Aus „Das Farnkraut“ Nr. 2/1972

 

Niederfüllbach und seine Geschichte

 Um das Jahr   1000 mag auf der heute bewaldeten Höhe am Ostausgang des Dorfes die Burg »Vullebach gestanden haben, von der uns leider keine Urkunde darüber etwas erzählen kann. Vullebach gehört mit zu jenen Orten, die die Polenkönigin Richeza 1075 an das Kloster Saalfeld schenkte. Um 1317 saßen die Herren von Schaumberg auf »Burgfüllbach«. Im 30jährigen Krieg stand das Schloß in dem heutigen Park, wurde mit dem Ort durch die Kroaten völlig zerstört und ging in diesem verwüsteten Zustand 1648 an Wolf von Reitzenstein über, dessen Sohn dann Schloß und Kirche wieder neu aufbauen ließ 1752 starb die männliche Linie der Reitzensteiner aus. 1760 ging der Besitz auf einen Schwager des letzten Reitzensteiners, einem Carl Julius Rose von Hagenest, über. Ihm folgte der Schwiegersohn Friedrich Wilhelm von Portzig und nach ihm sein Schwager Ernst Adolf von Lichtenberg von 1781 ab. 1803 kam Niederfüllbach teilweise an Bayern[i]. Der ewige Kampf zwischen dem Landesherrn und dem Schlossherrn hatte eine Reihe köstlicher Episoden der Kleinstaaterei zur Folge. 1811 am 28. September kamen die Verhandlungen über die Bereinigung der coburg-bayerischen Grenze zum Abschluß. Der Vertrag wurde durch den Prinzen Leopold, dem Bruder des regierenden Herzogs Ernst von Sachsen-Coburg-Saalfeld und bayerischerseits durch den Grafen Monteglas unterzeichnet. Danach kam Niederfüllbach, Fürth am Berg, Hof an der Steinach und Triebsdorf endgültig an Coburg, während Gleußen, Schleifenhan, Buch am Forst und Klein-Herreth der Krone Bayerns zugesprochen wurden.[ii] Mit diesem Vertrag wurde ein langer, schwerer Grenzstreit aus der Welt geschafft[iii].

 Am 6. Juli 1819 kaufte Prinz Leopold von S.-Coburg das Rittergut Niederfüllbach. Nach dem Tode seiner ersten Gemahlin lernte Leopold auf einer Reise nach Berlin die Schauspielerin Karoline Bauer kennen. Als Gräfin Montgomery wurde sie ihm im Juli 1829 in Regent-Park angetraut. Als man dem Prinzen Leopold die Königskrone von Belgien anbot, trennte er sich wieder von Karoline Bauer. Das Schloß blieb dann lange Zeit unbewohnt, 1860, 1862 und 1865 besuchte die Königin Viktoria von England Niederfüllbach.

Bei 1896 vorgenommenen baulichen Arbeiten in der Kirche fand man die herrschaftliche Gruft der Reitzensteiner mit 5 großen und 2 kleinen Eichenholzsärgen. Eine Gruft der Familie von Schaumberg befindet sich ebenfalls unter dem Altar.

1907 errichtete König Leopold II von Belgien die sogenannte »Niederfüllbacher Stiftung«. [iv] Die Zinsen des Vermögens sollten zu einem Drittel den Nachfolgern aus dem herzoglichen Haus Coburg zufallen, ein anderes Drittel dem Kapital zugeschlagen und das letzte Drittel nach besonderen Anordnungen des Königs Verwendung finden. Belgien sollte aber nur solange Nutzen aus der Niederfüllbacher Stiftung haben, als die Coburger Fürstenfamilie in Belgien an der Regierung wäre. Nach dem 1909 erfolgten Ableben Leopolds II stellte der belgische Staat Erbansprüche auf das Vermögen der Niederfüllbacher Stiftung. Leider hat sich dann die damalige Verwaltung der Stiftung in einen sehr mageren Vergleich eingelassen. Aber das Versailler Diktat hat uns Coburger noch einen weiteren Verzicht auferlegt, übrig geblieben sind für uns Coburger nur noch Schloß, Kirche, Gut mit Feldern, Wiesen und Wald, zusammen 78 ha. Im letzten liegt in einer reizvollen Talmulde nach Meschenbach zu eine Quelle. Sie wurde 1912 neu gefasst. Der so geschaffene Brunnen erhielt zu Ehren des Stifters der Niederfüllbacher Stiftung den Namen Leopoldbrunnen. Einige Bänke dort laden zur Ruhe und Beschaulichkeit ein. (Kurzvortrag gehalten bei einer Wanderung des Kleinen Wanderkreises.)                                     AuMa


[i] Nämlich die bisher zum Hochstift Bamberg gehörenden Gebiete. Durch den Friedensvertrag von Lunéville und den Reichsdeputationshauptschluss von 1802 war dieses geistliche Fürstentum zusammen mit mehreren anderen aufgelöst und dem neu zu gründenden Königreich Bayern angeschlossen worden.

[ii] Im wesentlichen gleitlautend bei Georg Kraus, siehe die nächste Fußnote

[iii] Siehe „Blutige Köpfe wegen einer Wasserleiche“ bei Walter Schneier: „Coburg im Spiegel der Geschichte“. Es handelte sich aber wohl eher um Grotesken als um echte Grenzkonflikte. Georg Kraus: „Oberfränkische Geschichte“, Bamberg 1981 steht zu lesen, dass nach dem Anschluss oft die formell noch souveränen Reichsritterschaften noch für Konflikte sorgten. Diese waren „de facto, nicht de jure“ in den neuen Staatswesen aufgegangen („PLOETZ“32. Aufl. S. 838)

[iv] Das kann man heute natürlich so nicht stehen lassen. Es ist hier nicht der Ort, um näheres über die Herrschaft Leopold II im Kongo einzugehen, darüber wird ja neuerdings auch hierzulande offen gesprochen und geschrieben, so in der „np“ vom 10.02.2012. Neu sind diese Erkenntnisse allerdings nicht, wurden sich doch bereits von Mark Twain (1835 – 1910)  literarisch verarbeitet.