Aufbau und Verfall des Alexandrinenturms – Vorgängerbauwerk für die Alexandrinenhütte – vollzog sich in den Jahren 1906 – 1936. Aus heutiger Sicht begegnet uns hier geradezu ein Symbol für den Verlauf der deutschen Geschichte dieser Zeit insgesamt.

Geplant und erbaut wurde der Alexandrinenturm  in den letzten Jahren der Monarchie. Welcher Baustil könnte hier passender sein als ein später, ja spätester Historismus. Theatralisch im Effekt, aber nicht vollkommen geplant und noch weniger vollkommen ausgeführt. Nach 1918 brach die alte Ordnung zusammen, das Kaiserreich mit den eingegliederten zahlreichen Monarchien. Bald zeigten sich auch am  Alexandrinenturm Risse. Ironie des Schicksals – das Bauwerk war dem Gedächtnis einer hoch angesehenen, allgemein und von allen geschätzten und verehrten Monarchin geweiht.

Die Risse hätten wahrscheinlich gekittet, die Baumängel  nachgebessert werden können, wären die Voraussetzungen und Umstände in unserem Land damals besser gewesen. Die alte Ordnung war zerstört, die neue konnte nicht Fuß fassen, nicht im Großen, nicht im kleinen.

Da war die einseitige Zuweisung der Kriegsschuld, da waren die ungeheuerlichen Reparationsforderungen. Bald zeigtensich die Folgen, die Inflation und totale Geldentwertung 1923.

Lt. „Coburger Zeitung“ vom 16. August 1923 setzte der „Gastwirtsverein Coburg und Umgebung“ den Mindest-Bierpreis ohne Getränkesteuer bei „Versandbier“ mit 12% Stammwürze auf 165.000 Mark pro Liter fest. Auf der Titelseite wurde jeweils der Dollarkurs vom Vortag vermerkt, am 1. August 1923 beispielsweise 1.097.250 DM für 1 $. Da hatte die Inflation noch immer nicht die Höhepunkt erreicht. Auf der Titelseite wird die Konflikte mit der französisch-belgischen Besatzung des Rheinlands und des Ruhrgebiets berichtet.

Auf Seite 2 wird vor Lebensmittelfälschungen gewarnt, Mehl sei mit kohlensaurem Kalk gestreckt worden. Ebenso wird über Schwarzmarktgeschäfte berichtet, wozu damals schon zählte, wenn  jemand 15 Pfund Butter ohne Erlaubnisschein einkaufte und versuchte, in den Nachbarlandkreis zu verkaufen. Es sollte sich übrigens um einen „Schlosserlehrling aus Königsberg“ gehandelt haben, einen Jungunternehmer sozusagen.

Es leuchtet ein, dass die Voraussetzungen für eine Instandsetzung des Turms nicht günstig waren.

Die Situation besserte sich dann allerdings etwas für leider nur einige wenige Jahre.

Am 15. Nov. 1923 kam die „Rentenmark“ (=1 Billion der bisherigen Mark).

Langsam konsolidierten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse etwas.

Man gönnte sich wieder etwas, auch in Coburg.

Die „Coburger Zeitung“ vom Mo., 16. Februar weiß zu berichten, dass am vergangenen Wochenende an Faschingsveranstaltungen in Coburg stattgefunden hatten:

Die  „Redoute“ (Goldene Traube) , „Wintervergnügen“ (Turngenossenschaft), „Großer Varitié-Abend“ (TV 48), „Erste große  karnevalistische Damensitzung“ der „Rheinländervereinigung“ (!!!). Eine wirkliche Überraschung: Weiberfasching schon 1925!

Einzelheiten des Ablaufs dieser Veranstaltungen werden dabei  geschildert.

Und am Mo, 23. Feb. 1925, ging’s weiter, diesmal auf der Inseratenseite für den Faschingsdienstag:

24. Abends Faschingstanz im Café „Geimecke“

24. Faschingsrummel im „Patrizier“

Der „Verein“ lud zum Faschingsvergnügen im Clubzimmer

Die Konditorei „Fahrenberger“ empfahl ihre Faschingskrapfen

Wer meine, am Faschingsdienstag wäre alles vorbei, sah sich getäuscht:

Donnerstag, 26. Februar Konzert in der „Hofgarten-Pension“ Grosser.

Ein Hauch der „Goldenen Zwanziger“ in Coburg?

Am gleichen Tag fand auch – interessant für uns – die Gedenkfeier für Emil Rädlein abends um 8 Uhr in der „Loge“ statt.  Rädlein war am 8. Februar verstorben. Ein Zufallsfund in der „Coburger Zeitung“ vom 25. Februar (Aschermittwoch).

Angesichts dieser Vergnügungssucht sah sich die Redaktion veranlasst, mahnend den Finger zu heben und berief sich dabei auf Hirtenworte verschiedener Kirchenführer, verwies auch auf ein Grubenunglück in Dortmund. Indes währte die Konsolidierung und Normalisierung der Lage nicht allzu lange. Bereits gegen Ende 1928 stiegen die Arbeitslosenzahlen wieder, die Weltwirtschaftskrise kündigte sich noch vor dem “Schwarzen Freitag”, der in den USA eigentlich ein Donnerstag war, an.

Übrigens sind ganz neu zwei Abhandlungen über die Krisenjahre nach 1918 erschienen; Verfasser sind Werner K. Blessing und Rainer Hambrecht in “Frankenland”, Zeitschrift für fränkische Landeskunde, Heft 1/2011.Auch die Entwicklung im Coburger Land wird hierbei beleuchtet, Ereignisse, an die man sich hier wohl nicht durchweg gerne erinnern mag.

 

Quellen: “PLOETZ”, “Coburger Zeitung” in der digitalen Ausgabe der Bay. Staatsbibliothek.

 

(wird fortgesetzt)

 

 

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