Fotogalerien

DSC_7112

Vorbemerkung: dieser Bericht von unserem Werner Ungelenk aus dem „Farnkraut“ Nr. 2/1968 zeigt, welch ein hoher Stellenwert im öffentlichen Leben damals diesen Wanderungen zuteil wurde.

1968:

Thüringerwald-Verein macht Gegenbesuch.
(Aus „Farnkraut" 2/1968)


Königsberg noch enger verbunden

Thüringerwald-Verein korporatives Mitglied der Schlossberggemeinde

Weil es aufs Wort stimmt, was im Coburger Tageblatt über den diesjährigen Emil-Rädlein-Gedächtnis-Wandertag geschrieben steht, können wir
es besser hier gewiss nicht wiedergeben: Mit Pauken und Trompeten und Fenstergrüßen aus allen Häusern „unterwarfen" sich die Königsberger am l. Mai der vom Thüringerwald-Verein arrangierten Coburger „Invasion". Das Aufgebot war überwältigend. Zahlreiche Schlachtenbummler verstärkten die stattliche Hundertschaft der 45 „Mammutwanderer" und ihrer 6Oköpfigen Gefolgschaft. Das waren beste Voraussetzungen zu fröhlicher Besinnung auf die traditionelle Freundschaft zwischen Königsberg und Coburg, die aus 300jähriger staatlicher und geschichtlicher Gemeinsamkeit resultiert. Sie festigen zu helfen, ist aufrichtiges Anliegen der beiden örtlichen Heimatvereine. Ernst Eckerleins Spontanentschluss, mit seinem Thüringerwald-Verein korporativ der Königsberger Schlossberggemeinde beizutreten, bekräftigte das sehr eindrucksvoll.

Es begann damit, dass die Coburger am Frühnachmittag von zwei Seiten her den Burgberg „stürmten". Das Fußvolk brachte Bürgermeister Rudi Mett als Oberhaupt der zahlreichen „Verteidiger" mit dem Erntesegen der umliegenden Weinberge zur Räson; die Motorisierten akzeptierten neidlos. Der Labetrunk löste die Zungen zu gegenseitiger herzlicher Bewill- kommnung. Stadtvater Mett und 2. Burgvogt Karl Eisentraut würdigten die „großartige Wanderleistung" des 45-Kilometer-Marsches von Coburg nach Königsberg, der das Gegenbesuchs-Versprechen nach der vorjährigen Königsberger Coburg-Wanderung eingelöst hat. Dass es 1968 noch Menschen gibt, die solchermaßen ihre Liebe zur Heimat, zur Natur und zu den Verpflichtungen geschichtlicher Gemeinsamkeit offenbaren, werteten sie ebenso als Beweise aufrichtiger Freundschaft wie die Empfangsgrüße, die von Mensch zu Mensch, durch ein den Schlossberg umkreisendes Flugzeug und von der in schmucker, neuer Uniform aufspielenden Stadtkapelle entboten wurden. Ernst Eckerleins Dank gipfelte in der Versicherung, das Gespräch mit und um Königsberg auch in Zukunft zu pflegen und dadurch die heranwachsende Jugend in die traditionsreiche und geschichtsträchtige Verbundenheit der beiden Städte hineinwachsen zu lassen.

Gegenseitige „Hoch"- und „Frischauf“-Grüße gaben das Signal zum gemeinsamen Einmarsch in das Regiomontanusstädtchen unter dem klingenden Spiel der Stadtkapelle, die anschließend auch zur Kaffeestunde, im überfüllten „Bären"-Saal, fleißig aufspielte und ihren größtenteils jugendlichen Musikanten ebenso viel Ehre machte, wie ihrem Betreuer Lorenz Kleußner. Ernst Eckerlein honorierte ihre Spielfreude nicht nur mit herzlichen Anerkennungsworten, sondern auch mit einer Spende für die Noten-und Instrumentenkasse. Zuvor hatte er im Auftrag von Oberbürgermeister Dr. Walter Langer Freundschaftsgrüße unserer Heimatstadt Coburg übermittelt und Bürgermeister Mett das Coburger Stadtbuch überreicht. Bei dieser Gelegenheit erläuterte er den Sinn der Emil-Rädlein-Gedächtnis-Wanderung in der Erinnerung an den Vereinsgründer, der sich als solcher, als Erzieher, als Turner und Wanderer und als nachwirkender Heimatschriftsteller gleichermaßen verdient gemacht hat.

Rektor Karl Eisentraut nahm das Beisammensein wahr, die Gäste vertraut zu machen mit der wechselvollen Geschichte seiner nahezu 740jährigen Heimatstadt, ihrer insgesamt 300jährigen Verbundenheit mit Coburg und den daraus resultierenden historischen Gemeinsamkeiten, sowie mit Entwicklung und Auftrag der dem Thüringerwald-Verein artverwandten Schlossberggemeinde und ihrer heimatpflegerischen Arbeit, bei der sie auch dem Wandern huldigt. Eisentrauts mundartliche Beiträge sagten aus, wie artverwandt die Königsberger und Coburger sind. Um die Pflege dieser verwandtschaftlichen Beziehungen auch der Jugend nahezulegen, unterstützt die Stadt Königsberg Schüler-Lehrfahrten nach Coburg. Es wäre erfreulich, wenn sie die Anregung zu Gegenbesuchen wieder aufleben lassen würden, die bereits 1951 von einem „Coburger Feiertag" in Königsberg ausgegangen sind. Als Beitrag hierzu ist der mit stürmischem Beifall quittierte Entschluss Eckerleins zu werten, den Thüringerwald-Verein korporativ der Königsberger Schlossberggemeinde anzuschließen.


Ehe Rektor Eisentraut seine Gäste zu einem Stadtrundgang entführte, um ihnen die historischen Werte der fachwerkprächtigen Heimatstadt des Regiomontanus nahe zu bringen, machte sich Armin Jakob zum Sprecher seiner Coburger Wanderfreunde. Er dankte Ernst Eckerlein für sein aufopferndes Bemühen um das schöne Wandertagserlebnis und für seine sichere Wegweisung „über dunkle und helle, trockene und nasse Pfade".

Wander-Bericht

Aus dem mitternächtlichen (!!!) Coburg heraus führte er seine 40köpfige Gefolgschaft, darunter erfreulicherweise auch mehrere junge Gastwanderer, bei leichtem Nieselregen einem strahlenden Sternhimmel entgegen.

Vom Itzgrund her zog sich die „Wirtschaftswegewanderung" zunächst durch den finsteren Hohensteiner Wald, in dem sich mehrfach schreckendes Rehwild vernehmen ließ. Dem stillen Nachtgang über Wohlbach-Gossenberg nach Watzendorf folgte ein „schlauchender" Stolperstraßen-Abstieg nach Seßlach und alsdann die Beinmassage bewirkende Bekanntschaft mit der frischen Beschotterung des Bahndamms gen Heilgersdorf, wo Nachtigallen zur Dämmerung ihren Gruß entboten. Abkürzende Pfade beging die Wanderschar nach lustigem Rangierspiel durch den Altensteiner Forst zur willkommenen Frührast in Lichtenstein. Muntere Störenfriede vereitelten hier so manchen Schläfchen-Versuch.

Mit fünf Nachzüglern setzte die Wandergruppe zum Steilabstieg nach Dürrnhof-Serbelshof an, der ihr den Genuss eines herrlichen Ausblicks auf Altenstein und über das blütenbunte Weisach- und Baunachtal hinweg zu den Haßbergen schenkte. Der Bewunderung der Frickendorfer Brückenheiligen folgte eine erquickende Waldrandwanderung am Haubenberg hin via Albersdorf zur Mittagseinkehr in Bramberg. Von hier aus ging es auf die Hochstraße, die einst die Staatsgrenze zwischen Königsberg und Bayern markierte und heute den Königsberger Stadtwald vom Staatswald trennt. Nach dem Abstieg von der Hochstraße durch eine steile Schlucht zum Gut Erbrechtshausen stärkte die Zeitreserve für eine einstündige Sonnenrast zum "singsangfreudigen Sturm" auf den Schlossberg von Königsberg, dessen Bürger schon in großer Zahl ihre Gäste erwarteten.

Die inzwischen unter Franz Reinhardts und Max Schwämmleins Obhut nachziehenden 60 Busfahrer steuerten am Morgen Altenstein und Lichtenstein an, um sich von diesen beiden Etappenzielen aus durch den frühlingsbunten Forst die jeweils gegenüberliegende Burgruine zu erwandern und so die Raststandorte zu tauschen. Für gelegentliche Regen- und Hagelerfrischungen entschädigten Wildbeobachtungen, darunter ein Prachtexemplar von einem Fuchs, und prachtvolle Ausblicke ins Thüringische, vor allem zu Heldburg, Straufhain und den Gleichbergen, sowie über die Haßberge hinweg bis zur Hohen Rhön. Über Ebern - Rentweinsdorf nach Kirchlauter fuhren sie dann am Nachmittag gemeinsam ins Maintal, um von Zeil herauf das Wallfahrtskirchlein Käppele zu ersteigen. Ein herrlicher Fernblick bot sich ihnen hier über den Main und Maria Limbach hinweg zum frischgrünen Steigerwald. Und dann ging es am Hohen Wand vorbei direkt zum Königsberger Schlossberg und zu den dort ihrer harrenden Freunden.

Das Erlebnis dieses Maitages, für das auch den beiden umsichtigen Busfahrern Dank gezollt wurde, und die herzlichen Königsberger Freundschaftsbeweise klangen auf der gemeinsamen lied- und stimmungsfrohen Heimfahrt bis zur nächtlichen Abschiedsstunde in Coburg nach.
W. U.