Aus „Das Farnkraut“ Nr. 1/1964

Werner Ungelenk befasste sich nicht zuletzt mit der Heimatgeschichte und zwar durchaus auch aufgrund von Primärquellen, wie hier die bei allen Heimatforschern bekannten Chronik von Karche. Zunächst einmal hielt er es für erforderlich, diesen Chronisten seinen Lesern näher vorzustellen.
 


Sintflut über dem Coburger Land
 

Also berichtet Philipp Carl Gotthard Karche:

Anregende Erinnerung an den fast vergessenen Coburger Chronisten


Man frage einen Coburger, warum die Karchestraße, die auf der Höhe des Anger-Südendes die Ketschendorfer- mit der Uferstraße verbindet, eigentlich Karchestraße heißt. Selbst vom „Eingeborenen" wird man nur selten eine richtige Antwort erwarten dürfen. Denn er ist bedauerlicherweise weitgehend in Vergessenheit geraten, der „Prediger, Schulmann und Geschichtsschreiber seiner Vaterstadt" Philipp Carl Gotthard Karche, obgleich er ein um Coburg hochverdienter Mann war. Weil er das war, hat man ihm nicht nur die Ehrung einer Straßenbenennung zuteilwerden lassen; man hat ihm auch eine Gedenktafel am Hause Große Johannisgasse 6 gewidmet, die besser schräg gegenüber am Hause Nr. 3 angebracht wäre. Denn dieses heute wieder in seiner ursprünglichen Fachwerkpracht stehende Gebäude an der Ecke zur Kleinen Johannisgasse, das an seiner Westseite zugleich an die Entwicklungsgeschichte der hier vor 100 Jahren untergebrachten Alexandrinenschule erinnert, war Karches Vaterhaus. Hier wohl hat er am 15. Oktober 1780 seinen Lebensweg begonnen, der vor nunmehr genau 110 Jahren am 30. Januar 1854 sein Ende gefunden hat.
Zeitlebens hatte sich Karche dem Dienst an seiner Heimatstadt verschrieben, in der er nach dem Besuch des hiesigen Gymnasiums von 1794 bis 1800 und nach seinen theologischen und pädagogischen Studien in Gießen anno 1809 die Lehramtstätigkeit an der historischen Ratsschule übernahm, um sich ihr 35 Jahre lang mit Eifer und in tiefer Verbundenheit mit der Geschichte Coburgs zu widmen. Sein Lehrberuf regte Karche sehr bald schon zu intensiven heimatkundlichen Forschungen an, deren Ergebnisse ihren Niederschlag fanden in chronologischen und biografischen Aufzeichnungen sowie in literarischen Arbeiten von bleibendem Wert. Karches Hauptverdienst war die Niederschrift und Herausgabe der Geschichte der Stadt Coburg und seiner von 741 bis 1822 nahezu elf Jahrhunderte erfassenden Jahrbücher der alten Residenzstadt Coburg. Ferner hinterließ Karche handschriftlich zwei Werke von historischem Gewicht: „Die Geistlichkeit im Herzogtum Coburg von der Reformation bis zur Gegenwart" und „Die Geschichte der Ratsschule". Die beiden bis ins Jahr 1848 hineinreichenden Werke befinden sich heute in der Obhut des Staatsarchivs bzw. der Landesbibliothek in der Ehrenburg. In ihnen und in seinen geschichtlichen Aufzeichnungen lebt die Erinnerung an den Chronisten Karche ebenso fort wie in der bereits erwähnten Straßenbenennung, in der Gedenktafel am Hause Große Johannisgasse C sowie in dem Grabstein im Westteil des Coburger Friedhofs, der seiner Aufschrift zufolge „Dem Chronisten der Stadt Coburg" gewidmet, offenbar aber vollkommen vergessen ist. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, die Aufmerksamkeit der Stadt, die diesem Mann so unendlich viel zu verdanken hat, auf den vernachlässigten Grabstein zu richten, damit er in Zukunft eine pfleglichere Betreuung findet.
Karches Todestag war uns Anregung, wieder einmal in seinen Jahrbüchern nachzublättern, die uns so viel vom Zeitgeschehen vergangener Jahrhunderte zu berichten haben. Wir haben dabei u. a. die tröstliche Gewissheit gewonnen, daß es für Coburg weitaus frostigere Zeiten gegeben hat, als wir sie soeben durchmachen. Vor 900 Jahren z. B. war der Januar sogar so bitter kalt, daß nicht wenige Menschen hierzulande erfroren sind.
Auch das erfahren wir von Karche, daß die Kunst der Städtebauer schon im Mittelalter nicht immer die Gunst höherer Gewalten gefunden hat. So konnte es vor nunmehr 350 Jahren geschehen, daß „die Stadtmauer auf 200 Schuh lang zwischen dem Juden- und Ketschenthurm, von dem Hirtenthurm an gegen den Kiliansthurm, auf den Grund zusammenfiel. Der Herzog hatte sie erst tags zuvor besichtigt".
Genau 200 Jahre sind vergangen, seit ein vom 20. September 1763 bis zum 12. Februar 1764 anhaltender Dauerregen das Coburger Land weitgehend unter Wasser setzte. Über Weihnachten und Neujahr reichte das Hochwasser bis zum inneren Ketschentor im Süden, Judentor im Westen und im Norden bis weit hinein ins Heilige Kreuz. So nachzulesen bei Karche, der dazu weiter berichtet: „Das Floßholz lag auf Wiesen und in Gärten herum, viele Planken und angelegte Wege wurden dadurch zerrissen, der Schlagbaum vor
dem Judenthor fortgeführt, die steinernen Thorpfeiler daselbst eingerissen und die Judenbrücke nebst anderen Brücken und einem Gartenhaus gleich vor dem Judenthor weggeführt. Die Stadtknechte liefen in den Straßen herum und sagten den Bürgern an, sie möchten sich wohl vorsehen, indem der große Mönchrödener Teich ausbrechen wolle. Deshalb flüchteten die Heiligkreuzer und die Judenthorer in die Stadt... Drei Tage nach Lichtmesse hörte das Regenwetter auf, und es erschienen nun die schönsten Frühlingstage. Den 1. März jedoch trat wieder Kälte ein, und den 7. März sah man das erste Eis in diesem Winter ....
Getraide und Futter gab es dieses Jahr genug; nur Flachs, Kraut und Kartoffeln blieben zurück".
Diese wenigen Beispiele mögen für diesmal genügen, um anzuzeigen, wie aufschlußreich und interessant es ist, in Karches Jahrbüchern zu „schnüffeln". Bedauerlich freilich auch, daß diese Chronik keine für die Allgemeinheit greifbare Ergänzung gefunden hat und die Gefahr besteht, daß die Aufzeichnungen von Männern, die im Sinne Karches weitergearbeitet haben, ungesichtet bleiben und der Vergänglichkeit anheimfallen. Möge dieser Hinweis anregend dazu beitragen, eine solche Gefahr alsbald abzuwenden.
 

Diese Sorge meines verehrten Vorgängers war unbegründet. Walter Schneier beispielsweise greift in seinem Buch „Coburg im Spiegel der Geschichte“ gerne auf Karche zurück, auch was beispielweise abnorme Wettersitutationen angeht.
Weder Schneier noch Ungelenk hätten sich aber träumen lassen, dass man eines Tages die Texte von Karche online abrufen wird können, so auch den Bericht über das Hochwasser von 1763. Seit neuesten kann auch in Texten in Fraktur digital recherchiert werden. Auf diese Weise konnte ich als Ergänzung über den Hochwasserbericht lesen:

Doch mußte der Gottesdienst in der Moritzkirche gehalten werden weil man nicht in die Kreuzkirche kommen konnte.

Nach erscheinen dieses “Farnkraut”-Artikels sollten nicht ganz drei Jahre vergehen, bis wieder einmal ein verheerendes Hochwasser Coburg heimsuchen sollte, nämlich im Dezember 1967.

H.D.Bürger