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FKR_9798 Kriegerdenkmal Ernstplatz

Am 2. September 1872 erschien in der “Coburger Zeitung” ein Aufruf, unterzeichnet von Bürgermeister Muther, Rechtsanwalt Bahmann, Seifenfabrikant und Stadtverordnetem Büttner, Landrat Ehrhardt, Rechtsanwalt und Magistratsrat Emil Forkel, Justizrat und Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung Friedrich Forkel, Kaufmann und Magistratsrat Hülbig, Bierbrauer und Stadtverordnetem Marlier sowie acht weiteren Persönlichkeiten, sämtlich männlichen Geschlechts.

Dieser 2. September war im deutschen Kaiserreich kein gewöhnlicher Tag. Der 2. September war der “Tag von Sedan”, einer der entscheidenden Schlachten des Krieges von 1870/71, wenn man so will, der erste deutsche Nationalfeiertag der Neuzeit. Allerdings enthält zumindest die Coburger Zeitung am 2. Sept. noch keinen Hinweis auf irgendwelche Feierlichkeiten, allerdings viel Militarismus und verbale Attacken in Richtung Frankreich. Jugendlichen im Elsaß wurde übel genommen, in “Demonstrationen (1872!)” Sympathien für Frankreich zu zeigen. Zumindest vermisste der Korrespondent die “innige, tief empfundene (eben teutsche) Trauer”, die er ihm immerhin zugestanden hätte. Aber vermutlich beruhte die Haltung der beiden Nationen zueinander auf dem Höhepunkt des Nationalismus in Europa auf Gegenseitigkeit. Es war jene Geisteshaltung, welche die Völker Europas 1914 in den Abgrund führen sollte.

Am 3. September wurde dieser Aufruf wiederholt. Es ging darum, dass nun endlich auch in Coburg ein Denkmal zu errichten sei, mit dem man den “für das Vaterland gestorbenen Kriegern” gedenke.

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Offenbar unterschieden sich die “Sedanstage” in jener Epoche merklich etwa vom heutigen Volkstrauertag. Heute steht die Trauer um die Kriegsopfer im Vordergrund, verbunden mit dem Wunsch nach Versöhnung. Damals aber stand der Thriumph über den Sieg im Vordergrund.  Ein Jahr später, 1873 also, wieder der 2. September. Vorne in der Zeitung ein Gedicht zum “Sedanstag”; der Anfang:

Germania, du strahlst im Waffenglanze,
Im ehrenreichen Lorbeerkranze,
Zu feiern heut’ Dein Siegesfest,
der Tag, der Deine Heldenkraft bezeuget,
Und Deines Feindes Frevelmut gebeuget,
Sammt Deines Heeres bestem Rest.
Heil Dir, Germania!

...

Auch für Coburg war ein Festprogramm vorgesehen, es ging schon am Vorabend mit einem Zapfenstreich los, dann weiter am 2. September selbst um 6 Uhr weiter, später Einzug in  die Kirche, dann Antreten sämtlicher Vereine auf dem Schlossplatz, schliesslich  Abends Illumination und Feuerwerk.

Realsatire: in besagter Ausgabe der “Coburger Zeitung” ist dieser Programm-Hinweis eingerahmt oben mit der Ankündigung einer Grummet-Versteigerung im Hofgarten, unten mit Werbung “Sichere Hilfe für Männer” - kurz und gut ein Potenzmittel, gab es also damals schon.
 

Der Sedanstag im kommenden Jahr 1874 scheint nicht so intensiv gefeiert worden zu sein; lediglich im Anzeigenteil gibt es einige Hinweise. Dafür tobte damals der sog. Kulturkampf. Der Katholizismus, also die Amtskirche, aber auch die Zentrumspartei, scheint dieser Art von Feiern etwas reserviert gegenüber gestanden zu sein. Insbesondere gegen den Mainzer Erzbischof Emmanuel von Ketteler, 1811 - 1877 wurde heftig polemisiert. Ketteler ist wohl einer der Begründer der katholischen Soziallehre.

Am 19. Mai 1974 wird in der “Coburger Zeitung” über eine Spendensammlung zugunsten des Kriegerdenkmals berichtet. Die Fahnenweihe am 5.Juli  dieses Jahres fand aber noch am Albertsplatz statt.

Am nächsten Sedanstag, dem des Jahres 1975, wurde noch einmal heftig gereimt:

Was tönen die Kriegerklänge
So hell in den Morgen hinaus,
Was wehen im Festgedränge
Die Fahnen von Haus zu Haus

...

Der Tag, da unsere Heere
Auf’s Haupt geschlagen den Feind.

...

Der Tag, an dem gerichet
Der Heere Zebaoth
Des Frevlers Muth vernichtet....

Mit dem “Frevler” ist vermutlich Napoleon III gemeint. Teilweise wurde die Schuldfrage  an seiner Person “festgemacht”. So z. B. “Fliegende Blätter”, München:

“An Napoleon”:

Du hast’s gewagt, der Frieden ist gebrochen!
Mit frecher Lüge, die zum Himmel schreit,
Hast, Frevler, Du zu Deinem Volk gesprochen......

 

Aus der Ausgabe der “Coburger Zeitung” des 2. und 3. September 1975 geht hervor, dass der “Sedanstag” in diesem Jahr recht intensiv gefeiert worden ist, einschließlich eines Festzuges zu dem offenbar unlängst errichteten Kriegerdenkmal. Vielleicht sind solche Töne nur vor dem Hintergrund der Erfahrungen der französischen Expansionspolitik zwischen Ludwig XIV und Napoleon I zu verstehen.

Wann ist nun das Denkmal fertiggstellt, wann eingeweiht worden? Die online-Liste der Denkmäler in Coburg nennt nur das Jahr 1874. So findet man es in den online-Ausgaben der “Coburger Zeitung” schwerlich, denn diese sind in “Fraktur” gesetzt und die Textnavigation kaum möglich. Die Nennung des 16. Jan. 1876 in einem Geschichtswerk kann nicht zutreffend sein. Allerdings wurde um diese Zeit eine Gedenktafel in der Heiligkreuzkirche eingeweiht, so die “Coburger Zeitung” vom 15. Jan. 1876.

Von da an scheint aber insgesamt der Festzug zum Kriegerdenkmal Ernstplatz zu den festen Ritualen des “Sedanstages” gehört zu haben. So auch im Jahre 1880. Die Festlichkeiten begannen am Abend des 2. September mit Zapfenstreich und Lampionumzug und währten den ganzen 3. September mit Gottesdienst und Festpredigt über den Psalm 85, 10 - 12  (“Sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten/Seine Herrlichkeit wohne in unserm Land...” Oberconsistorialrat Müller), dann wie gesagt Festzug zum Kriegerdenkmal. Mitgeführt wurde u. a. eine Büste des Herrschers (inzwischen Wilhelm II).

Am 3. 9. 1900 kam freilich der Verfasser eines Leitartikels (“A.L.”) zu der Erkenntnis, dass “die hohe Flamme der Begeisterung naturgemäß gesunken” sei. Zudem schwadronierte er viel, nahezu eine Spalte lang, über die Gefahr, dass die alte Stammeszwietracht einer sozialen Klassenzwietracht gewichen sei.  Wörtlich: “Aber jene soziale Gefahr allgemeiner Unzufriedenheit besteht noch heute. Sie hat ...keine Aussicht auf die von ihr erträumten Erfolge.....”.

Dafür gab es in Coburg eine neue patriotische Sternstunde: Grundsteinlegung für den “Bismarckturm” auf dem Himmelsacker am 2./3. 9. 1900. Dieses Bauwerk wurde 1901 fertiggestellt. Schon bei der Grundsteinlegung war bekannt, dass ein Leuchtfeuer auf dem Turm vorgesehen sei, dass an nationalen Feiertagen dieses Feuer bis zu den Gipfeln der Rhön und des Fichtelgebirges zu sehen sein wird. Tatsächlich wird diese Leuchtfeuereinrichtung noch heute auf einer einschlägigen Website beschrieben. Am Sedanstag 1901 ist aber nichts hierzu vermerkt, es gab lediglich wieder das Wett-Turnen der Schüler.
Ein Jahr später wird allerdings das “Feuer auf dem Bismarckturm” anlässlich der Sedansfeiern erwähnt. Zuvor hatte es wieder die Feiern in der Stadt selbst gegeben, außer am Kriegerdenkmal Ernstplatz diesmal auch am ErnstII-Denkma.

 

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