Aus „Das Farnkraut“ Nr. 4/1963

 

Schon früh befasste man sich in unserer Verbandsgemeinschaft der Gebirgs- und Wandervereine mit Naturschutzfragen, wie nachstehender Bericht einer Tagung in Bad Boll aufzeigt. Damals haben der 1. Vorsitzende Franz Geßlein und der Naturschutzwart Franz Reinhardt teilgenommen und folgenden Bericht mit verfasst. Manche Forderungen waren für damalige Verhältnisse geradezu revolutionär, so z. B. die Einrichtung hauptamtlicher Naturschutz- Dienststellen auf Kreisebene, heute längst eingerichtet  oder gar von Lehrstühlen für Umweltschutz. Unsere Vereine haben sich eben nicht ausschließlich mit Wimpeln und Abzeichen befasst, wie manche Außenstehende wohl glauben mögen. Einige der genannten Referenten finden sich auch in den „Veröffentlichungen für Naturschutz und Landschaftspflege in Baden-Württemberg“, unter anderem auch Dr. Georg Fahrbach, damals Präsident des Verbands der Deutschen Gebirgs- und Wandervereine (heutige Bezeichnung: Deutscher Wanderverband). Beachtlich ist das hohe fachliche und ethische Niveau dieser Veranstaltung. Der Naturschutzgedanke war zu jener Zeit in der Bevölkerung noch nicht sonderlich populär. Etwas differenzierter könnte man die „Wochenendhaus“-Problematik sehen. Hier kommt bewusst oder unbewusst eine Reaktion auf Veränderungen im Wohn-Umwelt zum Ausdruck.

Georg  Fahrbach (1903 – 1976) war aufgrund seiner Verdienste um den Naturschutz Ehrendoktor der Naturwissenschaften der Universität Tübingen.

Er war Präsident des Schwäbischen Albvereins und des Verbands der Deutschen Gebirgs- und Wandervereine.  

 

 

Naturschutz muss Sache des Volkes werden.

 

Lehrstühle sind Voraussetzung zu  obligatorischem Schulunterricht

 

Was ist zu tun, um Landschaft und Natur vor gewissenloser Ausbeutung zu bewahren und damit dem Allgemeinwohl zu erhalten? Kein Geringerer als Bundespräsident Lübke hat diese brennende Frage mit seinem Appell zur „Bürgerpflicht Naturschutz" gemahnend zur Diskussion gestellt. Angesprochen ist damit unser aller Mitverantwortung dafür, daß die moderne Technik mit ihren weitreichenden Eingriffen in Natur und Landschaft die Grenzen respektiert, deren Missachtung schwerwiegende Folgen nach sich ziehen würde.

 

Der sozialethischen Aufgabe des Naturschutzes, über die Beachtung dieser Grenzen zu wachen, war unlängst eine Sondertagung in der Evangelischen Akademie zu Bad Boll gewidmet. Auf Einladung des Verbandes Deutscher Gebirgs- und Wandervereine haben Franz Geßlein und Franz Reinhardt (Anmerkung: damals zugleich ehrenamtlicher Kreisnaturschutzinspektor) als Vorsitzender bzw. als Naturschutzwart des Thüringerwald-Vereines die Interessen unserer engeren Heimat bei dieser Tagung wahrgenommen, die zu folgendem Ergebnis führte: Klare Problemstellung und verbesserte Kontakte zwischen dem amtlichen und dem ehrenamtlichen Naturschutz. Damit ist die Voraussetzung gegeben für eine Fortsetzungs-Tagung, bei der aufzuzeichnen und zu erarbeiten sein werden

 

a)  alle Möglichkeiten, den Naturschutz zu einer Sache des Volkes zu machen;

 

b)  die  Koordinierung   aller   sich  anbietenden Wege zum Ziel gemeinsamer Natur- u. Landschafts-Schutz-Verantwortung.

 

Im Kreis von rund 100 Experten aus dem gesamten Bundesgebiet wurden in Bad Boll fünf Arbeitsthemen wie folgt behandelt bzw. diskutiert:

Der Mensch im Umgang mit der übrigen Schöpfung. Es ging Alt-Landesbischof Martin Haug, Freudenstadt, bei seiner lebendigen Auslegung der Schöpfungsgeschichte im Wesentlichen um folgende Erkenntnis: Ohne biblische Besinnung verfällt der Mensch leicht einer Überschätzung seiner Rolle als lediglich mitregierende Kreatur und damit der Gefahr, sich an der Schöpfung zu versündigen. — Dieser Gefahr ist durch verstärkte Gemeinsamkeit aller dem Naturschutz verpflichteten Kräfte entgegenzuwirken.

 

Die rechtlichen Grundlagen des Naturschutzes

behandelte Ministerialrat a. D. Prof. Dr. Dr. Karl Asal, Freiburg, unter der begründeten Fragestellung: Tragen sie den Erfordernissen unserer Zeit noch Rechnung? Die Antwort mußte unbefriedigend bleiben auf Grund der Tatsache, daß der (in Bayern anerkannt weitestgehend) verfassungsrechtliche Schutz in den Bundesländern nicht nur sehr unterschiedlich ist, sondern vielfach wesentlich voneinander abweicht. Unklare Rechtsvorschriften über das Eigentumsverhältnis gegenüber dem Gemeinwohl erschweren alle Bemühungen der Naturschutzstellen, die zudem nicht selten durch selbstherrliche behördliche Maßnahmen überspielt werden. Asals anregende Überzeugung: Natur und Landschaft sind nur durch eigengesetzlichen Schutz zu sichern.

Wo steht der Naturschutz heute? Zu dieser Frage gab Hauptkonservator Dr. Rathfelder, Stuttgart, eine kritische Bestandsaufnahme um die Schwerpunktthemen: Industrialisierung - Motorisierung - Bevölkerungsentwicklung - überschattet von den bedenklichen Zeiterscheinungen „Managerkrankheit" und „Zementfieber". Rathfelders Warnung vor einem „Schlussverkauf" in der Landschaft war ebenso wie seine Fragestellung „Wie wird es in 20 oder gar 50 Jahren aussehen?" demonstrativ untermauert durch Bilddokumente von erschütternder Eindringlichkeit über das Giganten- und Protzentum, das die „moderne" Bauweise mehr und mehr zu beeinflussen droht. Nicht nur industrielle Ballungsräume tragen Symptome zunehmender Vergewaltigung der Natur. Es gilt das nicht minder für die zwangsläufige Folgeerscheinung der Sucht nach Bungalow- und Wochenendhaus-Siedlungen sowie „Zigeuner"-Lagern mit Fahrzeug-Barrikaden in Landschaftsschutzgebieten.

Das von Dr. Rathfelder bereits angesprochene Problem „Volksgesundheit" beleuchtete Oberregierungsrat Richter, Ludwigsburg, als Leiter des Wasserwirtschaftsamtes in Ravenburg unter dem Thema:

Verschmutzung von Wasser und Luft als Modellfall der Interessenkollisionen. Richters mahnende Schlussfolgerung: Ohne die von echtem Sinn für landschaftliche Schönheit und Substanz getragenen Kräfte höchster Verantwortlichkeit bleiben alle gebots- und verbotsbestimmenden Gesetze ohne Gewicht und Wirkung.

 

Erholungslandschaft — eine gesellschaftspolitische und sozialethische Aufgabe. Als Biologe und Arzt warnte Prof. Dr. Dr. Hans Krieg, Wolfratshausen, vor allem die zuständigen Stellen auf Regierungsebene, den göttlichen Ursprung allen Naturgesetzes zu ignorieren und durch ver-

meintlich „wichtigere Probleme" zu überschatten. Er warnte vor Unterbewertung des ehrenamtlichen Naturschutzes ebenso wie vor Überforderung der behördlichen Naturschutzbeauftragten und insonderheit vor weiterer Versäumnis der heranwachsenden Generation gegenüber.

Kriegs Anregungen vor allem waren der Anstoß zum Beschluss einer Eingabe an die Kultusministerien, durch Errichtung von Lehrstühlen an Universitäten und Hochschulen die Voraussetzungen zu schaffen für einen fundierten obligatorischen Schulunterricht in Biologie, Natur- und Landschaftsschutz. (Diese Eingabe untermauert nachdrücklich zwei der sieben Hauptforderungen des Verbandes Deutscher Gebirgs- und Wandervereine). Darüber hinaus ergibt sich für den Staat die Verpflichtung, nicht nur Spezialbeauftragte, sondern alle Beamten in verantwortlicher Position, insbesondere Bürgermeister und Landräte, im Naturschutz zu schulen und sich um eine gleichartige Unterweisung der Techniker aller Gattungen zu bemühen, vor allem der Architekten, die mit ihren Planungen nicht selten in Konflikt geraten mit den Gesetzmäßigkeiten in Natur und Landschaft.

 

Präsident Fahrbach fasste Zweck und Ergebnis der Tagung im Schlusswort wie folgt zusammen: Ernsthaftes Bemühen um gemeinsame Linie künftiger Zusammenarbeit aller an Naturschutz und Landschaftspflege beteiligten behördlichen und privaten Kreise, um jedes Nebeneinander mit unter- und übertreibenden Folgen ebenso auszuschließen wie Versäumnisse, deren Ursache terminliche und aufgabenmäßige Überforderungen des amtlichen Naturschutzes auf allen Stufen sind.

 

Die Erfüllbarkeit der vielseitigen Aufgaben, die sich Naturschutz und Landschaftspflege stellen, ist trotz aller anzuerkennenden Mühen gefährdet, wenn den zuständigen Landes-, Bezirks- und Kreisstellen nicht die erforderlichen personellen Kräfte und größeren materiellen Mittel bereitgestellt werden. Die nebenamtliche Besorgung des immer wichtiger werdenden Naturschutzes durch Kreisbeauftragte ist auf die Dauer nicht möglich.

 

Der Naturschutz muß stärker aktiv werden durch positive Anregungen. Er darf sich um der großen Linie der auf ihn zukommenden Aufgaben willen weder in unpopuläre Einsprüche verlieren noch in zeitraubenden Einzelfällen verzetteln.

 

Presse, Rundfunk und Fernsehen sind weit intensiver als bisher in die Unterrichtung der Öffentlichkeit über die gesunde, dem Allgemeinwohl dienende Idee des Natur- und Landschaftsschutzes einzuschalten.

Die Wege zur Realisierbarkeit dieser von zwingender Notwendigkeit bestimmten Erwartungen zu ebnen, wird nur dann möglich sein, wenn es gelingt, den Naturschutz zu einer Verstandes-und Herzenssache der Volksgesamtheit zu machen.