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1= Zu diesem Thema bin ich unlängst auf ein interessantes Gedicht von Wilhelm Busch gestossen, eher zufällig. Wilhelm Busch hatte ich bislang für einen glühenden Verfechter des Bismarckschen Reiches gehalten. Aber, unter “Volkslieder und Reim”, 1871, folgendes: “Der alte Fritz im Himmel”...

Im Himmel saß der alte Fritz
Mit seinen Generälen
Tun sich viel erzählen....

Womit sie plötzlich machten
Das Deutsche Reich ...

Sie reden durcheinander
Manch Wort vom Freiheitsreich,
Von Franz und Alexander...

Es hebt sich von dem Sitze
Pur der Alte Fritz
Und reitet durch den Saal.
“Ihr glaubt wohl an Gespenster,
Ich bitt um etwas Ruh.”

Auf macht er schnell das Fenster
Und wieder zu.
“Ihr Herrn, ich hab es gleich gedacht,
Das war ein falscher Schwindel,
Ich sehe nur Gesindel,
Das schlechte Streiche macht.
Mir sitzt der Schuss im Herzen,
Die Preußennot ist groß.
Bei uns in Zeit des Herbstes
Ist der Deuwel los.

War dies der Autor auch des “Pater Filucius”, des “Monsieur Jaques a Paris”? Normalerweise kennen wir Wilhelm Busch, soweit er sich politisch äußerte, ganz anders. Noch das harmloseste war “Der Geburtstag oder die Partikularisten”, wobei er sich über die Anhänger des infolge Annexion gestürzten letzten Regenten eines unabhängigen Königreichs Hannover, Georg V, Herzog von Cumberland, mokierte. Wilhelm Busch stammt von Geburt her ebenfalls aus diesem Territorium. Im fiktiven Ort “Milbenau” hocken die “Partikularisten” beim “Köhm”, um eine Huldigung zum Geburtstag des Monarchen, der aber längst im Exil lebte, zu beschließen. Letzlich scheitert dieses Vorhaben aber an dem Eigennutz der Milbenauer, jeder such seinen eigenen Vorteil bei der Wahl eines Geburtstagsgeschenkes. Die Welfenfrage im Verhältnis zu Preußen sollte noch lange eine wesentliche Rolle spielen.
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In “Monsieur Jaques à Paris” geht Busch schon weit polemischer zu Werke. Er karikiert die Leiden der Zivilbevölkerung während der Belagerung. Dabei ist dieser Monsieur offensichtlich kein Anhänger von Napoleon III, dem von deutscher Seite oft die Alleinschuld am Krieg zugeschoben wurde, sondern ein Republikaner. Kurz nach Ende dieses Krieges brach in Paris die Revolte aus, die aber blutig
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niedergeschlagen worden ist.
Heftig geht Busch auch mit den “Partikularisten” ins Gericht, also Gegnern der neuen Ordnung ab 1871. Ihnen unterstellt er, insgeheim eine Niederlage
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Preußen/Deuschlands gewünscht zu haben. Nur Esel jubilieren nicht bei der Einnahme von Metz.

Das politisch unkorrekteste Werk aber ist der berüchtigte “Pater Filucius”. Das wird heute fast ausschließlich so gesehen. Anders etwa als bei dem Hl. Antonius oder der Frommen Helene ging er dabei kein Risiko ein, denn Hetze gegen den Orden der Jesuiten war szt. weit verbreitet, nicht nur im Deutschen Reich. Vermutlich mißtraute man damals während der “Blütezeit” des Nationalismus überall einer international aktiven und erfolgreichen Organisation.

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Auf seine Weise genial war diese Bildergeschichte allerdings schon.

Bildnachweis: Projekt Gutenberg.

Nach dieser kleinen Abschweifung nochmals zum Verhältnis Preußen und Deutschland 1871. Der große Historiker Hannsjoachim W. Koch hat ein kleines Buch “Geschichte Preußens” verfasst (1978 London, 1980 München). Es beginnt im Mittelalter mit dem Deutschen Orden - und endet 1871 - als Preußen für ihn im Deutschen Reich aufgeht und damit endet.

Eine gewisse Gegenposition vertritt auch Ludwig Thoma, ansonsten nicht unbedingt als Pazifist bekannt geworden. Ich verweise auf die Erzählung
“Ein bayerischer Soldat - Erlebnisse des Xaver Glas im Jahre 1870”-

Dieser Xaver Glas gilt als fiktive Person, es gibt aber Hinweise, dass die Sachdarstellung auf Orginal-Erinnerungen von Kriegsteilnehmern aus  Dachau, wo Ludwig Thoma lange Zeit wirkte, zurück geht. Der Erzähler, Sohn eines Kleinbauern, schildert zunächst  sein Leben bis zum Kriegsausbruch 1870. Der eben verlobte, werdende Vater muss schließlich einrücken. Die Konsequenzen für die Familie und deren Reaktion werden knapp dargelegt. Die Truppe überschreitet bei Weißenburg die bayerisch-französische Grenze - damals gehörte die Pfalz zu Bayern, einem noch immer völlig souveränen Staat. Die Kämpfe in Frankreich  werden aus Sicht des einfachen Soldaten realitätsnah ohne eine falsche Verherrlichung dargestellt. Es ging auch um die Kämpfe bei oder in Bazeilles. Historische Persönlichkeiten treten in Erscheinung, die bayerischen Generäle Johann Baptist Stephan (1808 - 1875) und Karl von Orff (1817 - 1895).
Der Erzähler wird schließlich auf ganz dumme Weise verwundet, nämlich durch den Huftritt eines von den bayerischen und erstmals verbündeten preußischen Truppen erbeuteten Pferdes. Diese Pferde waren gewissermaßen in einem Sammellager interniert und weckten das Interesse des Erzählers, eines Landwirts. Damit ist aber der Krieg für den Erzähler  beendet, und interessant ist in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass das Ärgste erst nach der Schlacht von Sedan beginnen würde. In die Heimat entlassen, findet er aber auch dort nicht das erhoffte Glück. Das Motiv des heimgekehrten Soldaten, der sich im zivilen Leben nicht mehr zurechtfindet, ist hier literarisch einmal mehr angewendet worden, diese im übrigen recht kurze Erzählung ist allerdings erst nach 1900 erschienen. 
Wie bereits ausgeführt, Ludwig Thoma ist ansonsten nicht gerade als Pazifist in Erscheinung getreten, sieht man vielleicht von einer weiteren Geschichte ab, einem fiktiven Schulaufsatz über den Krieg.

In der zeitgenössischen satirischen Darstellung in der Zeitschrift “Fliegende Blätter” allerdings gab man sich ganz stramm patriotisch bis nationalistisch. Ich beziehe mich auf eine Auswahl-Ausgabe bei Scherz, München 1966.

In der Ausgabe Nr. 1308 von 1870 wird die Schuld an dem Krieg noch dem Regenten, Napoleon III persönlich angelastet. Nicht ungeschickt wird als Motiv genannt:

Dieweil Dir selbst in Deines Reiches Marken
Des Aufruhrs grimmer Geist entgegengrinst -

In der Tat kam es noch 1871 zu einer Revolution in Paris. Und tatsächlich lenken oftmals autoritäre Herrscher bis heute auf diese Weise von inneren Problemen ab.

In Nr. 1311 wird Zuversicht verbreitet:

Bei Gott, wir ziehen stolz hinaus
Und stark für die deutsche Sache,
Doch kostet’s manchen bitteren Strauß
im Kämmerlein unter dem Dache.....
Denn Treue ziemet dem deutschen Mann
Und Stärke den deutschen Frauen...

Damals ahnte wohl niemand, wieviel Stärke noch in den kommenden Jahrzehnten den “deutschen Frauen” abgefordert werden würde!

In der Ausgabe 1313 geht es wieder einmal um den Regenten, Napoleon III:

Du segensloser letzter Sproß
vom neuen Stamm der Tantaliden......

Es folgt dann von Wilhelm Busch “Der Partikularist”, also einer, der insgeheim die preußische Niederlage herbeisehnt und dann zum Schluss, nach der Einnahme der Festung Metz, mit Eselsohren dasteht.

Ein herzlicherer Humor spricht aus einem Gedicht von Heinz Dewils, der ansonsten durch pfälzer Mundart bekannt war. “Die bekehrte Bavaria” - eine stramm-weibliche Bavaria erhört nach langem Werben den personifizierten Preußen, selbstverständlich in Uniform mit Degen, Schnauzbart und Helmbusch.

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