Aus „Das Farnkraut“ Nr. 1/1968

 

Das „Staffelberg-Lied“ und seine Gestalten

 

Vor 110 Jahren wurde Einsiedelmann Ivo Betreuer des Adelgundis-Kirchleins

 

Den Albfrieden auf und um den Staffelberg überschattet nach wie vor das umstrittene Fernseh-Umsetzer-Projekt. Noch sind die Würfel nicht gefallen; noch steht das vom Deutschen Rat für Landschaftspflege angeforderte technische Gutachten aus, von dem wir den Nachweis geeigneter Ausweichmöglichkeiten zum beabsichtigten Standort für die geplante Fernsehanlage erhoffen. Umso notwendiger ist es, das Wissen um die Bedeutung des Staffelberges nicht einschläfern, die Schutzwürdigkeit des sagenumwobenen oberfränkischen Natur- und Kulturdenkmals nicht abwerten zu lassen. Mit nachstehendem Beitrag zu diesem Bemühen weckt unser sanges- und wanderfroher Freund August Marr die Erinnerung an Viktor von Scheffels unsterbliches Staffelberg-Lied und seine Gestalten.

 Blättern wir ein reichliches Jahrhundert zurück in der deutschen Kulturgeschichte: 1857 nahm Großherzog Carl-Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach dem Karlsruher Dichter Josef Viktor von Scheffel — durch sein romantisches Epos vom „Trompeter von Säckingen" und den kulturhistorischen Roman „Ekkehard" weithin bekannt — das Versprechen ab, einen Roman über den Sängerkrieg auf der Wartburg zu schreiben. Um sich dieser Aufgabe in Ruhe zu widmen und zugleich das vielgepriesene Frankenland näher kennenzulernen, suchte Scheffel 1859 Schloß Banz auf. Über Eisenach — Coburg kam er dorthin am 10. Juli. Wie gut es ihm auf Banz im Szenarium seines „Mönch von Banth" und in der Obhut des damaligen Schloßwirtes Schonner gefiel, das brachte Scheffel im ersten Brief an seine Mutter mit folgenden Worten zum Ausdruck:

 „Hier oben auf ruhigem Bergesgipfel habe ich die ersehnte Stille und Waldeinsamkeit. Ich sitze in einer hohen Wachstube mit Aussicht in die waldigen Höhen des Frankenlandes und aufs grüne Maintal. Das großartige Herrenschloß des Herzogs von [i] Bayern ist mir aus fröhlicher Studentenzeit in lieber Erinnerung. Ich habe eine prächtige Wohnung, gegenüber das von Mönchen betreute Kloster Vierzehnheiligen. Ich habe freundliche einfache Wirtsleute, frische Bergluft, weiten Ausblick und eine gute Verpflegung — kurz alles, was meiner Arbeit gedeihlich ist."

 Wenn sie ihm trotzdem nicht recht gedeihen wollte, so hat das uns Wanderern durchaus verständliche Gründe. Gar gern stieg Scheffel den Banzer Berg hinab zum Main, um dann über die Unnersdorfer Brücke hinweg nach Staffelstein zu gehen und dort seine Post zu holen. Die Nähe des markanten Staffelberges reizte ihn wiederholt, zum frommen und leutseligen Einsiedler hinaufzusteigen, um mit ihm gemeinsam über die Lande um den Main zu schauen. Dabei fanden sich beide zu enger Freundschaft.

 Trotz seiner Naturfreude, trotz der unwiderstehlichen Anziehungskraft des Staffelberg-Juras blieb der Poet und Schriftsteller auf Schloß Banz nicht untätig. Einige seiner schönsten Dichtungen entstanden hier. Zur bedeutendsten unter ihnen ist zu zählen das bis auf den heutigen Tag jung gebliebene Staffelberg-Lied von den fahrenden Scholaren, von der Winzer Schutzherrn Kilian, von den Wallfahrern, dem Einsiedelmann und der schönen Schnitterin.

Einsiedelmann Ivo mit dem bürgerlichen Namen Johann Hennemann war ein Kind dieses Landes. Er stammte aus dem nahen Oberleiterbach hinter der Veitskapelle. 1858 — vor genau 110 Jahren also — bezog Ivo die 1654 errichtete Klause auf dem Staffelberg, um dort im Auftrag der Eremitenverbrüderung der Diözese Regensburg seines Amtes zu walten als Mesner und Hüter des Bergkirchleins, das der Heiligen

Adelgundis aus der Familie des letzten Merowingerkönigs Dagobert geweiht ist. Unter Verzicht auf eine „standesgemäße Heirat" mit einem englischen Königssohn hatte sich die „jungfräuliche Braut des Himmelskönigs" dem klösterlichen Leben verschrieben und aus ererbtem Vermögen das Frauenkloster Maubeuge an der Sambre[ii] gestiftet, dessen Äbtissin sie selbst wurde. Es heißt, daß Adelgundis durch eine Christuserscheinung von schwerem Krebsleiden geheilt worden und seitdem mit der Kraft der Wundertätigkeit gesegnet gewesen sei. Das hat ihr zur Verehrung als Schutzpatronin der Kranken verhelfen.

 Fast 40 Jahre lang war Ivo treuer Hüter der Wallfahrtsstätte und ihrer Eremiten-Klause, in der er Einlass begehrenden Wanderern „zur Stärkung einen Schluck Wasser, ein Stück Brot und etwas Salz" zu verabreichen befugt war. Am 9. Oktober 1897 nahm der betagte Einsiedler schweren Herzens Abschied von der Höhe, um seinen Lebensabend im Vaterhaus zu Oberleiterbach zu beschließen. Hier ist er am 14. November 1900 im Alter von 77 Jahren verstorben.[iii]

 

Die von Scheffel besungene „schöne Schnitterin" war die am 19. September 1839 geborene Gastwirtstochter Eva Lämmlein aus dem nahen Romansthal[iv]. Gern verweilte sie im freundschaftlichen Gespräch mit dem Einsiedler, wenn sie auf einem der Äcker des Vaters unmittelbar unter dem Staffelberg tätig war, bevor sie, bereits 3Ojährig, selbst zur Bäuerin wurde. Nach 27 Ehejahren mit dem Bauern Ahlers verstarb sie im Alter von erst 57 Jahren am 2. Juni 1896. Scheffels Staffelberg-Lied, das auch sie unsterblich macht, wurde zum lebendig bleibenden Volkseigentum durch den Würzburger Komponisten Valentin Becker. 1870 schrieb er die eingängige Melodie zu dem heute nicht nur in Deutschland allgemein bekannten frisch-fröhlichen und markigen Volks- und Wanderlied, das in unserer von der Technik beherrschten Zeit seinen tiefen Sinn keineswegs verloren hat. Im Gegenteil: Ist es doch ein zur Besinnung gemahnender Aufruf, das individuelle Naturerlebnis durch heimatbewusstes Wandern der oberflächlichen Massenhast von Ort zu Ort vorzuziehen und das Walten der Schöpfung zu respektieren. Der alljährlich mit dem Kleinen Wanderkreis ins Maintal pilgernde Verfasser pflegt sich auf dem Berggipfel jenes in seiner Schulzeit alltäglichen Frühgebetes zu erinnern, in dem es heißt:

 

Mein Auge sieht, wohin es blickt,

die Wunder Deiner Werke.

Der Himmel, prächtig ausgeschmückt,

preist Dich, Du Gott der Stärke!

Wer hat die Sonn' an ihm erhöht?

Wer kleidet sie mit Majestät?

Wer ruft dem Heer der Sterne?

 

 A. M.


[i] Richtig wäre Herzog in Bayern. Herzog Wilhelm in Bayern, zuletzt Statthalter der Wittelsbacher im Herzogtum Berg, erwarb nach der Abtretung der niederrheinischen Provinzen an Frankreich das säkularisierte Kloster Banz, seither vielfach „Schloss Banz“ genannt.

[ii] Maubeuge liegt im Departement du Nord am Fluss Sambre. Doppelkloster im 7. Jhdt. von Adelgundis gestiftet.  Im 1. Weltkrieg Belagerung und Einnahme der Festung Maubeuge. (WIKIPEDIA downl. 03/12)

[iii] Hier gibt es eine Gedenktafel

[iv] Lt. Website des Gasthofs www.schnitterin.de wurde dieser im Jahre 1954 in „Zur schönen Schnitterin“ umbenannt (downl. 02/12)