von Schanzen, Trage- und anderen Körben (z. B. für "Arbflsgraezn") zu verwenden. Die Kopfweiden waren ein dringend notwendiger Rohmateriallieferant. Heute sind sie einfach nur ein schönes Bild in der Landschaft. Nach der Wende fuhr man noch lange durch diese Allee, wenn man nach Roßfeld wollte oder von dort kam.

 Als ich damals mit Ingrid Aufnahmen von der kirchenburgartigen Mauer mit den aufgesetzten uralten Magazinen der früheren Bürger/Bauern in Streufdorf fotografierte, denn so was einzigartig Historisches ist ja weit und breit nicht mehr zu sehen, kam ich mit einem Mann, der in der Nähe war, ins Gespräch. Er erzählte uns, dass für die geplante neue Straße nach Roßfeld die Kopfweiden verschwinden sollen. Ich war auf der Stelle aufgebracht über diesen geplanten Frevel. Auf dem Heimweg fotografierte ich diesen Märchenweg noch und veröffentlichte dieses Bild mit einem Leserbrief in der Neuen Presse. So was dürfte einfach nicht passieren und etwas mehr, schrieb ich. Ein paar Tage später besuchte mich eine Redakteurin aus Suhl. Sie nahm sich der Sache an. Und siehe da, die neue Straße wurde jetzt neu neben der Kopfweidenallee, die unter Naturschutz gestellt wurde, gebaut.

 Als wir Wanderer in Streufdorf an der Kirche ankamen, wurde die Kirchenmauer schon restauriert. Das an sich schlimme war noch, dass ich innerlich den Streufdorfer Kommunisten dankbar war, dass sie diese kirchenburgähnliche Mauer mit den schon im Verfall befindlichen einstigen Magazinen nicht abgerissen hatten.

  

Zweiländermuseum Streufdorf

 

In den Kemenaten in Streufdorf ist die Einrichtung eines Zweiländermuseums geplant. Die Idee dazu besteht seit langem in der Gemeinde - nun nimmt sie Konturen an. Es soll ein Regionalmuseum mit erlebbarer Geschichte der thüringisch-fränkischen Grenzregion im 20. Jahrhundert entstehen. Ziel des Museums ist die Darstellung der regionalen Geschichte eingeordnet in die weltpolitischen Zäsuren der letzten 100 Jahre. Von den Anfängen der Industrialisierung um 1900, über unterschiedlichen Entwicklungen zwischen Stadt und Dorf bis hin zur deutschen Wiedervereinigung wird das Leben in einer Grenzregion wie dem Rodachtal beleuchtet. Als werbewirksamer „ Leuchtturm " soll es die touristische Attraktivität der Region erhöhen.

 So etwas ist ja vielfach, nicht nur in der DDR, aber da mehr, passiert. Ich weiß jetzt natürlich nicht, wie meine drei Wandergesellen diese Restaurierung aufnahmen. Im Moment spreche ich aus der Sicht meiner Erlebnisse. Aber in den folgenden gemeinsamen Wanderjahren lernte ich sie als stets interessierte, engagierte Fellow Boys kennen, die das Historische, Kulturelle und Menschliche und auch das Schöne der Gegend, die wir durchwanderten, bewusst aufnahmen. Es war einfach eine Freude und nie langweilig, mit ihnen unterwegs gewesen zu sein - auch wenn es hin und wieder mal Missverständnisse gegeben hatte.

 Von Streufdorf aus wanderten wir quer über die Landschaft Richtung Gleicherwiesen. Vor diesem Ort liegen einige bewaldete Hügel (Hoher Berg, 355m), die recht romantisch sind. Die Gleicherwiesener haben dort auch ihren Festplatz angelegt. In der Nähe ist noch ein Friedhof von den einst jüdischen Mitbürgern erhalten, die über viele Jahrhunderte in dieser Gegend lebten, die dann aber von der brutalen Nazi-Gewalt in den dreißiger und vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts vertrieben (die meisten umgebracht) worden sind.

 Von dem Ort ging es dann über offenes Land bis nach Gleichamberg. Ein Ort, der malerisch an dem mächtigen Vulkanmassiv, das von uns großer Gleichberg (679 m) genannt wird, anlehnt. Dann der Aufstieg zu dem Gipfel, der oben leider durch einen großen Steinbruch verunstaltet wurde. Nach der Wende wurde es zum Glück durchgesetzt, dass dort nicht mehr Steine gebrochen werden dürfen.

 Sowohl der Große als der Kleine Gleichberg waren vor 2000 Jahren und mehr Kelten-Hochburgen. Von hier aus kultivierten zu dieser Zeit unsere Keltenfreunde am Abhang des Thüringer Waldes die Landschaft, die wir gerade in drei Tagesetappen durchwandert hatten. Vom Großen Gleichberg stiegen wir dann ab zu unserem Auto am Steinsburg-Museum, das wir noch besichtigten. Wir beendeten damit unsere kleine Keltentour. - Das Museum und noch andere vermitteln in atemberaubender Weise, was unsere hiesigen Keltenvorfahren zu ihrer Zeit doch schon alles auf die Beine gestellt hatten.

 (Ein kleines Nachwort: Von der Itzquelle am Bleßberg trinke ich möglichst alle Jahre mal. - Sie könnte ja ihre Heilkraft wieder gewonnen haben!)

Anmerkung Webmaster: Bild-Teil folgt demnächst!