Aus „Das Farnkraut“ Nr. 4/1972

 Immer wieder gelang es den „Farnkraut“-Schriftleitern, Themen aus dem benachbarten, aber durch die Zonengrenze getrennten Ursprungsort ihres Vereins zu erhalten und zu publizieren.

 NACHRICHTEN AUS THÜRINGEN

 »Wuhie du guckst und wannerscht .. .«

 Erinnerung an den Thüringer Volksdichter und Wanderfreund

Wilhelm Ulbrich

 

Die Rodacher Mitbürgerin Isabella Ulbrich hat unlängst den Anstoß gegeben zu einem Tageblatt-Gedenkartikel über ihren Großvater Wilhelm Ulbrich[1]. Vor genau 50 Jahren - am 16. Oktober 1922 - ist der weit über seine Heimat hinaus bekannt gewordene wanderfreudige und turnbegeisterte Thüringer Volksdichter im benachbarten Lichte bei Wallendorf verstorben. 62 seiner 76 Lebensjahre hat er als kunstsinniger Modelleur der Porzellanindustrie seiner Heimat gedient, die von ihm in unzähligen besinnlichen und heiteren Dichtungen als Hort seiner unerschütterlichen Wälderliebe besungen worden ist.

 Als begeisterter Wanderer und Turner mit schriftstellerischer Begabung war Wilhelm Ulbrich ein guter Freund unseres Vereinsgründers Emil Rädlein. Unser gleich ihm unvergessener Dr. Julius Kober schätzte den ebenso eifrigen wie humorvollen Mitarbeiter der »Thüringer Monatsblätter« des Thüringerwald-Vereins als einen »gewissenhaften Schilderer der Landschaft und der Menschen Thüringens«. Als solchen würdigen die »Thüringer Monatsblätter« ihren langjährigen Mitarbeiter mit folgenden Worten: »In wunderbar verständlicher Weise schildert er seinem Leser die Reize des oberen Lichtetales und läßt den Typ des echten „Wäldlers" vor uns treten. Feinsinnige Gedichte spiegeln seine ganze Liebe zum Walde wieder, seine nicht zu überbietende Freude auf den kommenden Frühling nach langen Wintermonaten und die fast übergroße Sorge um den ausreichenden Bau seiner „Erdäpfel"; ein vielsagender Hinweis auf die schlichte, nicht selten von Not überschattete Lebensart des Volksdichters, dem seine Turner u. a. zu verdanken haben die vielgesungenen Turnerlieder »In Frankfurt einstens sangen wir . . .«, und »Frisch auf, Thüringer Turnerschaft, den Wanderstab zur Hand«. Mit diesem Lied hat Wilhelm Ulbrich wesentlich zur intensiven Pflege des Wanderns in der Turnerschaft beigetragen.

 Den Wanderfreund des Thüringerwald-Vereins aus dem Lichtetal lassen wir zu unseren Lesern sprechen in einem seiner vielen heiteren Verse aus der Fülle seines vierbändigen Nachlasses:

 »Thieringer Kließe sinn bekannt

wühl weit und brät im ganzen Land,

wuhie du guckst und wannerscht;

es muß net jeden Tag nur Brei

und Zampe, Schippel, Soppe sei,

m'r will a mol was annerscht.«

W.U.

 Kurznachrichten aus Thüringen

 

Ein Festzug Thüringer Trachtengruppen war der Höhepunkt beim 4. Berg- und Rennsteigfest in der Thüringerwald-Gemeinde Brotterode unterm Großen Inselsberg. Zur neuen Rennsteig-Markierung gehören hier kunstvoll geschnitzte Wegweiser.

 Lucas Cranach letzte Werkstatt auf dem Marktplatz zu Weimar - ein Renaissance-Patrizierhaus aus den Jahren 1547/49 - ist aus Anlaß des Lucas-Cranach-Gedenkjahres wiedereröffnet worden.

 Seit Wiederinstandsetzung vielbegangen wird der Wanderweg »Zu den grauen Ziegenböcken« im Kurbereich von Bad Klosterlausnitz. Es handelt sich um ein Teilstück vom ehemaligen Hauptwanderweg 9 (Naumburg-Coburg) des Thüringerwald-Vereins. Ein beliebter Nebenweg führte von dorther zur Ruine der romanischen Wasserburg Thimo (aus dem Jahre 1105) im Kreis Eisenberg, an der jetzt wieder Ausgrabungen vorgenommen werden.

 Als Beitrag zum Rennsteigprogramm im DDR-Bereich entsteht z. Z. auf dem Kleinen Inselsberg ein Wanderheim mit Übernachtungsmöglichkeit und demnächst eine weitere Baude an der nahegelegenen Ebertswiese.

 Zu einem Heimatmuseum umgestaltet wird die im Vorjahr restaurierte  »Neue Hütte« (ehemals  »Happelshütte«) am Flöher Berg zu Schmalkalden. Es handelt sich um den einzigen noch erhaltenen Eisenschmelzofen auf Holzkohlenbasis aus dem Jahre 1835. Er war bis 1924 in Betrieb[2].

 Die Walkmühle  am   Eisenacher  Nikolaitor,   in   der

- wie urkundlich ausgewiesen - bereits vor 400 Jahren die Lohgerber ihr Handwerk betrieben, ist als historisches Kulturdenkmal unter Schutz gestellt worden.

 Auf 1400 Jahre schätzen Experten die zu Deutschlands ältesten Bäumen zählende Eiche in Berteroda bei Eisenach. 9 Meter mißt der Umfang des Naturdenkmals, unter dessen weitausladendem Blätterdach Gott Donar einst Opfergaben dargebracht wurden.


[1] Immerhin hat es dieser Wilhelm Ulbrich auch in der Gegenwart zu „WIKIPEDIA“-Ehren gebracht. Seine persönlichen Lebensdaten sind hier ersichtlich, und ein Literaturhinweis: „Schwarzburgbote“ vom 29.8.1926; weiterhin der Hinweis auf zwei Auszeichnungen: jeweils die Goldene Verdienstmedaille der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt und Reuß j. L.

[2] In Mitteleuropa wurde später als etwa in England bei der Eisenverhüttung von Holzkohle auf Koks umgestellt. Die Verkokung der Steinkohle wurde in England schon ab Anfang des 18. Jhdt. eingesetzt, da der Rohstoff Holz knapp wurde.