Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1966

Nochmals zum Thema „Märbelmühlen“
 

Märbelmühle wird wieder klappern
 

In seiner ersten Ausgabe des Jahres 1965 hat „DAS FARNKRAUT" seine Leser mit dem letzten heimischen Märbelklopfer, dem Spittelsteiner Hermann Niller, bekannt gemacht und durch ihn die Erinnerung an ein altes Handwerk im fränkisch-thüringischen Raum geweckt.(Anmerkung: interner link: Märbel Diese Reportage hat die Anregung gegeben zu einer Sehenswürdigkeit, mit der das Naturwissenschaftliche Museum zu Coburg in naher Zukunft seine Besucher erfreuen wird. Im Anschluss an die Museums-Abteilung »Erdgeschichte und Bodenschätze" erfährt das bodengebundene heimische Gewerbe, dessen „Schusser“-Erzeugnisse einst Millionen Kindern zur Spielfreude verhalfen, dank der Initiative des Museumsleiters Dr. Georg A u m a n n und des Heimatforschers Rektor i. R. Andreas Stubenrauch eine Rekonstruktion, die den originalgetreuen Eindruck einer im Betrieb befindlichen Märbelmühle vermitteln wird.

Der gründlichen wissenschaftlichen Arbeit von Rektor Stubenrauch, Mönchröden, (veröffentlicht im Jahrbuch der Coburger Landesstiftung von 1963) ist es zu verdanken, dass uns die Kenntnis von der Herstellung der Marbel, die einen nicht unbedeutenden Gewerbezweig des hiesigen Raumes darstellte, nicht verloren gegangen ist. Nun hat der Leiter des Naturmuseums, Dr. Georg Aumann, mit viel Idealismus und Tatkraft es unternommen, eine alte Märbelmühle im Museum aufzustellen. Es gelang den Bemühungen der beiden Wissenschaftler, zusammen mit Apothekerin Eva Herold, Coburg-Neuses, in einem alten Stadel in Oberlauter den zweiten Mahlgang von 1872 der Harras-Mühle, die 1847 eröffnet und 1914 geschlossen wurde, aufzufinden und zu erwerben.

Die Aufstellung des Mahlganges und aller zur Märbelherstellung nötigen Werkzeuge und Gerätschaften machte Umbau- und Herrichtung von zwei Räumen im Museumskeller nötig, die sich direkt an die Abteilung „Erdgeschichte und Bodenschätze" anschließen. In dem ersten Raum, der nach Gesichtspunkten moderner Ausstellungstechnik ausgestattet wird - er erhält einen dunklen Anstrich, Fußboden aus Solnhofener Platten, zwei Vitrinen, ein Diorama, sowie ein mit Scheinwerfer angestrahltes Großfoto — wird der Werdegang vom Stein bis zum fertigen Marbel gezeigt. Er ist in einer Vitrine untergebracht. In der gegenüberliegenden Vitrine liegen alle Arten von Märbeln, aus Marmor, Ton und Glas, auch mittelalterliche. Den Hintergrund sollen zwei Photos von Kupferstichen abgeben, auf denen mit Marbeln spielende Kinder zu sehen sind und sich beschießende Kriegsschiffe (denn die Märbel dienten zur Füllung der Kartätschen). Über der einen Vitrine soll das Großfoto der Harrasmühle angebracht werden. Und schließlich soll der Raum noch ein Diorama erhalten, das einen Märbelhauer in seiner Arbeitshütte bei seiner Tätigkeit zeigt. Er soll in seiner Tracht der damaligen Zeit und mit seinem Handwerkszeug in Lebensgröße erstehen.

Der zweite Raum nimmt nicht nur den Mahlgang auf, sondern auch den Sortiertisch, den Sortierkasten, das Zählbrett und das Pulverfass. Sogar eine steinerne Mahlplatte ist noch vorhanden, wenn auch nur im Bruchstück. 1863 stellte die Ernsthütte in Coburg-Cortendorf die erste eiserne Mahlplatte her, die dann gebräuchlich wurde und die empfindlicheren Steinplatten ablöste. Aus mühsam zusammengesuchten alten Brettern und Balken wird das Innere der Märbelmühle wiedererstehen. Hinter das alte Fenster soll sogar der Blick auf ein Stück Lauter gemalt werden, um völlig den Eindruck hervorzurufen, dass sich der Besucher im Inneren einer alten heimischen Märbelmühle befindet.
Die heimatkundliche Bedeutung des Unternehmens von Dr. Georg Aumann kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Der Typ dieser Märbelmühle ist nicht einmal im Deutschen Museum in München oder im Technischen Museum in Wien bekannt. Sie ist damit die einzige derartige Mühle in der westlichen Welt. Eine zweite existiert nur noch im Heimatmuseum in Eisfeld im benachbarten Thüringen.

Auf Anregung des Museums richten wir die Bitte an unsere Leser, alle Gegenstände, auch beschädigte und Reste, die sich auf die Märbelherstellung beziehen, Werkzeuge, Geräte, sowie Fotos von Märbelmühlen, Märbelhauer oder den Hütten der Märbelhauer zur Verfügung zu stellen, um ein möglichst vollständiges Bild dieses leider ausgestorbenen Ge-
werbezweiges vermitteln zu können. So hat beispielsweise der 67jährige Hermann Niller aus Spittelstein für das Museum noch ein paar tausend Steinwürfel geschlagen, aus denen die Marbel hergestellt wurden, damit der Mahlvorgang gezeigt werden kann. Die Steine dazu brachen Dr. Georg Aumann und Rektor i. R. Andreas Stubenrauch eigenhändig.

Anmerkung: in dem vorerwähnten Artikel in 1/1965 wird erwähnt, dass die Steinmärbel durch industriell hergestellte Tonmärbel verdrängt worden seien. Hieran war auch das Coburger Land beteiligt; in Esbach nahe der Tongrube befand sich eine Tonmärbel-Herstellung. Der Ton wurde in Formen gepresst und die Rohlinge anschließend in einem Kammerofen gebrannt. Auch dies ist längst Vergangenheit.