Aus „Das Farnkraut“ Sonderheft Dezember 1968

 

In ihrer Bedeutung kaum einzuschätzen sind die  - natürlich rein ehrenamtlichen – Dienste, welche Thüringerwald-Verein und Rennsteigverein in ihren verbandsoffenen Ferienwanderungen im Bereich der Zonengrenze geleistet haben. Verbandsoffen bedeutet in diesem Zusammenhang: offen für Gastwanderer aus anderen Regionen, die natürlich die Realitäten so nicht unmittelbar gekannt haben, vor allem nicht die alltägliche Situation der hier lebenden Menschen.

 Rennsteig-Wanderer wollen wiederkommen

 Vielsagende Dankschreiben sprechen von „unvergesslichem Erlebnis"

 Unter dem Motto „Herbstwanderung zum Rennsteig" und bei idealem Tourenwetter haben Thüringerwald- und Rennsteigverein Ende Oktober gemeinsam die letzte verbandsoffene Ferienwanderung 1968 durchgeführt. 15 fröhliche und wanderaktive Gäste aus Vöhrenbach/Schwarzwald, Ludwigshafen, Mannheim, Frankfurt, Nürnberg, Würzburg, Oker/Harz, Diez/Lahn, Bad Pyrmont und Osnabrück waren daran beteiligt. Etliche kannten sich bereits von vorausgegangenen Ferienwanderungen her, und das trug viel bei zum harmonischen Erlebnis.

Es begann mit einem Coburg-Stadtbummel, Spaziergang zur Veste und rund um den Wall. Hier hieß OB Dr. Langer die Gäste willkommen. Ein erwartungsfroher Begrüßungsabend in der Burgschänke folgte. Anderntags wurde über Staffelberg - Veitskapelle - Kutzenberg nach Zapfendorf (Sitz des Rennsteigvereins) gewandert. Hier erlebten die Gäste u. a. eine zünftige Rennsteig-Sippung — leider freilich ohne den erkrankten Fürsteher Dr. Julius Kober.

 Die Rennsteigwanderung leitete eine Busfahrt entlang der Zonengrenze nach Steinbach am Wald ein. Von dort aus ging es u. a. zum Dreiherrenstein am Kießlich, über die Lauenhainer Höhe mit Blick in die Lehestener Schieferbrüche nach Ludwigsstadt, über den Sommerberg nach Steinbach auf der Haide (diesjähriger Bundessieger im dörflichen Schönheitswettbewerb), zum militant bewachten Zonengrenzübergang Falkenstein und über den neuen Naturlehrpfad des Frankenwaldvereins nach Lauenstein. Es war eine tüchtige Wanderleistung.

 Am nächsten Tag wurde Waldhaus „Waidmannsheil" aufgesucht. Franz Reinhardt machte mit seiner Bedeutung als Gründungs- und Heimstatt des Rennsteigvereins, mit dessen Geschichte und mit seinem Brauchtum (mitternächtliche Jungrenner-Taufe usw.) vertraut. Er gedachte auch des Försterstöcherleins „Mareile", dessen Name in den Rennsteig-Symbolzeichen auf dem Thüringer Wald fortlebt. Danach offerierte Georg Gunzelmann den 13pfündigen handgeschmiedeten Schlüssel zum „Roten Turm". Ein Gastwanderer schleppte ihn tapfer zum „gewaltigsten Turmbauwerk der Gegenwart" mit dem „größten aller irdischen Torschlösser". Weil es solch „achtes Weltwunder" natürlich nicht gibt, sprang am „Roten Turm", der als rotbemalter Baumstumpf mit Bären-Ornament lediglich den Standort einer einstmals riesigen, aber vom Sturm gebrochenen Tanne markiert, auch kein Schloß auf — nur ein Erinnerungsfoto heraus[i].

 Das himmlische Lächeln zum Spaß an der Freud blieb der Wanderschar treu auf dem Weitermarsch zur Bärenquelle, nach Ebersdorf bei Ludwigsstadt und von dort hinauf zur Thüringer Warte. Für die Strapaze des Steilanstiegs auf den Ratzenberg (700 m) entschädigte ein erfreulich klarer Blick in die Tiefe des Thüringer Landes über Probstzella, Gräfenthal und die herbstbunten Berge hinweg. Ein Besuch in der Lauensteiner “Mantelburg” beschloss den Wandertag.

 Ihm folgte eine sonnige Wanderfahrt über die grenznahen Frankenwald-Höhen zur neuen Ködeltalsperre, eine herbstprächtige Leitschtalwanderung von der Hubertushöhe nach Steinwiesen und eine Besichtigung der mittelalterlichen Dreiflüssestadt Kronach. Dem dortigen Frankenwaldverein ist zu danken für die heimatkundliche Führung Konrad Hügels und für den Mundarthumor seines Vorsitzenden Willi Schreiber, der bei der Schluss Einkehr in der Festung Rosenberg mit köstlicher Episode der im Aussterben begriffenen Frankenwald-Flößerei ein literarisches Denkmal setzte.

 Unsere Gastwanderer haben durch ihre natürliche Herzlichkeit, ihre aufgeschlossene Wanderaktivität und ihre gute Kameradschaft selbst wesentlich zum nachhaltigen Wandererlebnis beigetragen.

Wie stark sie alle insbesondere das unmittelbare Erleben der Zonengrenze und der Blick ins unerreichbare Nachbarland Thüringen beeindruckt hat, das besagen die nachgereichten Dankschreiben, die zugleich dem Thüringerwald-Verein und dem Rennsteigverein umsichtige Planung, vorbildliche Organisation und heimatbewusste Wanderführung bescheinigen.

Unserm Vereinsmitglied Emmy L.l aus Bad Pyrmont, einer ehemaligen Eisenacherin, hat „das wehmütige Wiedersehen mit den Thüringer Bergen und die bittersüße Erinnerung an einstige Rennsteig-Wanderungen" zugleich die Uberraschungsfreude zufälliger Begegnung mit einem Landsmann und dadurch „umso lebendigeres Rückbesinnen auf die unvergessene alte Heimatstadt" geschenkt — aber auch „eines der schönsten Wandererlebnisse des Jahres".

Der Thüringen ebenfalls eng verbundene Harzer Hans L. den „der Rennsteig seit frühester Jugend in seinen Bann gezogen hat" und den es „seitdem immer wieder nach Thüringen und Franken zieht", stellt über den „mit Wehmut und Trauer erfüllenden Anblick der Grenze" das Bewußtsein, das kein menschlicher Willkürakt zu überschatten vermag: „Der Rennsteig ist und bleibt das älteste Kulturdenkmal des Thüringer Waldes; kein Gebirge der Welt hat Ähnliches aufzuweisen. Mag das Hochgebirge großartiger, das Meer gewaltiger sein — hier schlägt das Herz unseres geteilten Vaterlandes."

 Hans R. aus Nürnberg bestätigt, daß die Wanderung die Verbundenheit mit der abgespaltenen Heimat gestärkt hat nicht trotz, sondern gerade wegen des „ständig wirkenden Bewusstseins, im Grenzland zu sein" und wegen der dabei „je nach Charakter und Temperament sich offenbarenden Gefühle des Bedrücktseins, der Traurigkeit, der Ohnmacht, des Trotzes". Aus dieser Gefühlslast in überstrahlende Heimatbewusstheit zurückzuführen, hätten die Wanderführer „meisterhaft verstanden", und deshalb werde das Rennsteig-Unternehmen „in aller Erinnerung eingehen als eine schöne, gesunde, fröhliche Wanderung".

 Unvergängliche Jugenderinnerungen weckte in Ernst H. aus Diez a. d. Lahn der Blick über die Zonengrenze. Er schreibt: „Von der Thüringer Warte aus sehe ich das weite Thüringer Land, vor mir eingebettet in den Bergen das vertraute Probstzella. Meine Gedanken gehen 40 Jahre zurück. Ich bin auf dem Rennsteig allein und höre den Schmied von Ruhla sagen: Herzog, werde hart! Ich sehe vom sagenumwobenen Inselsberg die Hexen nach Friedrichroda reiten. Unvergesslich ist der Blick vom Borkenhäuschen auf dem Trippstein nach Schwarzburg. Dann im weiteren jetzt geteilten Land erscheinen Blankenburg und Saalfeld und als Ausklang, dort Saaleck, hie die Rudelsburg, und drunten tief im Tale die Saale rauscht'. Mein Traum ist zu Ende. Ich freue mich über das offensichtliche Heimatbewusstsein der 30 Renner und Rennerinnen unserer Wanderschar und — über den schicksalstrotzig sonnig-schönen Herbsttag!"

Auch das bezeugt den nachhaltigen Eindruck der Rennsteig-Wanderung, daß einige Gastwanderer fest entschlossen sind, sie im nächsten Jahr noch einmal zu erleben. Andere bundesdeutsche Wanderfreunde, die diesmal wegen der vorgeschrittenen Jahreszeit nicht teilnehmen konnten, haben beim Deutschen Wandertag in Heidelberg den Wunsch geäußert, die Rennsteig-Unternehmung 1969 zu wiederholen. Einer Bitte Dr. Kobers entsprechend wird das — an die Tradition der Rennsteig-Pfingstrunst des Rennsteigvereins anknüpfend — in der Woche vom 22. bis 29. Mai geschehen, und zwar unter Berücksichtigung der kritischen Anregungen unseres Nürnberger Gastwanderers, für die wir durchaus dankbar sind. Hans Reyher hat vollkommen recht: „Es wurde viel zu wenig gesungen", trotz „wiederholter Ansätze unserer jüngeren Gäste". Nächstes Jahr also nehmen wir einen „Sangesbruder" mit, auf daß wir nicht wieder „im Einsatz stecken bleiben". Auch darauf werden wir bedacht sein, daß nicht „der Kreis zu groß" wird und sich dadurch „die Gemeinschaft der eigentlichen Gastwandergruppe auflöst", so daß man mehr oder weniger „getrennt marschiert und an getrennten Tischen sitzt". Von dem speziellen Interesse an Burgbesichtigungen nehmen wir ebenso respektvoll Kenntnis wie von der guten Anregung zu einer Schlußeinkehr mit weniger Reden, aber umso mehr „Rundgesang, lustigen Vorträgen, Wein und entsprechender Stimmung". Gern werden wir beherzigen, was wir dank der Aufgeschlossenheit unserer Gäste dazugelernt haben.

 WeUk (Werner Ungelenk, Gründer und langjähriger Schriftleiter des “Farnkraut”


[i] Altbekannter Scherz im Verlauf der Rennsteigwanderung, ähnlich wie in annähernd 100 km Entfernung der „Schlüssel zum Ruhlaer Häuschen“.