Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1972

 Zur Eröffnung des damals längsten Fernwanderwegs in Bayern, des „Main-Wanderweges“

 Zu Fuß vom Ochsenkopf bis Mainz

 Bayerns längster Wanderweg: 542 km

Modell für Naherholungszentren

 Mit einem zünftigen Wandertreffen im Fichtelgebirge wurde am 6. Mai grünes Licht gegeben für eine Mainweg-Wanderung über 542 km von der Quelle am Ochsenkopf bis zur Mündung bei Mainz. Damit kommt jedermann in den Genuss einer Gemeinschaftsleistung zur wandermäßigen Erschließung unseres Frankenlandes. Die Initiative hierzu ging aus von Rektor Georg Keimel (Spessartbund), dem langjährigen Betreuer der Arbeitsgemeinschaft bayerischer Gebirgs- und Wandervereine und nunmehrigen Vizepräsidenten unseres Landesverbandes. Neun Vereine haben seine Anregung aufgegriffen und in die Tat umgesetzt:

 Fichtelgebirgsverein:  

Von   der Weißmainquelle bis Wirsberg (27 km);

 Frankenwaldverein:

Von Wirsberg bis Altenkunstadt (40 km);

 Thüringerwald-Verein:   

Von   Altenkunstadt   bis Banz/Steglitz (40 km);

 Rennsteigverein: 

Von der Steglitz bis Baunach (39 km);

 Haßbergverein: 

Von  Baunach bis Ebelsbach/Eltmann (18 km);

 Steigerwaldklub:  

Von   Eltmann  bis   Gaibach   b. Volkach (56 km);

 AG Würzburger Wandervereine:

Von Gaibach bis Karlstadt (77 km);

 Spessartbund:   

Von    Karlstadt  bis    Wertheim (70 km) und von  Miltenberg  bis Steinheim b. Hanau (80 km);

 Odenwaldklub: 

Von   Wertheim  bis   Miltenberg (35 km) und von Steinheim bis Gustavsburg b. Mainz (60 km).

 Die feierliche Eröffnung des Main-Wanderweges fand statt an der Weißmainquelle, die der Bayreuther Markgraf Georg Friedrich Carl 1717 in Granit fassen und mit dem Zollernwappen krönen ließ und an der sich einst auch der wandernde Goethe gelabt hat.

 Mit ihren bunten Wimpeln umsäumten nahezu 2000 vorwiegend fränkische Wanderer den Quell-Rastplatz, an ihrer Spitze der neue Präsident des Landesverbandes Bayern der Deutschen Gebirgs- und Wandervereine, Staatssekretär Alfred Dick, mit seiner Familie. Als Ehrengäste sah man neben Regierungspräsident Dr. Fritz Stahler, Bezirkstagspräsident Anton Hergenröder und Oberforstdirektor Moser, mehrere Bundes- und Landtagsabgeordnete, die Landräte von Bayreuth, Rehau und Wunsiedel, die Delegierten der bayerischen Wandervereine, die an der Markierung des Main-Wanderweges beteiligten Wegemeister. Der Deutsche Wanderverband war durch Hauptwegemeister Hermann Mühlinghaus (Hagen) vertreten, der dem neuen Wanderweg höchste Anerkennung zollte.

 Als Hauptvorsitzender des gastgebenden Fichtelgebirgsvereins verband Wanderfreund Hermann Reichenberger mit seinem Willkommensgruß Worte des Dankes für den Initiator des Main-Wanderweges, für die finanzielle Hilfeleistung des Staates und für die mit aufopferndem Idealismus geleistete Markierungsarbeit der Vereine.

 Den an die Adresse des Staates gerichteten Dank gab Staatssekretär Alfred Dick zurück mit der Feststellung: »Die Gebirgs- und Wandervereine haben bereits zu einer Zeit, als die Probleme des Umweltschutzes noch wenig beachtet wurden, den Kampf für eine gesunde naturnahe Umwelt mit an vorderster Front geführt«. In diesem Zusammenhang das Wandertreffen ansprechend, fügte er hinzu: »Wenn sich alle Sonntagsausflügler so vorbildlich verhalten würden, wie diese Wanderfreunde, dann hätten wir ein Problem der Umweltverschmutzung weniger«. Es genüge nicht, so fuhr Dick fort, wenn sich die Erkenntnis durchsetze, daß die Wandervereine eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe erfüllen. Jeder Bürger sei zur umweltschützenden Mithilfe aufgerufen und auch verpflichtet, denn der »Druck auf die Landschaft« werde immer stärker. Im Jahr 2000 würden zwischen London, Paris und München an einem Wochenende mehr Menschen in die Natur strömen, als während der Völkerwanderung unterwegs waren. Auf diesen Ansturm müsse die freie Landschaft vorbereitet werden. Präsident Dick verwies auf wissenschaftliche Untersuchungen, wonach jene Familien, die regelmäßig gemeinsame Ausflüge und Wanderungen unternehmen, weniger in Konfliktsituationen geraten. Gleichfalls wissenschaftlich erwiesen sei, daß das Fehlen von Naturerleben in der Jugend zu Spannungen führt, wie sie ihren Ausdruck in wachsender Kriminalität finden. Die naturnahe Umwelt als Schutzmittel gegen körperliche und seelische Störungen zu bewahren sei also lebenswichtig.

 Die Erschließung und Markierung des Main-Wanderweges bezeichnete Dick als »Modellfall für Naherholungszentren in einem großen Bereich«. Ohne das unermüdliche Wirken der 65000 Mitglieder unserer nunmehr 15 bayerischen Gebirgs- und Wandervereine wäre es unmöglich gewesen, die heute bestehenden rund 25 000 Kilometer gekennzeichneter Wanderwege in Bayern zu erschließen und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen.

Zusammenfassend würdigte Staatssekretär Dick die »wichtige Gesellschaftsaufgabe dieser Vereine, weit- und umsichtig zu arbeiten. Hier besteht eine ausgezeichnete Möglichkeit, im Sinne fortwirkenden Natur- und Umweltschutzes tätig zu sein. Die Leistung unserer Heimat- und Wandervereine ist staatspolitisch von großer Bedeutung«. Im gleichen Sinn würdigte Regierungspräsident Dr. Stahler bei einem Empfang im Bischofsgrüner Kurhaus die landschaftsverbindende Bedeutung des Main-Wanderweges und die gesamte Öffentlichkeitsarbeit, die unsere Wandervereine für die erholungsbedürftige Bevölkerung leisten. Das von Jagdhornbläsern und einer Blaskapelle aus dem Fichtelgebirge musikalisch umrahmte Wandertreffen schloß mit der Verteilung von Erinnerungs-Wimpelbändern. Wer sich nicht sofort anschickte, den neuen Mainweg nach dem blauen »M« auf weißen Grund zu erwandern, der fand sich zum Abschluß des denkwürdigen Tages beim »Heimatabend« im Bischofsgrüner Kurhaus ein. Unter dem Motto »Ins Land der Franken fahren ...« bereiteten Instrumental-, Gesangs- und Volkstanzgruppen aus dem Fichtelgebirge und aus dem Spessart zwei unterhaltsame Stunden echter Wanderfröhlichkeit. W.U.

 

Kritische Anmerkungen zur Mainwanderweg-Eröffnung

Dem aufmerksamen Beobachter fiel auf: Daß bei der zweimaligen Aufzählung der Vereine, die den Mainwanderweg tragen, unser Rennsteigverein nur einmal und da sehr zögernd genannt wurde, andere Vereine aber, deren Wandergebiet weitab vom Main liegt und die das Vorhaben von Ferne höchstens mit Sympathie verfolgt haben, äußerst lobend erwähnt wurden, mag als Regiefehler genommen werden, obwohl dieser, für diese Vereine sicher sehr werbewirkend, auch von der Tagespresse übernommen wurde. Daß anwesende Prominenz aus dem öffentlichen Leben und aus der Wanderbewegung sich mehrmals gegenseitig begrüßte, daß der abwesenden, sich entschuldigen lassenden Prominenz mehrmals herzlichst gedacht wurde, sei hingenommen: Man kennt sich eben.

Aber hätte man nicht für alle stillen Helfer, die den Mainwanderweg mit großem Zeitaufwand, durch körperliche Arbeit und auch unter materiel-

len Opfern geschaffen haben und diesen auch fernerhin unterhalten müssen, hätte man nicht - stellvertretend für sie alle, die wenigen Namen der Wegemeister der Main-Wandervereine verlesen können?

Es hätte sich nur ein Redner die kleine Mühe machen müssen im Vereinsverzeichnis der Jahresschrift unseres deutschen Wanderverbandes »Deutsches Wandern 1972« wenige Seiten nachzuschlagen: Er hätte dort all die Treuen und Tüchtigen gefunden, denen der Mainwanderweg tatsächlich zu verdanken ist!

 Und so ist manchem an der wahrhaft feierlich geschmückten Weißmainquelle am Ochsenkopf im Fichtelgebirge inmitten festlicher Wimpelgruppen ein Körnlein Bitternis geblieben.

Um Irrtümern vorzubeugen: Der Verfasser dieser Zeilen ist, die Leser des »Farnkrauts« wissen es, kein Wegemeister.                       

Georg Gunzelmann